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Freitag, 10. Dezember 2004 17:48
Eine noch nie dokumentierte Begegnung: Papst Leo XIII. trifft sich mit Dr. Faust
In seinem tapferen Kampf um das Heil der Seelen dringt Papst Leo XIII., eines Nachts bis in die Gemächer des berühmten Dr. Faust vor, der seine eigene Seele dem Teufel verkauft hat. Dr. Faust haust in einem hochgewölbten, engen gotischen Zimmer und sitzt unruhig auf einem Sessel an seinem Pult. Eine ungewöhnliche Begegnung.
Seine Heiligkeit Leo XIII: Wer unsere traurige Zeit betrachtet, und den Zustand der Menschen erwägt, erkennt mit Sicherheit: Die Ursache für die gegenwärtigen Übel besteht in verderblichen Lehren. Schon vor langer Zeit sind sie aus verschiedenen Philosophenschulen über die göttlichen und menschlichen Dinge hereingebrochen. Sie verbreiteten sich in der Gesellschaft und fanden allgemeine Zustimmung.

Faust: Aber Herr Papst, seien Sie nicht so pessimistisch: Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt.

Seine Heiligkeit Leo XIII: Lieber Dr. Faust, es liegt in der Natur des Menschen, daß er in seinen Handlungen die Vernunft zur Führerin nimmt. Wenn die Vernunft aber irrt, dann zieht der Irrtum des Verstandes leicht auch einen Fehler des Willens nach sich. Es geschieht dann, daß verkehrte Meinungen, welche im Verstande ihren Sitz haben, die menschlichen Handlungen beeinflussen und verschlechtern.

Faust: Allwissend bin ich nicht, doch viel ist mir bewußt.

Seine Heiligkeit Leo XIII: Wieder haben Sie recht, geschätzer Herr Doktor. Die Heiden zeigen, daß das Gesetz in ihre Herzen geschrieben ist.

Faust: Dieses von ihnen genannte Gesetz nützt wenig: Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen.

Seine Heiligkeit Leo XIII: Darin, geschätzer Studiosus, unterscheiden sich unsere Positionen. Der Plan der göttlichen Vorsehung fordert, daß wir die menschliche Wissenschaft zu Hilfe rufen, um die Völker zum Glauben und zum Heile zurückzuführen. Mit anderen Worten: Die Menschen soll man nicht zwingen, sondern zur Einsicht führen. Das ist ein lobenswertes und weises Bestreben, das nach dem Zeugnis des Altertums bei den Kirchenvätern üblich war.

Faust: Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.

Seine Heiligkeit Leo XIII: Herr Doktor, Sie sehen das zu pessimistisch. Unser Weg ist durch die Alten vorgezeichnet. Damit die Philosophie kostbare Früchte hervorbringt, darf sie niemals von der Bahn abweichen, welche das Altertum der heiligen Väter gegangen ist. Die Kirche selbst rät nicht bloß, sondern befiehlt sogar, daß die christlichen Lehrer die Philosophie zur Verteidigung des Glaubens zu Hilfe rufen sollen.

Faust: Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh’ ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor!

Seine Heiligkeit Leo XIII: Haben Sie, geschätzter Dr. Faust, auch den heiligen Augustinus studiert? Augustinus hat allen gewissermaßen die Siegespalme entrissen. Mächtigen Geistes und voll tiefer Gelehrsamkeit hat er in den heiligen wie profanen Wissenschaften gegen alle Irrtümer seiner Zeit mit höchster Glaubenskraft und ebenso großem Wissen tapfer gestritten. Ein sicheres Mittel gegen Ihre Torheit, Herr Doktor.

Faust: Was du von deinen Vätern ererbt hast, erwirb es, um es zu besitzen.

Seine Heiligkeit Leo XIII: Das klingt schon besser. Der hl. Thomas von Aquin hat nichts anderes gemacht. Er sammelte die Lehren der heiligen Väter und fügte sie wie zerstreute Glieder eines Leibes zu einem einzigen zusammen. Der hl. Thomas teilte sie in wunderbarer Ordnung ein und mehrte sie so mit reichem Gewinn. Mit Fug und Recht gilt er als einzigartiger Schutz und Zierde der katholischen Kirche.

Faust: Was glänzt, ist für den Augenblick geboren. Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.

Seine Heiligkeit Leo XIII: Ein weises Wort. Deshalb gilt, man solle mit willigem und dankbarem Herzen aufnehmen, was immer Weises gesagt, was immer Nützliches von irgend jemand gefunden oder erdacht worden ist. Die goldene Weisheit des heiligen Thomas ist deshalb wieder einzuführen und so weit als möglich zu verbreiten.

Die Zitate aus Fausts Mund stammen aus dem gleichnamigen Werk Johann Wolfgang von Goethes. Die Zitate von Papst Leo XIII. sind seiner Enzyklika über den Thomismus „Aeterni Patris“ aus dem Jahr 1879 entnommen.
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1 Lesermeinung:
Freitag, 10. Dezember 2004 20:13
Dolfus: Wunderbar
Eine hervorragende Zusammenstellung, man sieht die zwei regelrecht vor einem sitzen.
Mein Compliment an den Autor, der es humorvoll verstanden hat, diese zwei Texte zu einem Dialog zusammenzufügen.
Ich habe mich beim Lesen recht amüsiert.
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