18:13:29 | Freitag, 24. März 2006
St. Pölten
Ein straffällig gewordener Priester wird einem kanonischen Strafprozeß unterworfen, der vermutlich zu seiner Zwangslaisierung führen wird. Doch dann findet der Bedrängte eine Lösung. Interview.
(kreuz.net, St. Pölten) Gestern hat ein vorbestrafter, suspendierter Priester
schwere Anschuldigungen
gegen den für seinen Strafprozeß verantwortlichen Vizeoffizial der Diözese St. Pölten, Hw. Reinhard
Knittel, an die Presse gebracht.
Das Boulevardmagazin ‘News’ kolportierte die Unterstellungen, ohne sich
im geringsten zu bemühen, sie zu verifizieren. Heute sprach ‘kreuz.net’ mit dem durch die Anschuldigungen
geschädigten Priester.
kreuz.net: Wie lange und wie gut haben Sie Ihren Ankläger Volker S. gekannt?
Wie würden Sie seine Persönlichkeit beschreiben?
Hw. Reinhard Knittel: Die angebliche Begebenheit soll
Anfang der neunziger Jahre geschehen sein. Soweit ich mich daran erinnere, wollte sich dieser Priester
zur Erlernung des Römischen Meßritus einige Male treffen.
Seit Herbst 1991 war ich dann unter dem neuen
Diözesanbischof Dr. Kurt Krenn in St. Pölten tätig. Dort habe ich Volker S. im Jahr 1992 oder 1993
nochmals gesehen, als er mich im Sekretariat des Bischofs auf eine Erlaubnis zur Freistellung zu einem
Doktoratsstudium ansprach.
Würde sein jetzt den Medien zugespielter Belästigungsbericht auch nur ansatzweise
zutreffen, hätte er mich wohl damals kaum noch um etwas bitten wollen.
Von ihm selber wußte ich nur,
daß er Kontakte zum Institut von Gricigliano besaß und sich wohl mit Abbé betiteln ließ. Sein Interesse
für den traditionellen Meßritus hielt ich persönlich eher für aufgesetzt. Ich habe Volker S. also
nur oberflächlich gekannt. Von näherer Freundschaft kann keine Rede sein.
kreuz.net: Können Sie sich
vorstellen, was ihn zu der massiven Beschuldigung der homosexuellen Übergriffe veranlaßt hat?
Hw. Reinhard
Knittel: Ich kann hier nur Vermutungen äußern. Einmal jene, daß ich Ende Jänner 2006 von Diözesanbischof
Dr. Dr. Klaus Küng zum Vorsitzenden im kanonischen Strafprozeß gegen Volker S. bestellt wurde. Dieser
Prozeß ist für seine weitere innerkirchliche Existenz als Priester natürlich entscheidend. So ergeben
sich für mich Hinweise einer Reaktionsweise unter Streß.
Ich vermute aber auch, daß eine kleine Gruppe
mit dieser Aktion den Bischof von St. Pölten unter Druck setzen und die ordnungsgemäße Apostolische
Visitation des Jahres 2004 als vermeintlich unvollständige Untersuchung desavouieren will.
kreuz.net:
Sie veröffentlichten in Ihrer Stellungnahme eine Anspielung auf mögliche Anstifter. Könnte Volker S.
Ihrer Meinung nach benützt worden sein, um Ihrer Person gezielt zu schaden?
Hw. Reinhard Knittel: Es
ergeben sich für mich tatsächlich wichtige Indizien, daß diese infamen Anschuldigungen zumindest nicht
nur im Gehirn von Volker S. entstanden sein können: einmal die in seinem Schreiben aus dem Kontext gerissene,
unvollständige und auch sachlich unkorrekt bewertete Bezugnahme auf kirchliche Untersuchungen meine Person
betreffend, die nur im innersten Diözesanbereich bekannt waren und meines Erachtens dem Amtsgeheimnis
unterlagen, die also Volker S., der damals noch in Deutschland in Haft war, nur durch Mitteilung anderer
kennen konnte.
Ferner erreichte mich auch der glaubwürdige Hinweis, wonach ein Priester, der selber
in unmittelbarem Zusammenhang mit den ehemaligen Problemen des deswegen geschlossenen St. Pöltner Priesterseminars
steht und der Volker S. gut kennt, ihn auch heute kirchenrechtlich berate und mir – falls ich in der Diözese
irgend etwas werde – „Vernichtung“ angedroht habe.
