15:38:11 | Montag, 15. Mai 2006
Die Kirche befindet sich in der Passion. Das ist – auch gegen die Ansicht von Sedisvakantisten und Papisten – anzuerkennen, ohne den Kopf in den Sand zu stecken. Von Bischof Bernard Fellay, Generaloberer der Piusbruderschaft.
(kreuz.net, Ecône) Man hört davon, daß die Exkommunikationen [der Bischöfe der Piusbruderschaft] aufgehoben
werden soll. Wir hatten darum im Jahr 2000 gebeten. Jetzt wird die Frage von Kardinälen und vom Papst
erwogen.
Der Papst ist offenbar der Auffassung, daß eine Aufhebung der Exkommunikationen möglich ist,
weil sie an zeitlich bedingte Umstände gebunden gewesen seien. Sie seien zu einem gewissen geschichtlichen
Zeitpunkt verhängt worden. Heute würde sich die Sache anders verhalten. Also bitte. Das ist sehr gut.
Er spricht auch von einer gewissen Freiheit der Messe gegenüber – allerdings von einer teilweisen,
Bischof
Fellay:
„Wenn wir nun mit den Diskussionen weiterfahren – die allerdings noch nicht sehr weit gediehen
sind – wollen wir Rom sagen, daß es kein Recht hat, die Vergangenheit der Kirche zu verleugnen.“
nicht
von einer vollständigen Freiheit.
Was gut ist, soll nicht ungetan bleiben. Wir sagen nicht nein. Aber
das heißt nicht, daß man für morgen schon ein Übereinkommen erwarten darf.
Noch einmal: Vielleicht
ist man gerade dabei, der Flasche ein neues Etikett zu geben. Das ist immerhin schon etwas, aber nicht
das Wesentliche. Wir wollen aber das Wesentliche.
Wenn wir nun mit den Diskussionen weiterfahren – die
allerdings noch nicht sehr weit gediehen sind – wollen wir Rom sagen, daß es kein Recht hat, die Vergangenheit
der Kirche zu verleugnen.
Die Wahrheit steht über der Zeit. Sie ändert sich nicht. Unser Herr ist Gott.
Wenn er Gott ist, heißt das, daß er Macht hat. „Mir ist alle Macht gegeben.“ Wenn er alle Macht besitzt,
hat er sie auch über den Staat. Folglich hat auch der Staat die Pflicht, sich Gott unterzuordnen.
Die
Kirche ist die einzige, die Gott gegründet hat. Der Staat hat die Pflicht, an seinem Platz für das Heil
der Seelen das seinige zu tun.
Da stehen wir nun. Wir sagten in Rom: „Gut, sehr gut. Wenn Sie diese zwei
Vorbedingungen erfüllen, werden wir bereit sein, zu reden. Laßt uns dann über das Wesentliche reden.
Schaffen Sie eine bessere Atmosphäre. Erleichtern Sie der Tradition ein wenig das Leben, dann werden
wir einverstanden und bereit sein, die zu behandelnden Fragen zu erörtern.“
Ist Rom bereit, diese Fragen
anzugehen? Ist Rom bereit, das Konzil in Frage zu stellen? Bis jetzt hatten wir diesen Eindruck nicht.
Unser Argument ist jenes der Tatsachen. Es ist die Wirklichkeit. Es ist der Zustand der Kirche. Wir bitten
sie
Bischof Fellay:
„Rom erfindet allerlei gute Begründungen, um anderswo die Ursache dieser Krise zu
sehen, aber nicht dort, wo sie ist – nämlich in diesem Konzil.“
ganz einfach darum, von den Wirkungen
auf die Ursache zu schließen.
Bis jetzt weigert sich Rom, das zu tun. Es will die Ursachen nicht sehen.
Es erfindet allerlei gute Begründungen, um anderswo die Ursache dieser Krise zu sehen, aber nicht dort,
wo sie ist – nämlich in diesem Konzil.
Das Konzil wollte sich der Welt anpassen, sich den Prinzipien
der Welt annähern und alles verweltlichen: die Religion des Menschen, die Anthropologie, wie sie es nennen,
der Anthropozentrismus – alles ist auf den Menschen anstatt auf Gott ausgerichtet.
Vor uns liegt noch
ein weiter Weg.
In diesem Zusammenhang können wir daran erinnern, als unser Herr vor der Passion zum
ersten Mal seine Leiden ankündigte. Da erhob sich der heilige Petrus und widersprach: „Das darf nicht
geschehen!“
Diese Haltung sieht man – auch der Kirche gegenüber – recht häufig. Man möchte gern im
Bezug auf den mystischen Leib unseres Herrn die Haltung des heiligen Petrus einnehmen: „Das darf nicht
geschehen! Die Kirche ist schön, sie ist heilig, sie ist eine. Sie kann nicht sterben. Sie ist göttlich.
