Benedikt XVI.
Erklärungen aus erster Hand
Für die heute erschienene Ausgabe des italienischen Wochenmagazins ‘Famiglia Cristiana’ betätigte sich der Papst als Journalist und verfaßte eine Erklärung seiner ersten Enzyklika. Von Papst Benedikt XVI.
(kreuz.net, Rom) Die katholische Illustrierte ‘Famiglia Cristiana’ erscheint wöchentlich in einer Auflage von über einer Million Exemplaren. Das Magazin wird vom Verlagshaus der Paulinerkongregation publiziert und vertritt eine eher neutral-katholische, vorsichtig progressive Linie.

Für die heutige Ausgabe verfaßte Papst Benedikt XVI. den folgenden Artikel:

„Liebe Leserinnen und Leser der ‘Famiglia Cristiana…“

Es freut mich, daß das Magazin ‘Famiglia Cristiana’ Euch den Text meiner Enzyklika nach Hause zuschickt und mir ermöglicht, sie mit einigen Worten zu begleiten, die den Zugang zu ihrer Lektüre erleichtern wollen.

Zunächst mag der Text vielleicht ein bißchen schwierig und theoretisch erscheinen.

Wenn man sich aber in die Lektüre hineinbegibt, wird es offensichtlich, daß ich nur auf einige, für das christliche Leben sehr konkrete Fragen antworten wollte.

Die erste Frage ist die folgende: Kann man Gott wirklich lieben? Sowie: Kann die Liebe aufgezwungen werden? Ist sie nicht ein Gefühl, daß man entweder besitzt oder nicht besitzt?

Die Antwort auf die erste Frage lautet: Ja, wir können Gott lieben, weil er nicht in einer unerreichbaren Ferne geblieben, sondern in unser Leben eingetreten ist. Jedem einzelnen von uns begegnet er in den Sakramenten, durch die er in unserer Existenz wirkt; mit dem Glauben der Kirche, durch den er sich uns zuwendet; dadurch, daß er uns Menschen begegnen läßt, die von ihm berührt sind und sein Licht übermitteln; mit den Anordnungen, durch die er in unser Leben eingreift; mit den Zeichen der Schöpfung, die er uns gegeben hat.

Er hat uns nicht nur die Liebe angeboten, sondern er hat sie auch als erster gelebt, und er klopft auf verschiedene Weise an unser Herz, um unsere antwortende Liebe zu wecken.

Die Liebe ist nicht nur ein Gefühl. Zu ihr gehört auch der Wille und der Verstand. Mit seinem Wort wendet sich Gott an unseren Verstand, an unseren Willen und an unser Gefühl, so daß wir lernen können, ihn „mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele“ zu lieben.

Wir finden die Liebe nämlich nicht fix und fertig vor, sondern sie wächst. Wir können sie sozusagen langsam lernen, auf daß sie immer mehr unsere Kräfte ergreife und uns den Weg zu einem rechten Leben eröffne.

Die zweite Frage ist die folgende: Können wir den „Nächsten“ wahrhaft lieben, der uns entfremdet oder vielleicht sogar unsympathisch ist?

Ja, wir können es, wenn wir Freunde Gottes sind. Wenn wir Freunde Christi sind, wird uns immer deutlicher, daß er uns geliebt hat und uns liebt, obwohl wir unseren Blick oft von ihm abwenden und uns anderswohin orientieren.

Wenn aber seine Freundschaft für uns Schritt um Schritt wichtig und einschneidend wird, dann werden wir beginnen, jene zu lieben, die er liebt und die meiner Hilfe bedürfen. Er will, daß wir Freunde seiner Freunde werden, und wir können das, wenn wir ihm innerlich nahe sind.

Schließlich ist da die Frage: Vergällt uns die Kirche mit ihren Geboten und Verboten nicht die Freude am Eros, am Geliebtsein, jene Freude, die uns zum anderen treibt und Einheit werden will?

In der Enzyklika habe ich zu zeigen versucht, daß das tiefste Versprechen des Eros nur reifen kann, wenn wir nicht versuchen, dem schnellen Glück nachzujagen.

