09:37:26 | Montag, 19. Juni 2006
Video-Installationen, elektronische Musik, abstrakte Kunst, Fastenlesungen aus Oscar Wilde und Pier Paolo Pasolini, Kanzelreden von Ungläubigen. Das sind die pastoralen Highlights der Erzdiözese der Heiligen Ambrosius und Karl Borromäus.
(kreuz.net, Mailand) Neue Wege für die Neuevangelisierung – das ist offenbar das Motto im Mailänder
Dom, berichtete am 13. Juni der Vatikanist des italienischen Wochenmagazins ‘Espresso’.
Bis Juli 2002
wurde die Erzdiözese Mailand von Carlo Maria Kardinal Martini geleitet. Jetzt ist Dionigi Kardinal Tettamanzi
Erzbischof der größten Diözese Italiens.
Seit September 2005 gibt es in der Krypta der Kathedrale –
neben den Reliquien des Heiligen Karl Borromäus – eine Video-Installation des englischen Künstlers Mark
Wallinger.
Sie steht unter dem Titel „Via Dolorosa“.
Die Besucher betreten eine verdunkelte
Im Mailänder
Dom
kann man 18 Minuten lang Passionsszenen aus dem Film ‘Jesus von Nazareth’ von Franco Zeffirelli sehen.
Allerdings nicht ganz: Denn der Bildschirm ist praktisch vollständig mit einem schwarzen Rechteck abgedeckt.
Dem Besucher sind nur winzige Randpartien sichtbar. Ton gibt es keinen.
Boxe mit schwarzen Wänden und
drei Bänken. Während 18 Minuten kann man dort Passionsszenen aus dem Film ‘Jesus von Nazareth’ des italienischen
Regisseurs Franco Zeffirelli sehen.
Allerdings nicht ganz: Denn der Bildschirm ist praktisch vollständig
mit einem schwarzen Rechteck abgedeckt. Dem Besucher sind nur winzige Randpartien sichtbar. Ton gibt es
keinen.
Die Video-Installation ist permanent eingerichtet.
Bei der Einweihung erklärte der Erzpriester
der Kathedrale, Mons. Luigi Manganini, daß „die Evangelisierung des dritten Jahrtausends zeitgenössische
Kunstformen benötigt“.
Darum habe das elektronische Bild die Kathedrale mit gleichem Recht und „mit
der gleichen Kraft“ betreten wie die gesamte Geschichte der großen Malerei und Bildhauerei.
Die rechte
Hand des Erzpriester, Hw. Luigi Garbini, versuchte, noch tiefer ins Wesen des Werkes einzudringen.
Er
ging von der Voraussetzung aus, daß „die Fähigkeit der Kirche Italiens, zeitgenössische Phänomene
zu interpretieren“, stagniert, und verkündete, daß „die Blockierung von 90 Prozent des Bildes den Betrachter
in eine Wolke der Unwissenheit einführt, in der er endlich vor der freien Entscheidung steht: zu glauben
oder nicht zu glauben.“
Wallingers Video in der Krypta des Heiligen Karl Borromäus ist im Dom von Mailand
kein Einzelfall.
An seiner Seite steht eine Reihe von Aufführungen, die unter dem Titel „Pause“ dargeboten
werden.
Die jüngste „Pause“ fand am 7. Juni in der Pfingstwoche statt.
Unter der künstlerischen Leitung
von Hw. Garbini und unter dem Motto „Zahlen“ hörten die Anwesenden zuerst Texte des jüdischen Mathematikers
und Philosophen Baruch Spinoza († 1677).
Anschließend sah man ein Video des japanischen Künstlers Tatsuo
Miyajima mit dem Titel „Counter Voice“ – Gegenstimmen. Es beruht auf der „Metapher, wonach jeder Mensch
seinen eigen Rhythmus besitzt, und der Rhythmus die Kraft ist, die das Universum vereint.“
Das doppelte
Bild, das der Inhalt der gesamten Abendvorstellung war und dem Video Miyajimas entnommen wurde, zeigte
eine junge Frau, die ihr Gesicht zuerst in flüssige Gelatine steckt und es anschließend hervorzeigt.
Schließlich kam die Hauptattraktion: die Uraufführung eines Werkes des zeitgenössischen Musikers Karlheinz
Stockhausen, das eigens für den Anlaß komponiert wurde.
Schon vor einem Jahr schrieb Stockhausen für
den Dom von Mailand ein Stück.
Es handelte sich um ein Werk für Orgel, Sopran und Tenor
Der Komponist
eines
Stückes, das für eine Veranstaltung des Mailänder Domes uraufgeführt wurde, beauftragte zwei sehr
junge niederländische Harfinistinnen mit der Aufgabe, „den Pfingsthymnus ‘Veni Creator Spiritus’ zu singen,
während sie reißen, liebkosen, schlagen, zupfen, reiben, durchstechen, jubeln“.
unter dem Titel „Klang –
Erste Stunde: Himmelfahrt“. Am Himmelfahrtstag 2005 wurde es im Mailänder Dom aufgeführt.
Dieses Mal
war der Titel „Klang – Zweite Stunde: Freude“.
Der Komponist beauftragte zwei sehr junge niederländische
Harfinistinnen mit der Aufgabe, „den Pfingsthymnus ‘Veni Creator Spiritus’ zu singen, während sie reißen,
liebkosen, schlagen, zupfen, reiben, durchstechen, jubeln“.
