17:43:17 | Samstag, 4. Februar 2006
„Die Krise der Kirche ist eine Krise der Liturgie. Die Krise der Liturgie ist auch eine Krise der liturgischen Musik.“ Ein Gespräch mit Dr. Michael Tunger, Praeses von ‘Sinfonia Sacra’ – Gesellschaft zur Förderung katholischer Kirchenmusik.
(kreuz.net/
Sinfonia Sacra) Das Gespräch mit Dr. Michael Tunger erschien ursprünglich in der deutschen
Monatszeitung ‘Kirchliche Umschau’ und der US-Zeitschrift „Sacred Music“.
Das erste Dokument, das von
den Konzilsvätern des Zweiten Vaticanum verabschiedet wurde, war die Liturgiekonstitution Sacrosanctum
Concilium. Ein Blick auf den Zustand der Kirchenmusik lehrt einen das Grausen. Man könnte ironisch werden
und fragen: Wann greift das Konzil endlich?Dr. Tunger: Zunächst muß man – denke ich – darauf hinweisen,
daß auch heute viele Kirchenmusiker, ich spreche von Sängern und Organisten, guten Willens sind und
im Rahmen der heute gegebenen Möglichkeiten ihr Bestes geben.
Nur diesen Menschen haben wir es zu verdanken,
daß wir katholische Kirchenmusik überhaupt noch live erleben können.
Welche psychischen Kraftakte
heute notwendig sind, um gegen die theologische und damit kulturelle Borniertheit und Verwirrtheit von
Liturgen und Liturgikern angehen und liturgisch-musikalisch im Sinne der Kirche wirken zu können, höre
ich von Kirchenmusikern, die mitten in der Praxis stehen, immer wieder.
Die christlich-kultische Mitte
ist der Geburtsort jeder kulturellen Äußerung, ganz besonders der Kirchenmusik, präziser gesagt, der
liturgischen Musik.
Wenn man also weiß, was christliche Liturgie, was katholischer Kult dem Wesen nach
ist, nämlich Theophanie, Anbetung und Verherrlichung, wird man ohne lange Diskussionen auch wissen, welche
Gestalt und welchen Gehalt liturgische Musik haben muß.
Sie merken, das Problem der Kirchenmusik nach
dem Zweiten Vatikanum ist das Problem der sogenannten Liturgiereform, welche die Liturgie mehr und mehr
anthropozentrisch ausgerichtet hat.
Eine theozentrische Musik, wie sie der Gregorianische Choral oder
die klassische Vokalpolyphonie ist, hat also gar keinen Platz in dieser neuen Liturgie. Sie paßt ihrem
Wesen nach nicht zu den neuen gottesdienstlichen Handlungen.
Wenn sie doch noch hier und da gesungen
wird, spürt der Kirchgänger schnell: Das ist Dekor, Zierde, Gestaltung. Und das gerade ist die authentische
liturgische Musik nicht.
Sie ist notwendiger und integrierender Bestandteil der Liturgie, also selbst
Liturgie, wie das Zweite Vatikanum mit Berufung auch auf den hl. Papst Pius X. ausführt.
Wie auch bei
anderen theologischen Punkten spricht das Zweite Vatikanum leider nicht eindeutig. Es huldigt sehr häufig
einem „Sowohl-als-auch“, so daß sich konträre Anschauungen legitim auf es berufen können.
Um Ihre
Frage zu beantworten: die Forderungen des Konzils nach Bewahrung und Pflege des Schatzes der Kirchenmusik
in der Liturgie werden erst dann greifen können, wenn die postkonziliare Liturgie ihrem Wesen und ihrer
Würde nach wieder der „alten“ Liturgie und ihrer Theologie entspricht.
Können Sie das Wesen der liturgischen
Musik beschreiben?Dr. Tunger: Die Ungeschichtlichkeit der Wahrheit des inkarnierten Gottes ist es, die
für die Liturgie eine sakrale, damit zeitlose Kunst beziehungsweise Musik fordert, die sich nicht an
historischen, sondern an überzeitlichen Idealen orientieren muß, deren musikalische Stilmittel sich
sehr wohl und mit guten Gründen genau feststellen lassen.
Weil in der Liturgie der Gottmensch Christus
sakramental real gegenwärtig ist – also der vollkommen Heilige schlechthin – müssen auch alle Elemente
der Liturgie sakral sein.
In bezug auf die Musik heißt dies, daß nur jene musikalisch-stilistischen
Mittel zur Liturgie Zugang haben dürfen, die das Sakrale repräsentieren können. Denn das in der Liturgie
unter uns gesungene Wort als „notwendiger und integrierender Bestandteil der feierlichen Liturgie“ – Sacrosanctum
Concilium 112 – wird zum Symbol und zur Erscheinung des göttlichen Logos.
Unheilige, säkularisierte
und entsakralisierte Musik hat aus diesem Grund in der Liturgie keine Existenzberechtigung. Das Zweite
Vatikanum hat all dies in seiner Instruktion ‘Musicam sacram’ herausgestellt.
Umso erstaunlicher ist
es, daß diese ursprüngliche Dimension liturgischer Musik, welche die Kirche neu in ihr Recht gesetzt
hat, so wenig beachtet wird und – zugunsten eines falsch verstandenen Mitmachtheaters – geradezu als menschenfern
gebrandmarkt wird.
