Modernismus
Habt ihr nicht eine Erbtante?
„Der Generalvikar von Berlin hat dem Generalvikar von Wien Priester zum Ankauf angeboten. Ja, ist logisch!“ Von Paul-Michael Zulehner, Pastoraltheologe in Wien.
(kreuz.net) Ich behaupte: Kirche lebt aus der Eucharistie. Ich bin ja so glücklich, daß der Papst [Johannes Paul II.] jetzt dieses Schreiben über die Eucharistie herausgegeben hat.

Vergessen Sie alle Kleinigkeiten, die die Kleruskongregation oder die Sakramentenkongregation hinzugefügt hat, um den großen Berg an Protestbriefen in diesem Schreiben mit abzuarbeiten. Das machen die immer so.

Die brauchen einen leeren Schreibtisch und müssen alle Proteste und sonstige Querelen dort verarbeiten, um den rechten Flügel zu beruhigen.

Aber die Kernaussage ist hochinteressant. Der Papst schreibt wörtlich: Es gibt ein Recht der Gemeinde auf Eucharistie.

Mich freut das deswegen, weil ich mit einer Reihe von deutschen Kollegen 1970 von der deutschen Bischofskonferenz öffentlich verurteilt worden bin, als wir gemeinsam ein Buch mit diesem Titel herausgegeben haben: Das Recht der Gemeinde auf Eucharistie.

Hier trifft einfach zu, was Karl Rahner gesagt hat: Wenn man verurteilt wird, dann hat man sich entweder geirrt oder man war zu früh dran.

Aber was heißt das? Und haben Sie da schon eine Theologie für sich, daß wir von Gott versammelt werden, Sonntag um Sonntag in seiner Treue, und daß gewandelt wird, und zwar nicht nur das Brot, sondern primär die Anwesenden?

Und daß, wer sich wandeln läßt, anders hinausgeht als er hineingeht? Nämlich als Leib, fähig zur Hingabe. Leib hingegeben, Blut vergossen für das Leben der Welt.

Ich finde das unglaublich gefährlich. So sage ich für mich auch: Bin ich bereit, mich in Gottes Gefahr zu begeben?

Das ist die einzige reale Formulierung von Eucharistiefeier. Es ist völlig absurd zu sagen: Es gibt eine Sonntagspflicht. Es gibt eine Sonntagsgefahr.

Nein, ich glaube das aus persönlicher spiritueller Überzeugung, daß das gefährlich ist, dorthin zu gehen, weil wir häufig gerne – bürgerlich wie wir sind – sagen: Gott, verwandle die Gaben, aber uns laß in Ruh.

Dann gehen wir hinaus, völlig unverändert, völlig unverwandelt. Was heißt das: Leben aus der Eucharistie? Sind die Gemeinden, diese Glaubensnetzwerke eucharistiefähig, das ist die Frage.

Der Papst sagt: Betet ordentlich um Berufungen! Und ich sage: Haben wir schon. Bei den Diakonen ist ein Drittel im Status der Leviten. Das sind Diakone im presbyteralen Standby. Die wären sofort bereit, sich weihen zu lassen. Aber auch bei den Pastoralreferenten.

Wir glauben, [der emeritierte deutschstämmige] Bischof Lobinger [von Aliwal in Südafrika] und ich, daß es auch in den Gemeinden genug Leute gibt, die einen Typ von Priester neuer Art ergeben könnten. Leutepriester haben wir sie genannt, und die kommen sicher.

Es sei denn, die Kirche sagt, die Eucharistie ist uns nicht mehr wichtig. Könnten wir auch sagen, aber man muß sich entscheiden, ist dann laos- und nicht klerusorientiert und lebt von Freiwilligkeit, Berufung, Gratifikationen und Zeugen.

Und die Dienste erinnern an den Ursprung und an die Präsentation des Hauptes der Kirche, sichern vor allem die Spurtreue im Evangelium. Und das ist jetzt auch noch ein wichtiges Kriterium:

Üben Sie einmal eine Kirche ohne Kirchensteuer ein. Ohne diese Übung ist die Kirche in diesem Land nicht zukunftsfähig, sondern nur betriebsgesichert.

Ich sage ein Beispiel, das hat mich fürchterlich beunruhigt. Ich hab’s Pfarrer Hennecke heute beim Frühstück schon erzählt und erzähle es jetzt Ihnen.

Der Generalvikar von Berlin hat dem Generalvikar von Wien Priester zum Ankauf angeboten. Ja, ist logisch!

Im Rahmen des Budgets der Erzdiözese Berlin ist eine Reihe von Priestern trotz Priestermangels nicht mehr finanzierbar gewesen. Die haben räumlich so sehr fusioniert, Pastoralreviere geschaffen, daß ihnen Priester übrig geblieben sind, zum Verkauf am Markt freigegeben.

