09:35:17 | Montag, 20. Februar 2006
„Die vielen Trennungen und Enttäuschungen seines Lebens haben in ihm einen unüberwindlichen Überdruß erweckt gegen pharisäische und klerikale Heuchelei.“ Von Pater Stephan Maeßen.
(kreuz.net, Wien) Am 16. Februar wurde der
in Wien verstorbene Priester Hw. Dr. Gregor Hesse zu Grabe
getragen.
Beim Requiem in der Wiener Luegerkirche hielt Pater Stephan Maeßen die folgende Predigt:
Liebe Mitbrüder im Priesteramt, liebe Trauergemeinde!
1. „Emitte lucem tuam et veritatem tuam, ipsa
me deduxerunt et adduxerunt in montem sanctum tuum et in tabernacula tua. – Sende aus Dein Licht und Deine
Wahrheit. Sie sollen mich wegführen und hinführen auf Deinen heiligen Berg und in Dein heiliges Gezelt.“
Mit diesen Worten begann unser lieber und so unerwartet früh verstorbener Dr. Gregor Hesse täglich
das heilige Opfer, an dem er als Priester sehr hing und das er, wenn irgend möglich, nie ausließ.
Mir
will bei diesen heiligen Worten aus dem Stufengebet der Messe scheinen, daß sie ein wenig das Leben,
ja gewissermaßen das Wesen unseres lieben Don Gregor charakterisieren.
Sein ganzes Leben war doch ein
einziges, manchmal sehr schmerzhaftes, Wegführen und Hinführen zu jenem Licht, um das wir Gott in dieser
erhebenden und altehrwürdigen Totenliturgie immer wieder für ihn bitten, und das er zeitlebens gesucht
hat.
Unerwartet wurde er durch Gottes Fügung zur Priesterweihe, die er 1981 im Petersdom erhielt, „hingeführt“;
als Sekretär an die römische Kurie „hingeführt“; auch zu manchen Erkenntnissen „hingeführt“.
Sodann
wurde er zeitweise zur Gemeinschaft der Priesterbruderschaft St. Pius X. und wohin noch alles „hingeführt“.
Doch führte ihn meist die weise Vaterhand Gottes auch wieder weg, riß ihn – oft gegen sein ja bekanntermaßen
nicht unbeträchtliches Beharrungsvermögen – auf eine schmerzhafte Weise wieder los, worunter er – wie
er mir noch kurz vor seinem Tode lebhaft versicherte – in seiner überdurchschnittlichen Sensibilität
viel mehr litt, als dies vielleicht durch seine markige, humorvolle, manchmal auch rauhe Schale hindurch
sichtbar wurde.
Seine persönlichen Eigenarten und Begabungen ebenso wie seine Anhänglichkeit an die
römische Kirche und an die überlieferte Römische Liturgie waren für ihn Quellen manchen Leidens, das
ihn aber mit den Jahren zunehmen ließ an Gottvertrauen und christlicher Reife.
Dieses Hin- und Wegführen
hat ihn weit herum kommen lassen sowohl im Denken als auch in den verschiedensten Milieus der Menschen,
was auch aus dem weitgestreuten Freundeskreis Don Gregors ersichtlich ist.
Haben ihm die vielen Trennungen
auch manche Wunden beigebracht, so ist er doch aus ihnen nicht ärmer hervorgegangen.
Don Gregor war
ein unruhiger, manchmal brodelnder Charakter. Er war vor allem ein suchender Mensch, nicht nur mit dem
Verstand. Er suchte nach dem Licht und der Wahrheit durch all die Irrungen und Wirrungen des menschlichen
Herzens und die Wirrsale unserer Zeit hindurch.
Wer in dem Labyrinth unseres kurzen, irdischen Lebens –
das bei demütigem Hinschauen voll ist von Abgründen und Umwegen – aufrichtig und sehnsüchtig nach dem
ewigen Licht sucht, der sucht nach Gott, nach Jesus Christus, dem wahren Licht; der sucht nach dem Herzen
Gottes, nach Seinem Wesen, das die Liebe ist.
