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Dienstag, 4. Juli 2006 09:47
400 Hexen auf einen Streich?
In der Vergangenheit ist behauptet worden, daß die katholische Inquisition in Südfrankreich an einem einzigen Tag 400 Hexen verbrannt hat. Von Jenny Gibbons.
Angebliche Massenvernichtung von Hexen 1587
Angebliche Massenvernichtung von Hexen 1587
(kreuz.net) Ein weiter kleiner Durchbruch veränderte unsere Ansichten über die frühe Geschichte der Großen Hexenjagd zutiefst.

1972 entdeckten zwei Historiker unabhängig voneinander, daß eine berühmte Reihe von mittelalterlichen Hexenprozessen in Wahrheit nie stattgefunden hat.

Die Fälschung hatte ihren Ursprung in einem Buch des Franzosen Etienne Leon de Lamothe-Langon. Das Werk trägt den Titel „Histoire de l’Inquisition en France“ – Geschichte der Inquisition in Frankreich. Es wurde 1829 publiziert.

Lamothe-Langon beschrieb enorme Hexenprozesse, die angeblich im frühen 14. Jahrhundert in Südfrankreich stattfanden.

Diese Prozeße sollen von der Inquisition von Toulouse und Carcasonne durchgeführt und angeblich Hunderte über Hunderte von Menschen getötet haben. Der berühmteste Vorfall war nach Lamothe-Langon eine Hysterie, bei der an einem Tag 400 Frauen hingerichtet wurden.

Der Nachteil: Diese Prozesse waren bisher keinem anderen französischen Historiker aufgefallen.

Trotzdem zitierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts der berühmte Historiker Jacob Hansen in sein Kompendium über die mittelalterliche Hexerei große Auszüge aus dem Werk von Lamothe-Langon.

Spätere Historiker zitierten sodann Hansens Zitate, offenbar ohne die akademischen Kredenzialien von Lamothe-Langon unter die Lupe zu nehmen.

Nichtakademische Autoren zitierten schließlich die Historiker, welche Hansen zitiert hatten.

Auf diese Weise wurden die dramatischen französischen Hexenprozese von Lamothe-Langon ein Allgemeinplatz der volkstümlichen Ansichten über die Große Hexenjagd.

Doch als die Forschung intensiviert wurde, kamen die Prozesse von Lamothe-Langon den Historikern immer seltsamer vor. Diese Prozesse wurden in keiner historischen Quelle erwähnt und waren von allen anderen Prozessen des 14. Jahrhunderts ganz verschieden.

Bis zum Jahr 1428 gab es keine solchen Massenprozesse und bis zum 16. Jahrhundert keine Hysterien dieser Art.

Außerdem war die Dämonologie, die in diesen Prozessen zum Ausdruck kam, ziemlich entwickelt: Hexensabbate, Teufelspakte und enorme Schwarze Messen. Diese Dämonologie war viel komplexer als die Dämonologie des Malleus Maleficarum – des berühmten Hexenhammers – aus dem Jahr 1486.

Warum sollte die katholische Inquisition diese ausführliche Dämonologie erarbeiten haben, um sie anschließend offenbar für die nächsten 200 Jahre zu vergessen?

Fragen dieser Art führten Norman Cohn in seinen Arbeiten „Europe’s Inner Demons“ und „Three Forgeries: Myths and Hoaxes of European Demonology II“ – publiziert in Encounter 44 (1975) – und Richard Kieckhefer in seinem Werk „European Witch Trials“ dazu, den Hintergrund von Lamothe-Langon zu erforschen.

Beide kamen zu einer nachvollziehbaren Schlußfolgerung, daß die großen Hexenprozesse von Lamothe-Langon nie stattgefunden haben. Dafür gibt es verschiedene Argumente.

1. Lamothe-Langon war ein mittelmässiger Schriftsteller und bekannter Fälscher, aber kein Historiker.

Am Anfang seiner Karriere befaßte er sich mit historischen Romanen, aber er wandte sich schon bald profitableren Horrorromanen zu wie „Das Haupt des Todes“, „Das Kloster der schwarzen Brüder“, „Der Vampir“ oder „Die Jungfrau von Ungarn“.

