09:51:06 | Dienstag, 11. Juli 2006
Nein, die Verbrennungen von Hexen fanden nicht im Mittelalter statt, als die Katholische Kirche die Gesellschaft dominierte. Von Jenny Gibbons.

(kreuz.net) Die Große Hexenjagd, wie sie heute aus den erforschten Gerichtunterlagen sichtbar wird, hat
nicht viel mit dem zu tun, was gemeinhin über die Hexenverfolgungen gesagt wird.
Jeder Aspekt der Großen
Hexenjagd – angefangen von der Chronologie bis zur Zahl der Opfer – hat sich in den letzten Jahrzehnten
grundlegend verändert.
Wer seine Kenntnisse über die sogenannten Hexenverbrennungen aus volkstümlichen
Erzählungen oder aus der Literatur der neo-heidnischen Bewegung schöpft, muß davon ausgehen, daß fast
alles, was er zu wissen glaubt, falsch ist.
Nehmen wir zuerst die Chronologie.
Volkstümlichen Geschichtserzählungen
verlegen die Hexenverfolgungen in die Zeit des Mittelalters, also ins 5. bis 14. Jahrhundert.
Die Historiker
des 19. Jahrhunderts betrachteten die Große Hexenjagd als einen Ausbruch abergläubischer Hysterien,
die von der Katholischen Kirche angeheizt und verbreitet wurden.
Folglich mußten die Verfolgung in jener
Zeit am schlimmsten sein, als die Macht der Kirche am größten war, das heißt, im Mittelalter, also
bevor die Reformation die Kirche in einander bekämpfende katholische und protestantische Gruppen spaltete.
Gewiß – so mag man eingestehen – gab es auch Hexenprozesse in der frühen Neuzeit – also vom 15. bis
ins 18. Jahrhundert. Aber diese müssen im Vergleich zum Vorausgehenden nur ein schwacher Schatten der
mittelalterlichen Schrecken gewesen sein.
Die moderne Forschung hat solche Thesen ziemlich endgültig
vom Tisch gewischt.
Obwohl es schon in der Zeit vor
Viele frühe christliche Missionare
ermutigten frischbekehrte
Königreiche, Gesetze zu erlassen, die Männer und Frauen vom Vorwurf der Hexerei beschützen sollten.
dem Aufkommen des Christentums viele Vorurteile über Hexen gab, war die tödliche Verrücktheit der Großen
Hexenjagd in Wahrheit ein Kind des sogenannten Jahrhunderts der Vernunft.
Die vom französischen
Geschichtsfälscher
Etienne Lamothe-Langon berichteten riesigen Hexenprozesse, die im frühen 14. Jahrhundert stattgefunden
haben sollen, gehörten zu den letzten Stützen, welche die Theorie von den angeblichen mittelalterlichen
Hexenjagden aufrechterhielten.
Doch nachdem die von Lamothe-Langon berichteten Prozesse einmal als Fälschungen
entlarvt worden waren, wurde die Entwicklung der Hexen-Vorurteile viel klarer. Doch gehen wir der Reihe
nach.
Alle vormodernen europäischen Gesellschaften glaubten an Magie.
Soweit wir sehen, gab es überall
Gesetze, welche Verbrechen im Zusammenhang mit Magie verboten. Das heidnische römische Gesetz und die
frühesten germanischen und keltischen Gesetzesbücher enthielten alle Edikte, welche Leute bestraften,
die andere durch Hexerei schädigten.
Das ist verständlich. Eine Gesellschaft, die an die Macht der
Magie glaubt, wird Leute bestrafen, welche diese Macht mißbrauchen.
In vorchristlichen Tagen existierten
viele Vorurteile gegen Hexen. Vom Mittelmeer bis nach Irland glaubte man, daß Hexen in der Nacht herumfliegen,
Blut trinken, Säuglinge töten und menschlichen Leichen fressen.
