15:31:21 | Freitag, 3. Februar 2006
Splitter aus dem Leben von Hw. Gregor Hesse
(kreuz.net, Wien) Ich habe Don Gregor telefonisch kennengelernt, als ich ihn für eine Veranstaltung des
‘Initiativkreises Wien, Niederösterreich, Burgenland’ einlud. Der Vortrag fand am 15. Januar 2005 zum
Thema
„Die Entwicklung der Liturgie von Papst Leo XIII. bis Papst Johannes Paul II.“ statt.
Krankheitsbedingt
war ich selber bei der Veranstaltung nicht dabei. Später habe ich den verstorbenen Priester nur zweimal
persönlich getroffen. Beide Male besuchte er unsere Familie in St. Pölten.
Dafür habe ich immer wieder
und zum Teil stundenlang mit ihm telefoniert.
Als Hw. Hesse im Jahr 1991 in Wien Wohnsitz nahm, war er
noch ein Gegner beziehungsweise Kritiker der Piusbruderschaft. Doch das änderte sich ein paar Jahre später.
Von ungefähr 1996 bis 2003 – die genauen Daten konnte mir bisher niemand nennen – war der Verstorbene
mit der Piusbruderschaft verbunden.
Gegen Ende seiner Zusammenarbeit mit der Piusbruderschaft kritisierte
er eine – aus seiner Sicht – überzogene Expansion, besonders die Einrichtung von Prioraten ohne die von
Erzbischof Lefebvre geforderte Dreizahl an dort eingesetzten Priestern. Auch die Betreuung winzigster
Gemeinden durch Priester, die in stundenlanger Fahrt dorthin gelangen müssen, mißfiel ihm. Das führte
zum Bruch zwischen ihm und der Bruderschaft.
Kontakte mit einzelnen Mitgliedern der Bruderschaft blieben
aber auch nach dieser Zeit bestehen. Von den in Österreich eingesetzten Geistlichen lobte er – soweit
er sie kannte – die meisten.
Der freundliche
Nachruf auf der Homepage der Piusbruderschaft war ein gutes
Zeichen. Durch seinen plötzlichen Tod dürfte Don Gregor mehr als einem glühende Kohlen auf das Haupt
geladen haben.
Zu der Notwendigkeit der FSSPX stand Hw. Hesse bis zuletzt. „Wenn in Ihrem Priorat einmal
Priester sein sollten, die Ihnen persönlich nicht behagen: Gehen Sie trotzdem hin – es geht um die wahre
Messe und die richtige Lehre!“
* * *
Als Theologiestudent lernte Don Gregor für eine Abschlußprüfung
über die Dämonologie.
Er steigerte sich – wie er mir erzählte – ziemlich in die Materie hinein. Dabei
ging er anhand der Dämonologie von Egon von Petersdorff vor und benützte vor allem Band I „Dämonen
im Weltenplan“. Er studierte auch scholastische Quellen, um zu verstehen, wie die Dämonen auf den Menschen
einwirken.
Offenbar hat er auch sehr viel herausgefunden. Vielleicht mehr als für ihn gut war. Dazu
sagte er: „Der Teufel mag es nicht, wenn man ihm in die Karten schaut“.
Einmal bekannte er vor mir, daß
er noch an den Folgen seiner damaligen Forschungstätigkeit leide, die er – er klopfte sich symbolisch
an seine Brust – aus Neugier begonnen und durchgeführt habe.
Welcher Natur diese Folgen waren, weiß
ich nicht. Ich kann nur annehmen, daß er mit dämonischen Anfechtungen konfrontiert war. Aber er hat
sich vor mir nie näher geäußert.
Don Gregor gab mir auch nie den Eindruck, darauf eingehen zu wollen.
Sonst hätte ich sicher nachgefragt – erraten – aus Neugier.
Zu diesem Fragenkreis gehört auch das mich
persönlich interessierende Thema „Harry Potter“.
