Aus der kirchlichen Hülle und Fülle
Der selige Pius IX. und Leo XIII. waren Päpste in schwierigen Zeiten. Das Lachen verging ihnen trotzdem nicht. Von Ulrich Nersinger.
(kreuz.net) Am 16. Juni 1846 wurde der erst 47jährige Giovanni Maria Mastai-Ferretti zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt.

Als der Bruder des Papstes, Graf Gabriele Mastai-Ferretti, vom Ausgang des Konklave erfuhr, urteilte er über die unvorhergesehene Wahl der Kardinäle: „Sie sind verrückt! Sie wissen anscheinend nicht, daß die Mastai sehr, sehr lange leben.“

Papa Mastai sollte – was Volkstümlichkeit und Humor betrafen – in die Fußstapfen Papa Lambertinis treten.

„Pius IX. verdankte einen Großteil seiner unbestreitbaren Volkstümlichkeit seiner Jovialität, seiner Schlagfertigkeit und der Fähigkeit, an einer Person oder Situation das Komische zu entdecken. Pius IX. war ein Papst mit viel Humor“, merkte Kardinal Jacques Martin 1978 zum 100. Todestag des Heiligen Vaters an.

Im Advent des Jahres 1869 geschah es das erste Mal in der Geschichte des Domkapitels von St. Peter, daß die Kanoniker bei der Verrichtung des Breviergebetes eine der berühmten vorweihnächtlichen Magnificat-Antiphonen – die sogenannten „O-Antiphonen“ – ausfallen ließen.

Es war die Zeit, in der eine Besetzung des Kirchenstaates durch den italienischen König Viktor Emanuel II. drohte.

Die Domherren weigerten sich daher zu singen: „O Emmanuel, rex et legifer noster, exspectatio gentium et salvator earum, veni ad salvandum nos – Oh Emmanuel, unser König und Gesetzgeber, Erwartung der Völker und ihr Heiland; komm, unser Heil zu wirken.“

Der Oberhirte von Perugia, Mons. Gioacchino Pecci – obschon ein Bewunderer des seligen Pius’ IX. – gehörte dennoch zu den Kritikern des Papstes.

Als der Heilige Vater Monsignore Pecci im Jahre 1853 den Kardinalshut aufsetzte, bemerkte der Papst schmunzelnd: „Ich hoffe, daß dies eine Maßnahme ist, die ausnahmsweise nicht ihre Kritik erweckt.“

1878 sollte dann Gioacchino Pecci Pius IX. als Leo XIII. auf dem päpstlichen Thron nachfolgen.

Schon als Nuntius in Brüssel hatte der Pecci-Papst Schlagfertigkeit bewiesen.

Bei einem Botschaftsempfang wollte man den Vertreter des Heiligen Stuhls in Verlegenheit bringen. Es war bekannt, daß der Nuntius einen guten Schnupftabak schätzte. So bot man ihm eine Schnupftabakdose an, auf deren Innenseite des Deckels sich eine gewagte, ja als schlüpfrig zu bezeichnende Darstellung einer jungen Dame befand.

Einige eingeweihte Diplomaten blickten auf Monsignore Pecci und warteten gespannt auf die Reaktion des Päpstlichen Gesandten.

Der Nuntius öffnete die Dose, warf einen Blick auf das Bild, nahm genüßlich eine Prise zu sich, schloß das Behältnis, wandte sich dann dem Besitzer der Tabakdose zu und fragte mit freundlicher Miene: „Reizend! Die Frau Gemahlin?“

Wie schon sein Vorgänger hatte Leo XIII. mit einer alten Tradition gebrochen und Frauen den Zutritt zu den Liturgien in der Sixtinischen Kapelle gewährt.

Dies führte dazu, daß die Angehörigen des weiblichen Geschlechts vermehrt in die Sixtina drangen und schon bald mehr als die Hälfte der Teilnehmer an den Papstgottesdiensten stellten – viele kamen freilich nur, um einen Blick auf den Heiligen Vater zu erhaschen.

