10:51:44 | Montag, 27. März 2006
Französische Schwestern führen in Jerusalem ein Zentrum für Kinder, Behinderte und Arme. Doch Regierung und Geschäftsleute möchten sich ihr Grundstück unter den Nagel reißen und die Schwestern verjagen. Von Arieh Cohen.
(kreuz.net/AsiaNews, Tel Aviv) Seit Jahrzehnten versucht die israelische Regierung zusammen mit privaten
Geschäftsleuten auf illegale Weise, ein katholisches Gebäude in Jerusalem zu enteignen, das Heimstätte
für arme Kinder, alte Menschen und Behinderte ist.
An die Stelle wollen sie Kinos und Vergnügungseinrichtungen
bauen.
Jetzt ist die katholische öffentliche Meinung aufgefordert, sich zu mobilisieren.
Im Augenblick
versucht die Kirche in Israel eine wichtige karitative Institution zu retten: das berühmte Hospiz der
Vinzentinerinnen in Jerusalem. Zu ihm gehört auch ein Schwesternkonvent und eine Kirche.
Diese Anlage
ist vom anhaltenden Versuch einer Allianz von Regierung und Geschäftsleuten bedroht, welche sich die
Liegenschaft unter den Nagel reißen wollen.
Mit einem Appell in letzter Minute haben die Ordensschwestern
jetzt beim Jerusalemer Bezirksgericht eine Beschwerde eingereicht.
Aber es ist nicht sicher, ob das Gericht
das Hospiz ohne diplomatische Interventionen und den Druck der weltweiten katholischen öffentlichen Meinung
schützen wird.
Das gefährdete Hospiz ist Heimat für etwa 150 bis 200 Personen.
Von ihnen sind etwa
dreißig Säuglinge und Kinder unter vier Jahre alt. Ferner leben dort 80 bis 120 Mädchen und Burschen,
die jünger als 18 sind, sowie alte oder behinderte Erwachsene mit schweren körperlichen oder geistigen
Behinderungen.
Ungefähr dreißig Säuglinge werden außerdem täglich ambulant behandelt.
In den Gebäuden
gibt es auch einen Kindergarten für weitere hundert meist arme und benachteiligte Kinder.
Sieben Schwestern
des Heiligen Vinzenz von Paul betreiben das Hospiz zusammen mit 75 Angestellten. Unter diesen befinden
sich Ärzte, Psychologen, Psychiater, Krankenschwestern, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten und andere
Angestellte.
Das Hospiz wurde für seine unverzichtbaren Dienste an den Bedürftigen und Leidenden vom
Staat verschiedentlich anerkannt.
Zum Gebäudekomplex gehört eine der bekanntesten und wichtigsten Kirchen
in der Jerusalemer Neustadt.
Bereits 1974 drängte der damalige Bürgermeister von Jerusalem die Mutter
Oberin des Hospizes, einen Verkaufsvertrag zu unterschreiben, um einen Teil der Anlage an einen israelischen
Geschäftsmann zu veräußern.
Der Bürgermeister war für seine Versuche bekannt, Kirchengut in israelische
Hände privater oder öffentlicher Natur zu überführen.
Der kirchlich nie approbierte Verkauf war selbstverständlich
illegal. Darum forderte die Kirche, daß der Vertrag für null und nichtig erklärt würde.
Daraufhin
schritt der Staat zur Enteignung des Besitzes, um dessen Transfer an israelische Geschäftsinteressen
sicherzustellen.
Die Kirche mußte vor Gericht ziehen, um die Konfiskation rückgängig zu machen.
An
diesem Punkt drängte der Staat die Schwester zu einem neuen Verkaufsvertrag, das heißt, einen Baurechtsvertrag
über 125 Jahre.
In den Vertrag fügte der Staat verschiedene, von der Kirche verlangte Garantien ein,
um die Weiterführung des Hospizes, des Konventes und der Kirche sicherzustellen.
So wurde zum Beispiel
eine Zugangsstrasse versprochen, welche durch die konfiszierten – oder „vermieteten“ – Teile des Grundstücks
führen sollte, damit das Hospiz überhaupt mit Personenwagen, Ambulanzen und Lieferwagen erreicht werden
kann.