Dagegen finden wir gemeinsam die Geduld, den anderen immer mehr in der Tiefe zu entdecken, in der Ganzheit des Leibes und der Seele, so daß das Glück des anderen schließlich wichtiger ist als das meine.

Dann will man sich nicht nur besitzen, sondern geben und genau in dieser Befreiung des Ich findet der Mensch sich selber und wird die Fülle der Freude.

In der Enzyklika spreche ich über einen notwendigen Weg der Reinigung und der Reifung, damit sich die wahren Versprechen des Eros erfüllen können.

Die Sprache der Tradition nannte das „Erziehung zur Keuschheit“. Das bedeutet letztlich nichts anderes als das Lernen der inneren Liebe in der Geduld des Wachsens und Reifens.

* * *

Der zweite Teil der Enzyklika spricht von der Nächstenliebe, dem gemeinschaftlichen Liebesdienst der Kirche für jene, die an Leib oder Seele leiden und der Gabe der Liebe bedürfen.

Hier stellen sich vor allem zwei Fragen: Soll die Kirche diesen Dienst nicht anderen Hilfswerken überlassen, die in verschiedenen Umständen gegründet werden?

Die Antwort: Nein, das kann die Kirche nicht tun. Denn sie muß die Nächstenliebe auch als Gemeinschaft praktizieren, sonst verkündet sie den Gott der Liebe auf eine unvollständige und ungenügende Art.

Die zweite Frage: Müßte man nicht eher auf eine Rechtsordnung hinstreben, wo es keine Bedürftigen mehr gibt und die Nächstenliebe somit überflüssig wäre?

Die Antwort: Zweifellos besteht das Ziel der Politik darin, eine gerechte Gesellschaftsordnung zu erreichen, wo jedem das Seine zuerkannt wird und keiner Elend leidet.

In diesem Sinn ist die Gerechtigkeit das wahre Ziel der Politik, so wie der Friede nicht ohne Gerechtigkeit existieren kann.

Aus ihrer Natur heraus betreibt die Kirche aus eigenem Antrieb keine Politik, sondern sie respektiert die Autonomie des Staates und seiner Ordnung. Die Suche nach der Ordnung der Gerechtigkeit ist Sache der allgemeinen Vernunft, so wie die Politik Angelegenheit aller Bürger ist. Häufig aber wird die Vernunft von Interessen und vom Willen zur Macht geblendet.

Der Glaube hilft, die Vernunft zu reinigen, damit sie richtig sehen und entscheiden kann. Es ist dann die Aufgabe der Kirche, die Vernunft zu heilen und den Willen zum Guten zu stärken. In diesem Sinn nimmt die Kirche – ohne daß sie selber Politik treibt – mit Leidenschaft am Kampf um die Gerechtigkeit teil. Es ist die Aufgabe der Christen, die in öffentlichen Ämtern dienen, im politischen Handeln der Gerechtigkeit immer neue Wege zu öffnen.

Das aber ist nur die erste Hälfte der Antwort auf unsere Frage.

Die zweite Hälfe, die mir in der Enzyklika besonders am Herzen liegt, sagt: Die Gerechtigkeit kann die Liebe nie überflüssig machen. Jenseits der Gerechtigkeit benötigt der Mensch immer die Liebe, die alleine der Gerechtigkeit eine Seele gibt.

In einer so verletzten Welt, wie wir sie in unseren Tagen erfahren, ist es in der Tat nicht notwendig, das zu beweisen.

Die Welt erwartet das Zeugnis der christlichen Liebe, zu dem uns der Glaube ermuntert. In unserer häufig so dunklen Welt leuchtet mit dieser Liebe das göttliche Licht.
      
2 Lesermeinungen
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#2   p.m.m.   12:59:53 | Mittwoch, 1. Februar 2006
Papst als kreuz.net-Autor
„… verfaßte eine Erklärung seiner ersten Enzyklika. Von Papst Benedikt XVI.“
man merkt schon kreuz.net kann mit immer promineteren Autoren aufwarten: erst Herr Siebenbürger und jetzt auch noch der Papst … da soll noch mal einer sagen, das wäre ne ghetto-seite!!!
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#1   ottaviani   12:47:09 | Mittwoch, 1. Februar 2006
wie originel
ist doch mal eine nette Idee
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