Das Produkt einer Revolution
Das Kirchenlied gab es nicht immer. Es trat erst als Folge großer theologischer Umwälzungen in den liturgischen Vordergrund. Von Prof. Dr. h.c. Josef Friedrich Doppelbauer.

Das Kirchenlied ist Spiegel der religiösen Anschauungen im Wandel der Zeit.
Der Heilige Augustinus sagt: „Wir sind die Zeiten, wie wir sind, so sind die Zeiten.“ Wir sind aufgerufen, den Weg durch das Dickicht der Zeitverhältnisse zu finden, wenigstens ein Stück weit.
Wir müssen uns fragen, wo wir uns ändern müssen, daß die Zeiten sich ändern.
Bevor ich mich dem Thema zuwende, möchte ich klarstellen, daß für mich der Begriff Musikkultur nicht nur die sogenannte hohe Kunst, sondern auch das Einfache – die Kunst des Alltags – umfaßt.
Das Kirchenlied ist der volksmäßige Anteil an der Entwicklung der Kirchenmusik – geschichtlich gesehen ein relativ junger Zweig. Es gab Jahrhunderte, in denen ein Kirchenlied im heutigen Sinn nicht existierte.
Das Kirchenlied entwickelte sich verhältnismäßig spät und in vorreformatorischen Zeiten vorwiegend im deutschen Sprachraum. Es spielte aber eine sehr nebensächliche Rolle.
Die romanischen Länder haben keine vergleichbare Entwicklung des Kirchenliedes aufzuweisen.
Kirchenmusik war Sache der Kleriker und der eigens dafür geschulten Kantoreien. Als die Mehrstimmigkeit erfunden wurde, entwickelte sie sich nur als hohe Kunst. Die Organa der Schule von Notre Dame in Paris von den Meistern Leoninus und Perotinus Magnus des 13. Jahrhunderts waren Kunstmusik.
Natürlich gab es auch Einfacheres, aber es tendierte zur Kunstmusik.
Der höfische Minnegesang war Sache einzelner Sänger.
Der Minnegesang und sein bürgerlicher Zweig, der Meistergesang, verwendeten gelegentlich auch geistliche Texte, aber das war Sache gebildeter Stände.
Anregungen dafür kamen von der Kunstmusik und wurden vereinfacht.
Erst die Reformation mit ihrer Betonung des allgemeinen Priestertums legte den Hauptakzent auf die Gemeinde, und dementsprechend trat der Volksgesang – das Kirchenlied – in den Vordergrund.
Fußend auf dem vorreformatorischen Kirchenlied und auf dem Volkslied, wurden neue Kirchenlieder in Fülle geschaffen.
Die Gegenreformation mußte, um gleich zu ziehen, das Kirchenlied stärker betonen, doch es blieb von zweitrangiger Bedeutung.
Martin Luther war aber auch ein Bewunderer der kunstvollen Figuralmusik. Er liebte Josquin und Senfl und ließ sie bestehen. So wechselte im lutherischen Gottesdienst Gemeindegesang mit Chorgesang.
Es entstanden zahlreiche kunstvolle Kirchenlied-Motetten, die anstelle der Gregorianik das Kirchenlied zur thematischen Quelle hatten. Kunstvolle Chormusik und Gemeindegesang wurden aus einer Quelle gespeist.
Die Lieder der Reformation und Gegenreformation sind aus einem religiösen Aufbruch heraus entstanden.
In der Folge traten aber auch andere geistesgeschichtliche Mächte auf den Plan.
Der Verfasser (*1918) war Kompositionsprofessor sowie Prorector des Salzburger Konservatoriums ‘Mozarteum’. Er verstarb am 13. Januar 1989. Dieser Beitrag entstammt dem bisher unveröffentlichten Nachlaß.
Nächstes Mal: Das jämmerliche Produkt einer kirchlichen Talentflucht
Der Artikel ist Teil der folgenden Reihe:
1. Das Produkt einer Revolution
Sämtliche Artikel weiterlesenWeiterlesen:
Freitag, 21. Juli 2006 09:07
Artois †: Polen und Deutschland
Zumindest sind deutsche und polnische Kultur aufs engste mit- und ineinander verwoben. Fast alle polnischen
Städte, auch Warschau und Krakau sind deutsche Gründungen, lebten nach deutschem Recht und holten ihre
KUltur aus Franken und Sachsen, die Polen und Deutschen sind sehr eng auch ethnisch verwandte Völker.
Gerade in der Musik blieb Polen aber stets recht eigenständig, überliefert ist z.B. die Faszination, die polnische Musik auf Telemann ausübte, als er als Kapellmeister in Pleß (OS) wirkte. Er übernahm polnische Elemente in seine Kompositionen, wo sie noch jahrzehntelang zu erkennen sind.
Gerade in der Musik blieb Polen aber stets recht eigenständig, überliefert ist z.B. die Faszination, die polnische Musik auf Telemann ausübte, als er als Kapellmeister in Pleß (OS) wirkte. Er übernahm polnische Elemente in seine Kompositionen, wo sie noch jahrzehntelang zu erkennen sind.
Freitag, 21. Juli 2006 00:40
Uwe Schmidt: @Schüttel
Ich merke, Sie kennen sich aus! Tatsächlich kommen mir polnische Kirchenlieder wie deutsche Kompositionsmeisterschaft mit russischem Zuckerguss darüber vor – stimmt schon, sie sind sehr viel mystischer als die deutschen…wahrscheinlich ist es auch das, was mich da so anzieht.
Donnerstag, 20. Juli 2006 11:01
Markus-Antonius †: @Freinsberg
Donnerstag, 20. Juli 2006 08:13
Freinsberg: Doppelbauer-Nachlass?
Mich würde interessieren, wie die Leitung von KreuzNet an den Nachlass von Prof. Doppelbauer kommt.
Donnerstag, 20. Juli 2006 06:58
Schüttel: Aber, aber, Herr Uwe Schmidt
Polen ein deutsche Kolonie? Aus welchem Herrenreiter-Verbands sind Sie?
Polens Lieder haben, anders als die meisten deutschen und englischen, mystische Faszinationen. Sie sind Eigengut eines einheitlichen christlichen Volkes.
Polens Lieder haben, anders als die meisten deutschen und englischen, mystische Faszinationen. Sie sind Eigengut eines einheitlichen christlichen Volkes.
Mittwoch, 19. Juli 2006 23:51
Sulpicius: Man sollte nicht vergessen:
es handelt sich um einen Text aus dem Nachlaß des Verfassers, der ihn ja nicht veröffentlicht hat. Es wird wohl mehr eine Art Skizzensammlung zu dem Thema sein. Schauen wir daher auf die guten Gedanken und Infos, die vielleicht noch kommen…
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen sowie Leser aus der Debatte auszuschließen.






