13:52:36 | Freitag, 24. März 2006
Viele Gläubige besaßen den Glaubenssinn zu erkennen, daß in den letzten Jahrzehnten eine ganze Menge schief lief und das nicht ohne Zusammenhang mit dem jüngsten Konzil und den es exekutierenden Autoritäten. Von Dr. Christoph Heger.
(kreuz.net/
Una Voce) Am 12. Januar brachte das Internetportal www.kath.net – „katholische Nachrichten“ –
ein Interview mit Dr. David Berger, Herausgeber des ‘Internationalen Thomistischen Jahrbuchs’ und der
konservativen katholischen Zweimonatszeitschrift ‘Theologisches’, für das ‘kath.net’ die Überschrift
„Über den Vulgärtraditionalismus“ wählte.
In ihm begrüßt Berger zunächst die sich womöglich abzeichnende
Beilegung des „Streits“ zwischen Rom und der Priesterbruderschaft St. Pius X. als „erfreulich und notwendig“,
gibt aber zu bedenken, daß mit der Wiederzulassung der „klassischen Liturgie“ eine Lösung des „Problems
des nachkonziliaren Traditionalismus“ nur teilweise „befördert“ würde.
Dem wird man zustimmen müssen.
Die Aufhebung des – angeblichen – „Verbots“ der alten Messe wird offenbar auch in Rom für überfällig
angesehen. Um so offener streitig liegt die Frage auf dem Tisch, wie das Zweite Vatikanische Konzil zu
bewerten sei.
Einerseits berief sich der Versuch, die Alte Messe zu vernichten, auf „das Konzil“, andererseits
sah sich der Widerstand gerade durch diesen – inzwischen als gescheitert anzusehenden – Versuch zu einer
eher kritischen Sicht der Konzilsverlautbarungen veranlaßt.
Berger wörtlich: „Der Traditionalismus
war eine Irrlehre, die das Erste Vatikanische Konzil eindeutig verurteilt hat. Sein Kern bestand in einem
falschen Begriff von Tradition.“
Über die Verbindung dieser obskuren Erscheinung des 19. Jahrhunderts
mit den heutigen „Traditionalisten“ erfährt man nicht mehr, als daß beider „Kern“ in einem „falschen
Begriff von Tradition“ bestehe.
Dem entsprechend scheint Berger – nicht auf der Höhe der derzeitigen
Sprachregelung im Vatikan – den suggestiven Interviewfragen darin zuzustimmen, daß sich die „Priesterbruderschaft
und ähnliche mit Rom im Schisma“ befänden.
Seine Argumentationsstrategie ist durchsichtig. „Im Vulgär-
oder Stammtischtraditionalismus äußert sich dieser enge Traditionsbegriff dann aber so, daß man generell
alles, was sich nach den 50er Jahren entwickelt hat, als ,Modernismus’ und ,Sodom und Gomorrha’ ablehnt,
angefangen von neueren Kirchenliedern bis hin zum Tragen von Jeans-Hosen im Gottesdienst durch weibliche
Gläubige.“
Auf der anderen Seite gibt es kleine Grüppchen von verbohrten Intellektuellen, die erstere
mit ihrem „verengten“ Traditionsbegriff impfen. Warum tun sie das? Weil, so Berger, die „sich selbst als
,Traditionalisten’ bezeichnenden Gläubigen“ „die traditionalistischen Institutionen finanzieren und entsprechend
in ,Stimmung’ gehalten werden müssen“.
Das ist eine groteske Fehlzeichnung. Die Gläubigen, die zwar
nicht die intellektuelle Kapazität oder nur nicht die Muße haben, auf dem hohen Niveau von Berger die
Lage zu analysieren, hatten aber sehr wohl den Glaubenssinn, zu erkennen, daß da eine ganze Menge schief
lief – und das nicht ohne einen Zusammenhang mit dem jüngsten Konzil und den es exekutierenden Autoritäten.
