Was ist das? Ein Interview, das nie gegeben wurde. Ein Balkon, aus dem niemand gefallen ist. Ein Bericht über die Abendunterhaltungen eines Bewußtlosen. Sie haben es erraten: die Berichterstattung des österreichischen Boulevardmagazins „News“.
(kreuz.net, St. Pölten) Das österreichische Boulevardmagazin „News“ hat in seiner letzten Ausgabe dem
Fenstersturz des ehemaligen Subregens des Priesterseminars in St. Pölten, Dr. Wolfgang Rothe, einen längeren,
phantasievollen Artikel gewidmet.
Wie es scheint, hat „News“ aus Mangel an Neuigkeiten beschlossen, die
Details selber zu erfinden. Der Artikel steht unter dem Titel „Der Sturz des Gottesmanns“.
Bekanntlich
wurde der ehemalige Subregens des Priesterseminars in St. Pölten, Dr. Wolfgang Rothe, am Abend des 6.
Dezembers vom neuen Bischof von St. Pölten, Dr. Klaus Küng, ins bischöfliche Ordinariat gerufen. Der
Bischof informierte den Priester dabei über die rechtsgültige Entbindung von allen seinen bisherigen
Funktionen. Das war ein formeller Akt. De facto war die Freistellung schon früher geschehen.
Der Priester
wurde vom Bischof nicht in die Wüste geschickt. Vielmehr informierte Bischof Küng den ehemaligen Subregens,
daß er ihn in Zukunft weiterhin in der Seelsorge einsetzen wolle. Rothe hat daraufhin – will man den
Worten von „News“ Glauben schenken – in Bischof Küngs Amtsräumen „einen Wutanfall“ bekommen: „Das können
Sie nicht machen!“ habe er den Bischof angeherrscht.
Diese Darstellung der Ereignisse, für die sich
„News“ auf angebliche „Zeugen“ beruft, wird von gut informierten Kreisen in der Diözese St. Pölten dementiert.
Es habe keinen „Wutanfall“ gegeben. Der Priester habe, während er die Treppen im Bischofshaus hinunterging,
einen Nervenzusammenbruch erlitten und sei anschließend die Treppe hinuntergefallen.
Nicht weniger phantasievoll
ist „News“, wenn es die Ereignisse schildert, die sich in den darauf folgenden Stunden, also am Abend
vor dem Fenstersturz, zugetragen haben sollen. Zuhause angekommen, habe Rothe die Zeit bis weit nach Mitternacht
mit zwei ehemaligen Schützlingen zugebracht. Wieder falsch. Rothe sei bereits ab 9.00 Uhr abends nicht
mehr bei Bewußtsein und folglich auch nicht ansprechbar gewesen.
Am frühen Morgen des 7. Dezembers
folgte dann der Fenstersturz. Ein schwarzer Augenblick nicht nur für den gefallenen Priester, sondern
auch für „News“. Auf Seite 42 zeigt das Boulevardmagazin ein Foto des Ortes, wo sich der Fenstersturz
des ehemaligen Subregens angeblich zugetragen haben soll. Schönheitsfehler: Das publizierte Bild zeigt
nicht den Balkon der Wohnung des Priesters und folglich auch nicht den Unfallort.
„News“ spricht sodann
von einem „Selbstmordversuch“ des Priesters. Damit stellt das Boulevardmagazin eine Gegendiagnose zum
Befund der Ärzte des St. Pöltner Krankenhauses, in das Rothe nach seinem Fenstersturz überführt worden
ist. Die Ärzte bezeichneten die Ereignisse als eine Folge einer „akuten Belastungssituation“. Der Fenstersturz
sei auf ein Zusammenspiel von psychischem Streß im Zusammenhang mit dem vorausgegangenen Gespräch des
Priesters mit seinem Bischof zurückzuführen. Bei diesem Gespräch hat der Bischof, der selbst ausgebildeter
Arzt ist, dem Priester ein Beruhigungsmittel verabreicht. Das Medikament habe im Zusammenhang mit der
Einnahme einer geringen Menge Alkohol (0.9 Blutpromille) zur Reaktion geführt.
