Nationalsozialismus
Abgekanzelt: 10 Monate Gefängnis für eine Sonntagspredigt
Die Verurteilung eines katholischen Kanzelpredigers im Herbst 1935 durch den nationalsozialistischen Unrechtsstaat zeigt dessen Kampf gegen die Kirche. Von Hubert Hecker.
(kreuz.net) Im Herbst 1935 kam der in Italien geweihte und dort auch inkardinierte Neupriester Albert Immel nach Deutschland.

Er wollte in seinen Heimatorten Offenbach und Thalheim Nachprimiz zu feiern.

Thalheim – im Bistum Limburg – liegt 70 km nördlich von Frankfurt.

Am Tag nach seiner Predigt in der kleinen Westerwaldgemeinde Thalheim wurde Hw. Immel verhaftet und vier Monate später wegen seiner Predigt zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt.

Der Neupriester hatte in seiner Predigt über die Nächstenliebe gesprochen und dabei gesagt:

„Der Nächste ist nicht nur der Katholik, sondern auch der Protestant, Jude, Heide, der Deutsche wie der Franzose, Engländer, Italiener und Abessinier.“

Diese Aussage hatten einige Zuhörer als Affront gegen den damals staatlich propagierten Nationalismus und Rassismus verstanden.

Der Lehrer und Parteiaktivist des Ortes drückte es so aus: „Im Zusammenhang mit der Nächstenliebe kam der Prediger auf die Rassen- und Judenfrage zu sprechen. Dabei sollten die Christen nicht nach Rassen und Völkern unterscheiden, sondern jeder sei der Nächste, auch der Jude.“

Ein anderer Zeuge meinte: „Meiner Auffassung nach wollte der Prediger das Gesetz der Reichsregierung bezüglich der Juden kritisieren. Der Erfolg dürfte sein, daß die Anordnungen der Reichsregierung als ungerecht und unchristlich verstanden werden.“

Am 15. September 1935 – also drei Wochen vor der Predigt – hatte der nationalsozialistische Staat die Nürnberger Rassegesetze zur tiefgreifenden Diskriminierung der Juden verabschiedet.

Ein weiterer Zeuge sprach den örtlichen Zusammenhang an: „Bei uns im Dorf spielt nämlich die Judenfrage gerade in letzter Zeit eine besondere Rolle, da wir in Erfahrung gebracht hatten, daß einige Landwirte ihr Vieh heimlich zu Juden auf die Landstraße bringen und weil hiergegen besondere Propaganda seitens der Partei gemacht wird.“

Ein zweiter Anklagekomplex bestand in der Verlesung – und angeblichen Kommentierung – eines bischöflichen Hirtenbriefes zu den katholischen Jugendverbänden, die Hw. Immel vor der Predigt vorgenommen hatte.

Der Hirtenbrief bestand zum größten Teil aus dem Gemeinsamen Hirtenbrief der deutschen Bischöfe vom 20. August 1935, den der Limburger Bischof, Mons. Antonius Hilfrich († 1947), mit Erfahrungen und Empfehlungen aus seinem Bistum ergänzt hatte.

Die Kirche hatte mit dem Abschluß des Konkordats 1933 die kirchlichen Verbände und insbesondere die Jugendorganisationen vor der nationalsozialistischen Gleichschaltung oder Auflösung zunächst bewahren können.

Partei und Staat versuchten trotz und gegen den Vertrag Zug um Zug die katholischen Verbände zu schikanieren und einzuschnüren.

Schließlich rief der Reichsjugendführer Baldur von Schirach im Mai 1935 zum offenen Kampf gegen die katholischen Jugendverbände auf.

Trotzdem blieben die katholischen Jugendorganisationen noch weitgehend intakt. Zum Limburger Domjubiläum im August 1935 waren 10.000 Jungmänner zusammengekommen.

In Thalheim hatte eine Werbeaktion für Jungvolk und Hitlerjugend kurz vor der Predigt keinen Erfolg gehabt. Den Werbern war von den angesprochenen Jungen gelegentlich gesagt worden: „Ich gehe nicht ins Jungvolk. Ich habe Christus die Treue geschworen.“

Der verlesene Hirtenbrief war unter anderem an die „katholischen Eltern“ gerichtet:

„Es ist für euch eine heilige Pflicht, Eure Kinder nur in solche Verbände zu schicken, in denen die religiöse Überzeugung beachtet, die sittliche Reinheit nicht bedroht, (…) das katholische Ehrgefühl nicht durch Schmähungen gegen kirchliche Personen oder durch Fälschungen der Kirchengeschichte verletzt wird.“

Wegen dieser Passage wurde Hw. Immel verurteilt. Mehrere Zeugen hatten behauptet, der Prediger habe beim Ablesen ständig über das zu verlesende Blatt geschaut und deshalb seien sie der Meinung, der Prediger hätte den bischöflichen Text mit eigenen Worten kommentiert.