Als Leo XIII. aufgrund eines in der Sakristei eingetretenen Schwächeanfalls auf den Vorsitz einer Zeremonie verzichten mußte, teilte man den Gläubigen in der päpstlichen Palastkapelle mit, anstelle des Heiligen Vaters werde nun der Kardinaldekan dem Gottesdienst vorstehen.

Die Verblüffung des Purpurträgers war groß, als er dann in eine sichtlich geleerte Kapelle einzog und sogar noch einige Damen bei deren überhastetem Verlassen erblickte.

Der päpstliche Zeremonienmeister berichtete dem Papst empört von diesem Vorfall. Auf dem Gesicht des Heiligen Vaters zeigte sich jedoch keine Verärgerung, sondern ein vielsagendes Lächeln.

Ein gewisses Maß an Eitelkeit war dem Papst zu eigen, und er machte auch gar keinen Versuch, diese Schwäche zu verbergen.

Als Leo sich einmal von einem berühmten Maler portraitieren ließ, mahnte er an: „Nicht zu alt und nicht zu viele Runzeln.“

Als das Bild fertig war und der Papst es genau betrachtet hatte, diktierte er seinem Sekretär eine Nachricht für den Maler: „Seine Heiligkeit wünschen etwas weniger Nase und etwas mehr Haar.“

Als der Papst als über Neunzigjähriger einen amerikanischen Bischof empfing, der darüber klagte, wie traurig es ihn stimme, daß er den Papst nun vielleicht zum letzten Mal sehe, beeilte sich der Papst zu fragen. „Warum denn mein Lieber, sind Sie etwa krank?“

Der Verlauf der letzten Krankheit Leos XIII., die den greisen Papst zum Tode führen sollte, gab abwechselnd zu den schlimmsten Befürchtungen und dann wieder zu berechtigten Hoffnungen Anlaß.

Als jemand Kardinal Oreglia, den Dekan des Heiligen Kollegiums, nach dem Befinden des Papstes fragte, antwortete der Purpurträger, der ein entschiedener Gegner der Politik Leos XIII. war:

„Mit der Gesundheit des Heiligen Vaters geht es wie mit seiner Politik – auf und ab.“
      
