13:54:01 | Sonntag, 5. März 2006
Die Deutschen Bischöfe waren angesichts der Gottlosigkeit im Land von einer so schweren Sorge bedrückt, daß sie den Entschluß trafen, einen gemeinsamen Hirtenbrief zu verfassen: „Müßten nicht unsere Gläubigen mit um so größerer Treue Gott dem Herrn anhangen, um Sühne zu leisten und um seinen Zorn zu mindern?“
(kreuz.net) Jahr um Jahr hört Ihr, liebe Gläubige, einen Hirtenbrief des Bischofs Euerer eigenen Diözese.
Aber in diesem Jahre schreiben alle deutschen Bischöfe gemeinsam ein Hirtenwort zur Fastenzeit.
Denn
eine gemeinsame Sorge bedrückt uns.
Ihr wißt, daß in unseren Tagen eine Irrlehre drohend ihr Haupt
erhebt, die sich selber den „dialektischen Materialismus“ nennt. Sie ist besonders verbreitet in ganz
Osteuropa, weithin in Mitteleuropa, in China und anderen Ländern Ostasiens.
Dieser dialektische Materialismus
behauptet, daß es nichts gebe als die Materie.
Er kann zwar nicht bestreiten, daß der Mensch Geist
und Verstand hat, aber er behauptet, daß auch Geist und Verstand nichts anderes seien als Funktionen
und Ausstrahlungen der Materie.
Weil er nur die Materie kennt, hat er keinen Raum mehr für ein Fortleben
nach dem Tode und keinen Raum mehr für unseren Herrn und Gott.
Zu vielen Zeiten hat es Gottesleugner
gegeben. Aber bewußte Gottlosigkeit als Massenerscheinung gibt es erstmalig in unserer Zeit. Zum erstenmal,
solange die Welt besteht, wird fast die gesamte Jugend großer Völker ohne Gott und gegen den Glauben
an Gott erzogen.
Auch in weiten Teilen unseres Vaterlandes will man die Jugend für diesen dialektischen
Materialismus gewinnen. Abschluß und Höhepunkt dieser Erziehung soll die sogenannte Jugendweihe sein.
Dazu kommt aber eine andere Sorge, und gerade sie läßt uns Bischöfe Euch heute diesen gemeinsamen
Hirtenbrief schreiben.
Müßten nicht wir Christen um so gläubiger sein, je mehr der dialektische Materialismus
sich ausbreitet und Gottes Majestät millionenfach angetastet und geleugnet wird?
Müßten nicht unsere
Gläubigen mit um so größerer Treue Gott dem Herrn anhangen, um Sühne zu leisten und um seinen Zorn
zu mindern?
Statt dessen beobachten wir Bischöfe, wie viele unserer Gläubigen selber
praktisch dem
Materialismus verfallen sind. Nicht wenige von denen, die – vielleicht sogar mit Leidenschaft – den dialektischen
Materialismus ablehnen, ja mit Schrecken an seine Folgen denken, sind in ihrer Lebenshaltung Materialisten
geworden.
Die praktischen Materialisten leugnen Gott nicht. Im Gegenteil, sie beten: „Ich glaube an Gott,
den allmächtigen Vater.“ Aber sie nehmen Gott den Herrn nicht mehr ernst. Sie leben, als ob es Gott den
Herrn nicht mehr gäbe. Seine Gebote schieben sie beiseite.
Wenn sie in ihrem Alltag ihre Entscheidungen
zu treffen haben, fragen sie nicht mehr: „Was sagt Gott dazu?“ Sie richten sich vielmehr nach ihrem Vorteil
oder nach der Meinung der Leute.
Die praktischen Materialisten leugnen auch das Jenseits nicht. Im Gegenteil,
sie beschließen ihr Glaubensbekenntnis mit dem Satz: „Ich glaube an das ewige Leben.“
Aber sie nehmen
das ewige Heil ihrer unsterblichen Seele nicht mehr ernst. Sie besuchen vielleicht noch die Sonntagsmesse
und hören auch diesen Hirtenbrief, aber der Meßbesuch bedeutet ihnen nichts anderes mehr als die Erledigung
einer Pflicht oder Gewohnheit.
