Ist der Tod das Ende des ganzen Menschen?
Letztes Jahr wurden zwei bisher unbekannte Texte von Hans Urs von Balthasar publiziert. Sie geben Anlaß, an der Rechtgläubigkeit des Schweizer Theologen zu zweifeln.

Eberhard Jüngel ist emeritierter Professor für Dogmatik an der Evangelischen Fakultät von Tübingen.
Er bezieht sich in seinem Artikel auf zwei bisher unveröffentlichte Texte, die letztes Jahr im sechsten Band der Balthasar-Studienausgabe erschienen sind. Herausgeber ist der von Balthasar selber gegründete Johannes-Verlag.
In den Texten geht es um die Letzten Dinge – Tod, Fegfeuer, Himmel und Hölle. Jüngel bezeichnet deren Inhalt als „verwegene Eschatologie“.
Was Balthasar über das Jenseits sage, bewege sich in größter Nähe zur Rede Martin Luthers († 1546) von der „spes purissima in purissimum Deum“ – also von der sich auf Gott allein richtenden bloßen Hoffnung:
Der Mensch soll lernen, keine Hoffnung zu haben als Gott allein.
Ebenfalls in größter Nähe zur evangelischen Theologie – nämlich zu Karl Barths († 1968) Satz „Gott ist mein Jenseits“ – schreibe von Balthasar: „Gott ist seine Ewigkeit, nichts sonst“.
Der erste, 1954/55
entstandene Text – „Eschatologie in unserer
Zeit“ – ist nach Jüngel eher an ein theologisch geschultes Publikum gerichtet.
Er grenze sich von den eschatologischen Gedanken früherer Zeiten vor allem dadurch ab, daß „die Einsichten der neuzeitlichen Kosmologie und Anthropologie“ aufgenommen werden, die „jede quasiwissenschaftliche Rede vom Jenseits“ unmöglich mache.
Der zweite Text aus der gleichen Zeit ist ein Vortrag für einen breiteren Adressatenkreis. Er steht unter dem Titel: „Die letzten Dinge des Menschen und das Christentum“.
Die eschatologischen Überlegungen von Balthasars haben nach Jüngel in der katholischen Theologie zu einer „christologischen Neuausrichtung“ der Lehre von den letzten Dingen geführt.
In dieser Hinsicht würden Balthasars Texte an die eindrücklichen theologischen Entwürfe Karl Rahners heranreichen.
Den Unterschied sieht Jüngel nicht ohne Spitze darin, daß der ehemalige Jesuit von Balthasar seinen Orden wegen der Basler Mystikerin Adrienne von Speyr verlassen habe und ihr nach eigener Auskunft entscheidende eschatologische Einsichten verdanke, während Karl Rahner sich nicht auf vergleichbare Privatoffenbarungen beziehe.
Bei der „eschatologischen Neuorientierung“ von Balthasars unterscheidet Jüngel in Übereinstimmung mit Jan-Heiner Tücks vier Aspekte:
Beim ersten der „Letzten Dinge“, dem Tod, habe die kirchliche Überlieferung, „weitgehend den Spuren Platons folgend“, den Tod als Übergang der Seele in ein Jenseits von Raum und Zeit interpretiert. Dagegen bestehe von Balthasar darauf, „daß der Tod das Ende des ganzen Menschen ist“.
„Es ist nicht nur der Leib, es ist der ganze Mensch, der stirbt. Die Nähe zu Martin Heideggers Daseinsanalyse ist unverkennbar“ – so Jüngel.
Anders als bei dem Freiburger Philosophen Martin Heidegger († 1976) werde der Tod nicht als das die Ganzheit des Menschen konstituierende Ereignis, sondern als Abbruch verstanden.
Jüngel zitiert Balthasar: „Der Mensch ist wesenhaft das Geschöpf, das abbricht (…) und dessen Abbruch einen Anschein von Vergeblichkeit über sein ganzes Dasein wirft.“
Wenn der Mensch dennoch auf „so etwas wie Vollendung“ hoffen könne, dann allein
aufgrund der dem christlichen Glauben eigentümlichen
Gewißheit, daß Jesus Christus von den Toten auferstanden sei und allen Menschen ewiges Leben verheiße.
Der zweite Aspekt der eschatologischen Überlegungen von Balthasars sei die Christozentrik.
Alle letzten Dinge seien von Christus her zu begreifen, welcher der Inbegriff der Letzten Dinge sei. Damit ergebe sich eine Nähe zur Christozentrik der ‘Kirchlichen Dogmatik’ des protestantischen Theologen Karl Barth.
Aus der Christozentrik ergebe sich für Balthasar eine „Neukonzeption der Bestimmung des Verhältnisses von Weltzeit und Ewigkeit“.
