Die unterschlagene Revolution
Eine verbreitete Waffe im Kampf gegen die Kirche ist die Behauptung angeblicher Hexenverfolgungen durch die katholische Inquisition. Doch wie alle Märchen hat auch dieses jetzt ein Ende. Von Jenny Gibbons.
(kreuz.net) Seit den späten 70er Jahren hat in der Erforschung der historischen Hexerei und der großen
europäischen Hexenjagd eine stille Revolution stattgefunden.Diese Revolution war vielleicht nicht so dramatisch wie die Entwicklungen in der Radiokarbon-Datierung. Doch viele Ansichten über die Hexenjagd, die das Feld vor dreißig Jahren noch souverän beherrschten, sind inzwischen verschwunden. Sie wurden von einer Flut von neuem Datenmaterial hinweggefegt.
Leider sind nur wenige der neuen Ergebnisse in die Geschichtskenntnisse der Allgemeinheit eingegangen. Viele Artikel in Magazinen der neuheidnischen Bewegung enthalten fast keine zuverlässigen Informationen über die „Zeiten der Verbrennungen“, vor allem weil sie sich so massiv auf überholte Forschungsergebnisse stützen.
Worin bestand diese Revolution bei der Erforschung der Hexenverfolgungen?
In der Zeit um 1975 hörten Historiker auf, sich bei ihren Arbeiten auf Dokumente der Hexenjagd-Propaganda zu berufen und begannen, ihre Studien auf sorgfältige, systematische Untersuchungen aller Hexenprozesse einer bestimmten Gegend zu basieren.
Seit den Zeiten der großen Hexenjagd haben sich Autoren in ihren Schriften auf Propagandatexte von Hexenjägern berufen: Hexenjagd-Handbücher, Predigten gegen Hexerei, und schauerliche Pamphlete über spektakulärere Prozesse.
Es war allgemein bekannt, daß dieses Quellenmaterial unzulänglich war. Es entsprach dem Versuch, das Phänomen des Satanismus in den USA ausschließlich mit Hilfe des Informationsblattes der ‘MoralMajority’ oder des ‘National Enquirer’ zu erforschen.
Die wenigen zitierten Prozesse, waren die größeren und berüchtigteren. Oft verwendeten Historiker literarische Erzählungen darüber – nicht die Gerichtsakten selber. Das ist mit einer Vorgehensweise zu vergleichen, die sich statt auf Prozeßdokumente auf ein Doku-Drama im Fernsehen („Basiert auf einer wahren Geschichte!“) beruft.
Ein besseres Quellenmaterial existierte nicht. Gerichte, die Hexen verurteilten, hatten aber durchaus schriftliche Zeugnisse hinterlassen – Urteile, Listen mit eingezogenen Gütern, Fragen, die während der Untersuchungen gestellt wurden, und die Antworten, welche die Hexen gaben. Diese Texte wurden von Leuten verfaßt, die über das, was in Wirklichkeit geschah, im Bild waren.
Dagegen gründeten die Bücher der zeitgenössischen Hexenjäger häufig auf Gerüchten und auf Hörensagen. Wenige hatten Zugang zu zuverlässigen Informationen. Gerichte hatten weniger Anlaß zu lügen, weil sie in den meisten Fällen einfach festzuhalten versuchten, was geschehen war: Wieviele Hexen hingerichtet wurden, wieviel Geld sie konfiszierten oder verloren usw.
Zeitgenössische Hexenjäger schrieben dagegen, um die Leute zu überzeugen, daß die Hexerei eine schwere Bedrohung der Welt wäre. Je mehr Hexen es gab, desto größer war die „Bedrohung“. Darum übertrieben die Hexenjäger häufig die Anzahl der Toten und streuten wilde Vermutungen über die Menge der existierenden Hexen.
Ferner behandeln die existierenden Gerichtsunterlagen die ganze Bandbreite der Prozesse, nicht nur die schauerlichsten und spektakulärsten.
Doch die Gerichtsdokumente besaßen einen entmutigenden Nachteil: Es gab davon zu viele. Hexenprozesse waren unter buchstäblich Millionen anderer Prozeßakten aus der gleichen Periode verstreut.
Für die meisten Historiker war der Aufwand zu groß, sich durch diese Masse von Daten durchzuarbeiten. Eine Ausnahme war Cecil L’Estrange Ewen.
