13:44:33 | Montag, 20. März 2006
Die deutschen Bischöfe müssen sich entscheiden, ob sich ihre Jugendpastoral an der Spiritualität des Weltjugendtags orientieren oder zu einem Jugendkirchenrummel abdriften soll. Von Hubert Hecker.
(kreuz.net) Auf der Frühjahrs- Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Berlin ist die bisherige,
von der Würzbürger Synode bestimmte Ausrichtung der Jugendpastoral ins Wanken geraten.
Zunächst repräsentierte
Professor Martin Lechner von der theologischen Hochschule der Salesianer im Bayrischen Benediktbeuern
mit seinem Referat auf der Berliner Bischofstagung die bisherige pastorale Angebotstheorie, nach der die
Kirche auf die „Sehnsucht der Jugend nach einem sinnerfüllten und richtigen Leben“ ein räumliches und
personelles Angebot machen sollte, um die Jugendlichen bei ihrer „eigenen Lebensgestaltung zu unterstützen“.
Dazu seien unbedingt Jugendkirchen erforderlich, in denen mit „neuen Formen katechetischen Wirkens“ und
jugendgemäßen „liturgischen Ausdrucksformen“ die Anbiederung an die sogenannte „jugendliche Ästhetik“
angestrebt werden soll.
Jugendkirchen in Deutschland

Eröffnung der Jugendkirche Wiesbaden Ende Juni 2005

Eröffnung
der Jugendkirche Wiesbaden Ende Juni 2005
Etwas völlig anderes – mit neuen Worten und Wendungen – war
im Referat von Jugendbischof Franz-Josef Hermann Bode (55) sowie in den folgenden Arbeitsgruppen zur Jugendpastoral
zu hören, die offenbar von der Spiritualität und Theologie des Weltjugendtages geprägt waren.
Die
Jugendpastoral sollte die Sensibilität für Gottes Wirken und Rufen wecken, führte Bischof Bode aus,
um dann seine zentrale Forderung anzuschließen: „Die Anbetung muß Kerninhalt der Jugendpastoral sein.“
„Ein wesentliches Ziel der Jugendpastoral ist die persönliche Beziehung zu Jesus Christus“, hieß es
in der Arbeitsgruppe 2 und dabei „kommt der sorgsamen Hinführung zu den Sakramenten besonderes Gewicht
zu“.
In deutlicher Abgrenzung zu dem Jugendkirchenrummel, bei dem der Kirchenraum entsakralisiert, die
Liturgie banalisiert und alle Veranstaltungen eventisiert werden, betonte Arbeitsgruppe 4:
„Jugendliche
suchen sakrale Räume, in denen sie das Geheimnis der Gegenwart Gottes erahnen können, die von der Geschichte
des Glaubens erzählen, zum Mitfeiern einladen und die Primärsymbole des Glaubens in die Mitte stellen.“
Schließlich forderte Arbeitsgruppe 5 von den für Jugendpastoral Verantwortlichen, den jungen Menschen
dazu zu verhelfen, den Ruf Gottes zu hören, an „geistlichen Orten, in Gebetsgruppen und Jugendvespern
sowie bei Wallfahrten die eigene Berufung“ zu erkennen.
Das Thema Berufung sollte alle jugendpastoralen
Aktivitäten durchdringen und damit „für geistliche Berufungen und kirchliche Dienste fruchtbar“ werden.
Diese Ausrichtung der Jugendpastoral auf eine sakrale und sakramentale Orientierung, auf Gebet und Anbetung,
auf Berufung und Begegnung mit Gott, auf eine unbedingte Kirchlichkeit also, bedeutet eine radikale Neuorientierung
und insbesondere eine deutliche Absage an die Theorie und Konzeption der deutschen Jugendkirchen.