Ewigkeit werde nun nicht mehr als „Erlösung aus der Welt und ihrer Zeit“, sondern als „Erlösung der Welt und so auch ihrer Zeit“ begriffen. Auch das könne man schon bei Karl Barth nachlesen.
Der für die Balthasarsche Eschatologie charakteristischste Aspekt sei der „Heilsuniversalismus“. Er gründet in seiner Theologie des Kreuzes und der Höllenfahrt Christi.
Wer die Heilsbedeutung des Kreuzestodes Christi ernst nehme, müsse auch bedenken, was der im Credo bekannte Abstieg in die Hölle bedeute: nämlich die Tötung des Todes – „mors mortis“ – und die Erlösung der Verdammten – so Jüngel in Übereinstimmung mit von Balthasar.
Folglich singe das evangelische Osterlied: „Die Schrift hat verkündet das, wie ein Tod den andern fraß: ein Spott der Tod ist worden.“
Balthasar interpretiere den Abstieg des Gekreuzigten in das Reich des Todes „mit theologischer Verwegenheit“ als „Solidaritätserklärung des Erlösers mit allen Verdammten.
„Mythologie? Krude Spekulation? Die Gefahr, daß von Balthasars Gedanken in diesem Sinne mißverstanden werden, liegt nahe“ – urteilt der protestantische Theologe.
Zugleich habe Balthasar auch mehrfach versichern zu müssen gemeint, in seiner Eschatologie solle von der kirchlichen Lehre „in keinem Punkt im geringsten abgewichen werden“.
„Nicht wenige äußerst konstruiert wirkende Passagen wären denn auch völlig überflüssig, wenn der Autor sich nicht verpflichtet fühlte, seine einigermaßen revolutionären Überlegungen als überaus orthodox zu empfehlen“ – bewertet der evangelische Theologe Jüngel diese Aussage.
Hans Urs von Balthasar: Eschatologie in unserer Zeit. Die letzten Dinge des Menschen und das Christentum. Vorwort von Alois M. Haas, Nachbetrachtung von Jan-Heiner Tück. Johannes-Verlag Einsiedeln, Freiburg i. Br. 2005. 156 S., Fr. 25.50.
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Montag, 26. Juni 2006 13:18
Detlef Rose: @stat crux: Danke!
Sie schreiben: „Die „Welt draußen“ erinnert sich gut, was die Kirche angeblich über Himmel, Hölle,
Fegefeuer predigte.“
Der vor Jahren verstorbene OKR Maser (ELKB München) schäfte uns zum Abschluss des 2.theol. Examens eben diese simple Wahrheit ein: „Schließen sie den Menschen den Himmel auf“. DAR
Der vor Jahren verstorbene OKR Maser (ELKB München) schäfte uns zum Abschluss des 2.theol. Examens eben diese simple Wahrheit ein: „Schließen sie den Menschen den Himmel auf“. DAR
Mittwoch, 21. Juni 2006 17:11
stat crux: Pius X.
Wer hat Ihnen denn das erzählt? In dem Buch finde ich davon nichts.
Mittwoch, 21. Juni 2006 16:51
Pius X.: Ratzinger – Seele
Der Mitherausgeber Prof. Auer hat vor Drucklegung während einer Diskussion von etwa 2 Stunden versucht, Ratzinger von der Häresie abzuhalten, in diesem Buch die Unsterblichkeit aller menschlichen Seelen zu leugnen. Dieser aber bestand darauf, daß nur die Gott zugewandt sterbenden eine unsterbliche Seele besitzen.
Mittwoch, 21. Juni 2006 16:31
stat crux: Joseph Ratzinger
hat 1977, kurz vor dem Beginn seiner bischöflichen Zeit, ein Büchlein zur Eschatologie (Auer-Ratzinger, Bd. IX) veröffentlicht. Einige Formulierungen kommen einem heute schon fast zu modern vor, aber im Wesentlichen hat er die Problematik damals schon „gepackt“. Man sollte das Theologiestudium mit dem Letzten Dingen beginnen lassen, anstatt diese Fragen abzuwürgen. Die „Welt draußen“ erinnert sich gut, was die Kirche angeblich über Himmel, Hölle, Fegefeuer predigte. Jetzt sagt sie dazu beinahe nur noch Esoterisches; an diesem OPunkt aber wird die katholische Religion relevant: „Bitte für uns, jetzt, und in der Stunde unseres Todes.“ Das ist die katholische Identität in Kurzfassung, communio sanctorum, Wirkungsgeschichte in persona Christi über den Tod hinaus.
Mittwoch, 21. Juni 2006 11:17
Jörg Guttenberger, Köln: Dr. Otterbeck: die letzten Dinge
Es stimmt leider: der Tod und was uns danach erwartet „vita mutatur, non tollitur“ wird in der heutigen
Verkündigung regelrecht unterschlagen, obwohl es doch unser Lebensziel ist. Ich halte das für völlig
unverantwortlich und mit ursächlich für die heutige auch in der Kirche weit verbeitete Oberflächlichkeit!
