11:13:36 | Dienstag, 11. April 2006
Der Jesuitenpater, der die vatikanische Sternwarte leitet, legte kürzlich seine Theorien zur Schöpfungslehre dar. Gleichzeitig erklärte er, täglich von Glaubenszweifeln geplagt zu werden.
(kreuz.net, Vatikan) Ob er das Universum für ein Zufallsprodukt oder für geplant halte, wurde der Jesuitenpater
George Coyne (73) Mitte Februar von der liberalen Wochenzeitung ‘Zeit’ gefragt.
Pater Coyne ist seit
1978 verantwortlich für die vatikanische Sternwarte.
Der Priester umschiffte die Frage gut jesuitisch
mit dem Verweis, daß es neben Zufall oder Gott auch die „Fruchtbarkeit des Universums“ gebe.
Im Universum
gebe es 10 hoch 22 Sterne. Vor rund 14 Milliarden Jahren habe alles mit dem Urknall begonnen, wußte der
Jesuit zu berichten.
Durch das Entstehen und Vergehen der Sterne seien jene Elemente hervorgebracht worden,
aus denen alles zusammengesetzt ist – „wir eingeschlossen“.
Der Mensch bestehe im wahrsten Sinne aus
Sternenstaub. Nur im Inneren der Sterne hätte genug Kohlenstoff entstehen können, um Fußnägel, Ohrläppchen
und den Rest der Schöpfung hervorzubringen.
Auf die Frage nach Gott antwortet Pater Coyne, daß von
einem wissenschaftlichen Standpunkt aus „natürlich“ nichts über Gott und die Frage seiner Existenz oder
seines Schöpfertums ausgesagt werden könne.
Er glaube, daß Gott das Universum so geschaffen habe,
um seine schöpferische Kraft und seinen Dynamismus mit dem Universum zu teilen.
Gott habe das Universum
nicht wie eine Maschine konstruiert, die ihre Arbeit verrichtet. Vielmehr habe er seine Liebe mit dem
Universum teilen wollen.
Deshalb liege jeder falsch, der die neodarwinistische Evolutionstheorie für
mit dem christlichen Glauben unvereinbar halte, erklärt der Jesuit mit einem Seitenhieb
gegen den Erzbischof
von Wien:
„Die beiden sind nicht nur miteinander vereinbar, sondern die Evolutionstheorie verherrlicht
Gott.“
Die Frage, ob Gott den Urknall geschaffen habe, bejaht der Jesuit, fügt aber hinzu, daß der
Urknall nicht unbedingt einen Gott benötige. Man könne die Existenz Gottes weder widerlegen
noch beweisen.
Der Jesuit erklärt weiter, daß er nicht begreifen könne, daß die Evolutionstheorie oft für atheistisch
gehalten werde.
Weil in der Bibel stehe, daß Gott den Menschen erschaffen hat – entgegnet der Journalist.
„Das ist eine wunderschöne Geschichte, aber keine Wissenschaft“, antwortet der Priester: Die Bibel sei
zwischen 2000 vor und 200 nach Christus von vielen Autoren aus unterschiedlichen Kulturen geschrieben
worden: „Sie enthält eine Menge Wahrheiten, aber keine wissenschaftliche Wahrheit.“
Ob er an die Existenz
von außerirdischem Leben glaube? – wird der Jesuit weiter gefragt.
Er erklärt, daß es weder Beweise
dafür noch dagegen gebe. Darum könne man diese Frage nicht wissenschaftlich beantworten, sondern nur
diskutieren, ob es im Universum Bedingungen für die Existenz von Leben gebe. Dafür würden immer mehr
Erkenntnisse sprechen.
Auf die Frage, ob die Existenz von Außerirdischen für die Kirche ein Problem
wäre, erklärt Pater Coyne, daß er einem solchen die folgende Frage stellen würde:
„Bist du intelligent?“
Bei einer positiven Antwort würde er weiterfragen: „Bist du spirituell?“ Und wenn er bejahe: „Habt ihr
gesündigt?“
Dahinter stecke die Diskussion über die Erbsünde. Wenn der Außerirdische bejahe und erkläre
von den Großeltern gehört zu haben, daß seine Urahnen einst gesündigt hätten, würde er fragen: „Wurdet
ihr erlöst?“
Er stünde vor einem theologischen Problem, falls der Außerirdische dann erklären würde,
daß Gott seinen einzigen Sohn zu ihnen geschickt habe:
„Ist es möglich, daß Gott seinen einzigen Sohn
als wahren Gott und wahren Mensch zu uns und ihn zugleich als wahren Gott und wahren Marsianer auf einen
anderen Planeten geschickt hat?“
Es sei nicht einfach, sich das vorzustellen, aber seine eingeschränkte
Vorstellungskraft bedeute nicht, daß es nicht gehe.
Abschließend erinnert sich Pater Coyne an einen
Vortrag, den er vor etwa zehn Jahren in Triest hielt. Er sei dabei „zufällig“ als Priester gekleidet
gewesen. Nach dem Vortrag habe ihm jemand gesagt, daß es ein großer Trost sei, angesichts der Unsicherheit
wissenschaftlicher Ergebnisse den sicheren Hafen des Glaubens anlaufen zu können.
Er habe darauf seinen
Priesterkragen entfernt und erklärt: „Sie irren sich total.“
Der Glaube sei kein sicherer Hafen, sondern
eine Herausforderung. Er wache jeden Morgen mit „gesunden“ Glaubenszweifeln auf.
Pater Coyne ist 1933
im US-Bundesstaat Maryland im Nordosten der USA geboren. 18jährig wurde er Jesuit. Er studierte anschließend
Theologie, Mathematik, Astronomie und Philosophie und promovierte über die Oberflächenstruktur des Mondes.
Seit 1978 leitet der Jesuit die vatikanische Sternwarte in der päpstlichen Sommerresidenz in Castel Gandolfo,
25 Kilometer südöstlich von Rom. Während der Amtszeit von Johannes Paul II. bemühte er sich um eine
„Rehabilitation“ von Galileo Galilei.
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