Sie haben ihre geistige Wachheit auch dadurch gezeigt, daß sie als Leser eine Vielfalt von zum Teil
geistig hochstehenden Zeitschriften über Jahrzehnte am Leben hielten – und letzten Endes durch ihre „Abstimmung
mit den Füßen“ die Vernichtung der alten Messe vereitelt haben.
Hier herablassend von „Grüppchen“
und „Abspaltungen“ zu reden, die „sowohl qualitativ wie quantitativ vernachlässigbar“ seien, wird weder
dem Problem noch den Menschen gerecht.
Auch Bergers verunglimpfende Beschreibung der intellektuellen
oder auch publizierenden Köpfe unter den Traditionalisten wird diesen nicht gerecht, wenn er behauptet:
„So berühren sich hier die Extreme und die Traditionalisten liegen sich auf einmal mit Hans Küng, Giuseppe
Alberigo und Karl Rahner in den Armen…“
Spricht Berger hier von jenen, die mit großem persönlichen
Einsatz an Zeit, Geld und Gesundheit für die Rechtgläubigkeit kämpften – und zwar auch in Bereichen,
in denen selbst der theologische Laie folgen und zwischen Rechtgläubigkeit und Fehldeutung unterscheiden
konnte.
Ein solcher – durchaus zentraler – Punkt ist eben der Begriff der Tradition, von dem wir bei
Berger hören, daß er einer „Modifizierung der veränderlichen Teile der Lehre unter Beibehaltung der
Integrität der Substanz“ nicht im Wege steht.
Hier wüßte man gern, was man unter „veränderlichen
Teilen der Lehre (Christi)“ verstehen darf und, so es solche geben sollte, was sie einen angehen. Wird
einem unter „Tradition“ – deren wesentlicher Inhalt ja wohl Wahrung der Identität ist – eine Art Evolution
verkauft?
Und wer definiert denn, was jeweils die „Substanz“ ist, die in und trotz dieser „Modifizierung“
„beibehalten“ werden soll?
Das von Berger selbst angesprochene Beispiel für diese einer „Modifizierung“
zu unterziehende Tradition ist die vom jüngsten Konzil verkündete – aber wohl nicht verpflichtend gemachte –
Lehre von der Religionsfreiheit.
Aus der Polemik Bergers gegen die „Traditionalisten“ ist nicht zu erkennen,
wie er sich eine solche – rechtgläubig bleibende – Evolution vorstellt.
Wurde früher gelehrt, die behauptete
Pflicht der staatlichen Ordnung zur Gewährung von „Religionsfreiheit“ sei zu verwerfen, so wird eine
solche Verpflichtung nun plötzlich als verbindlich dargestellt – ist dies noch Evolution oder schon Kontradiktion?
Überhaupt sollte einem Philosophen doch die Reflexion naheliegen, daß eine Lehre über die „Religionsfreiheit“
logisch leer ist, solange man nicht definiert, was denn eine „Religion“ eigentlich ist. Man kann ja nicht
behaupten, das sei klar. Klar ist nur, daß Hinz und Kunz glauben, hier sei mit „Religion“ alles gemeint,
was sich selbst so bezeichnet.
Tatsächlich beansprucht ja auch Scientology für sich „Religionsfreiheit“,
und genauso könnte sich – horribile dictu – der National-Sozialismus als „Religion“ bezeichnet haben.
Wodurch wir wohl zu der Allerweltsdefinition kommen, „Religion“ sei alles, was sich selbst so bezeichnet,
minus dem, was nur politisch inkorrekt so zu bezeichnen ist – und damit zu einer „Religionsfreiheit“ der
lizenzierten „Religionen“ zurückkehren.
Cui bono? Man fragt sich, was die – überflüssigen und der
Sache nicht dienlichen – Ausstellungen Bergers bezwecken.
Ist hier ein sozusagen bereinigter und somit
in akademischen Kreisen eher verantwortbarer Traditionalismus eifrig bestrebt, sich durch Verunglimpfung
eines angeblichen „Stammtischtraditionalismus“ zu profilieren?
Der Artikel wurde für die UNA VOCE KORRESPONDENZ,
36. Jg., Heft 2, März/April 2006 verfaßt.
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