Schweiz
Das Kloster Einsiedeln vor einer grundlegenden Neuausrichtung?
Der Abt des Benediktinerklosters Einsiedeln in der Innerschweiz verfügt seit kurzem über eine Stiftung, die sich „Pro Kloster Einsiedeln“ nennt. Von Dr. Lukas Brühwiler-Frésey, Parteipräsident der KVP.
(kreuz.net, Einsiedeln) Die Stiftung soll laut Medienmitteilung den „geistigen und weltlichen Wert des Klosters Einsiedeln“ erhalten und stärken. Im Stiftungsrat sind Herren vertreten, die es verstehen, ökonomisch zu denken.

Da ist zum Beispiel Martin Willhaus, Geschäftsführer der Kühne-Stiftung mit Sitz in Schindellegi. Von der Kühne-Stiftung gelangt man direkt ins Institut für Logistik an der Universität St.Gallen. Willhaus amtet als kaufmännischer Direktor des Institut.

Stiftungsratsmitglied ist Thomas Bergen, Manager von ‘getAbstract’.

‘GetAbstract’ faßt sämtliche Bücher der Welt zusammen und will dem kriselnden Büchermarkt und zweifellos auch sich selber zu größerem Wachstum und Gewinn verhelfen.

Von Bergen darf man sich auch Impulse erwarten, wenn es darum geht, das Archiv des Klosters zu reorganisieren.

Für Fragen der Gebäudeerhaltung bietet sich Stiftungsrat Ruedi Späni an. Er ist ein Bauunternehmer aus dem Steuerparadies Wilen bei Wollerau unweit von Einsiedeln.

Und wer kümmert sich um den „Money-Value“ des Klosters Einsiedeln?

Hier bietet sich der Geschäftsführer der Stiftung, Helmuth Fuchs, an.

Er ist CEO des Online-Finanzportals „Moneycab“ in Zürich.

Aus dieser Sparte stammt auch der Stiftungsrat Martin Spieler. Beruflich ist er der Chefredaktor der ‘Handelszeitung’. Diese gehört zum Axel-Springer-Imperium, das auch die Boulevardzeitung ‘Bild’ herausgibt.

Im Stiftungsrat ist auch eine Bank vertreten. Es handelt sich um die ‘LGT Group’, die Vermögensexperten des Fürstenhauses von Liechtenstein, die das fürstliche Portfolio von 2.1 Milliarden Franken verwalten.

Dieses Geldinstitut sponsort auch Reitveranstaltungen, womit sich Synergien zur berühmten Pferdezucht des Klosters Einsiedeln ergeben.

Geschäftsleiter der ‘LGT Group’ ist Konrad Bächinger. Sein Leistungsausweis ist beachtlich: 64.5 Prozent Bruttoperformance auf die fürstlichen Anlagen innerhalb von sieben Jahre.

Die ‘LGT Group’ unterhält im Schloß Freudenfels bei Eschenz im nordostschweizer Kanton Thurgau die „LGT Academy“ – eine sogenannte „Corporate University“.

Schloß Freudenfels gehört seit 1623 dem Kloster Einsiedeln. Das Kloster hat den Herrschaftssitz 1996 an die ‘LGT Group’ vermietet.

Im Stiftungsrat dieser Ausbildungsstätte sitzt neben dem Prinzen Philipp von und zu Liechtenstein als Präsident und dem Personalchef der ‘LGT Group’ auch Konrad Bächinger.

Für den Unterricht auf Schloß Freudenfels verantwortlich sind ein Universitätsprofessor für Kontemplation und humanwissenschaftliche Grundlagen, ein Spezialist für Bewegung und Ernährung und Dr. Bhante Seelawansa, buddhistischer Mönch und Abt sowie Fachmann für
Kontemplation.

Die ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung – auf humanwissenschaftlicher Grundlage – ist das erklärte Ausbildungsziel der Academy. Es wird vielleicht bis auf die Einsiedler Mönche ausstrahlen.

Ob so viel Buddhismus in den Verbindungen der neuen Stiftung stellt sich die Frage, ob jemand dort auch für die katholische Spiritualität zuständig ist.

Dafür könnte Stiftungsrat Reto Wehrli aus dem nahen Schwyz in Frage kommen. Er ist christdemokratische Nationalrat und Rechtsanwalt.

Jüngst hat er sich öffentliche Sorgen gemacht, daß Muslime in der Schweiz bald die Mehrheit erlangen könnten, und schrieb deshalb für seine Christdemokraten ein Muslim-Papier.

Reto Wehrli hat dadurch die Sympathie der Parteipräsidentin gewonnen. Im Schweizer Fernsehen wetterte sie daraufhin gegen Dispense für moslemische Mädchen vom Schwimmunterricht sowie gegen das Kopftuch.

Daß die Christdemokraten keine klaren Positionen vertreten, bewies aber schon kurz darauf der christdemokratische Ständerat Bruno Frick, ebenfalls aus Schwyz. Von Kopftuchverbot oder Badeobligatorium wollte er nichts wissen. Dafür erklärte er, sich ein geplantes Minarett in der Nordschweiz als Wallfahrtsort für Muslime vorstellen zu können.

Doch zurück zur Stiftung. Sie soll auch den Weiterbestand der Klosterschule als „humanistisches Gymnasium“ erhalten und fördern. Das Wort „christlich „ wird in diesem Zusammenhang nicht verwendet.

