Der Karfreitag im Leben des Bruders der ermordeten Terri Schiavo
Der Bruder von Terri Schiavo traf sich während des Kampf um das Leben seiner Schwester auch mit dem Diözesanbischof von St. Petersburg/Florida: „Danach kam in meinem Leben der Punkt, wo meine Beziehung zu Gott zerstört war.“

Man fragt mich immer wieder, was mich und meine Familie in der Zeit des Kampfes um das Leben meiner Schwester getragen hat: Ob mir mein Glaube geholfen habe oder ob er durch die Krankheit meiner Schwester beeinflußt worden sei.
Während des größten Teiles meines erwachsenen Lebens habe ich durch den Zustand meiner Schwester – der mir wie eine endlose emotionale Berg-und-Talfahrt vorkam – bemerkt, wie leicht mein Glaube erschüttert werden konnte und wie ich Gott nicht vertrauen konnte.
Mein Glaube wurde immer angefochten. Solange mein Leben in Ordnung war, war meine Beziehung zu Gott in Ordnung. Aber in der Versuchung, fiel mein Glaube – wie im Gleichnis vom Sämann – auf den harten Weg.
Als der Prozeß um meine Schwester im Januar 2000 begann, wurden meine Beziehung und mein Glaube zu Gott wirklich geprüft. Zweifellos habe ich diese Prüfung nicht besonders gut gemeistert.
Alles begann mit einem Ereignis, mit dem niemand in meiner Familie je gerechnet hätte: Ein katholischer Priester gab im Rahmen der Gerichtsverhandlung eine Erklärung zugunsten des entfremdeten Ehemannes meiner Schwester ab und erklärte, daß die Kirche im Wesentlichen damit einverstanden sei, die Nahrungssonde meiner Schwester zu entfernen, um sie so zu Tode zu bringen.
Wir wunderten uns darüber, weil der Geistliche Terri nie besucht und nie mit jemandem aus unserer Familie über meine Schwester gesprochen hatte.
Ich frage mich, ob der Priester überhaupt wußte, daß Terri eine praktizierende Katholikin war und eine Lebensschützerin, die sich radikal dagegen gewehrt hätte, einen Menschen verhungern zu lassen.
Leider sprach der Priester nur mit Michael Schiavo und dessen Anwalt. Michael war damals bereits mit einer anderen Frau verlobt. Dieser Umstand war für den Priester offenbar kein Problem.
In der Folge urteilte Richter Greer zugunsten von Michael Schiavo und erlaubte ihm, die Nahrungssonde meiner Schwester zu entfernen. Es ist zu beachten, daß der Richter in der Gerichtsentscheidung besonders darauf hinwies, daß er die die Aussage des Priesters als sehr aufrichtig empfunden habe.
Wie konnte so etwas geschehen? Wie konnte Gott das erlauben? Solche Fragen rasten durch meinen Kopf. Das ließ mich nicht los. Das Böse, das im Fall meiner Schwester zum Vorschein kam, begann mich aufzufressen.
Als ob das nicht genug gewesen wäre und es mit meinem Glauben nicht noch schlimmer hätte werden können, vereinbarte meine Familie ein Treffen mit Mons. Robert Lynch, dem Bischof der Diözese, in welcher meine Schwester Terri lebte.
Wir trafen uns mit dem Bischof und baten um seine Hilfe.
Wir erwarteten, daß er für uns eintreten würde – nicht nur, um gegen das damals gerade gesprochene Todesurteil gegen meine Schwester zu protestieren, sondern auch um die Behauptungen des Priesters, die der Lehre der Katholischen Kirche widersprachen, zu korrigieren.
Was könnte herzloser und feiger sein, als Menschen zu schaden, die sich nicht selber verteidigen können?
Was könnte grausamer sein, als jemandem einen verlängerten und schmerzvollen Tod zu bescheren, weil wir als Gesellschaft nichts mit Menschen zu tun haben wollen oder nicht für sie zahlen wollen, weil wir glauben, daß sie keinen menschlichen Wert oder keine Lebensqualität besitzen.
Zur großen Enttäuschung meiner Familie war das Treffen mit dem Bischof sinnlos.
Mons. Lynch – Terris Bischof – unternahm während ihres fünfjährigen Leidensweges sehr wenig, um meiner Schwester beizustehen, unbeschadet des klaren Widerspruchs zur Glaubenslehre und den Bitten von vielen Katholiken aus der ganzen Welt.
Zurückblickend glaube ich immer noch, daß es einen riesigen Aufschrei der Gläubigen in Terris Diözese und von Katholiken weltweit gegeben hätte, wenn Terris Bischof die unfreiwillige Euthanasie, welche Terri erleiden mußte, standhaft verurteilt hätte. Auf diese Weise könnte meine Schwester noch heute leben.
