17:21:19 | Montag, 17. April 2006
Langsam schwant es auch den Langsamen, daß der vielgeschmähte Papst Pius IX. der Menschheit und der Kirche Gottes manche Irrwege hätte ersparen können. Von Hubert Hecker.
(kreuz.net) Alle politischen Großideologien des 19. und 20. Jahrhunderts folgten mehr oder weniger gnostischen
Selbsterlösungslehren, die darin bestehen, alles was ist in eine phantastische Idee und in eine schnöde
Wirklichkeit einzuteilen und anschließend bedingungslos für erstere Partei zu ergreifen.
Für den Kommunismus
ist das am klarsten in dem säkular-eschatologischen Heilslied der ‘Internationale’ ausgedrückt:
„Es
rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun.
Uns aus dem Elend zu erlösen
müssen
wir schon selber tun.
Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht:
Die Internationale erkämpft
das Menschenrecht.“Das ist ein Beispiel für die Theorie von Karl Marx († 1883), wonach sich die Massen
selber erlösen, selber regieren und schließlich selber ins Reich der absoluten Freiheit überführen.
Der russische Revolutionär und Massenmörder Lenin († 1924) hat den alten Marx als totalen Murx erkannt
und die Durchsetzung der Heilslehren des Kommunismus einem speziellen Erlösungskader anvertraut, nämlich
der Partei. So hieß es in der SED-Parteitagshymne von 1950:
„Sie hat uns alles gegeben,
Sonne und Wind,
und sie geizte nie.
Und wo sie war, war das Leben,
und was wir sind, sind wir durch sie.
Sie hat uns
niemals verlassen,
wenn die Welt fast erfror, war uns warm.
Uns führt die Mutter der Massen,
es trug
uns ihr mächtiger Arm.
Die Partei, die Partei, die hat immer recht …“
denn aus Leninschem Geist
wächst
von Stalin geschweißt
die Partei, die Partei, die Partei!Der eigentliche Arm – oder besser die mächtigen
Fangarme – der Partei waren die Instrumente des staatlichen Machtapparats: Polizei und Geheimpolizei,
Justiz und Gefängnisse, Schulen und Wirtschaftsbehörden, Militär und Medien.
Der Staat vereinnahmte
totalitär die Gesellschaft, die politisierte und militarisierte Gesellschaft war der Staat.
Als die
eigentlichen Erfinder dieser Konstruktion des allumfassenden „Wohlfahrtsstaates“ gelten der Genfer Philosoph
Jean-Jacques Rousseau († 1778) und der französische Ideologe und Revolutionspolitiker Maximilien de Robespierre
(† 1794).
Jean-Jacques Rousseau hatte in seinen Theorien gefordert, daß alle Bürger mit ihrer ursprünglichen
Vernunft und Tugendhaftigkeit auch alle staatlichen Funktionen bewerkstelligen sollten. Er wollte somit
eine Einheit von Volk und Staat.
Aber welche ist diese ursprüngliche Vernunft? Wer bestimmte die Tugenden?
Solche Fragen blieben bei Rousseau im Unklaren.
Der Realist Robespierre und seine Genossen vom Wohlfahrtsausschuß
der Französischen Revolution bestimmten schließlich mit Hilfe von Guillotine, Erziehungsdiktatur und
Terrorstaat, was die Ziele der revolutionären Vernunft und Tugend sein sollten.
Auch das totalitäre
System des Nationalsozialismus hatte das Ideologiegebäude der gottlos-gnostischen französischen Aufklärer
zum Vater.
Im Nationalsozialismus sollten die Interessen von Volk und Rasse ebenfalls von Partei und
Führer repräsentiert werden, eine Analogie zu der rot-sozialistischen Partei-Repräsentanz gegenüber
der Arbeiter- und Bauernklasse. Der Staat diente als Instrument, diese Interessen durchzusetzen. Die sechs
Volksbefragungen in der Hitlerzeit sollten die Einheit von Volk und Führer im Nachhinein „bestätigten“.
Der große Papst Pius IX. († 1878) – der im September 2000 seliggesprochen wurde – hat die Grundmuster
der totalitären Ideologien und Staaten schon frühzeitig durchschaut, kritisiert und verurteilt.
Weltberühmt
wurde sein vielgeschmähter, seiner Zeit weit vorauseilender
Syllabus aus dem Jahr 1864. Er enthält Thesen,
in denen achtzig Irrtümer seiner und unserer Zeit verurteilt werden. Mit dem Syllabus wurde Pius IX.
zu einem prophetischen Warner.
Nach einem Artikel in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ vom 2. September
2000 hätte dieser Papst „der Menschheit manche Irrwege ersparen können.“
Den Kommunismus verurteilte
Papst Pius IX. als eine „abscheuliche und dem natürlichen Recht zutiefst entgegengesetzte Lehre, in der
die Rechte … der Gesellschaft von Grund auf umgestürzt werden“.
Ebenfalls warnte der Papst vor einem
chauvinistischen Nationalismus, der weder objektive, naturrechtliche Werte anerkannte, noch vor Angriffskriegen
und jeglicher politischer Gewalt zum Wohle des eigenen Staates zurückschreckte. Dieser Nationalismus
erhob den Nutzen für das eigene Volk zum alleinigen Rechtsmaßstab.
Der weitverbreitete Nationalchauvinismus
des 19. Jahrhunderts war das Wurzelgeflecht für die kriegerischen Militarismen des Ersten Weltkriegs
und für die mörderischen Faschismen und Nationalsozialismen der Folgezeit.
Doch Papst Pius IX. warnte
auch vor dem sogenannten Liberalismus. War das nicht ein unverzeihlicher Fehler der Rückständigkeit?
Nein, denn auch darin bewies der Papst seine Treffsicherheit und Weitsicht.
Der Liberalismus des 19.
Jahrhunderts war vielschichtig und facettenreich. In der Regierungszeit des Papstes setzten sich die radikalen
Liberalen in der Tradition der Jakobiner und Freimaurer an die Spitze einer Bewegung, die in massiven
Kampagnen – man denke an den ‘Kulturkampf’ in mehreren europäischen Ländern – gegen alle Werte und Institutionen
der Kirche und des Naturrechts hetzten und agierten.
Die heutige „Diktatur des Relativismus“ – ein Ausdruck
von Papst Benedikt XVI. – gibt einen Begriff von dem außerordentlich aggressiven, intoleranten, gehässigen
und hetzerischen Liberalismus jener Zeit.
Papst Pius IX. verurteilte diesen Kampf-Liberalismus, indem
er den Staat in die Grenzen des Naturrechts verwies und das Selbstverwaltungsrecht der Kirche gegen einen
Staatskirchenzwang verteidigte.
In der Tat. Der selige Papst Pius IX. hätte der Menschheit manche Irrwege
ersparen können.
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