17:30:49 | Samstag, 18. März 2006
Wenige Monate vor dem Papstbesuch in Istanbul gibt es in der Türkei besorgniserregende Überfalle auf Geistliche und noch bedenklichere Berichte darüber in den Medien.
(kreuz.net, Mersin) Der jüngste Vorfall ereignete sich am vergangenen Samstag um 19.00 in der katholischen
Pfarrei der türkischen Stadt Mersin.
Die Stadt Mersin befindet sich im Süden der Türkei an der Mittelmeerküste.
Die Pfarrei wird von Kapuzinern betreut, die in einem Konvent leben, der direkt an die Pfarrei angeschlossenen
ist.
„Wir übten mit den Jugendlichen im Saal des Konventes für ein Passionsspiel“, schrieb der Pfarrer,
Pater Hanri Leylek, in einem Bericht für den Nachrichtendienst ‘AsiaNews’.
„Da erschien ein etwa 22jähriger
Bursche an der Eingangstüre zum Saal und mischte sich unter die Pfarrjugend. Dann drängte er sich nach
vorne.“
Im Saal befanden sich etwa 25 Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren.
„Einer der Burschen
rief mich und erklärte, daß es einen Fremden gab, der Schwierigkeiten machte und mit einem Priester
reden wollte“, erklärt der Geistliche.
Pater Leylek verließ daraufhin den Saal und begann, mit dem
Fremden im Korridor zu sprechen:
„Als ich bemerkte, daß er unzusammenhängende Dinge von sich gab und
Drohungen aussprach, fordert ich ihn auf, wegzugehen“ – so Pater Leylek.
Der Eindringling weigerte sich
und stieß noch mehr Drohungen und Verwünschungen aus.
In der Zwischenzeit waren auch die Jugendlichen
in den Korridor geströmt. Die Situation war so angespannt, daß der Pater beschloß, die Polizei zu rufen.
Dazu begab er sich in eine Telefonkabine, die sich ebenfalls im Korridor befand:
„Ich nahm den Hörer
ab und wählte die Nummer der Polizei. Da sah ich plötzlich, wie die Jugendlichen auseinander rannten
und der fremde Bursche mit einem 80 bis 90 Zentimeter langen Kebab-Messer, das er hinter seinem Rücken
versteckt hatte, auf mich zukam und mich bedrohte.“
Er habe sofort den Hörer niedergelegt und versucht,
den Angreifer zu beruhigen. Es sei ihm auch gelungen aus der engen Telefonzelle herauszukommen.
In der
Zwischenzeit betrat ein zweiter Kapuziner, Pater Robert, den Korridor. Der Angreifer wandte sich diesem
Pater zu und bedrohte ihn. Pater Robert versuchte ebenfalls, den Angreifer zu beruhigen.
Pater Leylek:
„Es gelang mir, mich aus dem Haus zu schleichen und zur Polizeistation in der Nähe der Kirche zu gehen.“
In der Zwischenzeit ließ der Angreifer von Pater Robert ab und begab sich zurück in den Saal, wohin
sich die Jugendlichen geflüchtet hatten.
Er öffnete die von den Jugendlichen zugesperrte Türe, indem
er mit seinem Messer deren Glasfenster zerbrach. Im Saal durchstöberte er die dort aufgehängten Jacken
und stahl ein Mobiltelephon.
Zu diesem Zeitpunkt hatten die Jugendlichen den Saal bereits durch andere
Ausgänge verlassen und sich in Zimmer und Toiletten geflüchtet.
Der Angreifer schrie und drohte weiter.
„Nach fünf Minuten kehrte ich mit drei oder vier Polizisten ins Kloster zurück“ – setzt Pater Leylek
seinen Bericht fort:
„Die Vollzugsbeamten trafen den Burschen im Treppenhaus des Klosters. Er bedrohte
auch die Polizisten, die versuchten, ihn zu beruhigen.“
In der Zwischenzeit erreichten Journalisten und
ein Dutzend Polizisten die Szene.
Nach einem ungefähr 15minütigen Hin und Her mit der Polizei ergab
sich der Messerträger schließlich. Er wurde in Gewahrsam genommen und später wieder freigelassen.
Nicht weniger bedrohlich als der Angriff ist die Art, wie türkische Medien über den Zwischenfall berichteten.
Für einige Fernsehstationen bestand die Hauptmeldung darin, daß der Bursche den Konvent betreten habe,
um der Kirche vorzuwerfen, Jungen und Mädchen, die zur Kirche kommen, miteinander zu verkuppeln. Der
Messerangriff wurde bei dieser Art von Berichterstattung unterschlagen.
Nach Angaben der Kapuziner gibt
es in der Türkei Stimmen, die den Leuten erzählen, daß die Kirche Moslems konvertiere und eine Gefahr
für sie darstelle.
So berichtete die Tageszeitung ‘Vatan’ nur einen Monat nach der
Ermordung des italienischen
Priesters, Don Andrea Santoro, daß dieser Dollars verteilt habe, um Jugendliche in die Kirche zu locken.
Hinter solchen Meldungen scheint ein politischer Kampf religiöser Gruppen zu stehen, die gegen den EU-Beitritt
der Türkei Stimmung machen.
Bereits vor zwei Monaten war die katholische Pfarrei in Mersin Schauplatz
eines Besuchs durch einen Vandalen geworden, der ebenfalls von der Polizei verhaftet wurde.
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