Ich kann sagen, daß nach dem Treffen mit Bischof Lynch der Punkt in meinem Leben gekommen war, wo jede Beziehung, die ich zu Gott hatte, zerstört war.
Ich konnte mir nicht erklären, warum Gott so etwas zuließ.
Alles war ohne Sinn. Ich konnte mir nicht logisch erklären, warum Gott es erlaubte, daß meine Schwester so sehr litt oder warum meine Eltern die große Grausamkeit, die meine Schwester verschlang, hilflos mitansehen mußten.
Ich war zornig auf die Leute in führenden Positionen, von denen ich glaubte, daß sie in der Lage gewesen wären zu helfen, aber, warum auch immer, untätig blieben.
Ich wurde in meiner Wut so blind, daß ich wie gefangen war und es nicht einmal merkte, weil ich Gott für alle meine Schwierigkeiten verantwortlich machte.
Gott half mir zum Glück. Ich vertraute mich einigen sehr engen Freunden an. Sie sagten mir, daß das der Weg war, wie der Teufel arbeitet:
Er versuche mir einzureden, Gott für meine Wut verantwortlich zu machen. Der Teufel sei mit der Art und Weise, wie ich mit der Situation umgehe, sehr glücklich.
Meine Freunde forderten mich immer wieder auf, zur Kirche zurückzukehren.
Im Augenblick, wo ich in meinem Leben die größte Trennung von meinem Erlöser erfuhr, tat Gott alles, um mich zu erreichen. Das macht Gott immer so. Aber aus welchen Gründen auch immer, bemerken wir das nicht.
Meine Freunde ließen nicht locker. Sie sagten mir, daß sie für mich und meine Familie genausoviel beten würden wie für Terri.
Ich erinnere mich auch an meine gute Freundin Kathy Lambert, die Terri fast jede Woche zusammen mit mir besuchte. Wir drei – Terri, Kathy und ich – beteten gemeinsam. Diese Besuche waren etwas ganz Besonderes, weil Kathy meine Schwester bat, für mich zu beten.
Es war eine entscheidende Zeit in meinem Leben, weil ich fühlte, daß ich zu Christus zurückkehren wollte. Aber ich hatte beim Beten Schwierigkeiten und spürte keine Lust, zur Kirche zurückzukehren, um die Heilige Kommunion zu empfangen.
Es war ungefähr Ende 2003, als ich in den Fernsehkanälen herumsuchte und einen Augenblick bei einem Interview auf EWTN – dem großen katholischen Fernsehkanal in den USA – stehenblieb.
Ich weiß nicht, warum ich den Kanal nicht wieder wechselte. Es war vielleicht, weil es mich interessierte, warum ein Hollywood-Schauspieler von EWTN interviewt wurde.
Im Interview sprach Jim Caviezel über den bevorstehenden Film „Die Passion Christi“. Jim Caviezel spielte die Rolle von Jesus Christus.
Ich kann nicht beschreiben, welchen Eindruck dieses Interview auf mich machte. Ich wurde dabei Zeuge eines unumstößlichen Glaubens. Es erbaute mich, als ich hörte wie Jim Caviezel so wortgewaltig über seine Verehrung für Christus sprach, über seine Hingabe an Maria, die Mutter Jesu.
Ich erinnere mich, wie ich in mir den Wunsch spürte, so einen Glauben zu besitzen, und wie sehr ich mich darauf freute, diesen Film zu sehen.
Kurz vor Ostern 2004 ging ich ins Kino, um die „Passion Christi“ zu sehen. Wie viele andere Leute, die den Film sahen, weinte ich.
Ich sah den Film dreimal – einmal mit meiner ganzen Familie. Am Karfreitag, ging ich wieder zurück in die Kirche – zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren. Ich saß nur da und betete und bat um Verzeihung.
Das erste mal, als ich wieder zur Messe ging und die Heilige Kommunion empfing, war am Ostersonntag.
Meine Familie und ich betrauern noch immer den Verlust meiner Schwester. Ich bemerke, daß ich immer noch mit dem ringe, was meiner Schwester angetan wurde.
Aber ich gebe mein bestes, zu beten und um zu verstehen, warum meine Schwester so sehr leiden und so grausam sterben mußte.
Es hilft mir enorm zu sehen, wie sehr sie Menschen aus aller Welt berührt hat, und aus den Zehntausenden Briefen zu lesen, die meine Familie seit dem Tod von Terri erreicht haben.
Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, wenn meine Familie überall, wo sie hinkommt, gegrüßt wird.
Die Menschen bleiben stehen und sagen uns, daß ihr Leben durch Terri verändert worden sei, daß sie für Terri und meine Familie oft gebetet hätten und das heute noch tun.
Sämtliche Artikel weiterlesenWeiterlesen:
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen sowie Leser aus der Debatte auszuschließen.