2. Danach hat Don Gregor vor allem in den letzten Jahren
seines Lebens mit der ihm eigenen Leidenschaftlichkeit und Ausschließlichkeit gesucht und gegen alle
schillernde Mißverständlichkeit des Wortes darum gerungen, was das sei, die Liebe des Menschen zu Gott
und zu seinem Nächsten.
Ich stelle dies hier nicht zuletzt deswegen dar, weil über Gregors Ausführungen
hierüber zum Teil unzutreffende Versionen kursieren, und ich es ihm glaube schuldig zu sein, dies klarzustellen.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie in einer philosophischen Gesprächsrunde jemand Don Gregor den Einwurf
machte, ob – um einem verbogenen und weit verbreiteten Mißverständnis der christlichen Liebe zu entgehen –
man nicht vielleicht, abweichend von der gängigen philosophisch/theologischen Schulmeinung, neben dem
Verstand und dem Willen von einem dritten Seelenvermögen des Menschen ausgehen müsse: einem geistigen
Empfindungsvermögen, das es auch den substantiae separatae, den abgeschiedenen Seelen vor der Auferstehung
des Fleisches ermögliche, das in der Seligkeit zugeeignete Wahre und Gute zu empfinden, zu verkosten.
Wie das göttliche Licht das Wahre und Gute bündelt, so läßt das Schöne, der splendor veri et boni –
der Glanz des Wahren und Guten – diese nicht nur schauen und wollen, sondern genießen.
In diesen drei
Vermögen der geistigen Seele, so hieß es damals, sei der Mensch ein Abbild der Dreieinigkeit, von der
es in der Präfation heiße, sie sei in personis proprietas et in essentia unitas – in den Personen Verschiedenheit,
im Wesen die Einheit, was analog auf die eine menschliche Person bedeute: in potentiis proprietas et in
essentia unitas – in den Vermögen Verschiedenheit, im Wesen die Einheit.
Der Gegenstand dieses geistigen
Empfindungsvermögens sei also formal das Empfindbare, konkret das Schöne, das als Glanz aus dem Wahren
und Guten hervorgehe, analog dem Heiligen Geist, der aus dem Vater und dem Sohne zugleich hervorgeht.
Auch das „Tota pulchra es“ – Ganz schön bist du – der Unbefleckten Empfängnis Mariä in der Liturgie
gewinne von hier aus seine zeitgeschichtliche Bedeutung für die heutige Krisis des Menschenbildes und
des Christentums.
Ich habe noch selten in ein so betroffenes Gesicht geschaut wie damals in das Don Gregors.
Captus est, er war völlig gepackt von dieser Anschauung. Dies hielt bis zu seinem Tode an. Warum eigentlich?
Die vielen Trennungen und Enttäuschungen seines Lebens haben in ihm einen unüberwindlichen Überdruß
erweckt gegen pharisäische und klerikale Heuchelei – sichtbar unter anderem in seiner Hochschätzung
Gilbert Keith Chestertons.
Wo immer er solche Heuchelei wahrnahm, reagierte er dagegen reflexartig, mit
manchmal elementarer Heftigkeit.
Die sentimentalen und voluntaristischen Entstellungen der Liebe, die
diese auf permissive Weichherzigkeit, pures Rechtwollen oder gar auf eine scheinheilige Attitüde reduzieren
wollen, ließen ihn selbst zeitweise in die Versuchung geraten – wen wundert es? –, in seinem Festhalten
an der Wahrheit und ihrer Verteidigung zu verbittern.
In der Erkenntnis, daß der Aspekt des geistigen
Empfindens des Wahren und Guten – des frui oder delectare, wie Augustinus sagt – zum Wesen der Liebe gehöre,
ja eine eigene Kraft im Menschen darstelle, hierin sah er nun mit einem Male eine gangbare Lösung der
ihn quälenden Lebensfrage, wie denn Wahrheit und Liebe nicht nur zusammengedacht werden könnten, sondern
zusammenlebbar seien.
