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Mittwoch, 21. Juni 2006 18:13
Freiheit für alle – außer für die Katholische Kirche
Freiheitsapostel gibt es mehr als nötig. Doch ihre Predigt ist nicht frei von Falschheit und Heuchelei. Von Hubert Hecker.
Darstellung "Die Freiheit führt das Volk" der Julirevolution von 1830, gemalt vom französichen Romantiker Eugène Delacroix († 1863)
Darstellung „Die Freiheit führt das Volk“ der Julirevolution von 1830, gemalt vom französichen Romantiker Eugène Delacroix († 1863)
(kreuz.net) Die Aufklärung hat bezüglich der Religionsfreiheit ein zwiespältiges Ergebnis gezeitigt.

Einerseits wurde Freiheit, Toleranz und gleiche Gültigkeit von allen Religionen propagiert – wofür Lessings Ringparabel als Beispiel angesehen werden kann –, andererseits wurde die Katholische Kirche in vielen europäischen Ländern durch die Aufklärer in ihrer Freiheit eingeschränkt, drangsaliert, schikaniert und bekämpft.

Besonders drastisch kommt dieser Zwiespalt bei dem französischen Aufklärer und Zyniker Voltaire († 1778) zum Ausdruck.

Der gleiche Voltaire, der mit Pathos für Gedanken- und Meinungsfreiheit eintrat und sich für das Recht auf gegenteilige Ansichten zu seiner eigenen stark machte, wollte die Kirche mundtot machen, zerschlagen, zertreten. Er hetzte übrigens in ähnlicher Weise gegen die jüdische Religion.

In den Ländern des Deutschen Reichs unterstellten die Fürsten die Kirche nach protestantischem Vorbild mehr und mehr der Knute des Staatskirchentums.

Sie setzten zahlreiche Verbote von katholischen Frömmigkeitsformen durch (Wallfahrten etc.), stellten Bestimmungen für Liturgie und Gotteshäuser auf. Sie degradierten die Bischöfe zu Befehlsempfängern der staatlichen Kultus-Bürokratie.

In der Praxis wurde die Katholische Kirche ihrer Freiheit beraubt.

Ihren Höhepunkt erreichte der Kampf gegen die Kirche während der berüchtigten Französischen Revolution. Bei diesem blutigen Ereignis wurde der Zwiespalt der europäischen Aufklärung sichtbar.

Deren erste Phase bei der Umformung von Gesellschaft und Staat bis zur Verabschiedung der konstitutionell-monarchischen Verfassung war eher geprägt von angelsächsischen Ideen des Liberalismus, nach denen die Rolle der Kirche deutlich beschnitten, aber in ihrer Autonomie und Freiheit erhalten bleiben sollte.

Aber schon in dieser Phase eröffneten die jakobinischen Kräfte in der Tradition Voltaires den Krieg gegen Kirche und Religion. Klöster wurden aufgelöst, Mönche und Nonnen vertrieben, Kirchen geschändet, kirchliche Kunst- und Kulturschätze zerstört.

Das zentrale Instrument, um den katholischen Klerus in die Staatsmaschine einzuzwängen, bestand im Eid auf die Verfassung, die inzwischen von den Jakobinern willkürlich gehandhabt wurde.

Die eidverweigernden Priester wurden abgesetzt, eingesperrt, gefoltert und viele in den Gefängnissen ermordet.

In der Zeit dieser Schreckensherrschaft löschte die „Armee der Freiheit“ in der Bretagne und der Provinz Vendée ganze Landstriche von katholischen Dörfern aus, weil die Katholiken nicht den „Königsmördern in Paris“ ihre Söhne als Soldaten anvertrauen wollten und gegen aufgezwungene, vom Bürgereid korrumpierte Priester rebellierten.

Von Schock und Schrecken der Französischen Revolution war die Kirchenführung im ganzen 19. Jahrhundert geprägt.

Die Parolen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hatte nicht nur für die Kirche – man denke an Schillers „Glocke“ – die Bedeutungen angenommen: Unterdrückung, Willkür, Terror, Krieg.

Die Meinungsfreiheit hatte Thesen und Taten hervorgebracht wie: „Gesetzgeber: Setzt den Terror auf die Tagesordnung!“ oder: „Laßt hinter euch nichts als Blut und Leichen!“ oder „Düngt die Felder mit dem Blut eurer Feinde“, wie es in der französischen Nationalhymne heißt.

