09:35:15 | Dienstag, 18. Juli 2006
Die israelischen Angriffe auf den Gaza-Steifen und den Libanon wurden nicht über Nacht beschlossen. Von Uri Avnery.
(kreuz.net) Das eigentliche Ziel der Operation im Libanon ist, das dortige Regime zu stürzen und eine
Marionetten- Regierung einzusetzen.
Dies war schon das Ziel von Ariel Scharon bei der Invasion des Libanon
im Jahr 1982. Es ist ihm nicht gelungen.
Aber Scharon und seine militärischen und politischen Elitezöglinge
haben das nie wirklich aufgegeben.
Wie im Jahr 1982 wurde auch die jetzige Operation in vollständiger
Koordination mit der USA geplant und ausgeführt.
Uri Avnery:
Genau wie 1982 wurde auch die jetzige Operation
in vollständiger Koordination mit der USA geplant und ausgeführt.
Wie damals geschieht das auch jetzt
in Übereinstimmung mit einem Teil der libanesischen Elite.
Das ist die Hauptsache. Alles andere ist
Lärm und Propaganda.
Am Vorabend der Invasion von 1982 sagte der Außenminister der USA, Alexander Haig,
zu Ariel Scharon: Bevor die Invasion anfange, sei eine „klare Provokation“ notwendig, um die nötige Akzeptanz
in der Weltöffentlichkeit zu schaffen.
Die Provokation fand tatsächlich statt, genau zum richtigen
Zeitpunkt, als Abu-Nidals Terrorbande versuchte, den israelischen Botschafter in London zu ermorden.
Dies hatte zwar keine Verbindung mit dem Libanon und noch weniger mit der PLO – sie war Abu Nidal feindlich
gesinnt. Aber es genügte als die Provokation, auf die man gewartet hatte.
Dieses Mal wurde die nötige
Provokation durch die Gefangennahme zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah geliefert.
Jeder
weiß, daß die zwei Soldaten nicht anders als durch Gefangenenaustausch befreit werden können.
Aber
die große Militärkampagne, die seit Monaten vorbereitet war, wurde der israelischen und internationalen
Öffentlichkeit als Rettungsmaßnahme verkauft.
(Dasselbe geschah – seltsam genug – zwei Wochen vorher
im Gazastreifen. Hamas und seine Partner nahmen einen Soldaten gefangen. Das war die Rechtfertigung für
eine massive Operation, die seit langem vorbereitet war. Deren Ziel es, die palästinensische Regierung
zu demolieren.)
Das offizielle Ziel der Libanon-Operation ist es, die Hisbollah von der Grenze zu vertreiben,
um es ihr zu verunmöglichen, weitere Soldaten gefangenzunehmen und Raketen auf israelische Städte abzufeuern.
Die Invasion in den Gazastreifen zielt offiziell auch darauf ab, die Städte Sderot und Aschkelon aus
der Schußweite der Qassam-Raketen zu bringen.
Das erinnert an die „Operation Frieden für Galiläa“
im Jahr 1982.
Damals wurde der israelischen Öffentlichkeit und der Knesset erklärt, das Kriegziel sei,
die Katjuscha-Raketen vierzig Kilometer weg ins Landesinnere abzudrängen.
Das war eine bewußte Lüge.
Denn vor dem Krieg war elf Monate lang keine einzige Katjuscha – noch ein einziger Schuß – über die
Grenze gekommen.
Das Ziel der Operation war von Anfang an, Beirut zu erreichen und dort einen Quisling-Diktator
einzusetzen.
Wie ich es mehr als einmal erzählt habe, hat mir das Scharon selber etwa neun Monate vor
dem Krieg erzählt. Ich habe es damals mit seinem Einverständnis veröffentlicht – ohne ihn direkt zu
zitieren.
Natürlich besitzt die jetzige Operation auch verschiedene sekundäre Ziele. Diese schließen
allerdings die Befreiung der Gefangnen nicht mit ein.
Jeder normale Mensch weiß, daß dies nicht mit
militärischen Mitteln erreicht werden kann.
Aber wahrscheinlich ist es möglich, einige der Tausenden
von Raketen und Katjuschas, welche die Hisbollah während der letzten Jahre gehortet hat, zu zerstören.
Für dieses Ziel sind die Armeechefs bereit, die Bewohner von israelischen Städten zu gefährden, die
den Raketen ausgesetzt sind. Sie glauben, das lohne sich wie ein Austausch von Schachfiguren.
