11:08:53 | Montag, 29. Mai 2006
kreuz.net: Der Bonner Theologe David Berger hat unlängst in einem Online-Interview harte Worte gegen
Ihre Bruderschaft und deren Gläubige gefunden. Wie haben Sie das aufgenommen?
Pater Pfluger: Überrascht.
Es kam unerwartet. Es gab bislang keinen Grund, ausgerechnet von Berger einen solchen Angriff zu erwarten.
kreuz.net: Aber vielleicht hat Berger ja recht. Was ist dran an seiner Kritik?
Pater Pfluger: Erstaunlich
wenig. Berger springt in seinem Rundumschlag gegen uns zwischen den Ebenen hin und her. Er wirft uns zum
einen einen falschen Traditionsbegriff vor und will das an der Religionsfreiheit festmachen. Zum anderen
attackiert er vermeintliche pastorale Verhärtungen.
kreuz.net: Er sagt, die Definition der Religionsfreiheit
des Konzils sei eine Fortschreibung der katholischen Lehre unter Beibehaltung der Substanz.
Pater Pfluger:
Damit landet er einen wirklichen Fehlschuß. Hätte er die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ gelesen, wüßte
er es besser. Dort hat ein des Traditionalismus unverdächtiger Jurist – der ehemalige Verfassungsrichter
Ernst-Wolfgang Böckenförde –
nachgewiesen, daß ein Bruch – eine Diskontinuität – besteht. Der Witz
der Sache ist, daß Böckenförde den Bruch mit Verweis auf Thomas von Aquin nachweist.
kreuz.net: Berger
gilt in Deutschland als Thomist. Hat er das Argument von Böckenförde übersehen?
Pater Pfluger: Da
müssen Sie ihn selber fragen. Auf alle Fälle wird die Behauptung, die Konzilserklärung zur Religionsfreiheit
stünde in der Kontinuität der kirchlichen Lehre, durch simples Nachreden nicht wahrer. Mehr bringt Berger
nicht. Weshalb das, was bis in den Wortlaut hinein widersprüchlich ist, kein Gegensatz sein soll, erklärt
er nicht. Er tut so, als sei es offenkundig. Doch das ist es – auch ohne Böckenförde – nicht.
kreuz.net:
Vielleicht verfolgt Berger mit dem Interview andere Ziele als eine Förderung der fachlichen Diskussion.
Pater Pfluger: Das vermuten wir auch. Nur hätte das nichts mehr mit Thomismus zu tun – auch nicht mit
Theologie. Wir verstehen sehr wohl, daß David Berger sich nach den Würden einer
Pater Niklaus Pfluger:
Was
ist heute peinlicher als die Laienschauspieler in den neuen Messen, während die Alte Messe längst avantgardistisch
ist.
Universitätsprofessur sehnt. Wenn er meint, dieser dadurch näher zu kommen, daß er derartige Interviews
gibt, ist das seine Sache. Unser Weg ist ein anderer. Scherzhaft habe ich gesagt: Dann doch lieber Vulgärtraditionalismus
als Vulgärtheologie.
kreuz.net: Neben der theologischen Frage bezieht sich Professor Berger auf Verhärtungen
in der religiösen Praxis in traditionellen Kreisen.
Pater Pfluger: Und bringt zwei alte Kamellen: die
modernen Kirchenlieder und die Damenhosen.
kreuz.net: Für ihn scheint es wichtig zu sein.
Pater Pfluger:
Was die Lieder betrifft, ist es sehr einfach: Wir kämpfen nun einmal nicht für das deutsche Kirchenlied.
Wir kämpfen für die Messe und ihre eigene Musik, die Gregorianik. Die Forderung und die Förderung des
Volkschorals hat Papst Pius X. an den Anfang seiner segensreichen Erneuerungen gestellt. Es ist sicher
nicht unsere erstrangige Aufgabe, das Deutsche Lied zu fördern oder moderne polyphone Lieder in die Liturgie
einzuführen. Daß wir da auf dem richtigen Weg sind, hat etwa Martin Mosebach in seinem Buch von der
Häresie der Formlosigkeit schön ausgeführt.
kreuz.net: Bleiben die Damenhosen als pastoraler Evergreen?
Pater Pfluger: Ein leidiges Thema, wenn man es auf diese Frage reduziert. Im Kern geht es um etwas anderes,
nämlich darum, daß sich die religiöse Prägung auch im Auftreten und der Erscheinung widerspiegeln
muß.
Sollen ausgerechnet traditionelle Katholiken, die ihr religiöses Leben ernst nehmen, in der Öffentlichkeit
nicht den Mut haben, gegen die häufig ideologische und sehr oft schamlose Mode anzugehen? Für Frauen
als das schöne Geschlecht heißt das, zu ihrer Weiblichkeit zu stehen, und diese durch Schönheit, Anmut
und Eleganz zu konkretisieren, gerade in der Mode. Ob eine Arbeitshose, vielleicht noch kombiniert mit
einem Unterhemd – auf Englisch: Jeans und T-Shirt – feminin, anmutig und elegant sind, würde ich bezweifeln.
kreuz.net: Also kein Körnchen Wahrheit in Bergers Kritik?
Pater Pfluger: Ein Körnchen schon. Seit
fast vierzig Jahren werden in der Kirche die Frommen, Aufrechten und Gläubigen an den Rand gedrängt
und verspottet. Sie haben dann zu uns gefunden und eine beachtliche und wachsende Bewegung begründet,
während das „Neue Pfingsten“ der modernen Schlaumeier in der geistigen Katastrophe geendet hat.
Natürlich
hat die Zeit des Kampfes Spuren hinterlassen und zu Verhärtungen geführt. Aber warum denn? Bergers Kritik
ist da am ärmsten und – ich spitze zu: am miesesten – wo sie ihr Körnchen Wahrheit hat: Denn sie ist
lieblos.
kreuz.net: Also ist Berger für Sie gestorben?
Pater Pfluger: Es gibt immer ein Leben nach
dem Tod. Mit Berger ist es wie beim verlorenen Sohn. Er ist ein solider Theologe, wenn es ihm um den Glauben
geht.
Leider scheint es ihm in seinem Online-Ausrutscher um den Beifall derjenigen gegangen zu sein,
die für die kirchliche Krise verantwortlich sind. Berger wird erfahren, daß er bei denen auch nach zehn
solcher Anbiederungen keinen Anklang finden wird. Wozu auch? Die Zeiten haben sich geändert. Was ist
heute peinlicher als die Laienschauspieler in den neuen Messen, während die Alte Messe längst avantgardistisch
ist. David Berger sollte sich die Kräfteverhältnisse genau ansehen, eher er solche pro-domo-Aussagen
macht.
kreuz.net: Das klingt hart, aber versöhnlich.
Pater Pfluger: Das Christentum ist immer beides:
Dienst an der Wahrheit und Nächstenliebe. Die Verknüpfung von beiden ist Buße und Umkehr.
kreuz.net:
Herr Pater Pfluger, wir bedanken uns für das Gespräch.
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