Als der selige Papst Pius IX. im Jahre 1846 gewählt wurde, galt er als liberaler Kirchenmann und setzte auch einige Reformen in Rom und im Kirchenstaat durch.

Für das katholische Deutschland wurde der Papst zum Patron der sogenannten Piusvereine, „Vereine für die Freiheit der Kirche“, die sich in der Zeit der 48er Revolution allenthalben konstituierten.

In den revolutionären Unruhen 1848 in Rom und Italien erfuhr der Papst dann aber am eigenen Leibe die Machenschaften der jakobinischen Meute und kirchenfeindlichen Liberalen.

Seit dieser Zeit war Pio Nono ein entschiedener Gegner des kulturkämpferischen Liberalismus, mit dem sich die Kirche niemals versöhnen werde, wie der Papst in der letzten Syllabus-These von 1864 schrieb.

Freilich war diese verhärtete Frontstellung von totalen Freiheitsutopie einerseits und strikter Ablehnung jeglicher bürgerlicher Freiheitsrechte andererseits eine perspektivlose Extremstellung.

Angesichts der kollektivistischen Propaganda und Praxis von Kommunismus und Nationalsozialismus haben sich die Päpste sehr bald für die grundlegenden Rechte der Menschen eingesetzt – anfangend im Jahr 1891 mit der Sozialenzyklika von Papst Leo XIII., der das Recht des Einzelnen auf Eigentum postulierte – die Urforderung des historischen Liberalismus von John Locke.

In der Enzyklika ‘Quadragesimo anno’ von 1931 formulierte Papst Pius XI. im Rahmen der Aktivitäten des Staates das Subsidiaritätsprinzip, nach dem der Staat den jeweils unteren Gesellschaftseinheiten möglichst viel Eigenverantwortung überlassen sollte.

Die Weimarer Verfassung von 1919 rühmte sich, die freieste Verfassung der Welt zu sein – und genau damit bereitete sie ihren eigenen Untergang vor.

Sie gab den roten und braunen Feinden der Freiheit alle Freiheiten, die diese zum Zermalmen der Freiheitsrepublik nutzten.

Der neue deutsche Verfassungsstaat von 1949 zog die Konsequenzen aus dem utopischen Freiheitsgedusel, indem er für die Freiheitsrechte deutliche Grenzen – „Schrankentrias“ – zog und sie entsprechend sanktionierte.

Die freiheitliche Demokratie wurde zur wehrhaften Demokratie.

Aber nicht nur durch die äußeren Grenzen, auch im inneren Kern sind die Freiheitsrechte nicht anarchisch zu verstehen, sondern in das „Sittengesetz“ eingebunden, wie es das deutsche Grundgesetz im Artikel 2,2 festlegt.

Das Sittengesetz ist nach Interpretation des Bundesverfassungsgerichts im abendländischen Naturrecht verankert.

Der Zustand der Freiheit ist nicht einer der Zügellosigkeit, sagt der englische Staatstheoretiker John Locke. Der Mensch habe beispielsweise nicht das Recht, sich selber oder das Leben eines anderen zu zerstören.

„Der Naturzustand enthält ein Gesetz der Natur, das ihn lenkt und das einen jeden verpflichtet.“

Wenn in der Schweiz eine Volksabstimmung darüber veranstaltet wurde, ob ein Kleinkind bis zum dritten Schwangerschaftsmonat straffrei getötet werden dürfe oder nicht, so verstoßen sowohl die Abstimmung als auch das Recht zum Töten des ungeborenen Menschen gegen das Naturrecht.

Eine solche Abstimmung ist Zeichen eines schlechten Demokratismus auf dem Weg zur Ochlokratie – Pöbelherrschaft –, ein Ausdruck, der vom griechischen Philosophen Aristoteles († 322 v. Chr.) stammt.

Nach dem Muster der durch das Naturrecht eingeschränkten und bestimmten Freiheit sollte auch die Religionsfreiheit gestaltet sein.

Danach sind Einschränkungen von Religionsgemeinschaften bis hin zu Verboten möglich, wenn die in ihren Postulaten und ihrer Praxis gegen Sittengesetz und Naturrecht verstoßen, zum Beispiel der Satanismus.