Ausgangspunkt von Hw. Hesses Kritik an dieser Buchreihe
war ein Artikel, den Pater Niklaus Pfluger im ‘Mitteilungsblatt’ der Piusbruderschaft veröffentlichte.
Darin wurde auch aus der deutschen Übersetzung der Romane zitiert. Anhand dieser sorgfältig ausgewählten
Stellen konnte Hw. Hesse beurteilen, daß die Ablehnung der Romane durch die Piusbruderschaft richtig
war.
Er stufte die Potter-Bücher als satanisch ein und erkannte in der Autorin Joanne Rowlings das Vorhandensein
eines okkulten Wissens und einer dämonischen Inspiration, die möglicherweise aus einem Dämonenpakt
resultiert.
* * *
Jenseits der hohen Theologie war Don Gregor ein großer Liebhaber des Schienenverkehrs,
sowohl der Eisenbahnen als auch der Straßen- und Zahnradbahnen.
Er war dem „Verein der Straßenbahnfreunde“
verbunden. Seine Lieblingszeitschrift war keine theologische Fachzeitung, sondern die Publikation „Schienenverkehr
aktuell“.
Don Gregor hat nie eine Ausbildung zum Lokführer oder Straßenbahnfahrer erhalten. Trotzdem
war er in der Lage, die meisten Schienenfahrzeuge zu fahren.
Das hat er in zahllosen Lokomotiven und
Straßenbahntypen unter Beweis gestellt. So bediente er zum Beispiel die Bergbahn auf den Pöstlingberg
in Linz oder die Badner Bahn – eine der Wiener Lokalbahnen – von Wien nach Baden.
Regelmäßig fuhr er
auch mit Straßenbahngarnituren in Remisen aus und ein. In Rom verrichtete er einmal – in Soutane und
unbezahlt – einen ganzen Schichtdienst in einer Straßenbahnremise.
Obwohl die meisten Straßen- und
Eisenbahner, nicht nur in Österreich, sozialdemokratisch angehaucht sind, bezeugten sie Hochachtung vor
einem Priester in Soutane und ließen ihn oft fahren.
In Wien war Hw. Hesse deswegen bekannt. In einer
funktionierenden Kirche wäre dieses Hobby sicher ein großartiger Ausgangspunkt für die Mission unter
dem Bahnpersonal gewesen. Doch Hw. Hesse lebte in der kirchlichen Isolation.
* * *
Berühmt waren Don
Gregors Weihnachtstafeln, zu denen er in der Regel am 27., 28. und 29. Dezember jeweils dreimal drei Gäste
einlud. Das letzte Mal fand dieser Anlaß vor ungefähr einem Monat statt.
Die Mahlzeiten bestanden aus
zwölf, von ihm selber gekochten Gängen.
Bedingung für eine Einladung war die Bereitschaft, alles aufzuessen.
Damen waren nie eingeladen, weil Don Gregor keine Frau kannte, die so viel essen konnte.
Hauptbestandteil
der nach mittelalterlichen Rezepten zubereiteten Mahlzeiten war die „Great Pie“ – eine Fleisch-Pastete –
ein besonderes „Geheimnis“ der „Hippokras“, ein Würzwein, der ähnlich wie Krambambuli schmeckte und
den Magen wieder „leer“ machen sollte.
Ich selbst war nie eingeladen – ich kannte Hw. Hesse ja auch noch
zu kurz. Ich bin aber froh, daß ich diese Menge Essen nie überstehen mußte.
Silvester im Hause von
Don Gregor war ebenfalls ein besonderes Spektaktel. Es wurde dabei sogar geschossen, sowohl mit Gewehr
als auch mit einer Miniaturkanone.
* * *
Etwa drei Jahre lang – von ungefähr 1995 bis 1998 – veranstalte
Hw. Hesse eine Erwachsenenkatechese für eine handverlesene Gruppe von Gläubigen, die dafür auch bezahlen
mußten. Denn von der Kirchensteuer bekam Don Gregor nichts.