1829 publizierte er seine ‘Histoire’, angeblich ein historisches Werk. Nach diesem Erfolg schrieb Lamothe-Langon „Autobiographien“ verschiedener französischer Persönlichkeiten wie Kardinal Richelieu, König Ludwig XVIII. oder Gräfin du Barry.

2. Keine der Quellen von Lamothe-Langon konnte gefunden werden. Es besteht ein starker Verdacht, daß diese nie existiert haben.

Lamothe-Langon behauptete, daß er unpublizierte Aufzeichnungen der Inquisition verwendet habe, die er von Bischof Hyacinthe Sermet erhielt. Dagegen fand Cohn einen Brief von Bischof Sermet, in dem dieser schreibt, daß es keine unpublizierten Dokumente gebe.

Lamothe-Langon besaß keine Ausbildung in Paläographie, das heißt, in der Wissenschaft, die notwendig ist, um mittelalterliche Handschrift zu lesen und die dort zahlreich verwendeten Abkürzungen zu verstehen. Er lebte auch nicht lange genug in der südfranzösischen Toulouse, um in den dortigen Archiven ernstzunehmende Studien durchzuführen.

3. Sieht man sich seine Ausführungen genauer an, wird in seinen Erzählungen eine Anzahl von Fehlern sichtbar. So zitiert er Aufzeichnungen, die Seneschal Pierre de Voisins im Jahre 1275 geschrieben haben soll. Doch Voisins war nur bis 1254 Seneschal und starb kurz darauf.

Der Inquisitor, der viele der von Lamothe-Langon beschriebenen Prozesse durchgeführt haben soll, war Pierre Guidonis – der Neffe von Bernard Gui aus dem Roman „Der Name der Rose“. Doch in der Zeit, als die Prozesse gehalten wurden, war Guidonis nicht Inquisitor.

Cohn und Kieckhefer publizierten ihre Ergebnisse im Jahr 1972.

Seitdem meiden Historiker das gefälschte Material von Lamothe-Langon. Leider hatten seine Schauerprozesse zu diesem Punkt bereits Eingang in die Mythologie der Hexerei gefunden.

Niemand zitiert Lamothe-Langon heute noch direkt. Dennoch sind seine Fiktionen immer noch allgegenwärtig, so zum Beispiel im Buch „ The Holy Book of Women’s Mysteries“ von Zsuzsanna Budapest oder in „The Wiccan Mysteries“ von Raven Grimassi.

Es ist nicht einfach, die Desinformationen von Lamothe-Langon auszurotten. Einige Richtlinien können dazu behilflich sein:

a) Man benütze historische Texte, die nach dem Jahr 1975 geschrieben wurden.

b) Man hüte sich vor jedem Prozeß der in Toulouse oder Carcasonne stattgefunden haben soll. In diesen Städten gab es zwar echte Fälle, doch gewöhnlich werden nur die gefälschten zitiert.

c) Man ignoriere Gerichtsverhandlungen, in welche Anne-Marie de Georgel oder Catherine Delort verwickelt sind. Das sind Fälschungen.

d) Man ignoriere Gerichtsverhandlungen, bei denen angeblich 400 Frauen an einem Tag hingerichtet wurden. So etwas ist nie geschehen.

e) Man vermeide das Buch von Jules Michelet „Satanismus und Hexerei“. Michelet hat damit zwar ein poetisches und dramatisches Buch verfaßt, aber er hat nie wirkliche historische Anhaltspunkte gefunden, wonach die Hexerei eine antikatholische Protestreligion gewesen ist. Die wenigen Hinweise dafür stammten aus den Fälschungen von Lamothe-Langon. Als diese entlarvt wurden, verlor Michelets Buch seine letzten Stützen.

f) Der Anhang zum Buch von Richard Kieckhefer „European Witch Trials“ enthält eine Liste aller bekannter Hexenprozesse, die zwischen 1300 und 1500 stattfanden.

Jenny Gibbons, die Autorin des Beitrages studierte Mittelalterliche Geschichte und ist Anhängerin eines modernen Hexenkultes.