Im Jahr 1929 publizierte Ewen die erste systematische Untersuchung der Gerichtsakten der englischen Grafschaft Essex – nordöstlich von London – unter dem Titel: „Hexenjagd und Hexenprozesse“. Sein Werk konzentrierte sich auf England und zeigte eindrücklich, wie viele Quellen die Literatur bisher unbeachtet ließ.
In der Grafschaft Essex entdeckte Ewen zum Beispiel dreißig Mal mehr Gerichtsverhandlungen als alle vorhergehenden Untersuchungen. Frühere Historiker hatten ihre Untersuchungen auf nur 3% der zugänglichen Quellen basiert. Diese 3% waren von den restlichen 97% sehr verschieden.
In den 70er Jahren folgten andere Historiker auf Ewens Spuren. Auf diese Weise steigerte sich die Qualität und Quantität der zugänglichen Quellen auf eine ungeahnte Weise.
Jetzt haben wir die Möglichkeit, alle Gerichtsverhandlungen eines Gebietes zu überblicken und zu sehen, wie ein „normaler“ Hexenprozeß ablief. Gerichtsunterlagen enthalten oft detaillierte Informationen über das Geschlecht, die soziale Stellung und den Beruf der Angeklagten.
Heute besitzen wir zum ersten Mal eine gute Vorstellung von den Ausmaßen der großen Hexenjagd: wo die Gerichtsverhandlungen stattfanden, wer prozessiert wurde, wer hinrichtete und wie viele Menschen ihr Leben verloren.
Jenny Gibbons – die Autorin des Beitrages – studierte Mittelalterliche Geschichte und ist Anhängerin eines modernen Hexenkultes.
Nächstes Mal: 400 Hexen auf einen Streich?
Der Artikel ist Teil der folgenden Reihe:
1. Die unterschlagene Revolution
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Freitag, 5. September 2008 11:18
Andreas_Rau: es hat wirklich keine Hexenverfolgung gegeben
wenn man es nämlich genau betrachtet, gibt und gab es KEINE Hexen und Zauberer. Es gab Menschen. Es gab
Frauen und Männer, die der Hexerei oder dem Pakt mit dem Teufel angeklagt waren, weil sie suspekt waren
und Dinge getan haben, die andere nicht verstanden – oder schlicht, weil sie dem Nachbarn nicht passten.
Um es richtig zu stellen. Es war eine Menschenjagd! Und es war Mord – die sicherlich nicht allein durch
die Kirche zu verantworten ist, aber ihren (nicht unerheblichen) Anteil hatte sie da. Da hilft auch kein
Leugnen.
Der Begriff „Hexenverfolgung“ impliziert, dass diese Menschen wirklich schlecht gewesen seien. Und das ist eine nachträgliche Herabwürdigung von Menschen und demütigt Opfer auch noch nachträglich.
Der Begriff „Hexenverfolgung“ impliziert, dass diese Menschen wirklich schlecht gewesen seien. Und das ist eine nachträgliche Herabwürdigung von Menschen und demütigt Opfer auch noch nachträglich.
Donnerstag, 29. Juni 2006 11:35
methusalix †: Dank für den Link Benedikt;
Das habe ich dort gefunden:
Wikipedia: Die Tragik von Galileos Wirken liegt darin, dass er – als ein zeitlebens tiefgläubiges Mitglied seiner Kirche – den Versuch unternahm, ebendiese Kirche vor einem verhängnisvollen Irrtum zu bewahren.
Und das soll jetzt der Grund sein, einen Menschen mit Folter und Tod zu bedrohen? Eine Kirche, die die Nächstenliebe ins Stammbuch geschrieben bwekommen hat? Da geht es nicht um Nächstenliebe. Das ist pures Machtdenken.
Wikipedia: Die Tragik von Galileos Wirken liegt darin, dass er – als ein zeitlebens tiefgläubiges Mitglied seiner Kirche – den Versuch unternahm, ebendiese Kirche vor einem verhängnisvollen Irrtum zu bewahren.
Und das soll jetzt der Grund sein, einen Menschen mit Folter und Tod zu bedrohen? Eine Kirche, die die Nächstenliebe ins Stammbuch geschrieben bwekommen hat? Da geht es nicht um Nächstenliebe. Das ist pures Machtdenken.
Mittwoch, 28. Juni 2006 15:44
Benedikt: @ methusalix
In jedem modernen Astronomiebuch finden Sie die Forschungsergebnisse des Galilei verzeichnet. In keinem
Astronomiebuch habe ich etwas über den Astronomen Nicolaus Cusanus und seine angebliche Verteidigung
oder Verkündung eines heliozentrischen Weltbildes gefunden.