Ein anderes
sekundäres Ziel ist es, die „Abschreckungsmacht der Armee“ wiederherzustellen
Das ist ein Codewort,
um auch den verletzten Stolz der Armee zu heilen, der durch die gewagten Aktionen der Hamas im Süden
und der Hisbollah im Norden schwer gelitten hat.
Offiziell verlangt die israelische Regierung, daß die
Regierung des Libanon die Hisbollah entwaffnet und sie aus dem Grenzgebiet entfernt.
Das ist unter der
augenblicklichen Regierung – einem empfindlichen Gefüge ethno-religiöser Gemeinschaften – ziemlich unmöglich.
Die leichteste Erschütterung könnte das ganze Gebäude zum Einsturz bringen und den Staat in vollkommene
Anarchie stürzen – besonders nachdem es den Amerikanern gelang, die syrische Armee zu vertreiben – mithin
das einzige Element, das jahrelang für einige Stabilität gesorgt hatte.
Die Idee, im Libanon eine Quisling-Regierung
zu installieren, ist nicht neu.
Schon 1955 schlug der damalige Verteidigungsminister Ben Gurion († 1973)
vor, einen „christlichen Offizier“ zu nehmen und ihn als Diktator einzusetzen.
Ministerpräsident Mosche
Scharett († 1965) zeigte auf, daß diese Idee sich auf völlige Ignoranz der libanesischen Verhältnisse
gründete und vereitelte dies.
Aber 27 Jahre später versuchte Ariel Scharon trotzdem, es in die Tat
umzusetzen.
Baschir Gemayel wurde tatsächlich als Präsident ins Amt gehievt, um kurz darauf – im September
1982 – ermordet zu werden. Sein Bruder Amin folgte ihm und unterzeichnete mit Israel einen Friedensvertrag,
wurde aber aus dem Amt vertrieben.
Genau dieser Bruder unterstützt jetzt öffentlich die israelische
Operation.
Die Rechnung ist die folgende: Wenn die israelische Luftwaffe genügend schwere Schläge gegen
die libanesische Bevölkerung austeilt und dabei die See- und Flughäfen lahm legt, die Infrastruktur
zerstört, die Wohnviertel bombardiert, die Schnellstraße Beirut-Damaskus unterbricht etc., dann würde
die Öffentlichkeit auf die Hisbollah wütend werden und die libanesische Regierung unter Druck setzen,
daß sie Israels Forderungen erfüllt.
Da die gegenwärtige Regierung nicht einmal davon träumen kann,
dies zu tun, würde dann die Einsetzung eines Diktators durch Israel erfolgen. Das ist militärische Logik.
Ich habe meine Zweifel an ihr. Man kann eher vermuten, daß der größte Teil der Libanesen wie jedes
andere Volk auf der Welt reagieren wird: mit Zorn und Hass gegen die Invasoren.
So geschah es 1982 als
die Schiiten im Süden des Libanon – bis dahin so gefügig wie ein Fußabstreifer – sich gegen die israelischen
Besatzer erhoben und die Hisbollah gründeten, welche die stärkste Kraft des Landes wurde.
Uri Avnery:
Bis
zur israelischen Invasion des Libanon im Jahr 1982 waren die Schiiten im Süden des Landes so gefügig
wie ein Fußabstreifer. Dann erhoben sie sich gegen die Besatzer und gründeten die Hisbollah.
Wenn die
libanesische Elite sich nun als Kollaborateure Israels erweisen sollte, wird sie von der Landkarte gefegt.
(Übrigens: Haben die Qassams und Katjuschas die israelische Bevölkerung dazu gebracht, auf ihre Regierung
Druck auszuüben, damit sie aufgibt? Im Gegenteil.)
Die amerikanische Politik ist voller Widersprüche.
Präsident Bush wünscht im ganzen Nahen Osten sogenannte Regimewechsel. Das gegenwärtige libanesische
Regime ist aber erst kürzlich von den Amerikanern eingesetzt worden.
Mittlerweile ist es Bush nur gelungen,
den Irak zu zerbrechen und dort einen Bürgerkrieg zu verursachen – wie es von uns hier vorausgesagt wurde.
Er könnte dasselbe im Libanon veranlassen, wenn er nicht beizeiten die israelische Armee stoppt.
Außerdem
könnte ein vernichtender Schlag gegen die Hisbollah nicht nur die Wut des Iran anheizen, sondern auch
unter den Schiiten im Irak, auf deren Unterstützung sich Bushs Pläne eines pro-amerikanischen Regimes
gründen.
Wie sollte also die Antwort lauten?
Nicht zufällig hat die Hisbollah den Überfall mitsamt
Soldatenentführung zu einem Zeitpunkt durchgeführt, als die Palästinenser um Beistand riefen.