Mehrfach sind von dieser Seite schon Verdächtigungen
homosexueller Art gegen mich ausgestreut worden, sodaß ich mich langsam frage, wie solche Projektionen
entstehen können.
kreuz.net: Was erwarten Sie von Bischof Klaus Küng in dieser Angelegenheit?
Hw.
Reinhard Knittel: Ich glaube, daß Bischof Küng ein gerechter Mann ist, der bedächtig, aber genau handelt.
Seine bisherigen Stellungnahmen waren in diesem Stil. Er hat mich von keinem Amt entbunden.
Ich hoffe
einfach, daß er alle Maßnahmen setzt, um die verletzte Gerechtigkeit wiederherzustellen und auch die
noch offenen Fälle im Klerus unserer Diözese mit Bedacht, aber doch zielstrebig und zur vollen Zufriedenheit
des Apostolischen Stuhles und der Katholischen Kirche in Österreich abschließen wird.
kreuz.net: Glauben
Sie, daß die gegen Sie geführte Presse-Kampagne auch damit zusammenhängen könnte, daß Sie die Alte
Messe zelebrieren?
Hw. Reinhard Knittel: Nein, das glaube ich eher nicht. Durch Papst Benedikt XVI. ist
eine weitere positive Stabilisierung des Bürgerrechtes für den Römischen Meßritus älterer Ausprägung
eingetreten. Das Verständnis für eine legitime liturgische Vielfalt ist im Wachsen.
Das erkennen wir
auch an vielen jüngeren Priesteramtskandidaten, denen die Ehrfurcht im liturgischen Dienst sehr wichtig
ist, wenn wir auch immer aufpassen müssen, daß nicht sittlich problematische oder nur am Äußeren hängende
Personen ausgerechnet die alte lateinische Liturgie mißbrauchen, um sie als ghettomäßiges Schutzgerüst
zu mißbrauchen.
Aber gut. Wer das alles noch nicht erkannt hat, wird unter Umständen noch im 68er-Stil
gegen die Alte Messe und alle seine Zelebranten hetzen.
kreuz.net: Eine persönliche Frage: Wie lebt
ein Priester damit, in der Öffentlichkeit als Homo-Triebtäter bezichtigt zu werden? Was war für Sie
der schlimmste Moment?
Hw. Reinhard Knittel: Ich versuche diesen Schmerz als persönliche Nachfolge des
Gekreuzigten anzunehmen, ohne Haß und Bitterkeit. Ein Fastenopfer der besonderen Art. Aber es ist sicher
ein schwerer Brocken, der auf mir liegt.
Am schlimmsten war die erste Nachricht, daß ein innergerichtliches
Befangenheitsschreiben an die Medien gekommen sei.
Mich tröstet aber die ehrliche Hilfe und der Beistand
vieler guter Menschen in diesen Tagen. Erst, wenn Gefahr droht, stehen viele Katholiken zusammen. So war
es auch hier. Zum Teil gab es wirklich rührende Gesten des Beistands, sodaß mir noch heute die Tränen
kommen.
kreuz.net: Die Skandalpresse benützte die Gelegenheit, um auch gegen das neue Altarbild in der
von Ihnen betreuten Rektoratskirche zu polemisieren. Warum?
Hw. Reinhard Knittel: Der Grund ist schnell
erklärt. An den beiden unteren Seitenteilen des neuen Wandbildes neben und über dem Altar befindet sich
eine bildliche Darstellung der wechselhaften Geschichte
der Prandtauerkirche.
Da dieser vorher profanierte
Bau 1934 unter Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß wieder zum Gotteshaus werden konnte, findet sich sein
Bild als Nebenfigur neben jenem des damaligen Bischofs und des St. Pöltner Bürgermeisters.
Dr. Dollfuß
ist meines Erachtens der Stein des Anstoßes für jene, die doch einen Geschichtsmythos vertreten, wonach
ihr eigenes Lager an der damals schwierigen und vom Parteienstreit zerrissenen Lage Österreichs gänzlich
unschuldig, hingegen Dr. Dollfuß – der jedenfalls für die Unabhängigkeit Österreichs sein Leben lassen
mußte – der „Pfuiteufel“ für alles sei.
Es geht mir um keine Heiligsprechung, aber um Gerechtigkeit
diesem Staatsmann gegenüber, der zudem ein Sohn Niederösterreichs war.
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