07:54:11 | Mittwoch, 15. März 2006
„Im Maße, in dem das Christentum verdrängt wird, geraten wir zusehends in die Lüge, die Häßlichkeit und die Unmenschlichkeit.“ Interview mit dem katholischen österreichischen Politiker Ewald Stadler.
(kreuz.net, Wien) Mag. Ewald Stadler (45) ist verheiratet und Vater von sechs Kindern. Er gehört der
Freiheitlichen Partei an: von 1989 bis 1994 im Landtag Vorarlbergs, von 1994 bis 1999 im Österreichischen
Nationalrat und von 1999-2001 in der Landesregierung Niederösterreichs.
Seit 2001 ist er Mitglied der
Wiener Volksanwaltschaft, welche die Interessen der Bürger vor dem Staat vertritt. Der Katholik Stadler
zählt gegenwärtig zu den interessantesten und am wenigsten angepaßten Politikern Österreichs.
Jörg
Haider, der damalige Vorsitzende der Freiheitlichen Partei, hat sie, offenbar abwertend, als „konservativen
Katholiken“ bezeichnet. Hat ein Katholik diese Partei wirklich nötig?„Ein schöner Beginn für ein
politisches Gespräch. Wahrscheinlich ist die ‘Freiheitliche Partei Österreichs’ (FPÖ) derzeit die beste
Wahl für einen überzeugten Katholiken.
Alle Parteien in Österreich unterlagen in den letzten dreißig
Jahren massiven Veränderungen.
Die alte ‘Österreichische Volkspartei’ (ÖVP) zum Beispiel, war, als
mein Großonkel Konrad Eberle noch ÖVP-Abgeordneter war, damals die katholische und staatstragende Partei
schlechthin.
Das hat sich aber völlig geändert und hat mit der Partei eines Wolfgang Schüssel gar
nichts mehr zu tun.
Die ÖVP der Gegenwart hat ihre Wurzeln in dem Maß abgeschnitten, wie sich auch
die „Grünen“ von ihren seinerzeit ja ziemlich konservativen Anfängen distanziert haben. Die Sozialisten
sind von einer Arbeiterpartei zu einer Interessensvertretung des Großkapitals geworden.
Auch die Freiheitlichen
haben massive Transformationsprozesse durchgemacht. Das hat einerseits immer wieder in weitreichende Anpassungen
der Partei an die herrschenden Machtzentren geführt, denken wir an die FPÖ unter Norbert Steger, Heide
Schmidt oder Susanne Riess-Passer.
Es hat andererseits aber – das macht die FPÖ zu etwas Besonderem –
zum Erstarken eines Flügels patriotischer und konservativer Kräfte geführt, die mehrmals schon innerparteilich
das Ruder herumreißen konnten.
Sie sprechen von Jörg Haider im Jahr 1986?Selbstverständlich. Damals
war Haider eine Hoffnung und eine Möglichkeit, aus dem Alptraum der sozialistischen Republik des Postenschachers
der Funktionäre, der politischen Skandale, der linken Mißwirtschaft und der totalitären staatlichen
Bevormundung herauszukommen.
Doch leider ist der Haider von 2006 in wesentlichen Punkten nicht mehr der
Haider von 1986.
Die österreichische politische Wende von 1999/2000 war eine gewaltige Chance, die aber
völlig vertan wurde.
Ewald Stadler:
„Ich würde einer abtreibungsgefährdeten Mutter sagen, daß sie mit
einer Entscheidung gegen das Kind ihr Leben zerstört und ihr Seelenheil gefährdet“
Haiders Aufgabe wäre
gewesen, die Linie von Bundeskanzler Schüssel in allen heiklen Fragen zu kontrollieren und die wirklichen
Interessen von Land und Volk durchzusetzen. Beim Kindergeld hat das ja durchaus noch funktioniert.
Doch
statt diese Aufgabe konsequent wahrzunehmen, zog sich Haider plötzlich zurück und überließ sich seinen
persönlichen Unausgeglichenheiten und Österreich den linksliberalen Technokraten der ÖVP. Das konnte
nur schiefgehen.
Den Schaden hat das Land davongetragen. Es ist seit Jahren und noch bis zu den Wahlen
der immer irrsinniger werdenden, ungehinderten Politik der Regierung Schüssel ausgeliefert.
Statt einer
Wende hat es einen weiteren Linksruck gegeben. Das Land wurde dem ausländischen Kapital ausgeliefert.
Dafür sind weder Jörg Haider noch Bundeskanzler Schüssel gewählt worden.
