16:24:02 | Mittwoch, 14. Juni 2006
Wird ein einsamer Papst im Vatikan von linken und rechten Extremisten bedroht? Das scheint der Romkorrespondent der ‘Tagespost’ zu glauben. Die Lage ist offenbar so dramatisch, daß er dem Heiligen Vater mit gezogenem Schwert zu Hilfe eilen muß.
(kreuz.net) „Wo immer Benedikt XVI. erscheint, drängen sich Menschenmassen um ihn. Und dennoch ist es
wahr: Der Papst ist einsam.“
Mit dieser erschreckenden Feststellung beginnt ein Artikel von Armin Schwibach,
der gestern in der katholischen Zeitung ‘Tagespost’ erschien.
Dort, wo der Heilige Vater Interesse und
Neugier wecke, würden Kurienmänner die Menschen vergraulen – heißt es weiter.
Ist es das alte Märchen
vom guten Papst und der schlechten Kurie, das papolatrische Kreise in und außerhalb von Rom gerne erzählen,
wenn Führungsmängel und Fehlentscheide des Nachfolgers Petri offensichtlich werden?
Das kann bei Papst
Benedikt XVI. nicht der Fall sein. Erstens ist er kaum mehr als ein Jahr im Amt und zweitens hat er bisher
durchaus gezeigt, daß es nicht so weitergehen kann und wird wie bisher.
Doch Schwibach läßt nicht
locker. Er spricht von „vielen“ in der Römischen Kurie, „namhafte Kirchenmänner und ranghohe Vatikanprälaten“,
die anscheinend „wenig verstehen“ und „bewußt oder unbewußt“ gegen den Papst rudern:
„Warum ist das
so? Bewußte Bosheit? Neid? Angst? Oder einfache Ignoranz und Inkompetenz?“ Man ist erschüttert und fragt
sich, worauf Schwibach hinaus will.
Zum Stil des Lehramts von Benedikt XVI. gehöre es, daß der Papst
Menschen begegne, Rede und Antwort stehe, sich mit dem Klerus seines Urlaubsortes oder mit Kommunionkindern
und Jugendlichen auf dem Petersplatz treffe.
Als „Pfarrer der Welt“ analysiere und erkläre er die Heilige
Schrift, gebe Ratschläge, wolle helfen, lasse die Freude und Schönheit des Glaubens vor den Augen und
im Herzen aller erstehen. Es kommen einem fast die Tränen:
„Und dann passiert es“. Bumm: „Ihm wird prompt
das Bein gestellt.“
Dazu gibt Schwibach zwei Beispiele – ein kurzes und ein langes. Um letzteres geht
es ihm vor allem.
Das kurze Beispiel: Kürzlich habe Benedikt XVI. den Jugendlichen auf dem Petersplatz
empfohlen, die Bücher von Kardinal Carlo Maria Martini zu lesen, um die Bibel besser zu verstehen. Doch
kurz darauf habe dieser das päpstliche Lehramt
in Frage gestellt.
Dann kommt Schwibach zum langen Beispiel
und setzt mit einer langen Einleitung an:
Über Pfingsten habe der Papst in das Geheimnis des Heiligen
Geistes eingeführt und die Notwendigkeit hervorgehoben, das Vorurteil zu bekämpfen, daß das Christentum
mit seinen Geboten und Verboten im Besonderen verhindere, jenes Glück vollkommen auszukosten, das der
Mann und die Frau in ihrer gegenseitigen Liebe fänden.
Leider sei nach dieser päpstlichen Pfingstplackerei
die „Antwort der »Anderen« – oder sollte man einfach sagen: der Inkompetenten?“ nicht ausgeblieben:
Denn einen Tag später habe der Päpstliche Familienrat ein 57seitiges Dokument zu „Familie und Fortpflanzung“
veröffentlicht, das von dessen langjährigem Präsidenten – Kardinal Alfonso López Trujillo – unterschrieben
ist.
Der Text – so der Kardinal und Schwibach – solle zur „Rettung des Menschen“ beitragen.
„Aber da
war dann doch etwas Merkwürdiges“, beobachtet Schwibach scharf:
Es scheine dem Vatikan „fast peinlich“
zu sein, ein derartig „hartes und anklagendes“ Dokument vorstellen zu müssen, denn es habe dazu keine
der sonst vatikanüblichen Veröffentlichungszeremonien gegeben.
Das Dokument sei „wie ein Stein vom
Himmel“ gefallen und habe „das feine Porzellan, das Benedikt XVI. verwaltet“, zerschlagen.
Im Schreiben
geht es um die Homosexualität, die ärztlich unterstützte Fortpflanzung, eheähnliche Lebensgemeinschaften,
das Wesen der Familie, den „demographische Winter“. Alles heiße Themen – so Schwibach zurecht.
Dagegen
sollte Schwibach im Ernst keine Einwände haben.
Aber all das haut er in den Papierkorb, um sich darüber
zu ereifern, daß das Dokument die gewollte Ein-Kind-Familie kritisiert.