Und da sag ich immer: Da fehlt mir die Fantasie auf Zukunft hin.

Warum hat man nicht drei, vier, fünf, sechs Priester der Erzdiözese Berlin gebeten zu sagen: Könnt ihr nicht von was anderem beruflich leben? Habt ihr nicht eine Erbtante? Könnt ihr nicht anders genug Einkommen haben? Und dann lebt ehrenamtlich.

Der Wiener Pastoraltheologe Paul-Michael Zulehner (65) bei einem Vortrag auf dem Katechetischen Kongreß der Diözese Hildesheim am 16. März 2005.
      
10 Lesermeinungen
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
Kommentar schreiben
#10   Logokath   22:50:26 | Samstag, 22. April 2006
Ist doch logisch
dass der Pastoralprophet Zulehner jetzt bei diesem Thema mitredet! Er hat ja schon öfter solche Modellchen erarbeitet, auf die dann manche fliegen, als wenn es das Nonplusultra wäre. Für Priesternachwuchs sorgt man so ganz bestimmt nicht. Ich will wirklich nicht in das monotone Pastoralreferenten-Beschimpfe einstimmen, es gibt tatsächlich etlich gute Leute auf diesem Gebiet. Aber glaubt ihr denn ernsthaft, dass mit ein bischen Lockerung alles getan wäre. Viel wichtiger wäre es lebensfrohe und intelligente Priester zu haben, die fromm sind und auf der Seite des Papstes stehen. Dass auch auf dieser Seite vielfach scharf geschossen wird, liegt daran, dass lange Zeit linke Ideologien contra Frömmigkeit standen und auch heute noch die Lieben zur Kirche und die Treue zum Papst als eingeschränktes eigenstäniges Denken gebrandmarkt werden. Es ist an der Zeit auch einmal über die linken Scharfmacher zu reden, die dafür sorgen, dass kirchlicher Rechtsextremismus entsteht, bevor wieder einmal ein neues Rezept aus der Wiener Feinbäckerei als Delikatesse unter einigen Neuerungsfanatikern verbreitet wird!
Redaktion benachrichtigen
#9   Dr. Otterbeck   13:36:17 | Samstag, 22. April 2006
Zwei Wege
zum Priestertum könnten über kurz oder lang möglich sein: Einer wie bisher über Studium und Seminar für Frühberufene. Hier wird aber mehr „Kommunität“ unter den Confratres nötig werden, sozusagen jeder Diözesanklerus eine „Genossenschaft“ unter persönlicher Anleitung des Bischofs. Aber auch für „Spätberufene“ könnte man noch mehr tun, die aus den Gemeinden (vielleicht auch aus dem Ständigen Diakonat) hervorgehen, sozusagen echte „Älteste“. Bei der Abgrenzung könnte man ganz pragmatisch bleiben und Gehalts- bzw.- Pensionspflichten des Bischofs nur für die Junggeweihten vorsehen. Aber ich bin ja kein Experte, weder Zulehner noch Ablehner.
Redaktion benachrichtigen
#8   centesimus annus   13:02:43 | Samstag, 22. April 2006
Belegstellen
Tja,aber ich kann meine Beobachtung natürlich auch belegen, obwohl ich mich selbst korrigieren muss, denn beim ersten Artikel handelt es sich nicht um die Kritik einer Studie, sondern um einen Artikel über den zurückgetretenen St.Pöltner Bischof Krenn:
www.kreuz.net/article.2534.html
„In gewohnter Manier meldete sich prompt der Wiener Lokalprophet und Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner zu Wort“
Der zweite Artikel, wie schon weiter unten gesagt, hier:
www.kreuz.net/article.2602.html
„Wiener Pastoraltheologe, Hw. Paul Michael Zulehner
Hw. Zulehner bezeichnete die Enzyklika vor der österreichischen Presseagentur als ‘Kurzfassung des Innersten des Christentums’.“
oder:
www.kreuz.net/article.2525.html
Der theologische sehr liberale Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner
Das sind nur Beispiele. In den weiteren Artikeln findet man das Hw. bei Zulehner allerdings kaum.
Redaktion benachrichtigen
#7   Pierre Fischer   20:25:35 | Freitag, 21. April 2006
@centesimus annus
Interessant, ich lese kreuz.net noch nicht so lang und war mir der semantischen Konnotation des Titels „Hw.“ nicht bewusst. Ihre Analyse überrascht mich aber keineswegs.
Redaktion benachrichtigen
#6   centesimus annus   19:00:15 | Freitag, 21. April 2006
sorry
da ist ein nebensatz verschwunden, sollte heißen, die positiven Worte zur Enzyklika deus est caritas
Redaktion benachrichtigen
