13:45:03 | Montag, 19. Juni 2006
(kreuz.net) Am vergangenen 4. Februar veröffentlichte Eberhard Jüngel (72) in der ‘Neuen Zürcher Zeitung’
einen Beitrag über zwei Texte des Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar († 1988).
Eberhard Jüngel
ist emeritierter Professor für Dogmatik an der Evangelischen Fakultät von Tübingen.
Er bezieht sich
in seinem Artikel auf zwei bisher unveröffentlichte Texte, die letztes Jahr im sechsten Band der Balthasar-Studienausgabe
erschienen sind. Herausgeber ist der von Balthasar selber gegründete Johannes-Verlag.
In den Texten
geht es um die Letzten Dinge – Tod, Fegfeuer, Himmel und Hölle. Jüngel bezeichnet deren Inhalt als „verwegene
Eschatologie“.
Was Balthasar über das Jenseits sage, bewege sich in größter Nähe zur Rede Martin
Luthers († 1546) von der „spes purissima in purissimum Deum“ – also von der sich auf Gott allein richtenden
bloßen Hoffnung:
Der Mensch soll lernen, keine Hoffnung zu haben als Gott allein.
Ebenfalls in größter
Nähe zur evangelischen Theologie – nämlich zu Karl Barths († 1968) Satz „Gott ist mein Jenseits“ – schreibe
von Balthasar: „Gott ist seine Ewigkeit, nichts sonst“.
Der erste, 1954/55
Eberhard Jüngel:
Balthasar
interpretiert den Abstieg des Gekreuzigten in das Reich des Todes „mit theologischer Verwegenheit“ als
„Solidaritätserklärung des Erlösers mit allen Verdammten“.
entstandene Text – „Eschatologie in unserer
Zeit“ – ist nach Jüngel eher an ein theologisch geschultes Publikum gerichtet.
Er grenze sich von den
eschatologischen Gedanken früherer Zeiten vor allem dadurch ab, daß „die Einsichten der neuzeitlichen
Kosmologie und Anthropologie“ aufgenommen werden, die „jede quasiwissenschaftliche Rede vom Jenseits“
unmöglich mache.
Der zweite Text aus der gleichen Zeit ist ein Vortrag für einen breiteren Adressatenkreis.
Er steht unter dem Titel: „Die letzten Dinge des Menschen und das Christentum“.
Die eschatologischen
Überlegungen von Balthasars haben nach Jüngel in der katholischen Theologie zu einer „christologischen
Neuausrichtung“ der Lehre von den letzten Dingen geführt.
In dieser Hinsicht würden Balthasars Texte
an die eindrücklichen theologischen Entwürfe Karl Rahners heranreichen.
Den Unterschied sieht Jüngel
nicht ohne Spitze darin, daß der ehemalige Jesuit von Balthasar seinen Orden wegen der Basler Mystikerin
Adrienne von Speyr verlassen habe und ihr nach eigener Auskunft entscheidende eschatologische Einsichten
verdanke, während Karl Rahner sich nicht auf vergleichbare Privatoffenbarungen beziehe.
Bei der „eschatologischen
Neuorientierung“ von Balthasars unterscheidet Jüngel in Übereinstimmung mit Jan-Heiner Tücks vier Aspekte:
Beim ersten der „Letzten Dinge“, dem Tod, habe die kirchliche Überlieferung, „weitgehend den Spuren
Platons folgend“, den Tod als Übergang der Seele in ein Jenseits von Raum und Zeit interpretiert. Dagegen
bestehe von Balthasar darauf, „daß der Tod das Ende des ganzen Menschen ist“.
„Es ist nicht nur der
Leib, es ist der ganze Mensch, der stirbt. Die Nähe zu Martin Heideggers Daseinsanalyse ist unverkennbar“ –
so Jüngel.
Anders als bei dem Freiburger Philosophen Martin Heidegger († 1976) werde der Tod nicht als
das die Ganzheit des Menschen konstituierende Ereignis, sondern als Abbruch verstanden.
Jüngel zitiert
Balthasar: „Der Mensch ist wesenhaft das Geschöpf, das abbricht (…) und dessen Abbruch einen Anschein
von Vergeblichkeit über sein ganzes Dasein wirft.“
Wenn der Mensch dennoch auf „so etwas wie Vollendung“
hoffen könne, dann allein
Eberhard Jüngel:
„Nicht wenige äußerst konstruiert wirkende Passagen wären
denn auch völlig überflüssig, wenn der Autor sich nicht verpflichtet fühlte, seine einigermaßen revolutionären
Überlegungen als überaus orthodox zu empfehlen“
aufgrund der dem christlichen Glauben eigentümlichen
Gewißheit, daß Jesus Christus von den Toten auferstanden sei und allen Menschen ewiges Leben verheiße.
Der zweite Aspekt der eschatologischen Überlegungen von Balthasars sei die Christozentrik.
Alle letzten
Dinge seien von Christus her zu begreifen, welcher der Inbegriff der Letzten Dinge sei. Damit ergebe sich
eine Nähe zur Christozentrik der ‘Kirchlichen Dogmatik’ des protestantischen Theologen Karl Barth.
Aus
der Christozentrik ergebe sich für Balthasar eine „Neukonzeption der Bestimmung des Verhältnisses von
Weltzeit und Ewigkeit“.
Ewigkeit werde nun nicht mehr als „Erlösung aus der Welt und ihrer Zeit“, sondern
als „Erlösung der Welt und so auch ihrer Zeit“ begriffen. Auch das könne man schon bei Karl Barth nachlesen.
Der für die Balthasarsche Eschatologie charakteristischste Aspekt sei der „Heilsuniversalismus“. Er
gründet in seiner Theologie des Kreuzes und der Höllenfahrt Christi.
Wer die Heilsbedeutung des Kreuzestodes
Christi ernst nehme, müsse auch bedenken, was der im Credo bekannte Abstieg in die Hölle bedeute: nämlich
die Tötung des Todes – „mors mortis“ – und die Erlösung der Verdammten – so Jüngel in Übereinstimmung
mit von Balthasar.
Folglich singe das evangelische Osterlied: „Die Schrift hat verkündet das, wie ein
Tod den andern fraß: ein Spott der Tod ist worden.“
Balthasar interpretiere den Abstieg des Gekreuzigten
in das Reich des Todes „mit theologischer Verwegenheit“ als „Solidaritätserklärung des Erlösers mit
allen Verdammten.
„Mythologie? Krude Spekulation? Die Gefahr, daß von Balthasars Gedanken in diesem
Sinne mißverstanden werden, liegt nahe“ – urteilt der protestantische Theologe.
Zugleich habe Balthasar
auch mehrfach versichern zu müssen gemeint, in seiner Eschatologie solle von der kirchlichen Lehre „in
keinem Punkt im geringsten abgewichen werden“.
„Nicht wenige äußerst konstruiert wirkende Passagen
wären denn auch völlig überflüssig, wenn der Autor sich nicht verpflichtet fühlte, seine einigermaßen
revolutionären Überlegungen als überaus orthodox zu empfehlen“ – bewertet der evangelische Theologe
Jüngel diese Aussage.
Hans Urs von Balthasar: Eschatologie in unserer Zeit. Die letzten Dinge des Menschen
und das Christentum. Vorwort von Alois M. Haas, Nachbetrachtung von Jan-Heiner Tück. Johannes-Verlag
Einsiedeln, Freiburg i. Br. 2005. 156 S., Fr. 25.50.
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