Besonders abenteuerlich
hört sich der „News“-Bericht zum Hergang des Falles ins Leere an. Der Priester sei auf ein geparktes
Auto gestürzt: „Das Auto, auf dem er landete, hat ihm wohl das Leben gerettet.“ Wieder falsch. Der Priester
fiel auf einen Laubhaufen.
Nach dem Sturz habe Rothe – so weiß „News“ zu berichten – vor dem Rettungsteam
eine Stellungnahme abgegeben. Der Haken bei der Sache: Rothe war nach dem Aufprall nicht bei Bewußtsein.
Weitgehend frei erfunden ist auch das von „News“ angeblich geführte Interview mit Wolfgang Rothe, das
„News“ reißerisch mit der Schlagzeile „Ex-Krenn-Sekretär Rothe spricht in NEWS über sein Drama“ unter
das Volk zu bringen versucht hat. Das abgedruckte Interview selbst findet sich im Artikel unter dem Titel
„Angst vor der Zukunft“.
Zwar hat das Boulevardmagazin den hospitalisierten Priester am dritten Adventssonntag
tatsächlich zu erreichen versucht. Aber zu einem Interview ist es nicht gekommen. Rothe hat ein Gespräch
abgelehnt. Es scheint, daß sich der „News“-Journalist nicht nur die Fragen, sondern auch die Antworten
selber ausgeheckt hat.
Nach der Ablehnung des Interviews habe der Journalist teilnahmsvoll erklärt,
er habe dem Priester lediglich sein Bedauern ausdrücken wollen, in der Hoffnung, daß Rothe weiterhin
Priester bleiben werde. Letzteres habe der Patient ihm bestätigt.
Einen Vorschlag an die „News“-Redaktion.
Um die Leserfreundlichkeit zu erhöhen, könnte man am Ende jedes Artikels jeweils den Wahrheitsgehalt
angeben.
Email-Adressen der Empfänger
7 Lesermeinungen
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
Hui, die ach so schlimmen Medien Medienhörigkeit? Wer bitte? Das ist doch so was von abgegriffen. Und
leicht durchschaubar. Mit solchen kollektiven Aussagen „die ach so schlimmen Medien“ (wer ist das?) will
man nur von den Problemen und vom einzigartigen Skandal in Pölten ablenken. Wäre keine Visitation gewesen,
hätte man da noch irgendwie so denken können. Aber jetzt ist klar, daß in den Medien nicht nur Falsches
steht, sondern auch Wahres. Ob dann irgendein Beistrich richtig oder falsch gesetzt oder ob ein Journalist
auch terminologisch korrekt berichtet, ändert nichts am Grundfaktum des Homoklimas, das im Pöltener
Seminar geherrscht hat. Schon die Sprache und die Signale waren verräterisch. Von Rufmord kann keine
Rede sein. Komisch auch, daß die derart Bekanntgemachten nicht sofort in die Verteidigung gingen, sondern
erst länger nachdenken mußten. Erst dann kamen die bestellten Ausreden, daß der Zungenkuß nur ein
Friedenskuß gewesen wäre usw. – also, wer dann so etwas glaubt, der kann fast nichts mehr unterscheiden.
Da ist ja die Medienhörigkeit harmlos dagegen.
Medienhörigkeit Leider ist in unserer ach so aufgeklärten Zeit eine blauäugige und kritiklose Medienhörigkeit
weit verbreitet (was in der Zeitung steht muß ja stimmen!!) Es sollte doch hinlänglich bekannt sein,
dass Revolverblättern wie „News“ oder „Profile“ jedes Mittel recht ist um die Auflagenzahlen zu erhöhen.
Die Sensationslüsternheit vieler unserer Mitmenschen ist doch bekannt. Auf den Wahrheitsgehalt kommt
es doch gar nicht an. Ob dabei der Ruf eines Menschen drauf geht ist vollkommen gleichgültig. Der Ausdruck
„Rufmord“ ist sehr bezeichnend und zutreffend!