Der Unterricht begann in der Wohnung des
Herrn X, der die Gruppe auch auf Wein, Essen, Zigarren einlud.
Später wechselte man in die Wohnung des
Herrn Y, wo es spartanischer zu und her ging. In der neuen Wohnung verliefen sich die Leute schon bald
bis auf drei. Diese drei konnten auch nicht immer kommen, und so endete die Geschichte. Soviel zur Glaubenstreue
mancher Wiener Tradis.
Eine kleine Gruppe von Wiener Traditionalisten besuchte regelmäßig die Heilige
Messe in der privaten Hauskapelle von Don Gregor.
Die männlichen Meßbesucher wurden als Ministranten
eingeschult. Doch deren Willigkeit reduzierte sich schlagartig, als bekannt wurde, daß Hochwürden eine
regelrechte Ministrantenprüfung plante.
* * *
Seinen Lebensunterhalt verdiente sich Hw. Hesse mit Schreiben.
Sein wichtigster US-amerikanischer Auftraggeber war der ‘Fatima Crusader’. In Europa arbeitete er vor
allem für die ‘Actio Spes Unica’.
Don Gregor beschäftigte sich mit einer Fülle brisanter theologischer
Themen, die sich aber selten verwirklichen ließen, weil es zu wenig Sponsoren gab.
Im Gegensatz zu vielen
Staatstheologen konnte Hw. Hesse sich nicht erlauben, Erbauliches oder weniger Erbauliches in den Tag
hinein zu fabulieren. Seine Existenz war nicht gesichert.
Von den meisten seiner Ideen sind darum nur
die Überschriften erhalten. Ungedruckt blieb seine Dissertation über den katholischen Apologeten Gilbert
Keith Chesterton († 1936).
Gegen Ende seines kurzen Lebens galt sein Interesse dem Zusammenhang zwischen
der Dreifaltigkeit, den Transzendentalien – das Wahre, Gute und Eine – und den Fakultäten der menschlichen
Seele – Gedächtnis, Verstand und Wille.
Aber auch darüber gibt es wohl nur ein paar Aufzeichnungen.
* * *
Äußerlich war Hw. Hesse ein Original. Er trug häufig Zylinder, Hosen „Modell Generalstab 1895“
oder so ähnlich. Die Soutane vertrug er aufgrund einer Hautempfindlichkeit am Hals nicht mehr. Er kleidete
sich in Hemden Modell „Polizei 1860“. Auch die Hosenträger waren älter als von vorgestern.
Persönlich
war er ein „Museum“. Er telefonierte mit Apparaten, die zwischen 90 und 100 Jahre alt waren. Mit den Gegenständen
in seiner Wohnung könnte man ein kleines nettes Museum füllen. Für seine Arbeiten verwendete er Computer.
Das Internet lehnte er bis ans Ende seiner Tage ab.
Hw. Hesse hinterläßt eine Unzahl an Büchern und
religiösen Gebrauchsgegenständen. Er besaß keinen Fernseher. Aber wenn ich mich recht entsinne, hat
er in seinem Leben ungefähr 16.000 Filme gesehen. Auf diesem Gebiet war er ein echter Spezialist. Er
hätte jeden Filmkritiker an die Wand spielen können. Aber auch diese Kenntnisse blieben ungenutzt.
Am Telefon meldete er sich: „Akroasis Enterprises, can I help you?“ Dies wegen seiner vielen amerikanischen
Auftraggeber. „Akroasis“ ist griechisch und bedeutet Vernehmen, Hören.
* * *
Es gibt noch einen köstlichen
Hesse-Nachschlag, nämlich die Seligsprechung des „Herrn Karl“.
