Vatikan
Der Vatikan freut sich wieder an der Schweizergarde
Hinter den Jubiläumsfeiern für die Schweizergarde steht mehr als nur ein unvermeidlicher Jahrestag. Interview mit dem bekannten Vatikanisten Ulrich Nersinger.
Das 500jährige Jubiläum der Schweizergarde wird mit sehr großem Aufwand gefeiert. Warum eigentlich?

Zunächst einmal lädt die beeindruckende Zahl von 500 Jahren von sich aus dazu ein. Welche Armee der Welt kann schon ein so hohes Alter aufweisen! Aber ich glaube, es steckt mehr dahinter.

Man möchte in einer Zeit, in der Werte immer weniger eine Rolle spielen, die Ideale, die von der Schweizergarde verkörpert werden, würdigen und sie als vorbildhaft aufzeigen.

Worin bestehen diese Ideale?

Kurz gesagt: im Wahlspruch der Garde „acriter et fideliter – tapfer und treu“. In Tapferkeit und Treue versieht das Korps seinen Dienst an Papst und Kirche. Nicht nur in Extremsituationen wie 1527, als 147 Gardisten ihr Leben für den Heiligen Vater ließen.

Die Schweizergarde lebt diese Tugenden auch im alltäglichen Dienst. Für alle erkennbar als Mitglieder der Kirche. Im Blitzlichtgewitter an den Eingängen zum Vatikan. Als freundliche Ansprechpartner für Touristen und Pilger. Im Ehrendienst bei den Liturgien und Zeremonien des Papstes. Bei der manchmal monotonen und ermüdenden Rundumbewachung des Apostolischen Palastes. Das sind Tugenden, die einem jeden Katholiken anstehen. Daher hat die Garde Vorbildcharakter für uns alle.

1970 schaffte Papst Paul VI. die übrigen Garden des Vatikans ab. Beinahe hätte dieses Schicksal auch die Schweizergarde ereilt. Heute scheint man in Rom stolz auf sie zu sein. Ist im Vatikan ein Sinneswandel eingetreten?

In der Tat hat sich schon in den vergangenen Jahren einiges geändert. Die 68er-Mentalität ist im Vatikan zwar noch nicht verschwunden, aber sie hat deutlich an Terrain verloren.

Im vergangenen Juni sprach der Heilige Vater in einem Schreiben zum Gardejubiläum von Julius II. als seinem Vorgänger „seligen Gedenkens“. Und in der Predigt des Kardinalstaatssekretärs vom 22. Januar dieses Jahres durfte sich der Della-Rovere-Papst, der ja der Gründer der Garde ist, einer beachtlichen Laudatio erfreuen.

Vor gar nicht so langer Zeit wären solche Äußerungen undenkbar gewesen. Für die Kirchengeschichte hatte man sich zu entschuldigen, auf keinen Fall Stolz zu zeigen. Die heutigen Autoritäten scheinen sich von den Zwängen einer „political“ beziehungsweise „ecclesiastical correctness“ nun etwas befreien zu wollen.

Hat sich die Schweizergarde im Laufe der Jahrhunderte in Auftreten und Funktion als päpstliche Leibwache verändert?

Ja und nein. Sie ist im Grunde immer noch dem Auftrag verpflichtet, der 1506 zu ihrer Gründung führte. Sie entspricht ihm heute genau so wie damals. Aufnahmebedingungen, Führung und Struktur der Garde sowie das äußere Auftreten haben sich kaum verändert. Aber sie sieht sich heute auch Anforderungen ausgesetzt, denen sie allein nicht mehr zu 100% entsprechen kann. Und das nicht erst seit dem 11. September 2001. „Ein Gardist, der mit einer Maschinenpistole am Thron des Papstes oder vor St. Peter steht, ist undenkbar“, weiß sogar das Kommando der Garde. Sie muß daher mit der vatikanischen Gendarmerie und italienischen Sicherheitskräften zusammenarbeiten – was nicht immer so ganz funktioniert.

Welche interessanten Details über die Schweizer Garde sind den meisten Leuten unbekannt?

Da gäbe es eine ganze Reihe aufzuzählen. Ich vermute jedoch, das würde den Rahmen unseres Gespräches sprengen. Lassen Sie mich zwei wenig bekannte Details nennen. Eines aus der Geschichte, ein anderes aus dem alltäglichen Gardeleben.

Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges ordnete die Schweiz eine Generalmobilmachung an. Auf Wunsch der Eidgenossenschaft und mit päpstlicher Genehmigung kehrten fünfzig Gardisten in ihre Heimat zurück.

Um nach dem Tod des heiligen Pius’ X. im August 1914 den Schutz des Konklave zu gewährleisten, verstärkte man die Garde für kurze Zeit durch Alumnen des Collegium Germanicum et Hungaricum.

Ein anderes Detail. Die Arrestzelle für Gardisten wurde früher „Napoli“ (Neapel) genannt. Wenn sich jemand nach einem disziplinarisch bestraften Gardisten erkundigte, hieß es immer, er halte sich gerade in Napoli auf.

Sie haben kürzlich eine Broschüre über die Schweizer Garde verfaßt, die auch in den vatikanischen Medien gewürdigt wurde. Warum stieß sie im Vatikan auf so großes Interesse?

Die kleine Schrift – sie umfaßt gerade mal 24 Seiten – ist zur Gänze in Latein geschrieben. Die Übersetzung aus dem Deutschen besorgte Hw. Gero P. Weishaupt, ein Mitarbeiter der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche.

Im vergangenen November hatte der Heilige Vater dazu aufgerufen, die lateinische Literatur auch mit neuen Ideen zu lehren. Da kam uns der Gedanke, den Wunsch des Papstes in die Tat umzusetzen. Das Jubiläum der Schweizergarde bot sich als naheliegendes Thema an.

Die Schrift wird vom Verlag nun auch in deutscher Fassung angeboten. Kann sie mit den Jubiläumsbänden, die erschienen sind beziehungsweise noch erscheinen werden, konkurrieren?

Natürlich nicht. Das kann und will mein Büchlein gar nicht. Viele Anfragen an den Verlag baten um etwas „Kompaktes“ zum Gardejubiläum in deutscher Sprache. Der für die lateinische Ausgabe konzipierte Text entsprach dem. Die Schrift möchte eine Erstinformation sein, auf wenigen Seiten die Geschichte der Garde darstellen, über Wesen, Auftrag und Organisation der päpstlichen Leibwache mit wenigen Sätzen Auskunft geben und aktuelle Aspekte kurz beleuchten.

Die Broschüre Pontificia Cohors Helvetica auf Deutsch oder Latein für nur 5 Euro.
      
3 Lesermeinungen
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#3   Sulpicius   12:15:56 | Mittwoch, 22. Februar 2006
Link…
Webseite der Vereinigung ehemaliger päpstlicher Schweizergardisten! www.schweizergarde.ch/
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#2   Benedikt78   09:49:52 | Mittwoch, 22. Februar 2006
Sehr schön!
In der Tat hat sich schon in den vergangenen Jahren einiges geändert. Die 68er-Mentalität ist im Vatikan zwar noch nicht verschwunden, aber sie hat deutlich an Terrain verloren.
Wenn das mal keine gute Nachricht ist!
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#1   Giovanni   21:01:45 | Dienstag, 21. Februar 2006
Danke…
…für den lesenswerten Beitrag!!!
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