Doch der Mensch findet sich nicht, wenn er sich selber, sondern wenn er Gott sucht.
Die schwebenden Gesänge des Gregorianischen Chorals oder die von ihm abgeleitete klassische Vokalpolyphonie
etwa nehmen ihn bei der Hand und entführen ihn – wie die zeitlose Stilistik einer Ikone – aus der Enge
und Kleinheit seiner Alltäglichkeit in die Höhe und Schönheit des Göttlichen, in die Gegenwart des
verborgenen Gottes, der doch nicht so verborgen ist, daß der Mensch nichts von ihm sehen oder hören
könnte.
In der Liturgie der Kirche ist Gott real gegenwärtig.
Welche Ideologien sind heute im kirchenmusikalischen
Bereich anzutreffen?Dr. Tunger: Da liturgische Musik klanggewordener Glaube ist, kann man sagen, daß
sehr viele theologische Verirrungen in der heutigen gottesdienstlichen Musik ihren Ausdruck gefunden haben.
Die heutige gottesdienstliche Musik ist weitgehend geprägt von Anthropozentrismus, Autonomie, Rationalismus,
damit verbunden von ästhetischem Nihilismus, Indifferentismus, Pluralismus.
Sie sehen, was wir in der
sogenannten modernen Theologie finden, prägt auch das gesungene Gebet. Ich brauche Ihnen sicher keine
Beispiele nennen. Jeder hat so etwas schon erlebt.
Pluralismus ohne Werte ist Trumpf, auch bei den heutigen
Verantwortlichen der Kirchenmusik.
Alle müssen nur „geschwisterlich“ sein. Jede Wertung wird als angeblich
unchristlich intolerant abgelehnt, auch wenn der katholische Glaube dabei über Bord gestoßen wird.
Das wesentliche Problem ist, wie ich schon gesagt habe, die Verkennung des Wesens der christlichen Liturgie.
Wer in der Liturgie den Menschen mit seinen vordergründigen Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellt,
also eine anthropozentrische Heilsveranstaltung mit der entsprechend äußerst profanen Musik produziert,
feiert keine katholische Liturgie.
Die modernistischen Exegeten, die meinen, in die Geheime Offenbarung
des heiligen Johannes sei die Liturgie der urchristlichen Kirche hineinprojiziert, schießen ein Eigentor,
wenn sie zugleich behaupten, die urchristliche Kirche habe keinen Kult gekannt.
Von Anbeginn war christliche
Liturgie Kult, wie auch das Kreuzesopfer Christi ein kultisches Opfer ist.
Vor drei Jahren verstarb in
Köln einer der kirchenmusikalischen Berater des Zweiten Vatikanum. Er hat immer wieder auf die Auseinandersetzungen
„hinter den Kulissen“ hingewiesen. Können Sie davon berichten?Dr. Tunger: Sie sprechen von Prälat
Johannes Overath. In der Tat hat er für die Musica Sacra mehr als segensreich gewirkt.
Wenn sein Nachlaß,
der gottlob nicht in falsche Hände geraten ist, einmal aufgearbeitet wird – übrigens wäre das eine
sehr dankbare und spannende Aufgabe – werden wir wohl genauere Kenntnis erhalten über die Auseinandersetzungen
hinter den Kulissen des Zweiten Vatikanum, was die Abfassung der Liturgiekonstitution betrifft.
Ich erwähne
hier nur den Namen von Mons. Annibale Bugnini († 1982). Mons. Bugnini spricht in seinem Buch ‘Die Liturgiereform’
davon, daß die Frage des Gesanges und der Musik eines der Kreuze der Liturgiereform gewesen sei.
Gegensätze,
Streitigkeiten und Vetos: Es war eine regelrechte „Schlacht“, bei der auf der einen Seite die Musiker,
auf der anderen die Herren des Consiliums und die angeblich innovativsten Liturgiker standen.
Aufgrund
des persönlichen Eingreifens von Kardinal Giacomo Lercaro von Bologna vertraute Papst Paul VI. Mons.
Bugnini das Sekretariat des Consiliums für die Umsetzung der Konzilskonstitution an, nachdem er zuvor
aus der Leitung der Vorbereitungskommission entfernt worden war.
Mons. Bugnini förderte zum Beispiel
eine Jugendmesse mit Gitarren, Trompeten und Schlagzeug in einer Kirche auf dem Gianicolo unweit des Vatikans.
Ihre Weihen erhielt diese Musik dann 1966 in Rom bei einer Aufführung im Borrominisaal des Oratorio
Filippino. Anwesend waren viele damals bekannte Liturgiker.
Die Partitur stammte von Marcello Giombini,
der vor allem durch seine angeblichen Kontakte mit Außerirdischen bekannt geworden war.
Sie lachen?
Ja, ja, 1958 hatte er der Welt sein Geheimtreffen mit Cless, einem Venusianer, verkündet, der angeblich
von den Sternen zur Erde herabgekommen war, um für den Frieden einzutreten.
Sie sehen, das war das Umfeld
und der Umgang der Liturgiker jener Jahre. Das ist kein Witz.
Ich denke, es waren hauptsächlich die
damaligen Kirchenmusiker, die für die authentische Liturgie der Kirche und ihrer Musik mit aller Macht
eintraten – soweit es die Umstände erlaubten.
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