Benedikt XVI.
Der Papst kennt das kleine exegetische Einmaleins nicht
Der Göttinger Neutestamentler Gerd Lüdemann kann sich den Lobeshymnen für die erste päpstliche Enzyklika nicht anschließen: Die Enzyklika streue den Lesern Sand in die Augen.
(kreuz.net, Göttingen) Gleich zu Beginn seiner ersten Enzyklika ‘Deus Caritas est’ sieht Benedikt XVI. die Mitte des christlichen Glaubens in einem Wort aus dem Ersten Johannesbrief.

Es lautet „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“. Das Wort steht in Kapitel 4, Vers 16.

Weiter schreibt der Papst über die Einheit der Liebe in Schöpfung und Heilsgeschichte und spricht sodann vom Liebestun der Kirche.

Selbst eingefleischte Kritiker der Kirche haben dem Papst für seine erste Enzyklika Lob gezollt.

Nicht so der protestantische Neutestamentler Gerd Lüdemann (59) und Professor für Frühes Christentum an der Universität Göttingen im Südosten von Niedersachen. Das berichtete die ‘Welt am Sonntag’ am 5. März.

Lüdemann war bis 1996 Professor an der Evangelischen Fakultät in Göttingen. Er verlor seinen Lehrstuhl, nachdem er unter anderem erklärt hatte, daß der auferstandene Jesus „die Leiche im Keller der evangelischen Kirche“ sei.

Bisher ist Lüdemann erfolglos juristisch gegen diese Entscheidung vorgegangen.

Jetzt äußert er schwerste Bedenken gegen das päpstliche Lehrschreiben.

Sein Haupteinwand: Das Liebesgebot in den Schriften, die „angeblich vom Jesusjünger Johannes stammen“, fordere nur die Bruderliebe, niemals die Nächsten- oder gar die Feindesliebe.

Darum sei der Erste Johannesbrief für das, was der Papst sagen wolle, völlig untauglich.

Der Papst verschweige damit eine „elementare historische Einzelheit“, die zum Verstehen der Schriften des „Johannes“ – Anführungszeichen von Lüdemann – unumgänglich sei.

Lüdemann betont auch, daß die Gemeinden des „Johannes“ weit davon entfernt gewesen seien, nach jener Liebe zu leben, die der Papst heute seiner Kirche empfiehlt.

So knüpfe der in der Enzyklika zitierte Erste Johannesbrief die Anerkennung des Bruder-Seins an das Bekenntnis des rechten Glaubens.

Das sei im Zweiten Johannesbrief, den die Enzyklika nicht nennt, um nichts besser.

Hier erkläre der sogenannte Johannes sogar, daß man nur jenen durchreisenden Bruder aufnehmen dürfe, der bekennt, daß Christus im Fleisch gekommen ist.

Der ketzerische „Bruder“, der anders über die Menschwerdung Christi denkt, soll dagegen keine Gastfreundschaft erhalten, ja nicht einmal gegrüßt werden, damit die rechtgläubige Gemeinde an den bösen Werken des Abtrünnigen nicht mitschuldig werde.

Solche Anweisungen stünden in einem Brief, der zur gegenseitigen Liebe ermahne und der betreffenden Gemeinde bezeuge, daß sie die Wahrheit erkannt habe.

In Wahrheit treibe den Verfasser eine „mit Lieblosigkeit gepaarte Berührungsangst“, die durch den angeblich falschen Glauben christlicher Brüder, die einst zu seinem Gemeindeverband gehörten, ausgelöst werde.

Mehr noch: Diese Mitbrüder würden sogar als kollektiv verkörperten Antichristen verstanden und seien damit endgültig zum Tabu geworden.

All das erinnere an eine Aussage des „bedeutenden Religionskritikers“ Ludwig Feuerbach († 1872).

Dieser habe festgestellt, daß der Satz „Gott ist die Liebe“ nicht mit dem Satz „Die Liebe ist Gott“ identisch sei. Darum habe der Glaube die Möglichkeit, sich hinter dem durch das Wort „Gott“ bezeichneten Dunkel zu verstecken.