Der letzte Sinn unseres Lebens wird der gläubigen Gemeinde vorenthalten.
Unser im Jahre 1978 pensionierter Pfarrer hat dieses Thema ganz bewußt in seinen Predigten angesprochen, weil er aus eigener seelsorglicher Erfahrung um die Angst insbesondere der Todkranken vor dem Sterben gewußt hat. Es ist ihm gelungen, den Menschen die Angst vor dem Tode zu nehmen, wie ich u. a. aus der Erfahrung meiner in 2004 verstorbenen 92jährigen Mutter weiß. So lange haben die Predigten dieses Priesters also nachgewirkt, der übrigens neben seiner formellen Territorialgemeinde noch eine beträchtliche informelle Personalgemeinde mit z. T. recht prominenten Namen um sich versammelt hat.
Leider ist besagter Pfarrer bei einigen geistlich Halbstarken auf erbitterten Widerstand gestoßen, die seine Predigt als esoterisch diffamiert haben. So ging es schon damals einem Priester, der auftretend „sei es gelegen oder ungelegen“ die ganze Wahrheit verkündet!
Unser im Jahre 1978 pensionierter Pfarrer hat dieses Thema ganz bewußt in seinen Predigten angesprochen, weil er aus eigener seelsorglicher Erfahrung um die Angst insbesondere der Todkranken vor dem Sterben gewußt hat. Es ist ihm gelungen, den Menschen die Angst vor dem Tode zu nehmen, wie ich u. a. aus der Erfahrung meiner in 2004 verstorbenen 92jährigen Mutter weiß. So lange haben die Predigten dieses Priesters also nachgewirkt, der übrigens neben seiner formellen Territorialgemeinde noch eine beträchtliche informelle Personalgemeinde mit z. T. recht prominenten Namen um sich versammelt hat.
Leider ist besagter Pfarrer bei einigen geistlich Halbstarken auf erbitterten Widerstand gestoßen, die seine Predigt als esoterisch diffamiert haben. So ging es schon damals einem Priester, der auftretend „sei es gelegen oder ungelegen“ die ganze Wahrheit verkündet!
Dienstag, 20. Juni 2006 15:10
catharina: Liebe Aphrodite,
tatsächlich ist nur einer der drei in Theologenkreisen einigermaßen bekannt, nämlich Manfred Hauke,
der lange Zeit Assistent von Ziegenaus in Augsburg war, dann ordentlicher Professor für Dogmatik in Lugano
wurde. Seine großen Arbeiten über das Problem des Frauenpriestertums und über die Erbsünde haben allgemein
Beachtung gefunden. Freilich liegt Hauke wegen seiner kirchentreuen Theologie nicht allgemein im Trend.
Könnte es daran liegen, daß Sie von ihm bisher nichts gehört haben?
Übrigens ist die Lektüre von Balthasars immer sehr inspirierend und eröffnet manche wichtigen Zusammenhänge. Insbesondere seine Gabe, das Denken großer Theologen, Philosophen und Dichter zu sichten und darzustellen, war herausragend.
In theologisch gewichtigen Fragen ist er allerdings nicht ungefährlich. Hier wäre nicht nur seine die Apokatastasis nahelegende Eschatologie (Hoffnung auf das Heil aller Menschen) zu erwähnen, sondern auch manches z.B. aus dem Bereich der Trinitätslehre und der Ekklesiologie.
Adrienne von Speyr als echte Mystikerin zu betrachten, erscheint mir nach Beschäftigung mit ihren Werken als völlig inakzeptabel. Es wirft kein gutes Licht auf von Balthasars discretio, sich so mit ihr verbündet und sein eigenes Werk als mit ihrem untrennbar vereint erklärt zu haben.
Übrigens ist die Lektüre von Balthasars immer sehr inspirierend und eröffnet manche wichtigen Zusammenhänge. Insbesondere seine Gabe, das Denken großer Theologen, Philosophen und Dichter zu sichten und darzustellen, war herausragend.
In theologisch gewichtigen Fragen ist er allerdings nicht ungefährlich. Hier wäre nicht nur seine die Apokatastasis nahelegende Eschatologie (Hoffnung auf das Heil aller Menschen) zu erwähnen, sondern auch manches z.B. aus dem Bereich der Trinitätslehre und der Ekklesiologie.
Adrienne von Speyr als echte Mystikerin zu betrachten, erscheint mir nach Beschäftigung mit ihren Werken als völlig inakzeptabel. Es wirft kein gutes Licht auf von Balthasars discretio, sich so mit ihr verbündet und sein eigenes Werk als mit ihrem untrennbar vereint erklärt zu haben.
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