09:47:22 | Dienstag, 4. Juli 2006
In der Vergangenheit ist behauptet worden, daß die katholische Inquisition in Südfrankreich an einem einzigen Tag 400 Hexen verbrannt hat. Von Jenny Gibbons.

(kreuz.net) Ein weiter kleiner Durchbruch veränderte unsere Ansichten über die frühe Geschichte der
Großen Hexenjagd zutiefst.
1972 entdeckten zwei Historiker unabhängig voneinander, daß eine berühmte
Reihe von mittelalterlichen Hexenprozessen in Wahrheit nie stattgefunden hat.
Die Fälschung hatte ihren
Ursprung in einem Buch des Franzosen Etienne Leon de Lamothe-Langon. Das Werk trägt den Titel „Histoire
de l’Inquisition en France“ – Geschichte der Inquisition in Frankreich. Es wurde 1829 publiziert.
Lamothe-Langon
beschrieb enorme Hexenprozesse, die angeblich im frühen 14. Jahrhundert in Südfrankreich stattfanden.
Diese Prozeße sollen von der Inquisition von Toulouse und Carcasonne durchgeführt und angeblich Hunderte
über Hunderte von Menschen getötet haben. Der berühmteste Vorfall war nach Lamothe-Langon eine Hysterie,
bei der an einem Tag 400 Frauen hingerichtet wurden.
Der Nachteil: Diese Prozesse waren bisher keinem
anderen französischen Historiker aufgefallen.
Trotzdem zitierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts der berühmte
Historiker Jacob Hansen in sein Kompendium über die mittelalterliche Hexerei große Auszüge aus dem
Werk von Lamothe-Langon.
Spätere Historiker zitierten sodann Hansens Zitate, offenbar ohne die akademischen
Kredenzialien von Lamothe-Langon unter die Lupe zu nehmen.
Nichtakademische Autoren zitierten schließlich
die Historiker, welche Hansen zitiert hatten.
Auf diese Weise wurden die dramatischen französischen
Hexenprozese von Lamothe-Langon ein Allgemeinplatz der volkstümlichen Ansichten über die Große Hexenjagd.
Doch als die Forschung intensiviert wurde, kamen die Prozesse von Lamothe-Langon den Historikern immer
seltsamer vor. Diese Prozesse wurden in keiner historischen Quelle erwähnt und waren von allen anderen
Prozessen des 14. Jahrhunderts ganz verschieden.
Bis zum Jahr 1428 gab es keine solchen Massenprozesse
und bis zum 16. Jahrhundert keine Hysterien dieser Art.
Außerdem war die Dämonologie, die in diesen
Prozessen zum Ausdruck kam, ziemlich entwickelt: Hexensabbate, Teufelspakte und enorme Schwarze Messen.
Diese Dämonologie war viel komplexer als die Dämonologie des Malleus Maleficarum – des berühmten Hexenhammers –
aus dem Jahr 1486.
Warum sollte die katholische Inquisition diese ausführliche Dämonologie erarbeiten
haben, um sie anschließend offenbar für die nächsten 200 Jahre zu vergessen?
Fragen dieser Art führten
Norman Cohn in seinen Arbeiten „Europe’s Inner Demons“ und „Three Forgeries: Myths and Hoaxes of European
Demonology II“ – publiziert in Encounter 44 (1975) – und Richard Kieckhefer in seinem Werk „European Witch
Trials“ dazu, den Hintergrund von Lamothe-Langon zu erforschen.
Beide kamen zu einer nachvollziehbaren
Schlußfolgerung, daß die großen Hexenprozesse von Lamothe-Langon nie stattgefunden haben. Dafür gibt
es verschiedene Argumente.
1. Lamothe-Langon war ein mittelmässiger Schriftsteller und bekannter Fälscher,
aber kein Historiker.
Am Anfang seiner Karriere befaßte er sich mit historischen Romanen, aber er wandte
sich schon bald profitableren Horrorromanen zu wie „Das Haupt des Todes“, „Das Kloster der schwarzen Brüder“,
„Der Vampir“ oder „Die Jungfrau von Ungarn“.
