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Mittwoch, 22. Dezember 2004 18:28
Traum und Wirklichkeit: Der König von Patagonien
Dem Königreich Patagonien, schreibt der Schriftsteller Jean Raspail, dürfe man sich nur mit vorsichtigen Schritten nähern, sonst löse es sich in Luft auf. Seien wir also ganz, ganz vorsichtig und begeben uns in den französischen Périgord der 30er Jahre, im 19. Jahrhundert. Die Geschichte hat den Vorzug, wahr zu sein.
Antoine de Tounens, König von Patagonien
Antoine de Tounens, König von Patagonien
(kreuz.net) Eigentlich seien sie eine fürstliche Familie, hört der kleine Bauernsohn Antoine Thounens immer wieder gern die alte Familienlegende: eine fürstliche Familie, die wegen materieller Not den Fürstentitel aufgegeben habe. Das glaubt Antoine gerne, und einige Jahre später sehen wir den begabten jungen Mann in einer Anwaltskanzlei in Périgeux arbeiten.

Wiederum einige Jahre später hat er die Kanzlei gekauft, und dann widmet er sich der ersten Etappe seines großen Lebensziels, dem Wiedergewinnen des Adelstitels. Und siehe da: es gelingt ihm, er darf sich nach Gerichtsbeschluß offiziell Antoine de Tounens nennen. Die erste Etappe ist geschafft, und sofort läßt er sich Visitenkarten drucken: Prince, Fürst Antoine de Tounens prangt stolz darauf.

Und eine Fürstenkrone.

In der zweiten Etappe sehen wir den Fürsten Antoine de Tounens nicht nur seine Kanzlei verkaufen, sondern auch gleich seine fürstlich-bäuerlichen Verwandten überreden, auf ihren Besitz Hypotheken aufzunehmen und ihm das Geld zum Investieren in sein großes Lebensziel zu überlassen. Reich werde er sie machen, mehr als reichlich alles erstatten.

Dann fährt er nach Paris.

Ein Siegel läßt er sich schneiden, Geldmünzen prägen, Fahnen nähen. Er hat auch eine Verfassung entworfen, indem er die Verfassung des Kaiserreiches des 3. Napoleon verändert abschrieb, denn er hat Großes vor: wenn er schon Fürst ist, warum soll er nicht auch König werden, ein Königreich sich erwerben?

Daß die Welt im 19. Jahrhundert bereits einigermaßen aufgeteilt ist, das ist nur bedingt hinderlich: gibt es doch in der südlichen Hälfte Südamerikas ein riesiges, weithin unbesiedeltes, nur von Indianern durchzogenes Land, auf das Frankreich Anspruch erheben könnte, da ihm einst die Inseln der Malouines, später Malvinas, viel später Falklands eigentlich gehörten. La Nouvelle France, Neufrankreich soll es werden, und Patagonien heißt es noch heute, südlich des Rio Negro bis zum Kap Horn.

Antoine de Tounens’ gewaltige Idee stößt auf wenig Verständnis im Frankreich Napoleons III., welches andere außenpolitische Sorgen hat. Der Fürst und nachmalige König von Patagonien kann nicht einmal in die Vorzimmer der Macht vordringen, untergeordnete Chargen zeigen keinerlei Respekt vor ihm, seinem Adel, seiner Idee. Da entschließt er sich zum Alleingang, packt Siegel, Fahnen, Münzen, Verfassung und was ein König sonst noch so braucht in große Koffer und setzt nach Südamerika über.

Schon auf der Fahrt wird ihm eine Menge des Staatsschatzes von zwielichtigen Elementen abgeschwatzt. Er ernennt Minister, vergibt Hofämter an Leute, die er nie wiedersehen wird, von denen er nie wieder hören wird. Und er entwirft den Plan einer Eisenbahnlinie von der Südspitze Südamerikas über Alaska, Rußland und Paris bis an den Atlantik: zwecks Förderung des Handels.

Die dritte Etappe.

In Patagonien angekommen, reitet er – übrigens eine nicht unmajestätische Erscheinung – täglich zur gleichen Stunde, auffällig gekleidet, im Galopp die Hauptstraße seiner Hauptstadt hinauf und hinab. Niemand nimmt ihn ernst, niemand nimmt ihn als König wahr. Der Staatsschatz schmilzt, er muß etwas unternehmen.

Einer der örtlichen Indianerstämme ist als besonders kriegerisch bekannt. Den bringt er dazu, in stark alkoholisiertem Zustand „Eviva el Rey“ zu rufen, „es lebe der König“, und so ist er König. In einem Anfall von Tollkühnheit greift er mit seinen Untertanen eine Heeresgruppe der argentinischen Armee an – Chile und Argentinien streiten sich um Patagonien, um sein Patagonien. Und er gewinnt die Schlacht, und er ist König, und er hat regiert!

Wenige Wochen später haben die Indianer ihn völlig vergessen. Nicht aber die Chilenen und Argentinier, die ihn verhaften und als Verrückten einsperren. Seine Verwandten im Périgord kratzen die letzten Sous zusammen, um seine Rückreise nach Frankreich zu bezahlen; sein kaiserlicher Bruder in Paris ignoriert ihn völlig. Auch seine Hilferufe an Cousine Victoria von England verhallen ungehört. Nicht so bei der Schickeria in Paris.