So bleibe immer ein Platz für Lieblosigkeit offen, solange Gott im Unterschied von der Liebe gedacht werde.

Es gehöre zum „kleinen Einmaleins der wissenschaftlichen Exegese“, Texte aus ihrem historischen Zusammenhang heraus zu interpretieren, erklärt Lüdemann abschließend:

„Die neue Enzyklika tut dies nur zum Schein und erschleicht biblische Autorität durch Ausblendung historischer Wirklichkeit.“

Indem sie „die von Lieblosigkeit geprägten Schriften des »Johannes«“ als Grundlage für Ausführungen über die Liebe verwende, streue der Papst interessierten Christen und der Öffentlichkeit Sand in die Augen.

Der Neutestamentler Gerd Lüdemann lehrt Frühes Christentum an der Universität Göttingen
      
16 Lesermeinungen
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#16   Katholika   20:34:29 | Sonntag, 28. Mai 2006
Typisch
Herr Lüdemann hat ein typisch deutsches Problem: Unglaube gepaart mit notorischer Nörgelritis. :-S :-! :-D
Einfach nervend. :-|
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#15   Sirilo   22:51:32 | Montag, 10. April 2006
@Centesimus Annus
Kreuz.net ist leider kein Nachrichtenmedium im journalistischen Sinn (das die Trennung von Nachricht/Sachbericht und Kommentar/Meinungsartikel kennen würde), sondern ein Propaganda- und Agitationsmedium…
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#14   centesimus annus   13:56:18 | Montag, 10. April 2006
@sirilio
kann mich ihren Forderungen nur vollinhaltlich anschließen. Darüber hinaus gehend möcht ich auch noch anregend, dass es bereits derart fortgeschrittene Medien gibt, die Sachinformationen und Meinungen voneinander sichtbar unterscheiden. Aber das geht wahrscheinlich bei kreuz.net nicht, sonst müsste die ganze Site kursiv sein ;-)
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#13   Benedikt   13:02:09 | Montag, 10. April 2006
@ markus-antonius
[Horst Eckner] darf seine Thesen hier verbreiten, weil wir das Recht auf freie Meinungsäußerung haben.
Ganz unabhängig von dem, was Hr. Eckner hier gesagt hat ist Ihre Aussage ein richtiger Evergreen geworden – leider wird er auch durch beständiges Wiederholen nicht wahrer. Sie (und ich natürlich auch) haben überhaupt kein Recht darauf, hier Ihre Meinung kundzutun. Das wäre ja noch schöner.
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#12   Sirilo   10:55:49 | Montag, 10. April 2006
„Der Papst kennt…“
Es ist an der Zeit, daß Kreuz.net endlich beginnt, Zitate durch Benutzung von Anführungszeichen auch als Zitate zu kennzeichnen. So wie es hier in der Überschrift steht, nicht als Zitat kenntlich, muß der unbefangene Leser annehmen, es handle sich um eine Tatsachenbehauptung von Kreuz.net. (Die gleiche unprofessionelle Schreibweise ist mir schon öfter aufgestoßen, z.B. bei „Mongoloide sind keine Menschen“. Dieser Satz als Überschrift ohne Zitatkennzeichnung war ein Schlag ins Gesicht von Eltern mit Kindern mit Down-Syndrom.)
Kreuz.net ist inzwischen doch alt genug, um endlich die elementaren Regeln der Journalistik (Unterschied von Nachricht und Meinung, Unterschied von Zitat und Tatsachenbehauptung) zu begreifen und anzuwenden.
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#11   Markus-Antonius †   09:16:22 | Montag, 10. April 2006
Horst Eckner
darf seine Thesen hier verbreiten, weil wir das Recht auf freie Meinungsäußerung haben. Außerdem hat er doch Recht. Wer austeilen kann, und das können viele hier ausgezeichnet, muss auch einstecken können.
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#10   deusexmachina   03:24:17 | Montag, 10. April 2006
@Marina