Nächstes Mal: Die überraschende Geographie der Hexenjagd
Der Artikel ist Teil der folgenden Reihe:
2. 400 Hexen auf einen Streich?
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 56 Lesermeinungen:
Mittwoch, 5. Juli 2006 19:49
Daskannícháuchmítdiesemtollenlángennamendénkeinerinteréssiertweilerzulangist: Erst einen langen Namen ausdenken, und dann Posten, Lege’!
legeslegmegszentségtelenitheteltenségeskedéseitekért: HabenSie überhaupt die Beiträge von Wenzel gelesen, Babylon? Offensichtlich nicht, denn sonst würden Sie nicht so leichtfertig von einem „veralteten Forschungsstand“ sprechen, dem die exorbitant überhöhten Opferzahlen zu verdanken seien. Erst lesen, dann posten, Balbylon!
Mittwoch, 5. Juli 2006 16:15
Babylon †: @ legesetc: Ähhhm…
wovon redest Du jetzt eigentlich? Ich habe
a) gar nicht über Wenzel gesprochen
b) mir nicht das gesamte Buch der bisherigen Einträge durchgelesen
c) mich nur an die Genannten gewendet
d) als Geschichtsstudent noch nie was -in aktueller Lehre- von 9 Millionen gehört, sondern von 50000-100000 Toten, wobei natürlich immer ein Unsicherheitsfaktor bleibt.

Also was willst Du mir jetzt sagen? ?:)
Mittwoch, 5. Juli 2006 16:12
DDL: @Benedikt
„Auch bei Ihnen hat man leider oft das Gefühl, dass Sie gerne hätten, dass die Kirche so schlimm ist, wie Sie sie sich ausmalen. Oder dass kreuz.net repräsentativ für alle Gläubigen wäre.“

Ähnliches las ich bereits des öfteren von Ihnen. Sorry, aber das ist Unfug. Ich reagiere hier bei kreuz.net selbstverständlich auf das, was hier bei kreuz.net gesagt wird. Wenn Sie das als Angriff auf die gesamte RKK auffassen, dann ist das Ihr Problem, nicht meins – mir ist durchaus bewusst, dass wir es hier mit einem Haufen von Extremisten zu tun haben, deren Einlassungen dem „Normalkatholiken“ eher peinlich wären, ausweislich Ihrer Anmerkungen übrigens oft auch Ihnen.

Halten wir also fest: kreuz.net ist nicht repräsentativ für die RKK. Beziehen Sie bitte nicht alles, was ich sage, auf Dinge, die ich nicht gemeint habe. Wahren Sie den Kontext.

Aber seien Sie sich bitte über eines im Klaren: Die hiesigen Klerikalfaschisten haben eine ähnlich schillernde Außenwirkung wie die Extremtunten beim CSD: Bei weitem nicht repräsentativ, aber überproportional das Bild in der Gesellschaft prägend. Man scheint hier ja einen regelrechten Wettkampf darum auszutragen, wer außerkirchliche Vorurteile am markantesten bestätigen kann. Der „hässliche Katholik“ mag fiktiv sein, aber auf kreuz.net manifestiert er sich. Damit meine ich übrigens nicht Sie.
Mittwoch, 5. Juli 2006 15:48
Sie überhaupt die Beiträge von Wenzel gelesen, Babylon? Offensichtlich nicht, denn sonst würden Sie nicht so leichtfertig von einem „veralteten Forschungsstand“ sprechen, dem die exorbitant überhöhten Opferzahlen zu verdanken seien. Erst lesen, dann posten, Balbylon!
Mittwoch, 5. Juli 2006 15:40
Babylon †: @ Aloah hee u. Copertino: Sancta simplicitas…
kann man da nur sagen.
Mittwoch, 5. Juli 2006 13:20
Copertino: Das wird in späteren Zeiten…
…mal ein grosses Kopfschütteln geben, und die Kinder werden ihre Eltern fragen: „Sag, Mama, wie war das möglich, dass soviele Millionen Menschen ihre Kinder einfach vernichtet haben?“ Und niemand wird das nachvollziehen können, und es werden überall im Land Gedenkstätten geben für die Opfer dieses kollektiven Verbrechens und das Wegsehen der Vielen wird in Ansprachen der künftigen Bundespräsidentin angeprangert werden. Und alle werden sich einig sein: „So etwas darf nie mehr geschehen, vom deutschen Boden aus darf es nie mehr einen Krieg gegen die Ungeboenen geben!“ Dasselbe für alle anderen europäischen Ländern.
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