18:09:43 | Mittwoch, 22. Februar 2006
„Mein Sohn befindet sich bereits seit einigen Jahren in psychiatrischer Behandlung und nimmt Medikamente, weil sein Kopf ihm nicht immer beisteht.“
(kreuz.net, Mailand) Am 12. Februar veröffentlichte die italienische Tageszeitung ‘Corriere della Sera’
ein Interview mit Hikmet Akdin (58), dem Vater des 16jährigen Ouzhan Akdin. Dieser
ermordete am 5. Februar
den italienischen Priester Don Andrea Santoro in der türkischen Stadt Trabzon.
Frage: Ihr Sohn hat Don
Andrea erschossen, als dieser in der Kirche betete. Er rief dabei „Allah Akhbar“ – Gott ist groß. Später
erklärte er, daß ihn die Mohammed-Karikaturen, die in Europa publiziert wurden, empört hätten. Warum
schließen sie religiöse Beweggründe aus?
Akdin: Weil mein Sohn ein Kind ist. Er ist erst 16jährig.
Er hat eine Menge Dinge gesagt. Vieles davon war widersprüchlich. Er befindet sich bereits seit einigen
Jahren in psychiatrischer Behandlung und nimmt Medikamente, weil sein Kopf ihm nicht immer beisteht. Es
stimmt nicht, daß er in Kontakt mit Islamischen Radikalen ist, und es ist nicht wahr, daß er von irgend
jemandem einen Befehl empfangen hat, Don Andrea zu töten.
Frage: Wie kam es dann zur Tat?
Akdin: Nur
er weiß, wie sich die Tat genau ereignet hat, und er wird es dem Gericht erklären. Ich weiß, daß sein
Kopf durcheinander ist. Ich lebe in Trennung, und er lebt bei seiner Mutter. Am Abend nach dem Mord war
er zuhause. Das Fernsehen berichtete, daß der Priester von Trabzon getötet worden sei und plötzlich
sagte er: „Mama, ich habe ihn getötet.“ Sie antwortete: „Sag das nicht, nicht einmal im Scherz.“ Aber
er beharrte: „Ich mache keine Scherze. Ich war es.“
Frage: Wann haben Sie begriffen, daß er es ernst
meinte?
Akdin: Wir haben ihm nicht geglaubt. Seine Mutter rief mich an und ich ging hinüber. Wir waren
davon überzeugt, daß es sich um eine seiner Phantasien handelte. Wir begannen zu streiten, weil er nicht
zugeben wollte, daß alles nur ein dummer Scherz war. Dann klopfte die Polizei an die Türe…
Frage:
Haben Sie ihn seither gesehen?
Akdin: Ja, während einer kurzen Unterredung im Gefängnis. Wir sprachen
vor einem Glasfenster über ein Telephon. Wir sagten nicht viel, weil die Emotionen zu stark waren. Ich
konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Ich dachte über ihn in seiner Zelle nach. Er fürchtet sich
vor der Dunkelheit. Zuhause schläft er mit einer Nachtlampe. Was wird er jetzt tun?
Frage: Hat er um
etwas gebeten?
Akdin: Ja, um ein Wissenschaftsmagazin und um ein Mathematikbuch. Von der Mathematik war
er immer schon begeistert. Er hat das erste Jahr in der Fatih Schule – einer naturwissenschaftlichen Lehranstalt –
besucht. Er ist ein sehr guter Student. Sein Traum ist es, Naturwissenschaftler zu werden und in der Genforschung
zu arbeiten.
Frage: Ist er ein häufiger Benützer des Internet?
Akdin: Erst seit einigen Monaten. Er
war immer ein guter Moslem. Aber seitdem er begann, das Aktif Internet Café aufzusuchen, betete er nicht
mehr. Er ist ein guter Schachspieler. Aber in letzter Zeit beschäftigte er sich am Computer mit Kriegsspielen.
Frage: Ihr Sohn hat Don Andrea mit einer Pistole der Marke ‘Glock’ erschossen. Das ist eine teure Waffe,
die sogar erfahrene Kriminelle nur schwer bekommen können.
Akdin: Ich weiß nicht, woher er diese Pistole
hat, aber wenn Ihr Westler Trabzon wie wir kennen würdet, dann wüßtet Ihr, daß es genügt, auf der
Strasse zu fragen, um eine Feuerwaffe – auch eine dieser Art – zu bekommen.
Frage: Die Jugendlichen,
die in der Nähe der Marienkirche in Trabzon leben, haben ausgesagt, daß Ouzhan von Don Andrea Geld bekommen
hat.
Akdin: Mein Sohn hatte kein Geld nötig. Ich habe ihn immer reichlich damit versorgt. Obwohl wir
nicht unbedingt reich sind, können wir uns nicht beklagen, glauben Sie mir.
Frage: Don Andreas Mutter
hat gesagt, daß sie Ouzhan „von ganzem Herzen“ vergeben hat.
Akdin: Ich weiß das. Seit ich diese Worte
gehört habe, hege ich einen Wunsch im Herzen. Ich möchte genug Geld sparen, um nach Italien zu reisen
und als Zeichen der Dankbarkeit die Hände dieser Frau zu küssen. Bitte sagen Sie ihr, wie sehr ich ihre
Güte, die mich berührt hat, zu schätzen weiß. Ich möchte sie umarmen. Sie ist eine mutige Frau und,
ich bin mir sicher, eine ausgezeichnete Mutter. Ich werde ihre Hände küssen, selbst wenn es die letzte
Handlung meines Lebens sein sollte.“
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