So kann man ein Christ sein, der, wie man zu sagen pflegt, noch „praktiziert“,
und gleichzeitig schon dem praktischen Materialismus verfallen.
Diese Halbchristen haben sich einen neuen
Gott erwählt, und ihm sind sie mit Leib und Seele hingegeben. Und dieser Götze ist der sogenannte Lebensstandard,
Besitz- und Genußgier. Dem Verdienst und Erwerb haben sie sich mit geradezu inbrünstiger Leidenschaft
verschrieben.
Fast ungehemmt greifen sie nach allen Möglichkeiten des Vergnügens, auch solchen bedenklicher
Art, bis an die Grenze des sittlich Erlaubten und darüber hinaus. Sie kennen nur noch Erwerb und Genuß.
Ist es nicht nackter Egoismus:
– wenn der Kindersegen deswegen verweigert wird, weil man zuerst das
Fernsehgerät oder das Auto anschaffen will;
– wenn man die eigenen Kinder als lästig empfindet; wenn
ohne Rücksicht auf das Glück der Kinder die Ehen gebrochen und schließlich geschieden werden;
– wenn
man älter gewordene Väter und Mütter in Altersheime abschiebt, auch wenn gar keine Not es erfordert;
– wenn man die eigene Ehe nur noch sieht und behandelt als einen sexuellen Zweckverband;
– wenn der
Nächste dem Nächsten im Grunde genommen gleichgültig geworden ist und jeder bei sich denkt: „Wenn es
nur mir gut geht!“
Geliebte Diözesanen, begreift, wie ungeheuer die Gefahr ist, die uns alle bedroht:
Das Hinübergleiten in den praktischen Materialismus und den praktischen Atheismus vollzieht sich in der
Regel im einzelnen Menschen in so kleinen Schritten, daß der Betreffende selber es zunächst fast nicht
bemerkt.
Aber wenn dieses Abgleiten einmal begonnen hat, folgen die nächsten Schritte fast unausweichlich,
bis schließlich Geld und Genuß als die neuen Götzen ganz an die Stelle des heiligen Gottes getreten
sind.
Dabei haftet dem hemmungslosen Streben nach Erwerb und Genuß geradezu etwas Gespenstisches an,
wenn man auf den Hintergrund schaut, vor dem es sich vollzieht. Wir meinen die Bedrohung der Völker durch
die sogenannte Atomkraft.
Im August 1945 fielen die ersten Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Diese
zwei Bomben kosteten 130.000 Menschen das Leben. Dazu kommen die Verwundeten.
Zehn Jahre weiter, und
schon hören wir von Bomben, die nicht nur Städte, sondern Provinzen vernichten können. „Die größten
Autoritäten“, so sagte ein führender Atomforscher, „sind sich darüber einig, daß ein Krieg mit der
Wasserstoffbombe durchaus zur Vernichtung der ganzen Menschheit führen könnte.“
Und noch weiß keiner,
welche Erfindungen uns bevorstehen. Väter und Mütter wagen fast nicht die Frage zu stellen, welchen
Geschicken ihre Kinder und Enkel entgegengehen. Die Völker und ihre Lenker sind ratlos geworden.
Jeder
ist gegen jeden mit Mißtrauen erfüllt, und jeder kann jeden vernichten. Wie gefährdet ist alles Leben
auf dieser Erde geworden, wie wurde offenbar die Vergänglichkeit der irdischen Dinge!
Wirkt es nicht
grotesk, daß ausgerechnet in dieser Situation so viele Menschen sich krampfhaft an die brüchigen Dinge
klammern und ihr Heil in möglichst viel Geld und Besitz und Genuß suchen?!
Erster Teil aus dem Hirtenbrief
der deutschen Bischöfe zur Fastenzeit 1956. Onlinebereitstellung durch stjosef.atNächster Fastensonntag:
Belügt Euch nicht selbst!
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