„Herr Karl“ ist ein Einakter von Helmut
Qualtinger († 1986) und Carl Merz aus dem Jahre 1961. Er handelt von einem opportunistischen Zeitgenossen,
der seine politische Gesinnung entsprechend der Machtverhältnisse wechselte. Bis 1934 war er Sozialdemokrat,
dann – nach der Machtergreifung der Vaterländischen Front – eher bürgerlich, ab 1938 – dem Anschluß
Österreichs an das Deutsche Reich – Nationalsozialist, nach 1945 eher unpolitisch. Dreimal verheiratet –
einmal davon kirchlich – war er auch sonst kein Ausbund der Moral.
Bis heute wird mit der Figur des „Herrn
Karl“ ihr erster Darsteller und Miterfinder, Helmut Qualtinger (1928 – 1986), am meisten identifiziert.
Qualtinger, ein erfolgreicher österreichischer Schauspieler, Kabarettist und Schriftsteller, war zweimal
verheiratet – die erste Ehe erfolgte sehr früh, die zweite sehr spät in seinem Leben, er hatte einen
Sohn – und starb an den Auswirkungen seiner Alkoholkrankheit. Über politische Engagements oder Mitgliedschaften
ist mir nichts bekannt, er wird aber eher der „linken Reichshälfte“ zugeordnet.
1983 erfolgte unter
Johannes Paul II. mit der Publizierung des neuen Kirchenrechtes eine schwerwiegende Änderung der Vorschriften
über die Selig- und Heiligsprechungen.
So wurde der Promotor Fidei – der sogenannte „Advocatus Diaboli“ –
abgeschafft. Nach nicht unbegründeter Meinung nannte man das die „Lex Escriva“, ohne die der Opus-Dei-Gründer
schon seine Seligsprechung nicht erlebt hätte.
Seither sind viele dieser Verfahren nur noch mit Vorsicht
zu genießen.
Seit 1983 ist auch eine Inflation an Selig- und Heiligsprechungen zu beklagen. Damit wurde
das Außergewöhnliche des Vorganges und die Vorbildwirkung des einzelnen Seligen und Heiligen verwässert.
Für Traditionskatholiken wie Hw. Hesse war das ein Dorn im Auge.
Don Gregor gründeten darum – mehr
als ein paar Trinksprüche und Geschichten heiterer Stunden dürften es allerdings nicht gewesen sein –
mit einigen Freunden die „Aktion zur Seligsprechung von Helmut Qualtinger“ mit dem durchschlagenden Motto
„Vom seligen Kaiser Karl zum Herrn Karl“.
Denn wenn Greti und Pleti selig gesprochen würden, dann dürfe
auch der „Herr Karl“ nicht fehlen.
Mit einer entsprechenden Eingabe beim Ordinariat der Erzdiözese Wien
könnte man vermutlich Furore machen.
* * *
Zum Abschluß noch die Erinnerung von Leopold Trzil, der
ein enger Freund von Hw. Hesse gewesen ist:
„Ich habe Hw. Hesse stets als einen guten, treuen Freund
und geistreichen Denker geschätzt, der sich nicht scheute, eine bessere Erkenntnis an die Stelle einer
solchen zu setzen, die er zuvor vertreten hatte – mit einem unbedingten Willen zu geistiger und theologischer
Redlichkeit.
Den erkannten Glauben stellte er nie zur Disposition. Dennoch konnte es ihm, wie jedem von
uns, geschehen, daß er in der unendlichen Fülle göttlicher Wahrheit manche Aspekte deutlicher erkannte
als andere und daher im Laufe der Zeit so manche Position revidieren mußte.
Insofern glaube ich auch,
daß wir seinem Beispiel und seinen Intentionen dann am besten folgen, wenn wir uns diese Konsequenz und
Wahrheitsliebe zu eigen machen.
Das muß aber nicht heißen, in allem seine Positionen zu teilen. Er
forderte nie Übereinstimmung mit seiner Person, wohl aber mit der Wahrheit der Offenbarung und akzeptierte
Widerspruch immer dann, wenn er sich auf in diesem Sinne authentische Argumente stützen konnte.
Für
mich selbst sehe ich darin, in diesen Haltungen, so etwas wie sein Vermächtnis.“
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.