#5   aphrodite †   18:55:31 | Freitag, 21. April 2006
positive Worte
was meinst du damit?
Zum Jahresjubiläum von Ratzinger hat er ja gemeint, er ist für das zu loben, was er alles nicht gemacht hat – soweit ich weiß, hat kreuz.net Zulehner da gar nicht erwähnt. Obwohl mich dieses Jubiläum schon motiviert hat, endlich ein Job, in dem man dafür gelobt wird, wenn man einfach nichts zu Wege gebracht hat …
Redaktion benachrichtigen
#4   centesimus annus   18:36:57 | Freitag, 21. April 2006
Leute-Priester
Irgendwie mutet der Begriff Leute-Priester ziemlich wienerisch an, finde ich. Ist aber irgendwie lieb.
Grundsätzlich hat Zulehner mit seiner Analyse recht, und die Kaninchenstarre der Kirche in dieser Frage wird auch nicht mehr allzu lange dauern, denke ich.
Die Forderung, Zulehner mit Hw. zu betiteln, mag berechtigt sein, doch begründet ist diese nicht: kreuz.net bezeichnet nicht alle gültig geweihten katholischen Priester mit Hw., sondern nur jene, die nach Meinung der Redaktion konform gehen. Zulehner wurde nach seinen durchaus positiven Worten als Pastoraltheologe Hw. Zulehner bezeichnet, als es darum ging, über eine Umfrage seines Institutes herzuziehen, wurde er als Wiener Lokalprophet Zulehner bezeichnet. Dementsprechend ist Hw. auf kreuz.net nicht eine Titel sondern ein semantisches Signal an die Leser, wessen Meinung sie zuzustimmen haben und wessen nicht.
Redaktion benachrichtigen
#3   Gotthard   17:06:48 | Freitag, 21. April 2006
volle Zustimmung
Diese Ausführungen kann ich nur voll unterschreiben!
Redaktion benachrichtigen
#2   Pierre Fischer   16:12:03 | Freitag, 21. April 2006
@Athanasius:
Häääääääääää?????????????????????????
Da war keine Rede von „Laienpriestern“, sondern von geänderten Zulassungsbedingungen für die Priesterweihe. Der Begriff des „Leutepriesters“ (der ja nun auch nicht neu ist) ist von Zulehner und anderen in die Diskussionen eingebracht worden. Das Recht auf Eucharistie ist im CIC verbrieft (und dennoch meint die Kirche, zu wenige Priester weihen zu dürfen, obwohl es genügend qualifizierte und ausgebildete Männer gibt und selbst Joseph Ratzinger nicht müde wurde zu betonen, dass der Pflichtzölibat keine theologische Notwendigkeit ist – also darf die Frage, ob die asketische Diszplin des Klerus wichtiger ist als das Grundrecht der Gemeinde auf Sakramentenempfang ja wohl gestellt werden).
Man kann mit Zulehners Planspielen für die Kirche der Zukunft konform gehen oder nicht – aber mit Häresie hat das alles nicht das Geringste zu tun.
Im Übrigen erwarte ich von kreuz.net, dass auch Zulehner, wie das bei allen anderen gültig geweihten Priestern hier auch üblich ist, gefälligst als „Hw.“ bezeichnet wird.
Redaktion benachrichtigen
#1   Athanasius   15:47:56 | Freitag, 21. April 2006
Also:
„Freie Bahn dem Laien’priester’plan!“
Hinauf zur neuen Kirche!
„Nach dem Endsieg brauchen wir keine Priester mehr!“ – Reichspropagandaminister J. Goebbels.
Der Spruch der Benedikt XVI. zur hl. Priesterweihe 1950 brachte.
Jetzt von eben Internationalsozialisten und Linksliberalen wiederholt.
Gute ‘Eucharistie’-feier wünsche ich Euch. Und danke an die Redaktion für die schöne Erläuterung des gegenwärtiges Standes der Theologie in den Diözesen Deutschlands.
Redaktion benachrichtigen
Weiterlesen:
ModernismusWie man einen Fundamentalisten entdeckt Modernismus„Mit drängender Sorge“ ModernismusHans Küng und Kardinal Lehmann stimmen im wesentlichen überein ModernismusLiebhaberpreis für Nostalgiker ModernismusSchnee von gestern ModernismusVorwärts zur sogenannten Urkirche ModernismusHilfe, Heiliger Vater! ModernismusEin exzellentes Heilmittel gegen den theologischen Tripper ModernismusDer Pfarrer mit den leuchtenden Schuhen ModernismusEin echter Kuß ist wie was? ModernismusWolf im Schafspelz? ModernismusJungfrau, Kriegerin, wilde Frau ModernismusEine Erfolgsgeschichte? ModernismusJesus-Berührer Modernismus„Gott, Du Nichts, aus der alle Fülle kommt“
RSS Feed  •  News Ticker  •  Kontakt  •  Impressum
© CC-BY-NC-SA 2012 kreuz.net