„Heiligkeit war spürbar“, „Eine Stunde für die Seele“ – Warum finden wir Derartiges nicht wieder öfter und regelmäßig in unseren Kirchen? Von Dr. Michael Tunger, Aachen.
(kreuz.net/SISA, Aachen) Als sich das Reich unter Kaiser Friedrich Barbarossa († 1190) zum „Sacrum Imperium“
wandelte, lag es nahe, den Reichsgründer, Kaiser Karl den Großen († 814), zum Heiligen zu erheben.
Die Heiligsprechung erfolgte am 29. Dezember 1165 auf Veranlassung Friedrich Barbarossas durch den Kölner
Erzbischof Rainald von Dassel sowie Bischof Alexander von Lüttich in Anwesenheit des Kaisers und seiner
Gemahlin. Gegenpapst Paschalis III. billigte die Kanonisation.
Zugleich erhielt Aachen Stadtrechte und
zahlreiche Privilegien, ohne die diese Stadt niemals das geworden wäre, wozu sie sich in einem kontinuierlichem
Wachstum entwickelt hat.
Seit 1176 wird die Verehrung Karls des Großen als „beatus“ in Aachen und Osnabrück
gestattet. Sie reicht aber über diesen Raum hinaus. Im Martyrologium Romanum ist sein Fest dennoch nicht
verzeichnet.
Doch die jahrhundertelange Verehrung des großen Kaisers – besonders durch die Aachener
Bevölkerung – veranlaßte Rom wohl zur dauerhaften Duldung des Karlsfestes.
Im gegenwärtigen Direktorium
des Bistums Aachen ist der 28. Januar – der Sterbetag des Kaisers – als Hochfest des hl. Karls des Großen
ausgezeichnet. Das Karlsfest ist das eigentliche Fest der Stadt Aachen.
Als politischer, religiöser,
kultureller und künstlerischer Mittelpunkt im christlichen Reich Karls des Großen bewahrte Aachen mit
hingebungsvoller Treue das unvergängliche Gebäude der karolingischen Hofkirche.
Mit dieser Kirche blieb
durch die Jahrhunderte hindurch die Tradition kunstvollen liturgischen Singens verbunden.
Am Karlsfest
2006 kehrte die echte gesungene feierliche Liturgie wenigstens für die Zeit einer Komplet – am 27. Januar –
und Vesper – am 28. Januar – aus privater Initiative in den Aachener Dom zurück.
Anlaß war die Präsentation
einer wissenschaftlichen Arbeit über das Karlsoffizium „Regali natus“, ein sogenanntes Reimoffizium.
Das Karlsoffizium wurde in Aachen zu allen Festen des Münsters, bei der Kirchweihe und zu Marienfesten
gesungen. Auch in anderen Städten des Bistums Lüttich, zu dem Aachen damals gehörte, fand es Verbreitung.
Erst mit der Einführung des Breviarium Romanum nach dem Konzil von Trient im Jahre 1570 wurde die liturgische
Verwendung der Reimoffizien nach und nach abgeschafft.
Die mehrbändige Faksimileausgabe des Karlsoffiziums
wurde in den letzten Jahren von Professor Dr. Eric Rice von der Universität Connecticut aus der Handschrift
übertragen und in einer dreibändigen, wissenschaftlichen Ausgabe vorgelegt.
Professor Rice besitzt
familiäre Bindungen nach Aachen. Seine Mutter entstammt der Pfarrei St. Jakob.
Die kostbare Handschrift
aus dem 13. Jahrhundert diente heuer als Vorlage, um daraus die Komplet und die Erste Vesper, wie sie
vermutlich auch am Samstag, dem 27. Januar 1582 gehalten wurde, zu einem anbetenden Gotteslob erstehen
zu lassen.
Diese Musica sacra war und ist integrierender Bestandteil des Gottesdienstes und damit selber
und aus sich heraus Liturgie, wie es auch das Zweite Vatikanum in der Liturgiekonstitution formuliert,
kein musikalisches Sahnehäubchen auf der liturgischen Torte, das dauerhaft entbehrlich ist.
Die klangvollen
Gesänge des Karlsoffiziums wurden durch das von Professor Dr. Eric Rice geleitete US-amerikanische achtköpfige
Vokalensemble „Exsultemus“ aus Boston unter dem Barbarossaleuchter im Oktogon des Aachener Domes ausgeführt.
Die „Gemeinschaft der ehemaligen Aachener Domsingknaben“, die an diesem Tage zu einem Ehemaligentreffen
eingeladen hatte, sang alternierend mit „Exsultemus“ die Psalmodien.
Der Vespergottesdienst war mit 300
Gläubigen gut besucht. Ein Heft mit Ablauf der Vesper und Textübersetzungen sorgte für das litterale
Verständnis der Liturgie und die Möglichkeit zum Mitsingen.
Der Offiziant der feierlichen Vesper, der
ehemalige, um die Aachener Dommusik hochverdiente Domkapellmeister Prälat Dr. Rudolf Pohl, sprach in
seiner Homilie auch direkt zu den Sängern aus der Vereinigten Staaten:
„Liebe Psalteristen aus Amerika!
Erlauben Sie mir, Sie mit diesem alten Aachener Namen für die Chorsänger des kaiserlichen Krönungsstiftes
anzureden.
