16:08:47 | Dienstag, 14. Februar 2006
„Ihr Heuchler!“ möchte man rufen, wenn man das Meer an Krokodilstränen sieht, das um die Pressefreiheit derzeit vergossen wird. Von Dieter Stein.
(kreuz.net/
Junge Freiheit) Die europäischen Medien hatten ihre Chance, die Frage der Zukunft der europäischen
Kultur, der europäischen Werte zu diskutieren. Sie haben sie vertan.
Erinnern wir uns, wie lächerlich
diejenigen gemacht wurden, die weise den Gottesbezug als christlichen Anker in den europäischen Verfassungsentwurf
aufnehmen wollten.
Erinnern wir uns, wie in den europäischen Leitmedien mit denjenigen umgegangen wurde,
die die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union aus Sorge um die Identität des Kontinents ablehnen.
Und erinnern wir uns daran, welche Selbstzensur sich die Medien schon seit Jahrzehnten selbst auferlegt
haben, wenn es um die Kritik an Zuwanderung und „multikultureller Gesellschaft“ geht.
Es existieren in
Fernsehsendern selbstauferlegte Zensurbeschlüsse, klare Kritiker der Einwanderung, der multikulturellen
Gesellschaft, der europäischen Integration – sogenannte „Rechtspopulisten“ – nicht mehr zu Wort kommen
zu lassen.
Klaus von Dohnanyi beschwor erst kürzlich die Gefahr der „Bedrückung durch allzu mächtige
political correctness“, und Jens Jessen klagte 2002 in einem Leitartikel der ‘Zeit’ darüber, die liberale
Öffentlichkeit neige dazu, „andere als liberale Meinungen gar nicht mehr zuzulassen“, ja, es sei ein
„verfolgender Liberalismus entstanden“, der Liberalismus habe die „Mentalität eines Staatsschutzes“ angenommen.
Die vielbeschworene Presse- und Meinungsfreiheit hat man in der Realität längst einer alles beherrschenden
und erstickenden Politischen Korrektheit geopfert.
Nicht zufällig trifft die gegenwärtige islamistische
Kampagne mit dem Streit um die iranische Atompolitik zusammen.
Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad
legt als Retourkutsche den Finger in eine Wunde der Europäer, wenn er mit der von ihm ausgelobten bizarren
„Holocaust-Konferenz“ daran erinnert, daß es in mehreren europäischen Staaten explizit unter Strafe
steht, die Judenvernichtung unter den Nazis zu leugnen.
Freilich ist die Leugnung eine Obszönität –
obszön ist es aber für die freiheitsliebenden Europäer auch, daß hier die historische Forschung und
Meinungsäußerungen dem Strafrecht unterworfen wurde.
Die iranische Zeitung Hamshari tut es ihrem Präsidenten
gleich, indem sie, wie berichtet wird, einen Karikaturenwettbewerb ausgelobt hat für die zwölf „besten“
Karikaturen über den Holocaust.
Damit wolle man überprüfen, wie sehr die Europäer tatsächlich der
Pressefreiheit verpflichtet seien, erläuterte der Grafik-Chef der Zeitung, Farid Mortazavi.
Beleidigst
Du mein Tabu, beleidige ich Dein Tabu: So undenkbar im islamischen Raum eine Mohammed-Karikatur ist, so
ist es undenkbar, daß große europäische Zeitungen Karikaturen drucken, die das Andenken an den Holocaust
beleidigen.
Tatsächlich stellt der Islam, dessen von ihm beherrschte Staaten, von Marokko bis zur Türkei,
sich der Mondsichel gleich wie ein Sperrgürtel um die südliche Grenze des Kontinents legen, eine wachsende
Bedrohung Europas dar.
Brisanz erhält dieser kulturelle Konflikt in allererster Linie aber dadurch,
daß sich im Zuge ungebremster Zuwanderung schnell wachsende muslimische Enklaven in den europäischen
Metropolen gebildet haben.
Diese Moslems sind nicht mit dem Krummsäbel eingedrungen, sie sind von den
europäischen Regierungen gerufen und als Gäste empfangen worden.
Diese falsche Einwanderungspolitik
ist von konservativer Seite seit Jahrzehnten scharf kritisiert worden – nun wird die Quittung serviert.
Diese moslemischen Großsiedlungen begehren nun nach ihrem Recht.
Nicht umsonst findet auch jetzt – bei
allem Geschrei über Pressefreiheit – immer noch keine Debatte über das totale Scheitern der multikulturellen
Gesellschaft statt.
Statt dessen werden schon wieder Nebelkerzen abgebrannt und wichtige Fragen überhaupt
nicht gestellt: Warum hat der Islam unter den Einwanderern in Europa eine solche Bindungskraft?
Warum
lösen sich die Identitäten in den europäischen Kulturen nicht wohlgefällig auf?
Es könnte sein,
daß ein wichtiger Grund darin zu finden ist, daß der Zerfall der nationalen Kulturen, der religiös-ethischen
Bindung der Europäer schon so weit fortgeschritten ist, daß in diesem Vakuum die Wurzeln des Eigenen,
hier des Islam, eine viel stärkere Bindungskraft ausüben.
Zudem wächst unter den Einwanderern die
Verachtung gegenüber einem Gastland, dem nichts mehr heilig zu sein scheint: nicht die Fahne, nicht die
Ehre der Nation, der Familie, der Religion.
Was Europäer überheblich als Zivilisation, als säkularen
Fortschritt der Aufklärung preisen, stellt sich in den Augen von Gläubigen als – wenigstens partiell –
Dekadenz, Verfall, Niedergang dar.
Das ist die Realität, der wir uns stellen müssen.
Dieter Stein
ist Chefredaktor der Berliner Wochenzeitung ‘Junge Freiheit’. Der Text ist ein Auszug eines auf der Homepage
der Zeitung publizierten Editorials.
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