14:18:45 | Sonntag, 9. April 2006
Benedikt XVI.
Der Göttinger Neutestamentler Gerd Lüdemann kann sich den Lobeshymnen für die erste päpstliche Enzyklika nicht anschließen: Die Enzyklika streue den Lesern Sand in die Augen.
(kreuz.net, Göttingen) Gleich zu Beginn seiner ersten Enzyklika
‘Deus Caritas est’ sieht Benedikt XVI.
die Mitte des christlichen Glaubens in einem Wort aus dem Ersten Johannesbrief.
Es lautet „Gott ist die
Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“. Das Wort steht in Kapitel
4, Vers 16.
Weiter schreibt der Papst über die Einheit der Liebe in Schöpfung und Heilsgeschichte und
spricht sodann vom Liebestun der Kirche.
Selbst eingefleischte Kritiker der Kirche haben dem Papst für
seine erste Enzyklika Lob gezollt.
Nicht so der protestantische Neutestamentler Gerd Lüdemann (59) und
Professor für Frühes Christentum an der Universität Göttingen im Südosten von Niedersachen. Das berichtete
die ‘Welt am Sonntag’ am 5. März.
Lüdemann war bis 1996 Professor an der Evangelischen Fakultät in
Göttingen. Er verlor seinen Lehrstuhl, nachdem er unter anderem erklärt hatte, daß der auferstandene
Jesus „die Leiche im Keller der evangelischen Kirche“ sei.
Bisher ist Lüdemann erfolglos juristisch
gegen diese Entscheidung vorgegangen.
Jetzt äußert er schwerste Bedenken gegen das päpstliche Lehrschreiben.
Sein Haupteinwand: Das Liebesgebot in den Schriften, die „angeblich vom Jesusjünger Johannes stammen“,
fordere nur die Bruderliebe, niemals die Nächsten- oder gar die Feindesliebe.
Darum sei der Erste Johannesbrief
für das, was der Papst sagen wolle, völlig untauglich.
Der Papst verschweige damit eine „elementare
historische Einzelheit“, die zum Verstehen der Schriften des „Johannes“ – Anführungszeichen von Lüdemann –
unumgänglich sei.
Lüdemann betont auch, daß die Gemeinden des „Johannes“ weit davon entfernt gewesen
seien, nach jener Liebe zu leben, die der Papst heute seiner Kirche empfiehlt.
So knüpfe der in der
Enzyklika zitierte Erste Johannesbrief die Anerkennung des Bruder-Seins an das Bekenntnis des rechten
Glaubens.
Das sei im Zweiten Johannesbrief, den die Enzyklika nicht nennt, um nichts besser.
Hier erkläre
der sogenannte Johannes sogar, daß man nur jenen durchreisenden Bruder aufnehmen dürfe, der bekennt,
daß Christus im Fleisch gekommen ist.
Der ketzerische „Bruder“, der anders über die Menschwerdung Christi
denkt, soll dagegen keine Gastfreundschaft erhalten, ja nicht einmal gegrüßt werden, damit die rechtgläubige
Gemeinde an den bösen Werken des Abtrünnigen nicht mitschuldig werde.
Solche Anweisungen stünden in
einem Brief, der zur gegenseitigen Liebe ermahne und der betreffenden Gemeinde bezeuge, daß sie die Wahrheit
erkannt habe.
In Wahrheit treibe den Verfasser eine „mit Lieblosigkeit gepaarte Berührungsangst“, die
durch den angeblich falschen Glauben christlicher Brüder, die einst zu seinem Gemeindeverband gehörten,
ausgelöst werde.
Mehr noch: Diese Mitbrüder würden sogar als kollektiv verkörperten Antichristen
verstanden und seien damit endgültig zum Tabu geworden.
All das erinnere an eine Aussage des „bedeutenden
Religionskritikers“ Ludwig Feuerbach († 1872).
Dieser habe festgestellt, daß der Satz „Gott ist die
Liebe“ nicht mit dem Satz „Die Liebe ist Gott“ identisch sei. Darum habe der Glaube die Möglichkeit,
sich hinter dem durch das Wort „Gott“ bezeichneten Dunkel zu verstecken.
So bleibe immer ein Platz für
Lieblosigkeit offen, solange Gott im Unterschied von der Liebe gedacht werde.
Es gehöre zum „kleinen
Einmaleins der wissenschaftlichen Exegese“, Texte aus ihrem historischen Zusammenhang heraus zu interpretieren,
erklärt Lüdemann abschließend:
„Die neue Enzyklika tut dies nur zum Schein und erschleicht biblische
Autorität durch Ausblendung historischer Wirklichkeit.“
Indem sie „die von Lieblosigkeit geprägten
Schriften des »Johannes«“ als Grundlage für Ausführungen über die Liebe verwende, streue der Papst
interessierten Christen und der Öffentlichkeit Sand in die Augen.
Der Neutestamentler Gerd Lüdemann
lehrt Frühes Christentum an der Universität Göttingen
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.