Auch der Islam ist in seiner Lehrtätigkeit und Praxis einzuschränken, insofern er zu Gewalttätigkeiten aufruft – zum Beispiel zum Töten von Konvertiten – oder die vorstaatlich gegebenen Menschenrechte nicht anerkennt.
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 99 Lesermeinungen:
Montag, 26. Juni 2006 13:15
Montag, 26. Juni 2006 12:50
jotam: Hm…
Jetzt werden hier schon die so gehassten Muslime (perdón, Muselmänner) zitiert, um gegen die Evolution zu schimpfen. Für den eigenen Nutzen schmiedet man scheinbar auch gern Teufelspakte…
Montag, 26. Juni 2006 12:32
santa rita: Nachstehend Lesenswertes zum Evolutionsbetrug
Samstag, 24. Juni 2006 21:09
blueberry: Dreissigjähriger Krieg
Daß die Glaubenseinheit in der Frühen Neuzeit durch Krieg wiederherzustellen sein sollte, ist aber wirklich ein ziemlich perverser Gedanke. Dem stimme ich auch zu – war jedoch ein Versuch, der damals üblich war.

War aber eine folgenschwere Fehlentscheidung. Damals ist das Kaiserreich letztendlich zu Grabe getragen worden.
Samstag, 24. Juni 2006 16:48
Ich glaube, wir beide sind der selben Meinung – wir ziehen nur unterschiedliche Schlüsse daraus:

Die heidnischen Kulte schlossen sich ja nicht gegenseitig aus. Man konnte z.B. Anhänger des Mithraskultes sein und dann natürlich auch den Kaiser als „Herr und Gott“ verehren. Das war überhaupt kein Problem, sondern das Mindestmaß an Staatstreue, das jeder Bürger zu zeigen hatte.

Also, das geht konform mit meiner Behauptung:diese Religion war auch, die neben der militärischen Macht der Römer, die „pax romana“ sichern konnte.
Eine Einheit von Religion (Konfession) und politischer Macht wurde also, je nach politischer Lage, gefordert.

Alles was Sie weiters als Erklärung hinzugefügt haben, dürfte mit dieser Übereinstimmung geklärt sein. (Sie könnten recht haben mit:Die Christenverfolgung im Römerreich wird übrigens maßlos überschätzt. Die meiste Zeit konnten die Christen unbehelligt ihren Glauben leben, nur einige wenige Kaiser legten Wert auf das Mindestmaß an Staatstreue (Opfer für den Kaiser).

Daß die Glaubenseinheit in der Frühen Neuzeit durch Krieg wiederherzustellen sein sollte, ist aber wirklich ein ziemlich perverser Gedanke.

Dem stimme ich auch zu – war jedoch ein Versuch, der damals üblich war. Daher auch die „cuius regio, eius religio“ – ein Versuch der Rettung des alten Grundsatzes. Ich kann ihn nicht befürworten – der geschichtliche Kontext macht ihn jedoch verständlich.
Samstag, 24. Juni 2006 14:44
Babylon †: @ Röm. Kaiserkult war zwar Staatsreligion,
war aber für die meisten Römer „zusätzlich“.

Die heidnischen Kulte schlossen sich ja nicht gegenseitig aus. Man konnte z.B. Anhänger des Mithraskultes sein und dann natürlich auch den Kaiser als „Herr und Gott“ verehren. Das war überhaupt kein Problem, sondern das Mindestmaß an Staatstreue, das jeder Bürger zu zeigen hatte.
Ansonsten konnte jeder machen, was er wollte. Die Christenverfolgung im Römerreich wird übrigens maßlos überschätzt. Die meiste Zeit konnten die Christen unbehelligt ihren Glauben leben, nur einige wenige Kaiser legten Wert auf das Mindestmaß an Staatstreue (Opfer für den Kaiser).
Diese wenigen (zeitlich u. regional) Vefolgungen richteten sich übrigens nicht gegen das Christentum an sich, sondern nur gegen die Weigerung, das Mindestmaß an Staatstreue zu zeigen. Danach konnte man wieder Christus verehren und sonst was machen.

Daß die Glaubenseinheit in der Frühen Neuzeit durch Krieg wiederherzustellen sein sollte, ist aber wirklich ein ziemlich perverser Gedanke.
Nehme an, daß Du das auch so siehst.
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