Dies erklärt die für ihn erlösende Faszination, die diese Frage eines trinitarischen
Menschenbildes für ihn über Jahre hinweg behielt.
Er war alles andere als ein oberflächlicher Mensch.
Er hat die Entstellungen dessen, was das Wesen des Christentums ausmacht, in sich selbst durchlebt und
durchlitten. Um diese Verschränkung und Rehabilitierung von Wahrheit und Liebe hat er, durch das Dickicht
des menschlichen Herzens hindurch, stets gerungen.
Deswegen empfand ich es als Verpflichtung dem Herzensanliegen
eines lieben Freundes gegenüber, dieses ins rechte Licht zu rücken und als ein teures Vermächtnis zu
behandeln und in Ehren zu halten.
Es darf nicht sein, daß die Liebe, die das Wesen Gottes und des Christentums
ausmacht, ein Kümmerdasein in unseren Moralbüchern führt, statt als Grundlage unseres ganzen Seins
wieder ins Bewußtsein zu treten.
3. Wir sind aber nicht nur hier, um Don Gregor die letzte Ehre zu geben,
sondern um für ihn zu beten. Ich halte es mit der dem Verstorbenen geschuldeten Barmherzigkeit für unvereinbar,
zu verschweigen, daß es wohl den meisten Menschen bestimmt ist, sich im Fegfeuer zu läutern, um in die
ewige Seligkeit eingehen zu können, da nichts Unreines zu Gott eingehen kann, wie uns der katholische
Glaube lehrt.
Nie ist der Mensch hilfloser als in diesem Zustand, in dem er sich nicht mehr selber helfen
kann und gänzlich auf Gottes Barmherzigkeit und auf die Hilfe seiner Freunde angewiesen ist: Miseremini
mei, miseremini mei, saltem vos, amici mei – erbarmt euch meiner, wenigstens ihr, meine Freunde –, wie
Job sagte.
Wir alle, die wir hier sind, sind ihm dies schuldig. Wir alle werden wohl einmal selber in
diese Lage kommen!
Wenn ich mich nicht sehr täusche, hat Don Gregor nicht bloß eine große Lücke hinterlassen
als Original und Freund, sondern auch etliche schlechte Gewissen.
Manche mögen hier sein, die ihm das
eine oder das andere zu verzeihen haben. Aber nicht wenigen hat, glaube ich, er etwas zu verzeihen.
Manch
einem mögen die individuellen Eigenarten des Verstorbenen vielleicht einen allzu fadenscheinigen und
auf der Hand liegenden Vorwand geboten haben, sich von den Pflichten christlicher Nächstenliebe und Wahrhaftigkeit
ihm gegenüber einfach loszumachen.
Er eckte gerne an, ja! Aber jetzt nach seinem Hingang dämmert es
vielleicht im Herzen des einen oder anderen, daß hinter manch Unkonventionellem und Buntem im Wesen Don
Gregors ein sehr ernstzunehmendes Anliegen steckte. Solch gerade nicht alltägliche Querdenker haben immer
wieder ihrer Umwelt oder Nachwelt zum Segen gereicht.
Wie gehen wir damit um? Eine Gesellschaft oder
Kirche, in der solche Querdenker weder Wertschätzung noch Verständnis mehr finden könnten, mit der
würde doch etwas nicht stimmen. Trotz aller Eigenarten, Begrenztheiten, Umwege werden wir am Ende nicht
danach, sondern wie der Heilige Johannes vom Kreuz sagt, nach dem Maße unserer Liebe gerichtet werden.
Die meisten von uns dürften ihm etwas zu verdanken haben. Grund genug, ihm mit unseren Gebeten zu Hilfe
zu eilen, damit er schon bald dahin gelange, wonach er sich immer gesehnt hat: zum Herzen des Vaters.
Amen.
Herr, gib ihm die ewige Ruhe und das Ewige Licht leuchte ihm. Herr, laß ihn ruhen in Frieden!
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