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Donnerstag, 22. Juni 2006 17:19
Die Revolution wird verschoben
Gestern predigte ein Linzer Diakon in der antiklerikalen österreichischen Tageszeitung ‘Der Standard’ den kirchlichen Aufstand. Jetzt wird die Revolution verschoben.
(kreuz.net, Linz) Der Linzer Diakon Andreas Golatz (31) wird am Fest der Apostelfürsten St. Peter und Paul nicht zum Priester geweiht.

Die Priesterweihe wurde „im Einvernehmen mit dem Kandidaten verschoben“. Das berichtete die Diözese Linz heute am frühen Nachmittag auf ihrer Webseite.

In seinem Interview mit der kirchenfeindlichen Tageszeitung ‘Der Standard’ vom 21. Juni hat Diakon Golatz – in der Formulierung der Diözese Linz – „auf die Anliegen der Menschen in Bezug auf die Katholische Kirche in ungewöhnlich scharfer Weise aufmerksam gemacht“.

Auf die Frage des Standard, ob die Kirche in einer Krise stecke, sagte Diakon Golatz wörtlich: „Es braucht dringend Reformen. Die Kirche muß sich endlich mehr öffnen.“

Auf die weitere Frage, ob Lösungen in Sicht seien, antwortete der Diakon:

„Derzeit noch nicht. Der Reformstau wird aber immer größer und die Kirche schlittert immer tiefer in die Krise. Ich hoffe ganz stark auf die einzelnen Diözesen. Auf dieser Ebene muß der Widerstand gegen Rom so massiv werden, bis endlich etwas passiert. Wir brauchen einen regelrechten Aufstand auf diözesaner Ebene.“

Der Bischof von Linz, Mons. Ludwig Schwarz, führte mit dem Diakon umgehend ein „ausführliches und klärendes Gespräch“ über die Aussagen von Diakon Golatz im Interview.

Mons. Schwarz habe den angehenden Neupriester daran erinnert, daß dieser bei der Priesterweihe dem Bischof und der Kirche gegenüber auch Gehorsam und Loyalität zu versprechen habe.

Im Gespräch habe Diakon Golatz bekräftigt, daß ihm das „sehr bewußt“ sei und er das auch wolle.

Es sei ihm im Interview nur darum gegangen, „auf Anliegen von Gläubigen, die ihm wiederholt vorgetragen wurden, deutlich hinzuweisen“.

Er strebe auf keinen Fall eine Abspaltung von Rom an, wollte aber den drängenden Ruf nach einer gemeinsamen Lösung der anstehenden Probleme rund um den Priestermangel formulieren.

Lösungen könnten dabei selbstverständlich nur „in Einheit und im Dialog mit der Weltkirche“ gefunden werden.

Während des Gespräches bat Diakon Golatz den Bischof angesichts seiner Äußerungen und der von ihnen ausgelösten heftigen Reaktionen seine Bereitschaft zur Priesterweihe noch einige Monate überdenken zu dürfen.

Bischof und Generalvikar bekräftigten, daß ein unbestrittener Konsens darüber bestehe, daß die Diözese Linz die Fragen des kirchlichen Selbstverständnisses nur in Einheit mit der Weltkirche beantworten könne.

Es sei dabei aber das Bestreben der Diözesanleitung in ihren Gremien, sowie auf den unterschiedlichen Ebenen kirchlicher Verantwortung die Anliegen der Gläubigen „ausgewogen“ zur Sprache zu bringen.

Am Fest der Apostelfürsten wird die Diözese Linz somit keine Diözesanpriester weihen.

Die zwei anderen Weihekandidaten gehören Ordensgemeinschaften an, einer den Oblaten des heiligen Franz von Sales, der andere den Benediktinern des Stiftes Lambach.

Im Linzer Priesterseminar wohnen noch zehn Seminaristen.

