18:12:57 | Dienstag, 21. Februar 2006
Hinter den Jubiläumsfeiern für die Schweizergarde steht mehr als nur ein unvermeidlicher Jahrestag. Interview mit dem bekannten Vatikanisten Ulrich Nersinger.
Das 500jährige Jubiläum der Schweizergarde wird mit sehr großem Aufwand gefeiert. Warum eigentlich?
Zunächst einmal lädt die beeindruckende Zahl von 500 Jahren von sich aus dazu ein. Welche Armee der
Welt kann schon ein so hohes Alter aufweisen! Aber ich glaube, es steckt mehr dahinter.
Man möchte in
einer Zeit, in der Werte immer weniger eine Rolle spielen, die Ideale, die von der Schweizergarde verkörpert
werden, würdigen und sie als vorbildhaft aufzeigen.
Worin bestehen diese Ideale?Kurz gesagt: im Wahlspruch
der Garde „acriter et fideliter – tapfer und treu“. In Tapferkeit und Treue versieht das Korps seinen
Dienst an Papst und Kirche. Nicht nur in Extremsituationen wie 1527, als 147 Gardisten ihr Leben für
den Heiligen Vater ließen.
Die Schweizergarde lebt diese Tugenden auch im alltäglichen Dienst. Für
alle erkennbar als Mitglieder der Kirche. Im Blitzlichtgewitter an den Eingängen zum Vatikan. Als freundliche
Ansprechpartner für Touristen und Pilger. Im Ehrendienst bei den Liturgien und Zeremonien des Papstes.
Bei der manchmal monotonen und ermüdenden Rundumbewachung des Apostolischen Palastes. Das sind Tugenden,
die einem jeden Katholiken anstehen. Daher hat die Garde Vorbildcharakter für uns alle.
1970 schaffte
Papst Paul VI. die übrigen Garden des Vatikans ab. Beinahe hätte dieses Schicksal auch die Schweizergarde
ereilt. Heute scheint man in Rom stolz auf sie zu sein. Ist im Vatikan ein Sinneswandel eingetreten?
In der Tat hat sich schon in den vergangenen Jahren einiges geändert. Die 68er-Mentalität ist im Vatikan
zwar noch nicht verschwunden, aber sie hat deutlich an Terrain verloren.
Im vergangenen Juni sprach der
Heilige Vater in einem Schreiben zum Gardejubiläum von Julius II. als seinem Vorgänger „seligen Gedenkens“.
Und in der Predigt des Kardinalstaatssekretärs vom 22. Januar dieses Jahres durfte sich der Della-Rovere-Papst,
der ja der Gründer der Garde ist, einer beachtlichen Laudatio erfreuen.
Vor gar nicht so langer Zeit
wären solche Äußerungen undenkbar gewesen. Für die Kirchengeschichte hatte man sich zu entschuldigen,
auf keinen Fall Stolz zu zeigen. Die heutigen Autoritäten scheinen sich von den Zwängen einer „political“
beziehungsweise „ecclesiastical correctness“ nun etwas befreien zu wollen.
Hat sich die Schweizergarde
im Laufe der Jahrhunderte in Auftreten und Funktion als päpstliche Leibwache verändert?Ja und nein.
Sie ist im Grunde immer noch dem Auftrag verpflichtet, der 1506 zu ihrer Gründung führte. Sie entspricht
ihm heute genau so wie damals. Aufnahmebedingungen, Führung und Struktur der Garde sowie das äußere
Auftreten haben sich kaum verändert. Aber sie sieht sich heute auch Anforderungen ausgesetzt, denen sie
allein nicht mehr zu 100% entsprechen kann. Und das nicht erst seit dem 11. September 2001. „Ein Gardist,
der mit einer Maschinenpistole am Thron des Papstes oder vor St. Peter steht, ist undenkbar“, weiß sogar
das Kommando der Garde. Sie muß daher mit der vatikanischen Gendarmerie und italienischen Sicherheitskräften
zusammenarbeiten – was nicht immer so ganz funktioniert.
Welche interessanten Details über die Schweizer
Garde sind den meisten Leuten unbekannt?Da gäbe es eine ganze Reihe aufzuzählen. Ich vermute jedoch,
das würde den Rahmen unseres Gespräches sprengen. Lassen Sie mich zwei wenig bekannte Details nennen.
Eines aus der Geschichte, ein anderes aus dem alltäglichen Gardeleben.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges
ordnete die Schweiz eine Generalmobilmachung an. Auf Wunsch der Eidgenossenschaft und mit päpstlicher
Genehmigung kehrten fünfzig Gardisten in ihre Heimat zurück.
Um nach dem Tod des heiligen Pius’ X.
im August 1914 den Schutz des Konklave zu gewährleisten, verstärkte man die Garde für kurze Zeit durch
Alumnen des Collegium Germanicum et Hungaricum.
Ein anderes Detail. Die Arrestzelle für Gardisten wurde
früher „Napoli“ (Neapel) genannt. Wenn sich jemand nach einem disziplinarisch bestraften Gardisten erkundigte,
hieß es immer, er halte sich gerade in Napoli auf.
Sie haben kürzlich eine Broschüre über die Schweizer
Garde verfaßt, die auch in den vatikanischen Medien gewürdigt wurde. Warum stieß sie im Vatikan auf
so großes Interesse?Die kleine Schrift – sie umfaßt gerade mal 24 Seiten – ist zur Gänze in Latein
geschrieben. Die Übersetzung aus dem Deutschen besorgte Hw. Gero P. Weishaupt, ein Mitarbeiter der Päpstlichen
Kommission für die Kulturgüter der Kirche.
Im vergangenen November hatte der Heilige Vater dazu aufgerufen,
die lateinische Literatur auch mit neuen Ideen zu lehren. Da kam uns der Gedanke, den Wunsch des Papstes
in die Tat umzusetzen. Das Jubiläum der Schweizergarde bot sich als naheliegendes Thema an.
Die Schrift
wird vom Verlag nun auch in deutscher Fassung angeboten. Kann sie mit den Jubiläumsbänden, die erschienen
sind beziehungsweise noch erscheinen werden, konkurrieren?Natürlich nicht. Das kann und will mein Büchlein
gar nicht. Viele Anfragen an den Verlag baten um etwas „Kompaktes“ zum Gardejubiläum in deutscher Sprache.
Der für die lateinische Ausgabe konzipierte Text entsprach dem. Die Schrift möchte eine Erstinformation
sein, auf wenigen Seiten die Geschichte der Garde darstellen, über Wesen, Auftrag und Organisation der
päpstlichen Leibwache mit wenigen Sätzen Auskunft geben und aktuelle Aspekte kurz beleuchten.
Die Broschüre
Pontificia Cohors Helvetica
auf Deutsch oder Latein für nur 5 Euro.
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
#3
Sulpicius 12:15:56 | Mittwoch, 22. Februar 2006
#2
Benedikt78 09:49:52 | Mittwoch, 22. Februar 2006
#1
Giovanni 21:01:45 | Dienstag, 21. Februar 2006