Kommunismus
Ein Buhmann der Kirchengeschichte wird aktuell
Langsam schwant es auch den Langsamen, daß der vielgeschmähte Papst Pius IX. der Menschheit und der Kirche Gottes manche Irrwege hätte ersparen können. Von Hubert Hecker.
(kreuz.net) Alle politischen Großideologien des 19. und 20. Jahrhunderts folgten mehr oder weniger gnostischen Selbsterlösungslehren, die darin bestehen, alles was ist in eine phantastische Idee und in eine schnöde Wirklichkeit einzuteilen und anschließend bedingungslos für erstere Partei zu ergreifen.

Für den Kommunismus ist das am klarsten in dem säkular-eschatologischen Heilslied der ‘Internationale’ ausgedrückt:

„Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun.
Uns aus dem Elend zu erlösen
müssen wir schon selber tun.
Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht:
Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.“


Das ist ein Beispiel für die Theorie von Karl Marx († 1883), wonach sich die Massen selber erlösen, selber regieren und schließlich selber ins Reich der absoluten Freiheit überführen.

Der russische Revolutionär und Massenmörder Lenin († 1924) hat den alten Marx als totalen Murx erkannt und die Durchsetzung der Heilslehren des Kommunismus einem speziellen Erlösungskader anvertraut, nämlich der Partei. So hieß es in der SED-Parteitagshymne von 1950:

„Sie hat uns alles gegeben,
Sonne und Wind, und sie geizte nie.
Und wo sie war, war das Leben,
und was wir sind, sind wir durch sie.

Sie hat uns niemals verlassen,
wenn die Welt fast erfror, war uns warm.
Uns führt die Mutter der Massen,
es trug uns ihr mächtiger Arm.

Die Partei, die Partei, die hat immer recht …“
denn aus Leninschem Geist
wächst von Stalin geschweißt
die Partei, die Partei, die Partei!


Der eigentliche Arm – oder besser die mächtigen Fangarme – der Partei waren die Instrumente des staatlichen Machtapparats: Polizei und Geheimpolizei, Justiz und Gefängnisse, Schulen und Wirtschaftsbehörden, Militär und Medien.

Der Staat vereinnahmte totalitär die Gesellschaft, die politisierte und militarisierte Gesellschaft war der Staat.

Als die eigentlichen Erfinder dieser Konstruktion des allumfassenden „Wohlfahrtsstaates“ gelten der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau († 1778) und der französische Ideologe und Revolutionspolitiker Maximilien de Robespierre († 1794).

Jean-Jacques Rousseau hatte in seinen Theorien gefordert, daß alle Bürger mit ihrer ursprünglichen Vernunft und Tugendhaftigkeit auch alle staatlichen Funktionen bewerkstelligen sollten. Er wollte somit eine Einheit von Volk und Staat.

Aber welche ist diese ursprüngliche Vernunft? Wer bestimmte die Tugenden? Solche Fragen blieben bei Rousseau im Unklaren.

Der Realist Robespierre und seine Genossen vom Wohlfahrtsausschuß der Französischen Revolution bestimmten schließlich mit Hilfe von Guillotine, Erziehungsdiktatur und Terrorstaat, was die Ziele der revolutionären Vernunft und Tugend sein sollten.

Auch das totalitäre System des Nationalsozialismus hatte das Ideologiegebäude der gottlos-gnostischen französischen Aufklärer zum Vater.

Im Nationalsozialismus sollten die Interessen von Volk und Rasse ebenfalls von Partei und Führer repräsentiert werden, eine Analogie zu der rot-sozialistischen Partei-Repräsentanz gegenüber der Arbeiter- und Bauernklasse. Der Staat diente als Instrument, diese Interessen durchzusetzen. Die sechs Volksbefragungen in der Hitlerzeit sollten die Einheit von Volk und Führer im Nachhinein „bestätigten“.

Der große Papst Pius IX. († 1878) – der im September 2000 seliggesprochen wurde – hat die Grundmuster der totalitären Ideologien und Staaten schon frühzeitig durchschaut, kritisiert und verurteilt.

Weltberühmt wurde sein vielgeschmähter, seiner Zeit weit vorauseilender Syllabus aus dem Jahr 1864. Er enthält Thesen, in denen achtzig Irrtümer seiner und unserer Zeit verurteilt werden. Mit dem Syllabus wurde Pius IX. zu einem prophetischen Warner.

Nach einem Artikel in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ vom 2. September 2000 hätte dieser Papst „der Menschheit manche Irrwege ersparen können.“

Den Kommunismus verurteilte Papst Pius IX. als eine „abscheuliche und dem natürlichen Recht zutiefst entgegengesetzte Lehre, in der die Rechte … der Gesellschaft von Grund auf umgestürzt werden“.

Ebenfalls warnte der Papst vor einem chauvinistischen Nationalismus, der weder objektive, naturrechtliche Werte anerkannte, noch vor Angriffskriegen und jeglicher politischer Gewalt zum Wohle des eigenen Staates zurückschreckte. Dieser Nationalismus erhob den Nutzen für das eigene Volk zum alleinigen Rechtsmaßstab.

Der weitverbreitete Nationalchauvinismus des 19. Jahrhunderts war das Wurzelgeflecht für die kriegerischen Militarismen des Ersten Weltkriegs und für die mörderischen Faschismen und Nationalsozialismen der Folgezeit.

Doch Papst Pius IX. warnte auch vor dem sogenannten Liberalismus. War das nicht ein unverzeihlicher Fehler der Rückständigkeit? Nein, denn auch darin bewies der Papst seine Treffsicherheit und Weitsicht.