Wie muß man die Rebellion
der FPÖ-Parteibasis gegen die damalige Parteiführung im September 2002 in Knittelfeld und ihre Folgen
einordnen?Das war die Immunabwehr einer mehrheitlich immer noch intakten Partei gegen die Zumutung der
Selbstaufgabe. Man findet in der Politik immer wieder Interessen finanziell wohldotierter Kreise, die
mit den Interessen des Landes nichts zu tun haben.
Daß sich ganze Parteien in den Dienst solcher falscher
Interessen stellen, ist eine häufige Verfallserscheinung unserer Demokratie. Leider viel zu selten wird
es dagegen ein Knittelfeld geben. In unserem Fall war Knittelfeld die Möglichkeit für einen Neuanfang.
Ewald Stadler gilt als entschiedener Gegner der Abtreibung. Was würde er einer schwangeren Mutter sagen,
die ihr Kind töten möchte?Ich würde ihr sagen, daß sie sich damit keinen Gefallen erweist. Ich würde
ihr sagen, daß sie mit einer Entscheidung für das Kind ihr Leben bereichert, mit einer Entscheidung
gegen das Kind aber ihr Leben zerstört und ihr Seelenheil gefährdet.
So bitter sich das auch anhören
mag, aber es scheint in Österreich eine Mehrheit für die Abtreibung zu geben.Ja, ja, das sagen uns
alle Parteifunktionäre, die nicht den Mut und nicht den Willen haben, an bestehendem Unrecht zu rütteln.
Man müßte es zumindest einmal ausprobieren. Aber wir leben ja in einer „Demokratie“, in der man das
Volk vorsichtshalber erst gar nicht lange fragt, wie es mehrheitlich wirklich entscheiden würde.
Erinnern
wir uns nur an die berühmten Nichtabstimmungen über die EU-Verfassung oder über den EU-Beitritt der
Türkei. Da ist die Frage nach der Mehrheit plötzlich uninteressant.
Die Legalisierung der Abtreibung
ist eine massive Beschädigung des humanen Fundaments unserer Gesellschaft. Wir müssen davon wieder wegkommen.
Das Menschenrecht auf Leben ist ein natürliches und unveräußerliches Recht. Es ist keine Frage einer
Wahlfreiheit, der Frauenrechte oder des Mehrheitsentscheides.
Mit solchen Meinungen rennen Sie allerdings
gegen liberale Tabus.Genaue, ich mache das bewußt und mit voller Absicht. Wir dürfen – gerade in der
Politik – die Dominanz diverser liberaler und linker Denkverbote nicht mehr akzeptieren.
Ewald Stadler:
„Wir
dürfen, gerade in der Politik, die Dominanz diverser liberaler und linker Denkverbote nicht mehr akzeptieren.“
Es
wäre viel wichtiger und angebrachter, sich statt der gerade aktuellen liberalen Tabus die Gebote des
Dreifaltigen Gottes und die lange österreichische Tradition des Widerstandes gegen linken Unsinn in Erinnerung
zu rufen.
Mit dem Spruch „Pummerin [große Glocke des Stephansdoms zu Wien] statt Muezzin“ ist die FPÖ
im Herbst in den Wiener Wahlkampf gezogen. Danach hat sich sogar der Erzbischof von Wien vom „fremdenfeindlichen“
Wiener Wahlkampf der FPÖ distanziert.Zunächst wollen wir den Sprachgebrauch justieren. Die FPÖ ist
nicht fremdenfeindlich.
Sie ist immigrationskritisch.
Ewald Stadler:
„Der Erzbischof von Wien ist eine
Respektsperson. Trotzdem sollte auch er sich endlich mit der Frage beschäftigen, wohin die derzeitige
Völkerwanderung nach Europa führen wird.“
Der Erzbischof von Wien ist eine Respektsperson. Trotzdem
sollte auch er sich endlich mit der Frage beschäftigen, wohin die derzeitige Völkerwanderung nach Europa
führen wird und was von Österreich bleibt, wenn die nichteuropäische und nichtchristliche Immigration
so groß wird, daß die autochthone Bevölkerung in die Minderheit gerät. In Wien sind bereits jetzt
nur mehr 49 % der Bevölkerung römisch-katholisch. Das muß doch zu denken geben.
Österreich ist kein
Einwanderungsland. Wir wollen uns unsere Heimat nicht wegnehmen lassen. Das ist keine Feindseligkeit gegenüber
dem Ausländer. Das ist eine legitime Grenzziehung. Das ist die Betonung unseres Heimatrechtes und der
Wille zur Wahrung unserer Identität.