Wir wissen darüber, weil viele frühe
christliche Missionare frischbekehrte Königreiche ermutigten, Gesetze zu erlassen, die Männer und Frauen
vom Vorwurf der Hexerei beschützen sollten.
Ein solcher Vorwurf war nach der Meinung der Missionare
unmöglich und unchristlich.
Im 5. Jahrhundert bestimmte die
Synode von St. Patrick zum Beispiel:
„Ein
Christ, der glaubt, daß es in der Welt Vampire gibt – das heißt, Hexen – soll exkommuniziert werden.
Wer einem lebendigen Wesen so etwas nachsagt, darf nicht in die Kirche aufgenommen werden, bis er das
Verbrechen, das er begangen hat, mit seiner eigenen Stimme widerruft.“Ein
Kapitularium aus Saxen (775-790)
führte solche Vorurteile auf heidnische Glaubenssysteme zurück:
„Wenn jemand, vom Teufel betrogen wird
und nach der Art der Heiden glaubt, daß ein Mann oder eine Frau eine Hexe ist und Menschen ißt, und
er [die angebliche Hexe] aufgrund dieser Meinung verbrennt … soll er mit dem Tod bestraft werden.“
Im Hochmittelalter blieben die Gesetze über die Magie im wesentlichen unverändert.
Gefährliche Magie
wurde bestraft. Prozesse, die mit Todesurteilen endeten, ereigneten sich vor allem dann, wenn ein hochgestellter
Adliger glaubte, von jemanden verhext worden zu sein.
Auch das Kirchenrecht verbot die Magie. Es bestrafte
verurteilte Hexen aber relativ mild. So schreibt zum Beispiel das
Konfessionale von Erzbischof Egbert
von York (England, 950-1000):
„Wenn eine Frau Hexerei und Verwünschungen praktiziert oder einen Zaubertrunk
[verwendet], solle sie für zwölf Monate [unter Brot und Wasser] fasten… Wenn sie jemanden mit ihrem
Zaubertrunk tötet, soll sie sieben Jahre lang fasten.“Die traditionelle Haltung der Hexerei gegenüber,
begann sich im 14. Jahrhundert – also am Ende des Mittelalters – zu ändern.
Carlo Ginzburg erwähnte
in seinem Buch „Ecstasies: Deciphering the Witches’ Sabbat“ – Ekstasen: Die Entschlüsselung des Hexensabbats –
daß Mitteleuropa im frühen 14. Jahrhundert von einer Reihe von Gerüchtepaniken ergriffen wurde.
Es
war die Rede von bösartigen Verschwörungen, bei denen Juden, Pestkranke, Moslems oder Hexen versuchten,
die christlichen Königreiche durch Magie und Gift zu zerstören.
Nach den schrecklichen Verwüstungen,
die durch den Schwarzen Tod hervorgebracht wurden (1347-1349) verschärften sich diese Gerüchte und konzentrierten
sich vor allem auf Hexen und sogenannte Seuchen-Verbreiter.
Vom 14. bis zum 15. Jahrhundert nahmen Fälle
von Hexerei langsam aber beständig zu. Der erste Massenprozeß fand im 15. Jahrhundert statt.
Zu Beginn
des 16. Jahrhunderts – als die ersten Schockwellen der Reformation eintrafen – ging die Zahl der Hexenprozesse
zurück.
Doch 1550 schossen die Verfolgungen in die Höhe. Was heute als Hexenverbrennungen bekannt ist –
das heißt der Hexenwahn, die Paniken und Massenhysterien – ereigneten sich vor allem innerhalb von hundert
Jahren: von 1550 bis 1650.
Im 17. Jahrhundert verschwand die Große Hexenjagd fast so schnell wie sie
gekommen war. Die Prozesse ging nach 1650 deutlich zurück und lösten sich am Ende des 18. Jahrhunderts
gänzlich auf.
Jenny Gibbons, die Autorin des Beitrages studierte Mittelalterliche Geschichte und ist
Anhängerin eines modernen Hexenkultes.Nächstes Mal: Die überraschende Landkarte der Hexenjagd
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