Hier platzt ihm der Kragen:
„Mit welchem Recht drängt sich ein Dokument, das als pastorale Handreichung daherkommt, in die Intimität
der Menschen und Familien hinein? Was hat das mit den objektiven demographischen Schwierigkeiten in Europa
zu tun?“
Es gehe „mehr als zu weit“, die Anzahl der eigenen Kinder dem Urteil einer kirchlichen Instanz
zu unterstellen – schimpft er:
„Wie soll denn die dem Päpstlichen Familienrat genehme Anzahl der Kinder
aussehen? Ist es notwendig, den Verdacht aufkommen zu lassen, daß der Kardinal die Familie als Zuchtanstalt
versteht und eheliche Sexualität ausschließlich von ihrem »Produkt« her definiert?“
Hier wird der
Vorschlaghammer gegen ein – bis zum Beweis des Gegenteils – vatikanisches Dokument eingesetzt.
Es mache
„beim besten Willen keinen guten Eindruck“, wenn im Schreiben zu lesen sei:
„Die Realität von Eheleuten
mit nur einem oder maximal zwei Kindern ist dominierend. Das bedeutet, daß die Erfüllung der potentiell
auf Fortpflanzung ausgerichteten ehelichen Sexualität nichts anderes als eine Art Summe von Zwischeneinlagen
innerhalb der Ganzheit eines Ehelebens ist, das gewollt steril gemacht worden ist.“Da kann Schwibach
„nur mit dem Kopf schütteln“. Mit dem Lehramt, hat das – seiner Meinung nach – nichts zu tun.
Oder vielleicht
doch? Heute muß mehr denn je und ganz im Sinne der jahrtausendealten kirchlichen Tradition unterstrichen
werden, daß die Ehe der Fortpflanzung dient.
Dabei hat der Begriff „Fortpflanzung“ einen Bedeutungsinhalt,
der über ein persönliches Bedürfnis nach einem oder zwei Kindern hinausgeht.
„Fortpflanzung“ ist auch
ein – und kein kleiner – Dienst an der Menschheit, an der Kirche und an der Gesellschaft. Der Mensch wird
von der Gesellschaft getragen, und er hat gegenüber dieser Gesellschaft auch natürliche Pflichten. Eine
dieser Pflichten ist die Fortpflanzung.
Nun ist es kein Geheimnis und statistisch leicht nachzuweisen,
daß Eltern, die sich gezielt auf ein oder zwei Kinder beschränken, ihrer gesellschaftlichen Fortpflanzungspflicht
nicht nachkommen.
Auf diese Sache hinzuweisen, ist angesichts des
apokalyptischen Bevölkerungskollapses
in den westlichen Gesellschaften kein Luxus.
Dazu wird das Lehramt in Zukunft noch viel mehr, viel lauter
und viel verständlicher reden müssen.
Der Bevölkerungskollaps mag vielleicht – um Schwiberg zu zitieren –
„mit dem Lehramt nichts zu tun haben“, dafür aber sehr viel mit einer erschreckenden Wirklichkeit.
Dann
geht Schwibach zum „Hauptproblem“ über, vor das der Leser durch „dieses merkwürdige Dokument“ gestellt
werde.
Aus den Texten der katholischen Morallehre würden „einzelne Fragmente“ vorgestellt.
Die christliche
Ethik werde aus ihrem Kontext – dem Heilswerk Christi, der Botschaft der universalen Liebe, der personalen
Begegnung mit Christus – herausgerissen.
Wenn die Gebote der christlichen Ethik ohne Christus, ohne das
Leben der Kirche, ohne die Schönheit und Vernünftigkeit des Glaubens dargestellt würden, komme das
einer „Herabwürdigung des Christentums in eine Morallehre“ gleich.
Dieses Argument ist an sich altbekannt.
Es wird von den Linken immer dann verwendet, wenn sie sich um die Beantwortung einer konkreten moralischen
oder dogmatischen Frage drücken wollen und sich dazu in den Dunst der angeblich christlichen Liebe retten.
Die kirchliche Persönlichkeit, die dieses Argument in den letzten Jahrzehnten am häufigsten an den
Kopf geworfen bekam, war übrigens der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation.
Verstößt jeder,
der in Glaubens- und Sittenfragen statt um den Brei so redet, daß man ihn versteht, wirklich gegen die
Liebe?
Für Schwibach ist das Christentum keine Morallehre, sondern ein „kosmologisches Ereignis von
universaler Bedeutung“. Das stimmt. Er wird damit auch bei Kardinal López Trujillo offene Türen einrennen.
Doch konkrete Fragen auf konkrete Probleme sind mit dieser Aussage noch keine beantwortet.
Schwibach
endet entmutigt: „Der Papst ist tatsächlich allein. Umgeben von Hunderttausenden von Menschen, die in
ihm ein Licht der Hoffnung sehen, die er anspornt, sich dem Geheimnis der göttlichen Liebe anzuvertrauen.
Und trotzdem ist der Papst allein angesichts der mangelnden Sensibilität der Menschen in kurialer Umgebung,
mit denen er zusammenarbeiten muß.“
Nach so vielen Appellen an die Liebe und Freude ist das ein gar
pessimistisches Ende.
So bemitleidenswert hängt der Papst nicht im kurialen Getriebe.
Vatikanische
Dokumente werden auch nicht im Einzelgang, sondern nach einer Prüfung durch die Glaubenskongregation
und das Staatssekretariat – schon gar nicht ohne Wissen des Papstes – veröffentlicht.
Wenn alle Stricke
reißen: Schon kurz nach seiner Wahl hat der Papst bewiesen, daß er auch im letzten Augenblick noch kann,
wenn er will.
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