Deswegen sind wir auch gegen ein Minarett in Telfs in Tirol. Wir
deuten solchen Bau von Minaretten als fremde Besitzergreifung.
Ewald Stadler:
„Beim dänischen Karikaturenstreit
geht es nicht um die vielbeschworene „Verteidigung“ der „Pressefreiheit“, sondern um die Niederträchtigkeit
des linken und liberalen Religionshasses.“
Das wollen wir nicht. Ich sage das durchaus mit Respekt gegenüber
dem Islam.
Gegenwärtig wird gerade eine angebliche Gewalttätigkeit des Islams breitgetreten.
Aber
im Fall der derzeitigen massiven und leider auch tragischen Ausschreitungen ist das letztlich die Reaktion
auf die Gewalttätigkeit der liberalen Gesellschaft gegenüber der Religion – gegenüber jeder Religion.
Nicht das begrüßenswert strenge dänische Einwanderungsgesetz oder die jetzt wieder vielfach beschworene
„Verteidigung“ der „Pressefreiheit“, hinter der man sich einmal mehr verlogen verschanzt, sondern die
Niederträchtigkeit des linken und liberalen Religionshasses steht hier zur Debatte.“
Mozartjubiläum –
Mozartland. Gibt es in Österreich auch eine Kultur der Gegenwart?Österreich befindet sich gegenwärtig
in einer kulturellen Katastrophe. Der Diebstahl des Saliera [Salzfaß des italienischen Goldschmieds und
Bildhauers Benvenuto Cellini († 1571)] im Mai 2006, die wir durch eine Kombination aus Zufall und Tüchtigkeit
der Polizei und gegen alle Wahrscheinlichkeit wieder bekommen haben und die Rückgabe der Gemälde von
Gustav Klimt – womit wir um einen zentralen Teil des Österreichischen Kulturerbes ärmer geworden sind –
sind Konsequenzen der Verachtung der Regierung Schüssel für die Tradition, die Identität, für die
ererbten und eigentlichen kulturellen Bestände des Landes.
Denkmalschutz – zählt nicht mehr. Erhaltung
unserer Kulturbestände – uninteressant. Bewahrung der Schönheit unserer Städte und Landschaften – kein
Bedarf.
Womit kann man das Ausland bedienen? Was kann man zu Geld machen? Wo können wir Österreich
abbauen und Globalisierung einführen? Nur das zählt. Das ist es, was Bundeskanzler Wolfgang Schüssel,
der Präsident des österreichischen Nationalrates, Andreas Khol, und die Unterrichtsministerin Elisabeth
Gehrer glücklich zu machen scheint.
Es fließen Jahr für Jahr Millionen in den sogenannten Kulturbereich,
in ein linksextremes Burgtheater, in die Förderung von sogenannten Künstlern wie Nitsch, Mühl und Consorten,
in absurde Projekte schreiend schlechter „Architektur“.
Wir hätten leicht das Geld, um die bislang aus
unseren Museen rund 5000 restituierten Kunstobjekte einschließlich sämtlicher Klimts zurückzukaufen.
Aber die Regierung Schüssel will nicht.
Die Regierung Schüssel fördert lieber „moderne Kunst“ – also
linken Mist, um mich klar auszudrücken. Sie fördert mit viel Geld die Zerstörung musealer und denkmalgeschützter
Ensembles, wie die desaströsen Umbauten an der Albertina [Palais Erzherzog Albrecht in der Wiener Innenstadt]
belegen.
Wir verarmen hier Tag um Tag. Die Zerstörung des Hofkammerarchivs droht unmittelbar. Seine
völlige Räumung wird bereits durchgeführt. Die Zerschlagung des Heeresgeschichtlichen Museums steht
vor der Türe – immerhin eines der bedeutendsten militärhistorischen Museen der Welt.
Das ist alles
Wahnsinn. Die Verantwortlichen dafür gehören eigentlich vor Gericht.
Ich halte diese Kulturpolitik
für ein Verbrechen an Österreich. Eine fundamentale kulturpolitische Wende ist unerläßlich. Wir müssen
der kulturellen Brandschatzung und Ausplünderung, der Österreich derzeit ausgesetzt ist, ein Ende bereiten.
Wer Kultur sagt, der sagt auch Kirche. Wo sehen sie die Berührungspunkte zwischen Kirche und Politik?