Sie kommen, so sagen wir, aus der ‘Neuen Welt’, um uns aufmerksam zu machen auf den Reichtum,
den wir als Erbe aus der alten Welt bewahren und erhalten sollen. Wir danken Ihnen für Ihren Einsatz
und Ihr Zeugnis, Ihren Beitrag und Ihr zündendes Beispiel im Dienste der Musica Sacra.“
„Heiligkeit
war spürbar“, „Eine Stunde für die Seele“ – so und ähnlich lauteten die Kommentare von Laien wie Geistlichen
nach der Vesper.
Warum finden wir Derartiges nicht wieder öfter und regelmäßig in unseren Kirchen?
Eine Stunde der Begegnung in der Aachener Domsingschule schloß diesen liturgisch heute leider außergewöhnlichen
Tag ab.
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13 Lesermeinungen
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Aber es gibt auch noch andere Pfareien In klostern gibt es noch Anbetungen, wie auch die gemeinsame Vesper.
Genauso gibt es auch noch Bewegungen wie: Licht-Leben oder Emanuel ect. in denen es Anbetung gibt und
auch der Brevier gebetet wird.
Gesungene Vespern vor dem Konzil In der Schweizer Diözese Chur war bis vor wenigen Jahrzehnten vielerortts
(vor allem in den rätoromanischsprachigen Pfarreien) jeden Sonn- und Festtag die lateinische Vesper üblich.
Dabei wurde sie jedoch nicht nach den gregorianischen Melodien, sondern nach volkstümlichen Melodien
gesungen, wobei sich vor allem die Melodien der Hymnen teilweise von Gemeinde zu Gemeinde unterschieden.
Die Gläubigen hatten ein Buch zu Händen, das die Texte der Psalmen, Hymnen u.s.w. enthielt, jedoch keine
Melodien. Die volkstümlichen Melodien gehen wohl auf die italienischen Kapuzinern zurück, die seit der
Gegenreformation in Graubünden missionierten. Diese Vespern waren beliebt und es leben heute noch manche
älteren Leute, die beispielsweise die lateinischen Sonntagspsalmen (jeden Sonntag gleich) auswendig beherrschen.
Die Antiphonen wurden in einem speziellen Rezitationston intoniert. In der Zeit nach dem Konzil fielen
diese (beim Volk recht beliebten) Vespern fast überall fort oder wurden auf wenige Tage im Jahr reduziert.
Meine Erfahrung Ich gehe ungefähr so lange zur alten Liturgie, i. D. R. zur Piusbruderschaft wie vorher
zur Neuen Liturgie, i.d. R. in meiner Heimatgemeinde. Die gesungene Vesper kenne ich nur aus der Gemeinde
der Piusbruderschaft.
gesungene Vesper Dann wird einem auch klar, was P6 angerichtet hat, mit seiner „Liturgiereform“ ich bitte
mal um Hinweise über gesungene Vespern in den Pfarrgemeinden vor der Liturgiereform? Meines Wissens und
meiner Erfahrung aus dieser Zeit gab es sie kaum, so wenig wie heute auch. Gesungene Vespern waren und
sind Domänen der Klöster. Papst Paul VI. zu treten aus Unkenntnis ist eine absolute Sauerei!
antwort Auf „Warum finden wir Derartiges nicht wieder öfter und regelmäßig in unseren Kirchen?“ darf
geantwortet werden, dass wer die gesungene Vesper sucht, sie auch findet, wenn auch nicht vortridentinisch,
so doch tridentinisch. Dann wird einem auch klar, was P6 angerichtet hat, mit seiner „Liturgiereform“,
was er zerstört hat.
Karlvesper in Aachen Als Teilnehmer an dieser Vesper schließe ich mich der positiven Beurteilung dieser
Liturgie vorbehaltslos und vollinhaltlich an. Der Vorwurf eines reaktionären theologischen Hintergrunds
geht allerdings an der Wirklichkeit genauso vorbei, wie der Vorwurf, hinter die Reormen des Konzils von
Trient zurückzugehen mißverständlich ist : Der Rahmen der derzetigen liturgischen freien Beliebigkeit
deckt eine solche Liturgie vollumfänglich ab. Warum soll im Rahmen dieser freien Beliebigkeit eine Liturgie
nur deswegen nicht erlaubt sein, weil sie zufällig schon ein paar Jahrhunderte alt ist? Im Übrigen geht
die Liturgiereform von Vaticanum II bzw. deren z. Zt. gültige Ausführungsbestimmungen selbst zum Teil
auf vortridentinische Bräuche zurück! Als Bespiel mag hier das intertropierte Kyrie dienen, das nach
dem Muster von GL 495 in der heutigen Liturgie wieder fröhliche Urständ feiert! Auf den Gedanken, in
einem lateinischen Hochamt die alten Texte zu singen, ist, soweit mir bekannt, bisher niemand gekommen.
Ob die derzeitigen Kirchenmusiker nicht ausreichend Musikgeschichte lernen oder auf ein streng modernistisches
Marschtrittchristentum getrimmt sind? Wie mir ein Liturgiewissenschaftler vor Jahren auf Anfrage versichert
hat, sind die damals verbotenen Texte jetzt wieder erlaubt.
weite Rück-Schritte Derartige Initiativen wecken Sehnsucht nach einer (hoffentlich bald von Seiner Heiligkeit
eingeleiteten) „Reform der Reform“. ist Dir in dem Artikel aufgefallen, dass Seine Heiligkeit dann hinter
die Reformen des Tridentinums gehen müßte?