17:22:31 | Sonntag, 25. Juni 2006
Europäische Aufklärung und aggressive Nationalismen waren Basis und Triebkräfte für die bürgerliche Rassenlehre einschließlich des Antisemitismus’, die im nationalsozialistischen Völkermord kulminierte. Von Leo G. Schüchter.
(kreuz.net) Der US-amerikanische Polemiker Daniel Goldhagen bemängelt in seinem
Welt-Artikel vom 3. Juni
2006, daß Papst Benedikt XVI. in Birkenau nicht „über den tausendjährigen Antisemitismus des Christentums
gesprochen hätte, der in Europa Jahrhunderte lang allgegenwärtig war und im Nazismus und im Holocaust
kulminierte“.
Bei allen Unterschieden zwischen dem „Antisemitismus der Nationalsozialisten und dem christlichen
Saatbeet“ behauptet Goldhagen:
„Der Antisemitismus bleibt die unvermeidliche kausale, historische und
moralische Verbindung zwischen der Kirche, den Nazis und Auschwitz.“
Das ideologische Schema, nach dem
der tausendjährige oder gar zweitausendjährige „Antisemitismus“ des Christentums in direkter und kausaler
Verbindung in den Nationalsozialismus und den Massenmord an Juden geführt habe, ist ein verbreitetes
Klischee von jüdischen, aber auch linksliberalen und antiklerikalen Autoren und Politikern.
Dieses Vorurteil
gegen Christen und Kirche ist nicht nur historisch unhaltbar, sondern auch wissenschaftlich unredlich
und unseriös.
Zum einen unterscheidet der Autor nicht zwischen dem neuzeitlichen rasse- oder volksbestimmten
Antisemitismus einerseits und dem glaubens- oder konfessionsbezogenen Antijudaismus der Geschichte.
Zum
andern wird eine Kontinuität des historischen Antijudaismus unterstellt, die historisch nicht haltbar
ist.
Zwischen den Phasen vermehrter antijüdischer Texte in der Spätantike etwa oder dem Spätmittelalter
gab es mehrere Epochen entspannter und irenischer Beziehungen zwischen Juden und Christen.
Schließlich
ist es historisch und wissenschaftlich unredlich, bestimmte Vorschriften für Juden innerhalb einer Zunftgesellschaft,
wie etwa die Kleidungsvorschriften des Lateran-Konzils für Juden, mit den Schikanen des nationalsozialistischen
Regimes in Analogie oder gar Gleichheit zu setzen. Dieser Versuchung widersteht auch Raoul Hilberg nicht.
Im zweiten Jahrhundert nach Christus hat sich die frühe Kirche im dramatischen Überlebenskampf mit
der Gnosis ausdrücklich auf die Seite des Schöpfergottes geschlagen und damit das Alte Testament bzw.
die jüdische Bibel endgültig als konstitutive Dimension der Offenbarung anerkannt.
Wenn es trotzdem
ab dieser Zeit vereinzelt antijüdische Schriften gab, von bekannten und weniger bekannten Theologen,
welche die Juden verallgemeinernd als Christus-Mörder beschimpften und andere Häßlichkeiten auftrugen,
so war das nicht der Kern oder Hauptstrom einer noch nicht vereinheitlichten Theologie.
Im Spiegel der
hochmittelalterlichen Kreuzes-Theologie des Arnulf von Löwen und auch Franz von Assisi etwa, nach der
es die Christen sind, die mit ihren Sünden Jesus Christus ans Kreuz gebracht haben und immer noch bringen,
ist die alte Lehre von den Christus-Mördern einfach schlechte Theologie am Kirchenrand. Das kann man
auch im ‘Katechismus der Katholischen Kirche’ bei Punkt 598 nachlesen.
„Was du, Herr, hast erduldet,
ist alles meine Last. Ich, ich hab es verschuldet, was du ertragen hast…“, heißt es nach mittelalterlicher
Vorlage bei Paul Gerhard 1656.
Mit der Blütezeit der Kreuzestheologie und Passionsfrömmigkeit der katholischen
Kirche im 17./18. Jahrhundert verschwand die Gottesmörderlehre vollständig aus der aktuellen katholischen
Theologie.
In gleicher Zeit, der Epoche der Aufklärung, ist die Inkubation des bürgerlichen Antisemitismus
anzusetzen.
Der Begründer des modernen säkularen Antisemitismus war Voltaire.
Nach Voltaire sind die
Juden vagabundierende Betrüger mit dem schmutzigsten Geiz, abstoßendem Aberglauben und unüberwindlichem
Haß gegen alle Völker, welche sie tolerierten und reich machten.
Voltaire konstruiert einen jüdischen
Volkscharakter aus folgenden Verhaltensweisen: Unwissenheit, barbarische Sprache, Haß auf andere Völker,
Grausamkeit, Kannibalismus und sexuelle Perversionen.
Die jüdische Nation sei „mit dem gleichen Blick,
mit dem wir die Neger sehen, zu betrachten, nämlich als eine minderwertige Menschenart“.
Kant war der
Begründer des modernen Rassebegriffs. Die Charaktereigenschaften der Nationen lägen in deren Blutmischung
begründet. Die vollkommenste Rasse sei die der Weißen, die asiatischen Völker ständen in der Mitte
und „ganz unten die Neger“.
Hegel übernahm für seine Rassenlehre die damals zeitgenössischen Kriterien
von Schädelform, Nasenkrümmung, Backenknochen und „Gesichtswinkel“.
Mit diesen Schriften der Aufklärer
lag das ideologische Waffenarsenal bereit, mit dem der aggressive Nationalismus zum Ende des 19. Jahrhunderts
den modernen Antisemitismus herausbilden konnte, besonders in Deutschland, Frankreich und den USA.
Dieser
säkulare Antisemitismus erreichte im Nationalsozialismus seinen hybriden Kulminationspunkt aus einem
betont antichristlichen, antikirchlichen und antigöttlichen Antrieb.
Auf diesem geistesgeschichtlichen
Hintergrund betonte Papst Benedikt XVI. bei seiner Nachbetrachtung zur Polenreise am 1. Juni:
„Vor dem
Grauen von Auschwitz gibt es keine andere Antwort als das Kreuz Christ: die Liebe, die bis in den Abgrund
des Bösen herabgestiegen ist, um den Menschen an der Wurzel zu retten, wo seine Freiheit sich gegen Gott
auflehnen kann.
Die heutige Menschheit vergesse Auschwitz nicht und die anderen ‘Fabriken des Todes’,
in denen die nationalsozialistische Diktatur versucht hat, Gott auszurotten, um sich an seine Stelle zu
setzen.
Sie gebe nicht der Versuchung zum Rassenhaß nach, der am Anfang der schlimmsten Formen des Antisemitismus
steht.“
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