Die
palästinensische Sache ist in der ganzen arabischen Welt populär.
Indem sie ihnen zeigt, daß sie ein
Freund auch in der Not sind, wenn alle anderen Araber so schmählich versagen, hofft die Hisbollah ihre
Popularität zu vergrößern.
Wenn jetzt schon ein israelisch-palästinensisches Abkommen erreicht worden
wäre, dann wäre die Hisbollah nur mehr ein lokales libanesisches Phänomen, ohne Einfluß auf unsere
Situation.
Uri Avnery:
Wenn jetzt schon ein israelisch-palästinensisches Abkommen erreicht worden wäre,
dann wäre die Hisbollah nur mehr ein lokales libanesisches Phänomen, ohne Einfluß auf unsere Situation.
Weniger als drei Monate nach der Bildung der Olmert-Peretz-Regierung ist es ihr gelungen, Israel in einen
Zwei-Frontenkrieg zu ziehen, dessen Ziele unrealistisch und dessen Folgen nicht abzusehen sind.
Wenn
Ehud Olmert hofft, als „Mister Macho-Macho“, als Sharon II., angesehen zu werden, dann wird er enttäuscht
werden.
Dasselbe gilt für den verzweifelten Versuch von Amir Peretz, als imponierender „Mister Sicherheit“
ernstgenommen zu werden.
Jeder hat begriffen, daß diese Operationen – im Gazastreifen genauso wie im
Libanon – längst von der Armee geplant und diktiert worden waren.
Der Mann, der jetzt in Israel die
Entscheidungen fällt, ist der militärische Oberbefehlshaber und ehemalige Befehlshaber der Luftwaffe
Dan Halutz. Nicht zufällig wurde der „Job“ im Libanon der Luftwaffe zugeteilt.
Die israelische Öffentlichkeit
ist vom Krieg gar nicht begeistert.
Sie hat sich mit stoischem Fatalismus damit abgefunden, weil man
ihr erzählt hat, es gebe keine Alternative: und, in der Tat, wer könnte gegen ihn sein?
Wer möchte
nicht, daß die „entführten Soldaten“ befreit werden? Wer möchte nicht, daß die Katjuschas entfernt
werden und die Abschreckung wieder funktioniert?
Kein Politiker wagt es, die Operation in Frage zu stellen –
außer den arabischen Knessetmitgliedern, die von der jüdischen Öffentlichkeit ignoriert werden.
In
den Medien herrschen die Generäle – und nicht nur die in Uniform. Es gibt fast keinen früheren General,
der nicht von den Medien eingeladen wird, zu kommentieren, zu erklären und zu rechtfertigen – und alle
sprechen mit einer Stimme.
Uri Avnery:
Jeder hat begriffen, daß diese Operationen – im Gazastreifen genau
so wie die im Libanon – längst von der Armee geplant und diktiert worden waren.
Als kleine Illustration:
Israels bedeutendster Fernsehsender lud mich zu einem Interview über den Krieg ein, nachdem bekannt geworden
war, daß ich an einer Anti-Kriegs-Demonstration teilgenommen hatte.
Ich war ziemlich überrascht. Aber
nicht lange – eine Stunde vor der Sendung, rief ein sich entschuldigender Talkshowmaster an und sagte,
es hätte sich ein schrecklicher Fehler eingeschlichen – in Wirklichkeit wollte man Professor Schlomo
Avinery, den früheren Generaldirektor des Außenministeriums einladen.
Auf ihn kann man zählen, wenn
es darum geht, eine Handlung der Regierung mit abgehobener akademischer Sprache zu rechtfertigen – ganz
gleich, um welche es sich handelt.
„Inter arma silent musae“ – „wenn die Waffen sprechen, schweigen die
Musen“ heißt ein altes Sprichwort. Hier paßt eher: Wenn die Kanonen donnern, hört das Gehirn auf zu
arbeiten.
Nur noch ein kleiner Gedanke. Als der Staat Israel in der Mitte eines grausamen Krieges gegründet
wurde, waren die Wände mit Plakaten zugepflastert, auf denen folgendes zu lesen war: „Das ganze Land –
eine Front, das ganze Volk – eine Armee!“
Seitdem sind 58 Jahre vergangen. Doch der Slogan ist noch genau
so gültig wie damals.
Was sagt das über die Generationen von Staatsmännern und Generälen aus?
Uri
Avnery (83) wurde im nordrhein-westfälischen Beckum als Helmut Ostermann geborene und ist ein israelischer
Publizist und Friedensaktivist.
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