11:22:24 | Mittwoch, 8. Februar 2006
Das Bistum Essen wird gegenwärtig radikal zusammengestrichen. An den Kragen geht es vor allem der Seelsorge. Von V. Lange, Bochum.
(kreuz.net, Essen) Die im Bistum Essen zur Zeit umgesetzten Sparmaßnahmen werden vor allem in der Pastoral
einen radikalen Kahlschlag hinterlassen.
Dagegen spürt man in den Verwaltungsräumen des bischöflichen
Generalvikariates von den Maßnahmen nur wenig.
Auch das Priesterseminar wird wie bisher weitergeführt.
Zur Zeit betreuen dort 9,5 Vollzeitkräfte zwei Alumnen. Es sei eine Anweisung des Bischofs, daß das
Seminar in der gegenwärtigen Form geöffnet bleibt. Die Alumnen könnten jedoch sofort nach Münster
oder Paderborn in die dortigen Seminare ausweichen – dadurch würde viel Geld gespart.
Die zahlreichen
Kirchenschließungen werden vom inzwischen mündig gewordenen Kirchenvolk offenbar auf die leichte Schulter
genommen. Der Großteil der gleichgültigen Kirchenbesucher zeigt kein Interesse daran, ihre bedrohten
Pfarrkirchen zu verteidigen.
Die Damen und Herren, die Sonntags während der Gottesdienste – früher
Heilige Messen genannt – zahlreich im Altarraum herumspazieren und in den Vorständen der Kirchgemeinden
wichtige Rollen einnehmen, scheint der klägliche Niedergang nicht sonderlich zu berühren.
Die Kirchenvorstände
und Pfarrgemeinderäte haben die Hände in den Schoß gelegt. Sie unternehmen überwiegend gar nichts,
verweilen in Lethargie und lächeln nur schulterzuckend.
Die Kirchenbesucher sagen über die Pfarrer:
„Es ist unserem Pfarrer doch sowieso vollkommen egal – der ist froh, wenn er nichts tun muß!“ – so in
St. Pius im Bochumer Ortsteil Wattenscheid – der Gemeinde, der ich statistisch gesehen zugehöre.
Es
ist nicht immer leicht, die Logik des von oben durchgeführten Kahlschlags zu verstehen. So stellt man
in der Stadt Bochum marode Kirchengebäude aus den 30er Jahren – zum Beispiel die Kirche St. Anna, die
aufwendigst mit Millionenaufwand saniert werden muß und zudem aufgrund ihrer Lage im Muslimenviertel
des ehemaligen Bochumer Vereins schlechteste Besucherzahlen aufweist – unter Denkmalschutz. Dagegen sollen
gut erhaltene und besuchte Kirchen zugesperrt und eventuell sogar abgerissen werden – zum Beispiel das
ehemalige Franziskanerkloster oder die Christkönigkirche.
Ich sehe in der bischöflichen Verwaltung
ein beachtliches Sparpotential. So stehen Diözesanbischof Mons. Felix Genn mehrere Dienstfahrzeuge zur
Verfügung.
Es wäre auch vorbildlich, wenn der Oberhirte mit seinen zwei Weihbischöfen und den Personen
des bischöflichen Umfeldes das Bischofspalais räumen und in eines der vielen leerstehenden Pfarrhäuser
ziehen und vor Ort das leisten würden, was im Bistum Essen am meisten fehlt und am dringendsten ist:
Seelsorge am Menschen, Katechese und Glaubensverkündigung.
Dazu würde auch gehören, täglich und vor
Ort in den verwaisten Gemeinden das heilige Meßopfer darzubringen.
Wenn die Prioritäten wieder richtig
gesetzt würden, könnte man auch noch einen gesunden 75jährige Priester gebrauchen, der täglich die
Messe liest, statt ihn seines Amtes zu entheben, ohne auch nur mit ihm darüber gesprochen zu haben. Besagter
Priester wurde unter Androhung rechtlicher Schritte mit einer Frist von acht Wochen aus seinem Pfarrhaus
vertrieben, in dem er 28 Jahre gewohnt hatte.
Wer glaubt, daß ein 75jähriger grundsätzlich nicht mehr
amtsfähig sei, sollte sich bei Gelegenheit im Vatikan nach dem Alter des gegenwärtigen Papstes erkundigen.
In der Diözese Essen wurde außerdem erst vor kurzem ein 51jähriger Priester im Stadtteil Gelsenkirchen-Buer
unweit von Essen in den Zwangsruhestand versetzt. Er hatte u. a. öffentliche Meßnovenen für den
Erhalt
der Marienkirche Bochum-Mitte zelebriert und im Rahmen der samstäglichen Anbetungsstunde von 16.00 -17.00
Uhr vor dem Allerheiligsten um die Bekehrung des Bischofs und seines Umfeldes gebetet. Da scheint es offensichtlich
einen Zusammenhang zu geben.
Ein anderer 48jähriger Priester aus Bochum ist seit drei Jahren Kunde bei
der Arbeitsagentur. Er ist offenbar für das Bistum zu fromm. Als er begann, eine Konkurrenz für die
Ortsgeistlichen darzustellen, wurde rasch gehandelt. Das Problem liegt offenbar nicht beim Bischof, sondern
im unmittelbaren Umfeld von Mons. Genn.
Dem durchschnittlichen – zugegeben – sehr biegsamen Gläubigen
in den Kirchenbänken fällt es immer schwerer, an einen Priestermangel zu glauben.
Vielmehr legen die
derzeitigen Entwicklungen die Vermutung nahe, daß der Klerus sogar auf die Einführung regelmäßiger
dienstfreier Wochenenden hinarbeitet.
Ihm seien 200.000 Christen lieber als 900.000 lauwarme, hat der
Bischof von Essen kürzlich vor den Eigenen gesagt. Leider scheint es, daß sich 200.000 ernstzunehmende
Christen im Bistum Essen bei weitem nicht mehr finden lassen.
Wäre eine solche Zahl von Christen im
Bistum noch vorhanden, müßten Kirchen nicht entweiht werden – denn echte Christen würden um ihre Gotteshäuser
kämpfen, sie füllen und sie nicht einfach den Fehlentscheidungen der „Obrigkeit“ überlassen.
Was ist
die Alternative zu den Kirchenschließungen? Wir müssen damit beginnen, die Lauen wieder zum Glühen
zu bringen. Beginnen könnte man bei den zahlreichen lauwarmen Bischöfen, Priestern und Theologieprofessoren.
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.