Stockhausen wurde mit einem Streichquartett
bekannt, daß durch das Rotorgeräusch von vier Helikoptern begleitet war. Er komponierte auch ein Werk,
daß von 19 Orchestermusikern aufgeführt wird, die angewiesen werden, ihre Augen zu schließen und ein
telepathisches Verhältnis zueinander zu suchen, während der Dirigent im Zentrum bewegungslos zuhört.
Die Vortragenden, die in den Dom von Mailand eingeladen werden, entsprechen ebenfalls diesem Stil.
Am
16. Mai war der Theologe und Mystiker Raimon Panikkar (87) an der Reihe. Panikkar ist Priester, ehemaliges
Mitglied des Opus Dei und Lieblingsschüler des Heiligen Josemaría Escrivá de Balaguer. Später wurde
er ein Vertreter von Dialogtheorien, die Christentum und asiatische Religionen zu verbinden suchen.
Panikkars
Beitrag wurde vorausgehend im italienischen Wochenmagazin ‘L’Espresso’ unter dem Titel „Das Evangelium
nach Gandhi“ abgedruckt.
Der bekannte Bibliker Gianfranco Ravasi war beauftragt, Panikkars Thesen aus
dem Blickpunkt der kanonischen Evangelien etwas auszugleichen.
Am 10. März eröffnete Enzo Bianchi,
der Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Bose, die Reihe der diesjährigen Fastenpredigten.
Er schlug
vor, daß Christen nach dem Vorbild der Trappisten, die 1996 in Algerien umgebracht wurden, überall das
stille Märtyrertum suchen sollten. Bianchi sprach nicht im Dom, sondern in der nahegelegenen Kirche San
Carlo.
Im Dom selber fand im Rahmen der gleichen Reihe eine Lesung aus den Schriften der ermordeten algerischen
Mönche und ein Konzert des italienischen Sängers Angelo Branduardi statt. Es war dem Heiligen Franz
von Assisi gewidmet.
Die von Enzo Bianchi verbreiteten Thesen führten zu einem Protest der Mailänder
Lebensbewegung, die von Paolo Sorbi angeführt wird.
Am 11. Mai 2005 sprach Professor Massimo Cacciari
in der Kathedrale. Er eröffnete einen Zyklus, der dem Buch Hiob gewidmet war.
Cacciari ist Bürgermeister
von Venezien und
Zur Eröffnung eines Zyklus über Hiob
sprach der atheistische Philosoph Massimo Cacciari
im Mailänder Dom in begeisterten Tönen über das Leben ohne Glauben und Gewißheit.
ein atheistischer
Philosoph. Bereits in früheren Jahren hat er an Aktivitäten im Dom teilgenommen, die vom damaligen Erzbischof
Martini gefördert wurden und unter dem Titel „Ungläubige auf der Kanzel“ standen.
Cacciari sprach in
begeisterten Tönen über das Leben ohne Glauben und Gewißheit.
Wieder bekam Mons. Ravasi den Auftrag,
die Ausführungen des Atheisten etwas auszugleichen.
Doch die vielleicht eindrücklichste Veranstaltung
in der Reihe „Pause“ fand in der Fastenzeit 2004 statt.
An drei Abenden sollte über die „Letzten Worte
Christi am Kreuz“ meditiert werden.
Doch statt die Texte der vier Evangelien zu hören, fanden sich die
Anwesenden in der Kathedrale bekannten Intellektuellen und Schauspielern gegenüber, die aus Werken von
Oscar Wilde, Marguerite Yourcenar, Pier Paolo Pasolini und Jack Kerouac vortrugen.
Dazu gab es Musik
und Videos. Unter den Sängern trat auch Alice auf – die Siegerin von 1981 im Musikfestival von San Remo.
Unter den Videokünstlern befanden sich Bill Viola und Michiel van Bakel.
Die Videos wurden auf einem
Großbildschirm gezeigt
Während des Höhepunktes
der weltweit übertragenen Beerdigung des Modeschöpfers
Gianni Versace wurde im Zentrum des Mailänder Doms ein Klavier aufgestellt. Der britische Sänger Elton
John spielte auf dem Instrument und sang dazu „Candle in the Wind“ – Kerze im Wind.
, der auf der Rückseite
der Kathedrale über dem Eingang angebracht war. Unter dem Bildschirm war eine Bühne für Musiker und
Sänger aufgebaut.
Um dem Publikum zu erlauben, den Multimedia-Anlaß zu bestaunen, waren alle Kirchenbänke
in der Kathedrale mit dem Rücken zum Hochaltar Richtung Ausgang gedreht worden.
Das war aber kein Problem,
weil der Altar sowieso nicht mehr sichtbar war, sondern von einem Gerüst verdeckt wurde, das für die
Scheinwerfer, Lautsprecher und Instrumente für die Kontrolle des Sounds diente.
Am letzten der drei
Abende wurde auch dem Mailänder Erzbischof ein Auftritt zugewiesen.
Der Dom zu Mailand erlebte bereits
unter seinem Vorgänger, Kardinal Carlo Maria Martini, die ersten Lichtstrahlen dieser neuen Ausrichtung.
Im Sommer 1997, während des Höhepunktes der weltweit übertragenen Beerdigung des Modeschöpfers Gianni
Versace wurde im Zentrum des Mailänder Doms ein Klavier aufgestellt.
Auf dem Instrument spielte der
britische Sänger
Elton John und sang dazu „Candle in the Wind“ – Kerze im Wind.
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