Es wurde auch garantiert, daß die neuen Geschäftsgebäude – die sehr eng an das Hospiz errichtet
werden sollten – nicht so hoch gebaut würden, daß dem Sozialzentrum das Sonnenlicht abgeschnitten würde.
Die Bautätigkeit auf dem Gebäudeareal hat erst kürzlich begonnen.
Dabei stellt sich heraus, daß
jede einzelne der Garantien, die der Kirche gegeben wurden, verletzt wird.
Insbesondere verweigert die
Bauherrschaft die versprochene Zugangsstrasse und droht so, das Hospiz zu ersticken und sein Funktionieren
zu verunmöglichen.
Nach den Plänen sollen die neuen Gebäude auch so eng an das Hospiz gebaut und so
hoch werden, daß das Haus der Vinzentinerinnen in eine ewige Dunkelheit eingeschlossen sein wird.
Im
Widerspruch zu den Vertragsbestimmungen sollen ferner um das Hospiz Kinos und Unterhaltungsanlagen gebaut
werden.
Das droht das Hospiz, seine Bewohner, den Schwesternkonvent und die Kirche besonders nachts einem
endlosen Lärm auszusetzen.
Als sich die Vinzentinerinnen beschwerten und von der Regierung und den Geschäftsleuten
forderten, ihr Wort zu halten, wurde ihnen empfohlen, einfach den ganzen Besitz an die Geschäftsorganisation
zu verkaufen, das Hospiz zuzumachen und zu verschwinden…
Es gibt Stimmen in Jerusalem, die meinen,
daß das von Anfang an die Absicht der Operation gewesen ist.
Jetzt haben die Schwestern erneut vor Gericht
Beschwerde eingereicht und die Regierung aufgefordert, ihren Verpflichtungen nachzukommen.
Aber das wird
schwierig werden.
Neben der langjährigen Taktik, den Kirchen Immobilien in Jerusalem zu entreißen und
öffentlichen oder privaten israelischen Interessen zu übergeben, ist hier auch die ökonomische Macht
großer Geschäftsstrategien involviert.
Eigentlich wären die betroffene Kirche und der Konvent in der
Grundsatzvereinbarung zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel als „Heilige Orte“ bezeichnet.
Das würde ihnen – unter Artikel 4 § 3 der Vereinbarung – das Recht auf eine besonderen Schutz geben.
Doch die israelische Regierung hat sich bisher geweigert, die Grundsatzvereinbarung mit dem Heiligen
Stuhl im israelischen Gesetz zu integrieren.
Sie behauptet darum, daß die Grundsatzvereinbarung nicht
bindend sei und somit vor israelischen Gerichten nicht durchgesetzt werden könne.
Erst kürzlich vertrat
die Regierung in einem andern Fall vor dem Obersten Gerichtshof des Landes die Position, daß sie an Vertragsverpflichtungen,
die sich aus der Grundsatzvereinbarung mit dem Heiligen Stuhl ergeben, nicht gebunden sei.
Diplomatische
Hilfe könnte vielleicht Frankreich anbieten. Das Land könnte sich auf seine eigene Vereinbarung mit
Israel beziehen, welche katholische Institutionen im Heiligen Land betrifft, die unter dem Schutze Frankreichs
stehen.
Dennoch besteht die größte Hoffnung auf eine Unterstützung durch die katholische öffentliche
Meinung.
Das Verschwinden des Hospizes würde einen bedeutenden Teil der katholischen Präsenz und des
katholischen Zeugnisses in Jerusalem zum Verschwinden bringen.
Das wäre nicht nur ein materieller, sondern
auch ein moralischer Verlust.
Die soziale Mission der Vinzentinerinnen bezeugt gerade in Israel die Grundaussage
des christlichen Glaubens, daß „Deus caritas est“ – wie der Heilige Vater Kirche und Welt in seiner ersten
Enzyklika erinnert hat.
Es ist klar, daß Politiker und Geschäftsleute manchmal andere Interessen haben.
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