Eine Passion darf nicht an sie herankommen.“
Aber seien wir vorsichtig, daß wir nicht das zu hören
bekommen, was Unser Herr dem heiligen Petrus entgegnete. Nehmen wir die Wirklichkeit so an, wie sie ist.
Man hat auf der Ebene des Erkennens kein Recht, die erschreckende Wirklichkeit zu verfälschen. Wie wird
man mit Traurigkeit erfüllt, wenn man das Leid sieht, das die Kirche heimsucht. Da kann man wirklich
von der Passion der Kirche sprechen.
Aber es ist zu einfach zu sagen: „Gott, unser Herr, hat versprochen,
daß die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigen werden. Folglich ist das unmöglich. Somit
ist alles, was gemacht wird, gut.“
Oder: „Der Papst ist unfehlbar. Foglich geht alles gut.“ Nein. Es
geht nicht alles gut.
Natürlich müssen wir den gesamten Glauben und alle seine Prinzipien bewahren.
Aber wir müssen auch an der ganzen Wirklichkeit festhalten, sogar wenn wir uns dadurch in einem Geheimnis
befinden, dem Geheimnis der Bosheit, das uns Leiden verursacht.
Wir müssen diese Treue bewahren. Was
würde es uns nützen, eine Vogel-Strauß-Politik zu betreiben und die Augen vor der traurigen Wirklichkeit
der leidenden Kirche zu verschließen?
Für jene, die behaupten, es gäbe keinen Papst, ist es einfach.
Aber das ändert nichts an der Wirklichkeit.
Für jene, die sagen: „er ist unfehlbar“, ist auch alles
gut. Das ist auch einfach. Aber das ändert nichts an der Wirklichkeit.
Es ist viel besser, in dieser
Wirklichkeit zu bleiben, sogar wenn das uns Leiden verursacht. In dieser Treue, werden wir – indem wir
uns auf Gott stützen und alles tun, was wir können und müssen – die Kraft finden, so weit es von uns
abhängt, nach Mitteln zu suchen, damit die Kirche aus dieser Krise herauskomme. Was wollen wir sonst?
Wir müssen vor dem Leiden Unseres Herrn auch auf die Knie gehen. Bitten wir in den Wochen [vor Ostern]
um
Bischof Fellay:
„Was wird morgen, übermorgen mit unserer Beziehung mit Rom sein? Wir nehmen jeden Tag
so an, wie er kommt. Wir wissen, wohin wir gehen wollen. Wir wollen die Katholische Kirche. Das ist alles.“
diese
Gnade. Die Kirche lädt uns dazu ein, uns mit unserem Herrn in seinem Leiden zu vereinigen.
Bitten wir
ihn um die Gnade, das Geheimnis der Passion der Kirche besser zu verstehen, sogar durch unsere Leiden
hindurch. Dabei halten wir uns vor Augen, daß diese Passion eines Tages enden wird und daß es eine Auferstehung
geben wird.
Die Auferstehung liegt in den Händen des lieben Gottes, eines wahrhaft unfehlbareren und
allmächtigen Gottes. Er läßt diese Leiden zu, um seine Eigenschaften zu offenbaren, um seinen Kindern
noch reichlichere Gnaden zu schenken.
Eines Tages werden wir es verstehen: vielleicht erst im Himmel
oder auch schon früher. All das liegt in den göttlichen Händen. Aber leben wir fest aus diesem Glauben.
Jetzt ist eine Zeit der Leiden – leiden wir also. Sprechen wir mit dem heiligen Apostel Thomas: „Leiden
und sterben wir mit Ihm, mit Unserem Herrn.“ So verhält es sich nun mal im gegenwärtigen Augenblick.
Möge der heilige Wille Gottes geschehen. Machen wir weiter. Wir müssen natürlich den Triumph und die
Verherrlichung Gottes wollen, indem wir die Anordnungen der göttlichen Vorsehung annehmen.
Was wird
morgen, übermorgen mit unserer Beziehung mit Rom sein? Wir nehmen jeden Tag so an, wie er kommt. Wir
wissen, wohin wir gehen wollen. Wir wollen die Katholische Kirche. Das ist alles.
Wir wollen, daß die
Kirche in ihrer Lehre, in ihrer Disziplin überall katholisch sei. Das wollen wir und nichts anderes.
Und das wird kommen.
Aus einer Predigt von Bischof Bernard Fellay, gehalten am 2. April, dem Passionsonntag,
im Priesterseminar in Ecône im Kanton Wallis im Südwesten der Schweiz.
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