Es ist ja auch nicht der griechische Gott Eros gemeint, sondern das nach ihm benannte Abstraktum. Man sollte nicht alles so wörtlich nehmen – oder machen Ihnen Donnerstage auch solche Probleme?
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#9   Jörg Guttenberger, Köln   01:51:05 | Montag, 10. April 2006
Hort Eckner
Wieso darf Herr Eckner seine ausfallenden Thesen hier weiter veröffentlichen?
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#8   sttn   21:39:06 | Sonntag, 9. April 2006
Das sollte er eigentlich wissen…
Herr Lüdemann macht meiner Meinung nach den Fehler Heute mit damals zu vergleichen.
Aus vielen Briefen (Paulus, Johannes etc…) ist herauszulesen das die damaligen Gemeinden oftmals sehr unterschiedlichen Gefahren ausgestetzt waren und Verfolgung durch Nicht-Christen war eine der Gefahren, aber es gab auch Heilsverkünder die Anleihen am Christentum genommen haben um Christliche Gemeinden herienzulegen. etc…
Und um die christlichen Gemeinden vor diesen Gefahren zu schützen wurden Warnungen von den Aposteln (Johannes und so weit ich weiß auch von Paulus) ausgesprochen.
Und diese Warnung kann man nun nicht als Gegenargument
verwenden, sondern als „lebenswichtige“ Information.
Diese Briefe sind im übrigens auch keine Lehrbücher, sondern wirklich Briefe die auch als solche verstenden werden sollten. Herr Lüdemann sollte das eigentlich wissen.
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#7   Sebastijonas   21:10:23 | Sonntag, 9. April 2006
@Horst Eckner
Sie schießen mit Ihrer Kritik vielleicht doch ein wenig über das Ziel hinaus. Immerhin hat ja ein kreuz.net-Leser auf das auch von Ihnen gelobte Buch positiv hingewiesen. Und wohl weder Sie noch Copertino (beides ja offensichtlich kreuz.net-Leser) entsprechen dem von Ihnen entworfenen Klischee. Ich hoffe, ich ebenfalls nicht. Damit wären es schon drei, aber tatsächlich werden es wesentlich mehr sein. Ich bin sicher, Sie sähen das auch, wenn Sie aus Ihrer Verschanzung mal hervorkämen. :)
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#6   Copertino   20:33:27 | Sonntag, 9. April 2006
@Horst Eckner
Ich kann Ihnen ja nachfühlen, dass Sie gewisse sprachliche Entgleisungen, die hier mit einer gewissen Regelmüssigkeit (!) stattfanden, entsprechend kommentieren. Aber ich finde es ebenso widerlich, wie Sie mit einem Zynismus sondergleichen alle Kreuznetten in einen stinkenden Sauertopf mit der Etikette „unbelehrbar“ schmeissen. Gerade Sie können sich – mit Ihrer Einstellung – doch kein Bücherverbot für Kreuznetler wünschen??!
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#5   gunther maria michel   18:13:33 | Sonntag, 9. April 2006
Grüß Gott, Marina,
Benedikt knüpft am Bewußtsein der heutigen Menschen an, und darin geistert nun mal Erotik und Sex in höchstem Maße herum. Aber er bleibt dabei nicht stehen, stehen führt weiter zur christlichen Liebe. Seine Methode ist pädagogisch.
Auch der Papst will, dass wir den dreifaltigen Gott anbeten und nicht heidnische Götzen, oder? 8-)
Und woher sonst soll denn die körperliche, die seelische und die geistige Liebe kommen wenn nicht vom Schöpfer?
Noch einmal, Benedikt geht vom heutigen Bewußtsein aus, das stark mitgeprägt ist von der klassischen Antike, um von ihr zum christlichen Glauben zu führen. Seine Herangehensweise ähnelt jener der Kirchenväter. Man sagt Benedikt ja nach, daß er mehr patristisch geprägt sei als scholastisch. Das ist sein gutes Recht. Damit diskreditiert er nicht die Scholastik, folgt aber seiner Vorliebe, die mir sehr zeitgemäß zu sein scheint, denn während die scholastischen Theologen in einer geschlossen katholischen Umwelt forschten und lehrten, taten das die frühen Kirchenlehrer in einer heidnischen Umwelt – ähnlich unserer heutigen Situation in einer weitgehend entchristlichten, neuheidnischen Welt.