Unterwegs zur vollen Unwichtigkeit Ist NEWS wichtig? Ist Herr Rothe wichtig? Wen interessiert das alles,
was da oben steht? Eher unwahrscheinlich, daß der nicht genannte Journalist Ainetter so viel Unsinn schreibt.
Er hat sich bei der bisherigen Berichterstattung über St. Pölten durchaus bewährt. Zu hinterfragen
ist eher der ganze Bericht auf kreuz.net von Herrn Redaktor N. – in welchen kirchenpolitischen Auftrag
behandeln Sie solche Nichtigkeiten und stellen diese auf eine Stufe mit den Gedanken eines wirklich wichtigen
Präsidenten Bush, um ein Beispiel zu bringen? Tja, recht unsinnig ist jedenfalls die Formulierung, daß
schon vor der Enthebung eine Freistellung geschehen wäre. Dem war nicht so, es war eher eine Selbstbeurlaubung,
bei der sich Herr Rothe aussuchen konnte, unter welcher Weste er dann z. B. beim kontraproduktiven Gerichtsverfahren
auftritt. Diese Faschingsscherze sind jetzt vorbei, und deshalb hat die Enthebung aus den Ämtern doch
einen Sinn. Nämlich jenen der Rückkehr in die Realität, der Rückkehr in die ganz normale und für
die Kirche wichtige Seelsorge, wobei manche Pfarre wohl Aufstand machen wird bei einem Priester mit ihn
beim laufenden Gerichtsverfahren belastenden Zeugen. Und dann noch und schon wieder der Unsinn, daß ein
Suizidversuch ein Widerspruch wäre zu einer akuten Belastungssituation. No, Herr Redaktor N., vielleicht
doch ein Psychologiestudium gefällig?
#4 Vetter Taferl 22:54:59 | Freitag, 17. Dezember 2004
lesen sie einmal die homepage genauer ich würde mir vorher alles durchlesen, bevor ich so ein urteil
fälle. man versteht nämlich die kirchl. situation besser
#3 Catholicus 22:45:34 | Freitag, 17. Dezember 2004
Die volle Version des NEWS-Berichts kann man übrigens auf folgender Homepage ambrosius.patched.de/ nachlesen.
Im übrigen ist die Homepage nicht sehr seriös, denke ich …
#2 marcellus 20:52:22 | Freitag, 17. Dezember 2004
„Wahrheit- was ist das?“ Diese Frage des Pilatus kann man auch im Fall der Geschehnisse in Sankt Pölten
stellen. Allein die Tatsache, daß dort das völlige Informationsdurcheinander herrscht, läßt einen
an jeder Version, die ja nunmehr fast täglich mit neuen pikanten Details aufgetischt wird, zweifeln.
Wie kann ein einzelner Priester nur ein solches Chaos anrichten? Vielleicht werden wir niemals mehr die
volle Wahrheit erfahren- zumindest nicht von den Hauptbeteiligten- dann sollten sie aber auch nie mehr
die Unverfrorenheit besitzen, die ewige Wahrheit, nämlich unseren Heiland zu verkünden. Ob die ewige
Wahrheit in der Heiligen Nacht auch in ihren Herzen wirksam wird? Es bleibt uns ratlosen und traurigen
Katholiken nur die Flucht zur Krippe.
Österreichischer Journalismus wie in einer US-Komödie. Kein Wunder, daß News Klestils Hofpostille war.
Ein Operettenmagazin und der Operettenpräsident einer Operettenrepublik par excellence – da haben sich
zwei gesucht und gefunden. Nun, Klestil ist tot – Friede seiner Seele –, nun suchen die News-Leute anscheinend
neue Operettenfiguren. Es reichen ihnen anscheinend schon die Namen, wenn sie filmähnliche Charakter
à la die lustigen St. Pöltner sind. Die G’schichterl dazu denken sie sich selber aus. O du mein Österreich!