Der Liberalismus des 19. Jahrhunderts war vielschichtig und facettenreich. In der Regierungszeit des Papstes setzten sich die radikalen Liberalen in der Tradition der Jakobiner und Freimaurer an die Spitze einer Bewegung, die in massiven Kampagnen – man denke an den ‘Kulturkampf’ in mehreren europäischen Ländern – gegen alle Werte und Institutionen der Kirche und des Naturrechts hetzten und agierten.

Die heutige „Diktatur des Relativismus“ – ein Ausdruck von Papst Benedikt XVI. – gibt einen Begriff von dem außerordentlich aggressiven, intoleranten, gehässigen und hetzerischen Liberalismus jener Zeit.

Papst Pius IX. verurteilte diesen Kampf-Liberalismus, indem er den Staat in die Grenzen des Naturrechts verwies und das Selbstverwaltungsrecht der Kirche gegen einen Staatskirchenzwang verteidigte.

In der Tat. Der selige Papst Pius IX. hätte der Menschheit manche Irrwege ersparen können.
      
8 Lesermeinungen
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#9   Dr. Otterbeck   14:15:32 | Samstag, 22. April 2006
Johannes XXIII. über Pius IX.
„Die Pilger von Senigallia können einen besonderen Ruhm beanspruchen: Pius IX. Der gute Pius IX. muss unter uns weilen. Unsere Gedanken wandern oft zu diesem treuen Diener Gottes, und wir kommen nicht umhin, auch seine Verherrlichung auf Erden zu wünschen. Wir stehen vor dem II. Vatikanischen Konzil, das doch eigentlich nicht von dem von Pius IX. gewollten Ersten Vatikanischen getrennt werden kann. Wer weiß, ob uns bei dieser Gelegenheit nicht die große Freude zuteil wird, Pius IX. als Objekt einer solchen Verehrung zu sehen. Gott wird wissen, was er zu seiner größeren Ehre bestimmen mag. Der Herr ist mirabilis in sanctis tuis, und zwar sowohl in jenen, denen offizielle Verehrung zuteil wird, dekretiert vom sichtbaren Haupt der Kirche, als auch all den anderen, die das Paradies bevölkern.“ (06.09.1960)
Im übrigen hat Paul VI. eine seiner letzten Ansprachen dem 100. Todestag Pius IX. gewidmet.
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#8   Sirilo   21:21:58 | Dienstag, 18. April 2006
Konjunktiv
„Der selige Papst Pius IX. hätte der Menschheit manche Irrwege ersparen können.“
Warum hat er’s nicht getan?
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#7   Elendester Sünder   23:41:11 | Montag, 17. April 2006
Des Papst Pius IX. Wirklicher Geheimer Kammerherr
Ich empfehle allen an diesem Themenkomplex Interessierten, sich einmal bei antiquarischen Suchmaschinen nach Werken des katholischen, einstmals sehr bekannten Romanschriftstellers Conrad von Bolanden umzuschauen. Dieser hieß eigentlich Josef Eduard Konrad Bischoff (1828-1920) und war katholischer Priester. Papst Pius IX. ernannte ihn 1872 zu seinem Wirklichen Geheimen Kammerherrn (Meyers Konversationslexikon, 1888).
Seine Werke tragen das Gütesiegel, schon seit dem ersten Weltkrieg keine Verleger mehr zu finden.
Er hatte die außergewöhnliche Gottesgabe, komplizierte historische, kulturhistorische und zeitgeschichtliche Themen aus gutkatholischer Sicht in inhaltlich brillanter Romanform verständlich zu machen.
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#5   Institoris   21:34:55 | Montag, 17. April 2006
Danke Kreuz.net!
Ich möchte mich dem Lob meiner Vorredner anschließen. Es überrascht mich immer wieder von neuem welch fantastische Gestalten die lateinische Kirche hervorgebracht hat. Es wäre schon wenn kreuz.net ruhig mehr von ihnen schreiben würde. Denn ihre Reihe ist lang.
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#4   bonifatius   21:22:18 | Montag, 17. April 2006
Ein Kompliment
dem Verfasser dieses Artikels. Einfach, logisch schlüssig zeichnet H. Heckner die Hybris der Aufklärung und den Absturz der Selbsterlösungslehre. Der Liberalismus zerstört auch in Zukunft die Souveränität des Staates. Denn „das Gesetz ist nur dort souverän, wo das Volk an dessen göttlichen Ursprung glaubt“. (Davila)
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#3   Irenäus   21:09:30 | Montag, 17. April 2006
@Marcel und viroblationis
Ihr seht die Sache schon korrekt;
ich befürchte allerdings, daß wieder Unberufene und Halbgebildete wieder bald wieder ihren unberufenen Senf dazugeben zu müssen-vielleicht schon irgendwie amüsant.
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#2   Marcel   18:55:06 | Montag, 17. April 2006
Wir sind Syllabus-Katholiken
… und das sehr gerne. :-)
Der Syllabus wird wieder aktuell werden. Da das Schiff der Kirche nach den Worten unseres Papstes am Sinken ist, wird man sich der Schotten (singular Schott) bald erinnern, die dieser gute Papst Pius IX. in völligem Einklang mit seinen Vorgängern und vorkonziliaren Nachfolgern eingerichtet hat. Denn auch wenn die Kirche momentan an die Titanic erinnert: ganz untergehen wird sie nie, selbst wenn uns das Wasser bereits bis zum Hals steht. Der Herr kann über Wasser gehen und den Petrus wieder herausziehen, der wegen seines Kleinglaubens einsank.
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#1   virOblationis   17:51:46 | Montag, 17. April 2006
Lob des kreuz.nets sowie des obigen Artikels
Ein überaus klarer Artikel, von hoher Warte aus geschrieben.
Wie schön, daß es kreuz.net gibt, wodurch man die Gelegenheit erhält, solche Artikel zu lesen.
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