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Samstag, 3. Juni 2006 17:41
Was ist eigentlich das spezifisch Katholische?
Auch in der protestantischen Theologie findet man gelegentlich ein Samenkorn der Wahrheit. Von Hubert Hecker.
Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff
Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff
(kreuz.net) Die römisch- katholische Kirche beansprucht, in der Kontinuität mit der apostolischen Urkirche die wahre Kirche zu sein. Der deutsche Reformator Martin Luther († 1546) und der frühe Protestantismus standen daher im Begründungszwang, ihren Bruch mit der Kirche zu legitimieren.

Sie argumentierten mit der sogenannten Dekadenz-Theorie: Die Römische Kirche sei im Hochmittelalter zum Katholizismus degeneriert. Die Protestanten in der Reformation würden die Tradition der wahren Kirche wieder aufnehmen, die nur etwa bis zur Jahrtausendwende bestanden habe.

Spätere Protestanten schoben das Entstehungsdatum des Katholizismus noch weiter zurück: bis zur Konstantinischen Wende im Jahr 313, als die Kirche begann, die Kirche des römischen Staates zu werden. Die wahre Kirche der Apostel habe nur in den ersten zwei Jahrhunderten existiert.

Der protestantische Theologe Adolf von Harnack († 1930) setzte die Geburtsstunde des Katholizismus noch weiter zurück, nämlich an den Anfang des zweiten Jahrhunderts: „Bezeichnet man unter ‘katholisch’ die Lehr- und Gesetzeskirche, so ist sie damals im Kampf mit dem Gnosticismus entstanden.“

Andere protestantische Gelehrte des 20. Jahrhunderts verlagerten das Entstehen der katholischen Kirche bis hinein ins Neue Testament. Die Sorge um die rechte Lehre, kirchliche Disziplin und Weitergabe von Amt und Macht – Elemente, die uns in den Pastoralbriefen begegnen – wiesen untrüglich auf das Entstehen des sogenannten Frühkatholizismus hin.

So berühmte protestantische Theologen wie Ernst Käsemann († 1998), Hans Conzelmann († 1989)und andere gehen noch weiter und glauben den Katholizismus schon bei den Evangelisten Lukas und Matthäus zu finden: „Der Frühkatholizismus resultiert neutestamentlich letztlich aus dem Aufhören der Naherwartung, sofern an deren Stelle die Ekklesiologie tritt“ – so Käsemann.

Schließlich gehen protestantische Forscher auch den letzten konsequenten Schritt auf ihrem Argumentationspfad, indem sie behaupten, Jesus Christus selber sei verantwortlich für den Katholizismus.

Jesus Christus habe die vom Vater empfangene Offenbarung in definierte Inhalte, eine sprachlich fixierte Botschaft und in die damals üblichen Darstellungsformen übersetzt.

Leonardo Boff, auf den sich diese Ausführungen beziehen, erklärt: „Andere (protestantische Forscher) sind noch radikaler in der Rückverlagerung der Geburtsstunde des Katholizismus. Jesus selbst sei verantwortlich für ihn. Auch er habe die vom Vater empfangene Offenbarung in definierte Inhalte, eine sprachlich fixierte Botschaft und von seiner kulturellen Umwelt entlehnte Darstellungsformen übersetzt.“

Dieser scharfsinnigen protestantischen Folgerung kann sich die katholische Theologie mit Überzeugung anschließen: ein gemeinsamer Schritt Lehr-Ökumene.
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 8 Lesermeinungen:
Dienstag, 6. Juni 2006 17:17
Artois †: Sola Scriptura
Luther ist zweifelsohne nicht mit Calvin zu vergleichen. Das „sola scriptura“ ist zweifeloos Blödsinn, aber tatsächlich nicht von Luther vertreten worden, da er sich in Exegese und Ekklesiologie fest in die Tradition der Kirche stellte.
Ich selbst bin selbstverständlich r-k und lehen alle Verstiegenheiten Luthers und der Reformatoren uneingeschränkt ab.
Dienstag, 6. Juni 2006 13:37
vita: Sola scriptura
Das Luther etwas zu mäkeln hatte weiß jeder der sich mit der Kirchengeschichte befasst hat. Tatsache ist aber auch, dass er und besonders andere Reformatoren (Calvin etc.) die Bibel schräg ausgelegt haben. Ich möchte mal einen Protestanten sehen, der mir „sola scriptura“ in der Bibel nachweisen kann ! !:) Und die Tradition die bei Katholiken zu angefeindet wird ist lebendige Glaubensgeschichte. Selbst die Evangelien und sind, da nicht von Jesus geschrieben, Tradition. Ich bin froh katholisch zu sein.
Sonntag, 4. Juni 2006 16:29
Artois †: Luthers Reformation
Es ist unbestritten, daß Luther sachgerecht, das heißt rechtgläubig und kirchentreu, den Fehlentwicklungen von Humanismus und heidnischer Renaissance in der r-k Kirche entgegentrat. Er wandte sich gegen Pelagianismus und Semi-Pelagianismus mitten in der KIrche und aktualisierte die diesbezügliche Lehre des hl. Augustinus. Eine derartige Entwicklung ist auch heute bitter nötig! Hl. Augustinus, bitte für uns!!
Sonntag, 4. Juni 2006 16:17
timpressum: Und ich dachte immer…
…Jesus und die Jünger waren Juden…!
Samstag, 3. Juni 2006 21:12
Jörg Guttenberger, Köln: Katholische Kirche – Katholizität – Kathilizismus
Hier wird wieder der Fehler gemacht, Katholizismus mit der katholischen Kirche gleichzusetzen. Christus hat eine allumfassende Kirche gegründet (allumfassend = katholon, wie eben Wolfgang K. bestätigt hat). Daher das dort genannte Zitat von Ignatius von Antiochien. Der Katholizismus ist die ideologische Ausgabe der Katholizithät und vom Vat.II überwunden, wenn man von den Pius-X-Brüdern absieht.

Begrifflich gibt es den Katholizismus seit dem 19. Jahrhundert, als die Ideologien entstanden sind. Seit wann es die mit Katholizismus bezeichnete Bewußtseinsverengung gibt, kann man verschiedener Meinung sein.
Samstag, 3. Juni 2006 20:10
Gotthard: kommt mir bekannt vor
ie argumentierten mit der sogenannten Dekadenz-Theorie: Die Römische Kirche sei im Hochmittelalter zum Katholizismus degeneriert. Die Protestanten in der Reformation würden die Tradition der wahren Kirche wieder aufnehmen,
dieser Argumentationsstil kommt mir doch irgendwie bekannt vor …
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