Das Gericht folgte diesen parteilichen Zeugenaussagen. Darüber hinaus wurde als Beweis für die eigenständige Kommentierung des bischöflichen Textes gewertet, daß mehrere Zeugen von „Sitte und Moral“ gesprochen hatten, während das Wort „Moral“ in dem Hirtenbrief nicht vorkam.

Die Richter urteilten: „Es ist unerheblich, ob der Angeklagte gesagt hat, Sitte und Moral seien in der Staatsjugend erheblich gefährdet, oder Sitte und Moral seien in den katholischen Jugendverbänden gewahrt, was bei den anderen Verbänden nicht der Fall sei. In jedem Fall hat der Angeklagte über die anderen Jugendverbände gehässige Äußerungen getan, die auch hetzerisch sind und von niederer Gesinnung zeugen.“

Die Äußerungen erfüllten den Tatbestand des § 2 des Gesetzes vom 20. Dezember 1934 – Heimtückegesetz –, begründete das Gericht.

„Gleichzeitig liegt darin ein Verstoß gegen § 130a des Strafgesetzbuches, denn der Angeklagte hat als Priester in der Kirche Angelegenheiten des Staates in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise zum Gegenstand der Erörterung gemacht“.

Dieser sogenannte Kanzelparagraph war 1871 von Bismarck als Instrument gegen die katholische Kirche eingeführt und von den Nationalsozialisten weidlich ausgenutzt worden.

„Der Angeklagte hat die kurze Zeit, die er nach jahrelanger Abwesenheit in Deutschland verbrachte, dazu benützt, um in gefährlicher Weise gegen das Dritte Reich zu hetzen“. Er habe „die Religion mißbraucht, und zwar durch Bestrebungen, die darauf hinauslaufen, das Gefüge des Dritten Reiches zu untergraben!“

Wegen hartnäckiger Leugnung käme eine Anrechnung der vier Monate Untersuchungshaft nicht in Frage, so das Gericht abschließend.

Offensichtlich war der Rechtsstaat drei Jahre nach der Machtergreifung schon weitgehend durch die nationalsozialistische Ideologie korrumpiert, zugleich als ein Instrument zum Kampf gegen die katholische Kirche geschärft.

Hw. Immel verbüßte bis zum 12. Februar 1937 seine Strafe im Preußischen Staatsgefängnis Preungesheim bei Frankfurt.

Der Priester verstarb am 9. März 1972 in Offenbach am Main.
      