Ich bin als traditionstreuer Katholik ein treuer Sohn der Kirche, wie ich hoffe. Als Katholik stehe ich
den Tendenzen der Entchristlichung, denen Österreich und Europa ausgesetzt ist, ablehnend gegenüber.
Im Gegensatz zu prominenten ÖVP-Politikern der Gegenwart kann ich mit dem Christlichen Abendland sehr
viel anfangen. Es ist die Grundlage all dessen, was auf diesem Kontinent an Wahrem, Schönem und Gutem
überdauert hat.
Im Maße, in dem das Christentum verdrängt wird, geraten wir zusehends in die Lüge,
die Häßlichkeit und die Unmenschlichkeit.
Ewald Stadler:
„Es erfüllt mich mit Sorge, daß der Zerfalls-
und Selbstzerstörungsprozeß längst auf die Kirche übergegriffen hat. Sie ist als gesellschaftspolitisches
Korrektiv bereits weitgehend ausgefallen.“
Als Katholik ist es meine politische Aufgabe, mich diesem Prozeß
der Selbstzerstörung unserer Gesellschaft entgegenzustellen.
Als am Gemeinwohl orientierten Politiker
erfüllt es mich mit Sorge, daß der Zerfalls- und Selbstzerstörungsprozeß längst auf die Kirche übergegriffen
hat. Sie ist als gesellschaftspolitisches Korrektiv bereits weitgehend ausgefallen.
Die Kirche ist ein
potentieller politischer Faktor. Als solcher wird sie von der Linken auch wahrgenommen und mittlerweile
instrumentalisiert. In Österreich sollte sich die Kirche aus diesem Abhängigkeitsverhältnis – das eine
Konsequenz der Ära von Kardinal König ist – befreien und wieder eine unabhängige Kraft werden. Zu unser
aller Nutzen.
Eine unabhängige Kirche würde gewisse Fehlentwicklungen ausgleichen, für die es in einer
säkularisierten Gesellschaft keine Korrektur mehr gibt. Für diesen Mißstand ist Frankreich derzeit
ein gutes Beispiel. Darum ist der französische Staatsatheismus auch keine brauchbare Grundlage für ein
Vereintes Europa.
Die Kirche muß zu ihrer Tradition, das heißt, zu sich selber zurückfinden. Das ist
der einzige Weg aus der Krise. Weg vom zeitgenössischen Kuschelkatholizismus, vom Anthropozentrismus,
von der liturgischen Beliebigkeit und zurück zur Klarheit der Verkündigung, der Erhabenheit der Göttlichen
Liturgie und der Ausrichtung auf Gott.
Die große Preisfrage: Wird Ihre Partei – die FPÖ – diese Ideen
auch nach gewonnenen Wahlen umsetzen wollen?Der FPÖ bietet sich die Möglichkeit einer ganz klaren
Positionierung, was unter Haider so leider nicht ging. Eine Positionierung, die alte freiheitliche Anliegen
mit konservativen Standpunkten und einem entschiedenen sozialen Engagement verbindet.
Diese Positionierung
müßte sich gegen den Raubbau der Globalisierung ebenso stellen wie gegen die Vernichtung der historischen
und kulturellen Identität des Landes, der Zerstörung der bäuerlichen Strukturen, den Abbau der sozialen
Standards.
Es lassen sich sachpolitisch Allianzen schließen. Zum Beispiel mit der Kirche und der Gewerkschaft
für die Erhaltung des Sonntages. Mit den Katholiken für die Verteidigung und Förderung der Familie,
der Zurückdrängung staatlichen Zugriffs auf die Erziehung und der Verhinderung der Einführung der zwangsweisen
Ganztagsschule. Mit den Tirolern gegen den Transitwahnsinn. Mit den Bauern um eine Sicherung der ökologischen
und qualitativen Standards einer autonomen Versorgung mit Lebensmitteln. Mit allen kulturbewußten Österreichern
im Kampf um unser traditionelles kulturelles Erbe. Mit den Naturschützern um die Bewahrung unserer Landschaften
und Lebensgrundlagen. Mit den EU-Skeptikern um ein anderes Europa.
Die FPÖ wird gut beraten sein, sich
den herkömmlichen und korrumpierten politischen Mechanismen zu verweigern und sich intensiv um die eigentlichen
Interessen des Landes zu bemühen. Werden wir auf diesem Weg konsequent voranschreiten, werden die guten
Früchte solch einer Politik nicht ausbleiben.
Das Interview erschien in der in Wien herausgegebenen
Flugschrift ‘DIE WEISSE ROSE’
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