‘Thesen
zur Jugendpastoral’:
„Selbstbestimmung“, „Subjektwerdung“, „Selbstsicherheit“, „Reifungsprozeß“ und „Identitätsbildung“
Für die Jugendkirchen sind alle diese angesprochenen kirchlich-sakramentale Orientierungen nicht einmal
marginale Themen. Gebet und Anbetung, der „Kerninhalt der Jugendpastoral“, taucht in keinem Jugendkirchenprogramm
auf.
Kniebänke und Tabernakel werden als erste aus den Jugendkirchen herausgeworfen.
Im Mittelpunkt
der Jugendkirche steht nicht Gott und seine Verehrung, sondern der Jugendliche, seine Individualität
und Subjektwerdung. Der junge Mensch ist das Maß aller Programme; Events und Selbstinszenierung die neue
„jugendgemäße“ Liturgie; die sogenannte Selbstverwirklichung das Ziel aller Aktionen.
Die Jugendkirchen
fordern und fördern eine jugendpastorale Nabelschau. So heißt es im sechsten „Grundstein“ der
Jugendkirche
Berlin-Kreuzberg:
„Die Individualität der Jugendlichen bleibt ein letzter Bezugspunkt. Sie nicht nur
zu wahren, sondern im Sinne einer Subjektwerdung zu fördern, muß die Grundausrichtung der Jugendkirche
sein.“
Im Bistum Limburg wurden im letzten Jahr drei Jugendkirchen installiert.
Die entsprechenden „Basics“
dazu hatte man schon 1999 in den ‘Thesen zur Jugendpastoral’ formuliert: „Selbstbestimmung“, „Subjektwerdung“,
„Selbstsicherheit“, „Reifungsprozeß“ und „Identitätsbildung“ heißen die individualisierenden Leitwerte.
Bei diesem Programm mit verblüffender Ähnlichkeit zur Humanistischen Union haben christlich-biblische
Worte nur textornamentale Bedeutung. Jede kirchliche Zielsetzung in der Jugendpastoral weisen die Thesenmacher
als „Verzweckung“ oder „Geschäftsinteresse“ weit von sich.
Die Jugendkirchen sind eine Spätfolge der
Würzburger Synode, letztlich Irrläufer der linksideologischen 68er Bewegung.
Im Synodenbeschluß Nr.
8 „Ziele und Aufgaben kirchlicher Jugendarbeit“ wird ausdrücklich gegen den „Evangelisationsauftrag“
das „Selbstverständnis der Jugend“ an den Anfang der Überlegungen gestellt, deren zentrale Kategorie
„Selbstverwirklichung“ ist (Seite 7).
Die Autoren geben offen zu, diesen Begriff aus dem „neomarxistischen
oder liberal aufklärerischen System der Pädagogik“ übernommen zu haben (Seite 10).
Schon damals wurde
der Leitbegriff „Selbstverwirklichung“ heftig kritisiert als ein Weg zur „Selbsterlösung“ statt Erlösung
als vorgängige Gnade und Gabe zu glauben.
Die Modernisten haben sich durchgesetzt, indem sie Jugendpastoral
als ein „Angebot“ von Räumen und personellen Ressourcen definierten, durch den der Selbstfindungsprozeß
der Jugendlichen begleitet werden sollte.
Genau das sind die Jugendkirchen: Event-Agenturen mit teilweise
religiöser Färbung, Angebotsprogramme für modische Jugendkultur, (Kirchen-) Räume für die Selbstinszenierung
von Jugendlichen, Ableger der kommerziellen Jugendindustrie.
Damit wird allerdings eine kirchliche Parallelgesellschaft
aufgebaut, die mit der katholischen Kirche in Form und Inhalt kaum noch etwas zu tun hat. Insofern ist
das Label ‘Jugendkirche’ ein Etikettenschwindel.
Die deutschen Bischöfe müssen sich entscheiden, ob
die Jugendpastoral an der Spiritualität des Weltjugendtags orientiert werden soll oder zu dem Jugendkirchenrummel
abdriftet. Ein Dazwischen gibt es nicht.
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