1829 publizierte er seine ‘Histoire’, angeblich ein historisches
Werk. Nach diesem Erfolg schrieb Lamothe-Langon „Autobiographien“ verschiedener französischer Persönlichkeiten
wie Kardinal Richelieu, König Ludwig XVIII. oder Gräfin du Barry.
2. Keine der Quellen von Lamothe-Langon
konnte gefunden werden. Es besteht ein starker Verdacht, daß diese nie existiert haben.
Lamothe-Langon
behauptete, daß er unpublizierte Aufzeichnungen der Inquisition verwendet habe, die er von Bischof Hyacinthe
Sermet erhielt. Dagegen fand Cohn einen Brief von Bischof Sermet, in dem dieser schreibt, daß es keine
unpublizierten Dokumente gebe.
Lamothe-Langon besaß keine Ausbildung in Paläographie, das heißt, in
der Wissenschaft, die notwendig ist, um mittelalterliche Handschrift zu lesen und die dort zahlreich verwendeten
Abkürzungen zu verstehen. Er lebte auch nicht lange genug in der südfranzösischen Toulouse, um in den
dortigen Archiven ernstzunehmende Studien durchzuführen.
3. Sieht man sich seine Ausführungen genauer
an, wird in seinen Erzählungen eine Anzahl von Fehlern sichtbar. So zitiert er Aufzeichnungen, die Seneschal
Pierre de Voisins im Jahre 1275 geschrieben haben soll. Doch Voisins war nur bis 1254 Seneschal und starb
kurz darauf.
Der Inquisitor, der viele der von Lamothe-Langon beschriebenen Prozesse durchgeführt haben
soll, war Pierre Guidonis – der Neffe von Bernard Gui aus dem Roman „Der Name der Rose“. Doch in der Zeit,
als die Prozesse gehalten wurden, war Guidonis nicht Inquisitor.
Cohn und Kieckhefer publizierten ihre
Ergebnisse im Jahr 1972.
Seitdem meiden Historiker das gefälschte Material von Lamothe-Langon. Leider
hatten seine Schauerprozesse zu diesem Punkt bereits Eingang in die Mythologie der Hexerei gefunden.
Niemand zitiert Lamothe-Langon heute noch direkt. Dennoch sind seine Fiktionen immer noch allgegenwärtig,
so zum Beispiel im Buch „ The Holy Book of Women’s Mysteries“ von Zsuzsanna Budapest oder in „The Wiccan
Mysteries“ von Raven Grimassi.
Es ist nicht einfach, die Desinformationen von Lamothe-Langon auszurotten.
Einige Richtlinien können dazu behilflich sein:
a) Man benütze historische Texte, die nach dem Jahr
1975 geschrieben wurden.
b) Man hüte sich vor jedem Prozeß der in Toulouse oder Carcasonne stattgefunden
haben soll. In diesen Städten gab es zwar echte Fälle, doch gewöhnlich werden nur die gefälschten
zitiert.
c) Man ignoriere Gerichtsverhandlungen, in welche Anne-Marie de Georgel oder Catherine Delort
verwickelt sind. Das sind Fälschungen.
d) Man ignoriere Gerichtsverhandlungen, bei denen angeblich 400
Frauen an einem Tag hingerichtet wurden. So etwas ist nie geschehen.
e) Man vermeide das Buch von Jules
Michelet „Satanismus und Hexerei“. Michelet hat damit zwar ein poetisches und dramatisches Buch verfaßt,
aber er hat nie wirkliche historische Anhaltspunkte gefunden, wonach die Hexerei eine antikatholische
Protestreligion gewesen ist. Die wenigen Hinweise dafür stammten aus den Fälschungen von Lamothe-Langon.
Als diese entlarvt wurden, verlor Michelets Buch seine letzten Stützen.
f) Der Anhang zum Buch von Richard
Kieckhefer „European Witch Trials“ enthält eine Liste aller bekannter Hexenprozesse, die zwischen 1300
und 1500 stattfanden.
Jenny Gibbons, die Autorin des Beitrages studierte Mittelalterliche Geschichte
und ist Anhängerin eines modernen Hexenkultes.Nächstes Mal: Die überraschende Geographie der Hexenjagd
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