17:47:07 | Sonntag, 9. April 2006
Die Seele eines Gerechten der vorchristlichen Zeit wandert in der Vorhölle nervös auf und ab. Eigentlich sollte er zufrieden auf den Abstieg des Messias zu den Toten warten. Aber davon ist ihm nichts anzumerken.
(kreuz.net) Die unruhige Seele gehört dem altehrwürdigen Propheten Jesaja, der seit Tagen im feuerroten
Höllenmorast kreisförmige Bahnen zieht.
Die Laufspur des ausgetretenen Pfades reicht dem weisen Gottesmann –
sozusagen – bereits bis zu den Seelenknien.
Da kommt der Prophet Jeremia vorbei und sagt: „Du solltest
Dich im Schoße Abrahams besser gelassen zurücklehnen und auf die Höllenfahrt Jesu Christi warten, der
uns den Himmel öffnen wird.“
Der Prophet Jesaja blickt verstört auf. Er habe es nicht nötig, von Jeremia
an das Kommen Christi erinnert zu werden: „Ich bin nicht weniger ein Prophet als Du und diesbezüglich
voll im Bild.“
Er werde nicht von Zweifeln am Kommen des Messias bedrückt, sondern von Ereignissen,
die sich noch in der entfernteren Zukunft der Menschen abspielen würden.
So habe er aus gut unterrichteter
Quelle erfahren, daß man auf Erden – in der Endzeit der Kirche – sein prophetisches Werk zerschnippseln
wolle:
„Sogar dreiteilen will man mich.“
Jeremia rollt erstaunt mit den Augen: „Was? Dreiteilen? Ist
Dein Leichnam oben auf der Erde nicht schon lange eine Beute der Motten geworden und in Tausend Staubkörner
zerfallen?“
Doch Jesaia schüttelt energisch den Kopf:
Prophet Jesaja:
„Man wird behaupten, daß meine
Schriften nicht von mir, sondern von anderen, ja sogar von mehreren Autoren stammen.“
„Nein, nein, Du
verstehst mich nicht. Man wird behaupten, daß mein Werk – das Buch des Propheten Jesaja – nicht von mir,
sondern von einem Rattenschwanz anderer Autoren geschrieben worden sei.“
Um diese Phantasien als Wahrheit
zu verkaufen, werde man sich auf angebliche sprachliche und stilistische Beobachtungen berufen und daraus
einen Beweis zusammenschustern.
Freilich werde jeder Autor, der dies behauptet seine eigene Theorie erfinden
und auch in der Verteilung der Texte auf verschiedene Verfasser werde man sich in keiner Weise einig sein.
Es gebe für ihn nur einen Trost: Daß das unfehlbare Lehramt der Römischen Kirche seine Autorenschaft
verteidigen werde.
„Wenn man sich unter den Schriftgelehrten einmal davon überzeugt hat, daß es mich
als Verfasser meines Buches gar nie gegeben hat, wird man mein schönes Werk zerpflücken wie einen Heuhaufen.“
Der Prophet Jerermia schaut seinen bedrückten Berufskollegen ungläubig an. Doch Jesaja fährt unbeirrt
weiter:
Man werde lehren, daß seine Weissagungen keine wirklichen Prophezeiungen seien, sondern aufgeschrieben
wurden, nachdem die prophezeiten Ereignisse schon geschehen seien.
„Außerdem wird man den Leuten erzählen,
daß es in meinen Weissagungen nur um die damalige Politik Palästinas, aber in keiner Weise um die Ankunft
des Messias und die Vollendung der Zeiten in Christus ging.“
„Ruhig Blut, lieber Jesaja“, schaltet sich
plötzlich König Salomon ins Gespräch ein. Er hatte den zweien unbemerkt zugehört: „Das ist nichts
Neues unter der Sonne und sollte dich in der Unterwelt nicht länger quälen.“
Er habe erst kürzlich
mit Mose gesprochen, der sich vor ihm auf ganz ähnliche Weise beklagt habe. Angeblich werden Zeiten kommen,
wo man die Tatsache leugnen wird, daß Mose die fünf Bücher des Moses geschrieben hat.
„Mose hat mir
auch gesagt, daß man die ersten drei Kapitel des Buches Genesis über die Schöpfung und den Sündenfall
als Ammenmärchen betrachten wird.“
Stattdessen werde man von Sagen, Mythologien und Kosmogonien der
alten Völker sowie von Gleichnissen und Symbolen daherreden – um sich anschließend dem Fernseher – einem
Kasten, der auf der Vorderseite bunte Bilder zeigt und vor sich herredet – und der Freizeitunterhaltung
zuzuwenden.
Jetzt starrten die Augen des Jesaja nicht weniger ungläubig als die des Jeremia.
Soviel
Dummheit hätten die beiden Unheilspropheten dem zweifellos sehr störrischen Menschengeschlecht trotz
allem nicht zugetraut.
Da flog unvermittelt eine kleine Seele vorbei, landete in ihrer Mitte und sagte:
„Ich komme gerade vom Bibelstudium“.
„Was habt ihr denn heute Schönes durchgenommen“, fragte Jesaja,
um vom bisherigen Thema abzulenken und die bibelstudierende kleine Seele nicht zu verwirren.
„Wir haben
in Deinem Buch gelesen“, antwortete die kleine Seele schnell.
Das hörte die große Seele des Propheten
nicht ohne geschmeichelt zu sein. Gerne hätte er sich zufrieden über den Bart gestrichen, wäre der
nicht immer noch auf Erden im Staub gelegen: „Und welchen meiner Texte habt ihr heute behandelt?“
„Einen
schwierigen Brocken“, antwortete die kleine Seele etwas entmutigt. Sie habe die Sätze auswendig gelernt,
ohne viel zu kapieren:
„Hören werdet ihr mit den Ohren und nicht verstehen. Sehend werdet ihr sehen
und nicht erkennen. Denn verstockt ist das Herz dieses Volkes. Schwer hören sie mit ihren Ohren, und
ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht etwa sehen mit ihren Augen und mit den Ohren nicht hören,
und mit dem Herzen nicht verstehen und sich bekehren, damit ich sie heile.“
Da gingen auch dem Jesaja
die Augen auf.
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