17 Lesermeinungen
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#17   stat crux   20:49:38 | Dienstag, 11. Juli 2006
An einen „Amboparagraphen“ denkt z.Zt. offenbar niemand.
Die Predigten sind anscheinend zu langweiliig.
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#16   Jörg Guttenberger, Köln   19:40:09 | Montag, 10. Juli 2006
Lautentius 2
Ihre Aussage stimmt!!!!!!!!!!!
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#15   Laurentius2   13:21:46 | Montag, 10. Juli 2006
Eine Handvoll solcher Priester
… und ein paar solcher Charaktere in der DBK – und die Kirche im liberal-sozialistischen Deutschland könnte gerettet werden !
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#14   Markus-Antonius †   13:21:33 | Montag, 10. Juli 2006
@Beobachterin
Was regen Sie sich denn auf? Sie kommen mir vor wie eine Niederrheinerin. H.D. Hüsch, ein bekannter Kabarettist, der Ihnen möglicherweise nichts sagt, ebenfalls ein Niederrheiner, charakterisierte die Menschen seiner Heimat einmal so: „Der Niederrheiner weiß nix, kann aber alles erklären“.
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#13   Beobachterin   13:16:58 | Montag, 10. Juli 2006
Privatsache
OnanII: Religion ist und bleibt Privatsache, im Staat hat sie nichts verloren.
Moral ist keine nur auf die Kirche eingeschränkte Sache oder Einstellung. Moral muss/kann erlernt werden. Und es muss/sollte kein Pfarrer sein, der diese lehrt.
Ich denke, Sie als Oberlehrer bringen uns schon bei, was neuerdings als Privatsache gilt und was nicht, und die richtige neue Moral auch.
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#12   Jean   09:21:54 | Montag, 10. Juli 2006
Babylonische Verdauungsprobleme
Zehnmonatige Inhaftierung aufgrund Rechtsbeugung – für „Babylon“ kein Problem! Wozu hatten wir schließlich Diktatur…
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#11   obelix †   01:57:22 | Montag, 10. Juli 2006
Athanasius Sie bringen da einen direkten Zusammenhang
zum Beitrag der Beobachterin ins Spiel. Sie erklärte ja, vollkommen richtig übrigens, dass alle Diktaturen immer gegen die römisch-katholische Kirche vorgegangen sind. Sie haben einen Polen ins Spiel gebracht. Den Minderen Bruder M. Kolbe, den der fast schon heilige (oder doch erst selige?) JP II zur Ehre der Altäre erhoben hat. Wie auch immer, der Franziskaner Kolbe stammte aus Polen und ich habe in meinem letzten Beitrag ganz vergessen, dass auch in der Diktatur des Marschalls Pilsudski in Polen die katholische Kirche äusserst gnadenloser Verfogung ausgesetzt war; beinahe schon eine richtige Christenverfolgung. Aber nur beinahe.
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#10   Athanasius   00:14:54 | Montag, 10. Juli 2006
Anfang
Angefangen bei der „Los von Rom!“-Bewegung und geendet beim Pater Maksymilian Kolbe M.I.
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#9   OnanII   23:43:46 | Sonntag, 9. Juli 2006
@methusalix
ich fürchte, dass war jetzt für viele zu subtil :)3
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#8   methusalix †   23:39:52 | Sonntag, 9. Juli 2006
@beobachterin
Beobachterin: Diktatur und Kirche verträgt sich nichtIn jeder Diktatur wird die Kirche bekämpft, das war im Nationalsozialismus genau so wie in der DDR.
Das ist vollkommen richtig, Beobachterin! Besonders im Spanien unter der Diktatur des Generalissimus Francisco Franco, besser bekannt als „der Caudillo“ und im Chile unter der blutrünstigen Diktatur des Augusto Pinochet Ugarte wurde die heilige katholische Kirche aufs heftigste vom Staat bekämpft! Viele Bischöfe wurden nach Hirtenbriefen gegen die unmenschlichen und todbringenden Schergen der beiden Despoten verhaftet, gefoltert und verschwanden oft genug spurlos bis heute. Jeder katholische Priester wurde von der Gehimpolizei gejagt, bis er gefasst und im grossen Stadion in Santiago de Chile interniert war. In Portugal unter dem Diktator Salazar hatte der römisch-katholische Klerus auch unendlich zu leiden und erst im Österreich der ersten Republik, nach 1918! Da hatten die Kirchenbeamten absolut nichts zu lachen. Diese Diktaturen sind alle massivst gegen die katholische Kirche vorgegangen.
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#7   OnanII   23:17:34 | Sonntag, 9. Juli 2006
@Beobachterin
Es ist ein Alarmzeichen, wenn Staat und Kirche in der Doktrin auseinanderdriften
aber nur für die Kirche.
Religion ist und bleibt Privatsache, im Staat hat sie nichts verloren.
Moral ist keine nur auf die Kirche eingeschränkte Sache oder Einstellung. Moral muss/kann erlernt werden. Und es muss/sollte kein Pfarrer sein, der diese lehrt.
Nur um festzulegen, dass es falsch ist zu stehlen, braucht man keine Kirche.
back to topic:
Viele Pfarrer waren sehr anständige Menschen in jener Zeit, und haben auch vielen geholfen. Es gab aber (wie in jeder Gruppe) auch überzeugte Nazis. Schließlich waren sie auch nur Menschen.
Die Institution Kirche hatte im Gegensatz zu einzelnen Pfarrern aber noch nie ein Problem damit, sich mit totalitären Regimen anzufreunden, wenn die Machtpolitik des Vatikans dies notwendig erscheinen ließ.
whatever…
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#6   Babylon †   22:29:13 | Sonntag, 9. Juli 2006
Maxime false et infideliter dixit.
Rationem eius non comprehendi.
Verisimiliter ratio supranaturalis… o.O
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#5   Maurice Corvisier   22:21:00 | Sonntag, 9. Juli 2006
@ Robert Ketelhohn:
recte. bene dixisti.
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#4   Robert Ketelhohn   22:13:25 | Sonntag, 9. Juli 2006
Scherge
O ja, Babylon, solche Leute wie du haben damals die besten Nazi-Schergen abgegeben.
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#3   Beobachterin   21:21:09 | Sonntag, 9. Juli 2006
Diktatur und Kirche verträgt sich nicht
In jeder Diktatur wird die Kirche bekämpft, das war im Nationalsozialismus genau so wie in der DDR. Es ist ein Alarmzeichen, wenn Staat und Kirche in der Doktrin auseinanderdriften. Solche Tendenzen sind zur Zeit festzustellen, wobei die Lehre der Kirche gleich geblieben ist.
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#2   Babylon †   20:55:30 | Sonntag, 9. Juli 2006
Oh ja, was für ein Held!
Da kommt mal einer aus Italien eben nach Deutschland, „vergreift sich im Ton“ (weil wohl schon längere Zeit nicht mehr in Deutschland) und wird zu einer -für ein totalitäres Regime- milden Strafe verurteilt.
Und das ist jetzt die große Heldengeschichte?
Was hat er danach gemacht, was danach gepredigt?
Meine Güte, muß die kath. Kirche wenige wirkliche Widerstandskämpfer aufzubieten haben, wenn schon so eine Randnotiz hier angepriesen wird…
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#1   Josefus   18:28:45 | Sonntag, 9. Juli 2006
Kein Einzelfall
Viele Priester wurden bespitzelt, verhört eingeschüchtert, verhaftet. Das geschilderte Beispiel ist bei Leibe kein Einzelfall.
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