Noch einen gesegneten Palmsonntag!
Gunther Maria Michel.
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#4   bonifatius   18:11:40 | Sonntag, 9. April 2006
@Horst Eckner: sie ecken nicht an, sie beleidigen
Eigentlich sollte man ihre beleidigenden Worte (a;b) sofort unter den Tisch fallen lassen. Sie sind nicht nur parterre sondern auch verletzend. Aber das werden sie nie kapieren!
Ansonsten gilt:
– Gott gab dem Menschen die Freiheit, auch
zusündigen.
– Gott gibt auch einem Protestanten die Gnade, den
Weg zu ihm zu finden.
– Gott hat eine an Blutfluß leidende Frau geheilt.
– Gott ist für sündige Menschen gestorben – auch für
Homos.
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#3   Marina   17:02:21 | Sonntag, 9. April 2006
Marina
Eros ist eines der am meisten vorkommenden Wörter zu Beginn der Enzyklika. Das ist befremdlich, denn Gottvater will, dass wir Jahwe anbeten und nicht griechische und römische Götter, wir sollen auch nicht die Liebe in ihren 3 Formen (körperlich/geistig/seelisch)mit heidnischen Götternamen belegen und sie als vom Dreifaltigen Gott herkommend bezeichnen. Das ist an der Enzyklika störend.
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#2   Horst Eckner †   17:00:30 | Sonntag, 9. April 2006
@Copertino
Ja, das Buch ist hervorragend. Aber leider für kreuz.net-Leser nicht geeignet. Die brauchen Lektüre, wo gleich im ersten Satz steht: „Lüdemann ist a) Protestant und hat sich b) ausdrücklich gegen das christliche Glaubensbekenntnis gewandt. Er ist also gleich in zweierlei Hinsicht ein widerwärtiger Untermensch. Widerwärtige Untermenschen aber produzieren niemals wahre Gedanken; es ist christliche Pflicht, sie öffentlich zu beschimpfen, zu verfluchen und sich täglich neue Schimpfworte für sie auszudenken.“ – Alles andere lesen die kreuz.net-Leser nicht, leider.
P.S.: Anstelle von a) und b) kann auch eins der folgenden Versatzstücke stehen:
– bekennt sich dazu, dass Gott jedem Menschen das Recht gewährt, in Freiheit seinen Weg zu wählen („Religionsfreiheit“)
– hat mal einem Protestanten die Hand geschüttelt und ihm einen guten Tag gewünscht
– hat mal einer menstruierenden Frau die Kommunion gereicht
– hat mal beim Kelchpurifizieren einen Tropfen übersehen
– hat mal öffentlich gesagt, Homosexuelle seien auch Menschen
usw.usw…
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#1   Copertino   15:55:15 | Sonntag, 9. April 2006
Buchtipp
Lüdemann braucht einen potenten Sparringpartner. Er hatte ihn auch im leider allzufrüh verstorbenen Theologen und Papyrologen Carsten Peter Thiede. Einen schriftlichen Schlagabtausch lieferten sich die beiden im Buch „Die Auferstehung Jesu – Fiktion oder Wirklichkeit? Ein Streitgespräch“ (TB, erschienen 2001 im Brunnen Verlag, ISBN 3-7655-1241-9). Der Kampf über drei Runden entschied Thiede klar für sich, das heisst zugunsten der historischen Glaubwürdigkeit der Evangelien. Gelernt hat Lüdemann, obwohl im Regen stehengelassen, rein nichts daraus.
Auch und gerade für christen-kritische Geister ist das Buch ein höchst herausfordernder und inspirierender Energy-Drink in der grassierenden mediokren Wüste unserer theologischen Gegenwart, weil es endlich mal ein paar entschiedende Fragen – und Antworten – bezüglich der historischen Grundlagen des Christentums schnörkellos vermittelt.
Aber lesen muss man schon selbst.
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