Offenbar ringt man gegenwärtig um eine „Neuausrichtung“ der Schule, wobei die Beratungsfirma ‘McKinsey’ dem Abt bei der Erarbeitung einer neuen Strategie behilflich ist.

In einem Pressecommuniqué vom März 2006 hieß es, daß es um eine
„Besinnung auf die alten Werte“ gehe, verstärkt auf christlicher
Wertebasis. Das eidgenössische Reglement für den Erwerb der Matura
habe zu einer Erosion des Bildungsniveaus geführt und die Identität
der Schule geschwächt. Doch es gebe eine starke Nachfrage nach
wertorientierter, ganzheitliche Bildung.

Welche Identität wird gesucht? Etwa die buddhistisch ganzheitliche
des Schlosses Freudenfels? Warum wird die katholische Bildung
nirgends genannt?

„Reformierte, jüdische oder muslimische Kinder können genau so gerne kommen – wie bisher. Sie müssen nur die christlichen Werte akzeptieren, auf denen unsere Erziehung beruht“, zitiert die Boulevard-Zeitung „Blick“ den Abt von Einsiedeln.

Damit sind Christen wohl besser beraten, ihre Kinder in den Schulen des Kantons Zürich zu belassen. Denn nach dem Zürcher Schulgesetz sind auch die dortigen Schulen im humanistischen und christlichen Sinn zu führen.

Als Berater stehen dem Abt in dieser Angelegenheit der Novartis-Chef Daniel Vasella und Roche-Chef Franz Hummer zur Verfügung. Das Jahresgehalt von Vasella betrug im Jahr 2005 21.3 Millionen Franken, jenes von Franz Hummer ein bißchen weniger.

Soll die Raffgier zum neuen Leitbild der Stiftsschule werden? Wie sollen solche Berater eine Vorbildfunktion ausüben?

Der Generalvikar des Bistums Basel, Pater Roland-Bernhard Trauffer, sprach im ‘Sonntagsblick’ vom 26. März 2006 im Zusammenhang solcher Jahreslöhne von „räuberischem Verhalten“.

Wenn es im Stiftungsrat Richtungskämpfe geben sollte, steht in der Person von Walter Zehnder ein weiterer Rechtsanwalt zur Verfügung, der zusammen mit dem Chefarzt für Medizin im Regionalspital Einsiedeln, Simon Stäuble, dafür sorgen kann, daß der Streit örtlich begrenzt bleibt.

Doch die Frage nach der Identität wird nicht zu vermeiden sein. Die Manager im Stiftungsrat werden nicht darum herum kommen, dem Abt eines Tages jene Frage zu stellen, mit der sich jedes Unternehmen im postmodernen Zeitalter beschäftigen muß:

Welches ist die „identity“ des Unternehmens? Worin soll die „corporate reputation“, das „corporate image“ oder sogar die „corporate integrity“ bestehen?

Gesänge mit Götzenanbetern oder katholische Spiritualität?

Bretterverschläge vor dem Kloster und Clinch-Wallfahrten oder souveräne katholische Fürstlichkeit? Vielleicht sogar Besinnung auf die Identität des christlichen Europas?

Zu beachten ist im Sinne des Fairness-Gebotes, daß der Abt des Klosters Einsiedeln öffentlich reagiert hat – nachzulesen auf der Plattform ‘kath.ch’. Darin bezeichnet der Abt den Text des Parteipräsidenten der KVP als Angriff gegen das Kloster Einsiedeln und gegen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, mit dem sich die KVP zu profilieren versuche. Dies stimme ihn sehr traurig. Mit diesen Unwahrheiten, Verleumdungen und Lieblosigkeiten disqualifiziere sich die Partei nicht nur auf der christlichen, sondern auch auf der rein menschlichen Ebene. Eine Begründung dafür, daß Unwahrheiten oder gar Verleumdungen verbreitet worden seien, liefert der Abt aber mit keinem Wort.
      
3 Lesermeinungen
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#3   Gotthard   20:52:30 | Sonntag, 30. April 2006
Winzling
engagierteste Politiker
persönlich kann und will ich zu diesem Herrn nichts sagen – aber er scheint der erfolgloseste Politiker zu sein …sein Partei-Winzling scheint in gerade mal 2 Gemeinderäten vertreten zu sein…
Redaktion benachrichtigen
#2   rudolfsohn   15:21:10 | Sonntag, 30. April 2006
an Gotthard
wichtige Persönlichkeit in der Schweizer Politik
Das verstehe ich.
Dr. Brühwiler ist in der Tat der ehrlichste und engagierteste Politiker in der Schweiz
hat eine herrliche Glosse geschrieben …
Das verstehe ich nicht.
Wenn er das ganze Verstrickungs-, Vernetzungs- und Verbindungstheater transparent macht, ist das doch nützlich. Die Öffentlichkeit (gerade die katholische Schweizer Bevölkerung) hat doch ein Recht darauf, hinter die Kulissen zu blicken.
Inwiefern soll es sich hier um eine „herrliche Glosse“ handeln?
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#1   Gotthard   12:51:37 | Sonntag, 30. April 2006
Glosse
diese wichtige Persönlichkeit in der Schweizer Politik hat eine herrliche Glosse geschrieben …
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