Er ist als Exilkönig der Renner bei dem, was damals die Promi-Parties waren. Alle haben ihn, alle hat er gekannt, der uns heute bekannteste war Victor Hugo. Herzöge macht der König, Großherzöge, er verleiht Orden, er sammelt Geld. Und feixend ermöglicht ihm die Schickeria, insgesamt viermal nach Patagonien zurückzukehren, viermal wieder ausgewiesen und nach Frankreich verbracht zu werden.

Eines Tages sieht er in einem Pariser Zirkus – Indianer! Es sind Alakalouf, Indianer aus Südwest-Patagonien, die rohes Fleisch verzehren, und sie werden als Menschenfresser vorgeführt, wie Affen im Zirkus vom Publikum begafft. Da will er seine Untertanen schützen, wie ein guter König seine Untertanen schützt, und die Polizei verhaftet den wütenden, gar tobenden König, der es natürlich nicht schafft, seine verständnislosen Untertanen zu befreien.

Dann verliert die Schickeria das Interesse. Der deutsch-französische Bruderkrieg geht verloren. Das Kaiserreich geht verloren, und mit beiden auch die alte Schickeria und ihr Spaß an Orélie-Antoine I., dem König von Patagonien.

1878 stirbt er, im Périgord, zu Hause, dreiundfünfzigjährig, völlig verarmt, vereinsamt, krank. Und vollkommen überzeugt von seiner Legitimität. Von seiner fürstlichen, königlichen Würde will seine Familie jedoch nichts wissen: zu oft werden sie im Dorf-bistro damit aufgezogen.

Unsere Zeit hat keine Ideen, keine Visionen, keine Ideale und Wahrheiten mehr, für die sie sich einsetzen, gar kämpfen würde. Glaubensbekenntnisse werden heute auf der Registrierkasse getippt, schreibt der große alte Joachim Fernau, der die Einführung der Scannerkasse nicht mehr miterleben mußte. Es ist eine Welt ohne Träume, grau ist sie geworden. Es gibt keine Königreiche mehr zu erwerben.

Und doch! Aus dem Grab in Toutoirac im Périgord heraus habe er seine Ernennung zum Generalkonsul von Patagonien erhalten, schreibt der eingangs erwähnte Jean Raspail. Das Königreich Patagonien existiert, existiert nicht nur virtuell, es hat nicht nur in Frankreich tausende durch das Generalkonsulat eingebürgerte Staatsbürger, die sich u.a. am Nationalitätenaufkleber „PTG“ mit den blau-weiß-grünen Nationalfarben des Königreichs erkennen und sich dann mindestens zum Apéritif einladen und ihren Nationalfeiertag entweder am 17. oder am 20. November feiern, je nach Geschmack.

Überall auf der Welt gibt es Konsulate und Vizekonsulate, es gibt eine patagonische Luftfahrt, ein Königlich-Patagonisches Historisches Institut (französischsprachig, klar, aber unter deutscher Leitung), ein Königliches Tierärztliches Institut, ein Komitee für die Erhaltung der freihändigen Harpunenfischerei auf hoher See, einen Kreis des Unnützen und so weiter, und so fort.

Es gibt ein diplomatisches Jahrbuch, in dem auch die patagonische Marine ehrenvolle Erwähnung findet. Als Reaktion auf die widerrechtliche Eroberung der patagonischen Malvinen-Inseln im „Falkland“-Krieg durch die Briten 1982 hat sie 1998 ruhmreich die Minquiers, eine Inselgruppe bei den britischen Kanalinseln, südlich von Jersey gelegen, erobert, nach dem Verzehr mehrerer Dosen Kaviar, mehrerer Flaschen Champagner die britische Fahne ehrenvoll eingeholt, die patagonische gehißt, und seitdem sind die Minquiers der nördlichste Teil Patagoniens mit der Hauptstadt Port-Tounens.

Die eroberte englische Fahne hat Jean Raspail mit allen Ehren der britischen Botschaft in Paris übergeben, sehr zum Vergnügen der Weltpresse inklusive Times, Figaro und FAZ.

Patagonien!

Der Traum Orélie-Antoines I. geht weiter. Überall dort, wo eine gerechte Sache getan wird, weil sie getan werden muß, auch wenn sie verloren ist, wo eine Vision verfolgt wird, auch wenn sie nicht rentabel ist, wo ein Traum verwirklicht werden soll, weil er vielleicht nicht realisierbar, aber richtig ist und weil er lebensnotwendig ist: überall dort ist das geheime Königreich des Orélie-Antoine de Tounens, des Königs von Patagonien, des wirklichen Patagonien – nicht jenes in Südamerika.

Eviva el Rey! Vive le Roy! Es lebe der König!

Joachim Volkmann, Vizekonsul von Patagonien
1 Lesermeinung:
Mittwoch, 22. Dezember 2004 21:43
Dolfus: Wie ein Roman
Ein Leben wie ein Roman. Aber wozu dieses Kriegsführen für eine Machtstellung?
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