Was soll das jetzt beweisen?
Der Mann hat wohlweislich geschwiegen und die Machtfrage über die Deutungshoheit naturwissenschaftlicher Erkenntnise NICHT gestellt.
Gucken Sie mal hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Galileo_Galilei
Er wusste, was ihm blühen würde. Er musste schliesslich wissen, was Girdano Bruno geschehen war.
Eher nicht. Nikolaus von Kues starb 84 Jahre vor der Geburt Giordano Brunos.
Was soll das jetzt beweisen?
Der Mann hat wohlweislich geschwiegen und die Machtfrage über die Deutungshoheit naturwissenschaftlicher Erkenntnise NICHT gestellt.
Gucken Sie mal hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Galileo_Galilei
Er wusste, was ihm blühen würde. Er musste schliesslich wissen, was Girdano Bruno geschehen war.
Eher nicht. Nikolaus von Kues starb 84 Jahre vor der Geburt Giordano Brunos.
Mittwoch, 28. Juni 2006 15:22
methusalix †: @benedikt
warum die Kirche nichts gegen Nikolaus unternommen hat,
In jedem modernen Astronomiebuch finden Sie die Forschungsergebnisse des Galilei verzeichnet. In keinem Astronomiebuch habe ich etwas über den Astronomen Nicolaus Cusanus und seine angebliche Verteidigung oder Verkündung eines heliozentrischen Weltbildes gefunden. Der Mann hat wohlweislich geschwiegen und die Machtfrage über die Deutungshoheit naturwissenschaftlicher Erkenntnise NICHT gestellt. Er wusste, was ihm blühen würde. Er musste schliesslich wissen, was Girdano Bruno geschehen war.
In jedem modernen Astronomiebuch finden Sie die Forschungsergebnisse des Galilei verzeichnet. In keinem Astronomiebuch habe ich etwas über den Astronomen Nicolaus Cusanus und seine angebliche Verteidigung oder Verkündung eines heliozentrischen Weltbildes gefunden. Der Mann hat wohlweislich geschwiegen und die Machtfrage über die Deutungshoheit naturwissenschaftlicher Erkenntnise NICHT gestellt. Er wusste, was ihm blühen würde. Er musste schliesslich wissen, was Girdano Bruno geschehen war.
Mittwoch, 28. Juni 2006 12:15
Benedikt: @ methusalix
Na und warum dann der hinterfotzige Angriff der Kirchenbeamten auf Galileo? Doch die Machtfrage, oder?
Die Herren fühlten sich auf den Schlips getreten und wollten dem armen Kerl zeigen wo der Hammer hängt;
was sie dann auch sehr ausführlich getan haben.
Diese Frage zu beantoworten ist an Ihnen, werter Methusalix. Macht- und Glaubensfragen können Sie allerdings nicht als Antwort heranschaffen, da diese nicht erkläre würde, warum die Kirche nichts gegen Nikolaus unternommen hat, sondern ihn sogar zum Kardinal aufsteigen ließ. Sie müssen schon andere Möglichkeiten in Betracht ziehen. Wenn Sie das denn überhaupt wollen.
Diese Frage zu beantoworten ist an Ihnen, werter Methusalix. Macht- und Glaubensfragen können Sie allerdings nicht als Antwort heranschaffen, da diese nicht erkläre würde, warum die Kirche nichts gegen Nikolaus unternommen hat, sondern ihn sogar zum Kardinal aufsteigen ließ. Sie müssen schon andere Möglichkeiten in Betracht ziehen. Wenn Sie das denn überhaupt wollen.
Mittwoch, 28. Juni 2006 11:32
methusalix †: @benedikt
Ob die Kirche dieselbe Meinung hatte oder nicht – Nikolaus wurde Kardinal. So schlimm kann die Kirche
seine Überlegungen also nicht gefunden haben.
Na und warum dann der hinterfotzige Angriff der Kirchenbeamten auf Galileo? Doch die Machtfrage, oder? Die Herren fühlten sich auf den Schlips getreten und wollten dem armen Kerl zeigen wo der Hammer hängt; was sie dann auch sehr ausführlich getan haben.
Na und warum dann der hinterfotzige Angriff der Kirchenbeamten auf Galileo? Doch die Machtfrage, oder? Die Herren fühlten sich auf den Schlips getreten und wollten dem armen Kerl zeigen wo der Hammer hängt; was sie dann auch sehr ausführlich getan haben.
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