12 Lesermeinungen
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#12   Dr. Otterbeck   07:19:51 | Dienstag, 2. Mai 2006
Critique de la critique
Nur „historisch-kritisch“ an Überlieferungen heranzugehen, das genügt nicht. Der Histiriker muss auch die Kritik wieder einer Kritik unterziehen. So kommen Historiker bisweilen dazu, fast die ganzen Evangelien für historisch plausibel zu erachten, wo den Exegeten der Sinn für Kritik der Kritik fehlt. Ein Historiker würde sich über den Beleg bei Damasus freuen und sagen: Gewichtige Gründe sprechen dafür, dass die Gebete des Canon Romanus auf Petrus und Paulus zurückgehen. Denn ein nur vereinzelter Beleg aus dem 4. Jh. ist kein Beweis dafür, dass er falsch ist.
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#11   Jörg Guttenberger, Köln   22:15:02 | Montag, 1. Mai 2006
Copertino, Berben: Hölle
Herzlichen Dank für die zum Teil humorvolle Aufklärung!
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#10   Benedikt   15:55:03 | Montag, 1. Mai 2006
@ Athanasius
Er hat in soweit Recht, dass es früher (natürlich) keinen Canon Romanus gegeben hat. Die Wandlung wurde in das beten von Präfationen eingefügt. Ob Textteile solcher Präfationen heute im Römischen Messkanon fortbestehen weiß ich auch nicht. Möglich es es aber, immerhin ist ja auch eine Präfation vor der Wandlung übriggeblieben.
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#9   Gotthard   00:10:20 | Montag, 1. Mai 2006
Erkenntnis
Schade für Sie ist nur, dass Papst Damasus aus dem 4. Jh. sagte, dass die Gebete des Canon Romanus aus der Hand von den hl. Petrus und Paul selbst stammen.
Wer diese historische Erkenntnis für wahr hält, möge es tun.
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#8   Athanasius   23:46:50 | Sonntag, 30. April 2006
@Pierre Fischer
Was Sie wohl nicht wissen, ist dass die Gebete des Römischen Kanons bis in die Katakombenzeit zurückgehen, wo die Liturgiehistoriker ihre Spuren verlieren, obwohl in der Beschreibung durch den hl. Justinus den Märtyrer Regel und Vorschriften und ihre Existenz sehr klar gemacht werden. Schade für Sie ist nur, dass Papst Damasus aus dem 4. Jh. sagte, dass die Gebete des Canon Romanus aus der Hand von den hl. Petrus und Paul selbst stammen. Übrigens ist es unfair und unkorrekt die traditionalistische Kritik auf äusserliche Sachen zu reduzieren. Kein Traditionalist macht Ärger über neue Baustile oder neuere Kunst – an sich. Es geht um Worte. Logos, dás ist Kern unseres Glaubens. Nicht die Esthetik. Obwohl nur Logos, und Dessen wahre Erkenntnis durch die Menschen, die Fülle der Esthetik erreichen können.
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#7   Katja Berben   23:43:58 | Sonntag, 30. April 2006
Na super
In die erste kommen alle Modernisten, in die dritte alle kreuz.net-Autoren!
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#6   Copertino   22:34:23 | Sonntag, 30. April 2006
Höllenkollektion
Die Hölle für Leichtsinnige:
„vor dem Ort des Weinens“ Mt 8.12, Mt 13.42, Mt 13.50, Mt 22.13, Mt 24.51, Mt 25.30, Lk 13.28
Die Hölle für die Hoffährtigen:
„vor der Schande und ewiger Abscheu“ Dan 12.2
Die Hölle für die Selbstzufriedenen:
„vor der Qual, wo Menschen keine Ruhe finden von Ewigkeit zu Ewigkeit“ Off 14.11
Es gäbe in der Bibel wohl noch andere Abteilungen zu entdecken.
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#5   Jörg Guttenberger, Köln   20:41:22 | Sonntag, 30. April 2006
Katja Berben: Modernistenhöle
Woher wissen Sie, Frau Berben, von unterschiedlichen Höllen? Neben der Hölle für Normalverbrauer gibt es also eine Modernistenhölle! Gibt es vielleicht auch eine für Traditionalisten? Worin besteht der Unterschied zwischen den einzelnen Höllen? Antwort mit Beleg aus der Bibel erbeten!
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#4   Pierre Fischer   20:11:45 | Sonntag, 30. April 2006
@Gotthard
Bedenken Sie nur z.B., wie das Tridentinum mit so mancher Tradition gebrochen hat. Die mittelalterlichen Synoden. Der Mensch, der den Canon Romanus geschrieben hat, hat auch mit der Tradition gebrochen, derzufolge KEIN Canon Romanus in der Messe gebetet wurde. Die Generation, die die ersten Kathedralen gebaut hat und mit der Tradition gebrochen hat, NICHT in Kathedralen zu feiern. Usw. usf.
Überall gebrochene Traditionen!
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#3   Gotthard   19:52:35 | Sonntag, 30. April 2006
Frühdatierung
Wie schon sein Vorgänger hatte Leo XIII. mit einer alten Tradition gebrochen und Frauen den Zutritt zu den Liturgien in der Sixtinischen Kapelle gewährt.
Der Verfall der heiligen Tradition und der Liturgie begann ja viel früher als bisher angenommen…
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#2   Pierre Fischer   18:57:18 | Sonntag, 30. April 2006
Nicht auszudenken
Nicht auszudenken, was hier los wäre, wenn exakt dieselben Geschichtchen von Johannes XXIII. erzählen würde: Verharmlosung von sexuellen Perversionen, Entweihung von Heiligtümern, Lächerlichmachung des Glaubens der Apostel, eines Papstes unwürdig, widerwärtig, modernistisch, heidnisch, freimaurerisch etc. etc.
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#1   Katja Berben   18:20:07 | Sonntag, 30. April 2006
Nicht vergessen
Aus traditionalistischer Sicht ist Leo XIII. ein perverser Schwerverbrecher. Er sprach sich für die historisch-kritische Forschung der Bibel aus. Dafür schmort er heute in der Modernistenhölle.
Nur um schon mal vorwegzunehmen, was die üblichen Verdächtigen hier schon bald schreiben werden.
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