Für das Vorseminar im niederösterreichischen Horn gibt es eine sichere Anmeldung und zwei Aufnahmeverfahren.
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 67 Lesermeinungen:
Mittwoch, 28. Juni 2006 10:51
Benedikt: @ Babylon
Die von Dir erwähnten negativen Begleiterscheinungen liegen ja wohl eher auf der Seite des Pflichtzölibats, und zwar nicht seit gestern oder dem 2. Vaticanum, sondern seit jeher.

Nein, die Einführung hatte etwas mit damaligen Auswüchsen im Priesterstand zu tun (Dynastiebildung etc)

Das Ganze geht doch wohl eher auf die Vorstellung zurück, daß praktizierte Sexualität unfähig macht zum gottesdientlichen Handeln

Ob das später mal gedacht wurde kann ich nicht beurteilen. „Darauf zurückgehen“ tut es jedenfalls nicht. In diesem Fall wäre der Zölibat auch nicht bloß eine Disziplinarvorschrift.

Da im lateinischen Westen aber der Trend zum täglichen Gottesdienst ging, hielt man den Zölibat für immer notwendiger.

Den Zölibat gibt es länger als diese Entwicklung.
Mittwoch, 28. Juni 2006 10:43
Freinsberg: Leibfeindlichkeit
Priester darf nicht werden, wer Frau ist oder mit Frauen Kontakt hat. (Zitiert nach Eva Rossmann.)
Montag, 26. Juni 2006 10:44
Das Ganze geht doch wohl eher auf die Vorstellung zurück, daß praktizierte Sexualität unfähig macht zum gottesdientlichen Handeln.
Das nenne ich leibfeindlich.
Sonntag, 25. Juni 2006 18:37
Babylon †: @ Benedikt: Hand auf’s Herz!
Die von Dir erwähnten negativen Begleiterscheinungen liegen ja wohl eher auf der Seite des Pflichtzölibats, und zwar nicht seit gestern oder dem 2. Vaticanum, sondern seit jeher.

Das Ganze geht doch wohl eher auf die Vorstellung zurück, daß praktizierte Sexualität unfähig macht zum gottesdientlichen Handeln (ist – wenn ich mich richtig erinnere- auch im AT so, auch in vielen heidnischen Kulten der Antike).
Da im lateinischen Westen aber der Trend zum täglichen Gottesdienst ging, hielt man den Zölibat für immer notwendiger.
Im griechischen Osten gibt’s ja nur den sonntäglichen Gottesdienst, und deshalb dürfen die Priester verheiratet sein.
Aber selbst Eheleute durften an bestimmten Tagen keinen Geschlechtsverkehr ausüben, weil das unrein mache zur Teilnahme an der Messe (sowohl im Osten wie im westen viele Bestimmungen dazu).
Das dürfte meine These belegen.

Auf jeden Fall: Diese Vorstellung – Sex macht unrein – läßt sich wohl kaum in den Evangelien finden, sondern ist volks- / abergläubische Zutat.
Sonntag, 25. Juni 2006 13:27
Benedikt: @ Babylon: Ihre Beiträge hier
Offenbar ist Ihnen nicht bekannt, warum es zum Zölibat gekommen ist. Der Zölibat ist auch keine Glaubensfrage. Deswegen kann es auch nicht bestürzend sein, dass Petrus verheiratet war. Und es sagt auch nichts aus, dass Jesus verheiratete Männer berufen hat. Vielmehr ist es vermutlich sogar sinnvoll, jedenfalls im Ursprung, gewesen. Dann aber traten negative Begleiterscheinungen auf, so dass der Zölibat eingeführt wurde. Die Einführung wurde lange Zeit gefordert, ebenso wie jetzt die Abschaffung. Die Gründe von damals mögen heute nicht mehr vorhanden sein, dafür eine Menge anderer Gründe, weswegen der Zölibat auch in unseren Tagen immer noch höchst sinnvoll ist.
Sonntag, 25. Juni 2006 10:49
Puchil2: Die Geschichte des Zölibats
Empfehlenswert zu diesem Thema ist auch das Buch von Georg Denzler mit obigem Titel. Erschienen 1993
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