18:10:45 | Mittwoch, 19. Juli 2006
Das Kirchenlied gab es nicht immer. Es trat erst als Folge großer theologischer Umwälzungen in den liturgischen Vordergrund. Von Prof. Dr. h.c. Josef Friedrich Doppelbauer.
(kreuz.net/
Sisa) Die Erscheinungsform des Kirchenliedes ist nicht einheitlich. Sie ist komplex und birgt
Widersprüchliches in sich.
Das Kirchenlied ist Spiegel der religiösen Anschauungen im Wandel der Zeit.
Der Heilige Augustinus sagt: „Wir sind die Zeiten, wie wir sind, so sind die Zeiten.“ Wir sind aufgerufen,
den Weg durch das Dickicht der Zeitverhältnisse zu finden, wenigstens ein Stück weit.
Wir müssen uns
fragen, wo wir uns ändern müssen, daß die Zeiten sich ändern.
Bevor ich mich dem Thema zuwende, möchte
ich klarstellen, daß für mich der Begriff Musikkultur nicht nur die sogenannte hohe Kunst, sondern auch
das Einfache – die Kunst des Alltags – umfaßt.
Das Kirchenlied ist der volksmäßige Anteil an der Entwicklung
der Kirchenmusik – geschichtlich gesehen ein relativ junger Zweig. Es gab Jahrhunderte, in denen ein Kirchenlied
im heutigen Sinn nicht existierte.
Das Kirchenlied entwickelte sich verhältnismäßig spät und in vorreformatorischen
Zeiten vorwiegend im deutschen Sprachraum. Es spielte aber eine sehr nebensächliche Rolle.
Die romanischen
Länder haben keine vergleichbare Entwicklung des Kirchenliedes aufzuweisen.
Kirchenmusik war Sache der
Kleriker und der eigens dafür geschulten Kantoreien. Als die Mehrstimmigkeit erfunden wurde, entwickelte
sie sich nur als hohe Kunst. Die Organa der Schule von Notre Dame in Paris von den Meistern Leoninus und
Perotinus Magnus des 13. Jahrhunderts waren Kunstmusik.
Die Lieder
der Reformation und Gegenreformation
sind aus einem religiösen Aufbruch heraus entstanden.
Natürlich gab es auch Einfacheres, aber es tendierte
zur Kunstmusik.
Der höfische Minnegesang war Sache einzelner Sänger.
Der Minnegesang und sein bürgerlicher
Zweig, der Meistergesang, verwendeten gelegentlich auch geistliche Texte, aber das war Sache gebildeter
Stände.
Anregungen dafür kamen von der Kunstmusik und wurden vereinfacht.
Erst die Reformation mit
ihrer Betonung des allgemeinen Priestertums legte den Hauptakzent auf die Gemeinde, und dementsprechend
trat der Volksgesang – das Kirchenlied – in den Vordergrund.
Fußend auf dem vorreformatorischen Kirchenlied
und auf dem Volkslied, wurden neue Kirchenlieder in Fülle geschaffen.
Die Gegenreformation mußte, um
gleich zu ziehen, das Kirchenlied stärker betonen, doch es blieb von zweitrangiger Bedeutung.
Martin
Luther war aber auch ein Bewunderer der kunstvollen Figuralmusik. Er liebte Josquin und Senfl und ließ
sie bestehen. So wechselte im lutherischen Gottesdienst Gemeindegesang mit Chorgesang.
Es entstanden
zahlreiche kunstvolle Kirchenlied-Motetten, die anstelle der Gregorianik das Kirchenlied zur thematischen
Quelle hatten. Kunstvolle Chormusik und Gemeindegesang wurden aus einer Quelle gespeist.
Die Lieder der
Reformation und Gegenreformation sind aus einem religiösen Aufbruch heraus entstanden.
In der Folge
traten aber auch andere geistesgeschichtliche Mächte auf den Plan.
Der Verfasser (*1918) war Kompositionsprofessor
sowie Prorector des Salzburger Konservatoriums ‘Mozarteum’. Er verstarb am 13. Januar 1989. Dieser Beitrag
entstammt dem bisher unveröffentlichten Nachlaß.Nächstes Mal: Das jämmerliche Produkt einer kirchlichen
Talentflucht
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
#12
Artois † 09:07:10 | Freitag, 21. Juli 2006
#11
Uwe Schmidt 00:40:05 | Freitag, 21. Juli 2006
#9
Freinsberg 08:13:30 | Donnerstag, 20. Juli 2006
#8
Schüttel 06:58:55 | Donnerstag, 20. Juli 2006
#7
Sulpicius 23:51:05 | Mittwoch, 19. Juli 2006
#6
Uwe Schmidt 23:22:04 | Mittwoch, 19. Juli 2006
#5
Guntram 22:21:20 | Mittwoch, 19. Juli 2006
#4
DDL 21:27:39 | Mittwoch, 19. Juli 2006
#3
Babylon † 21:25:09 | Mittwoch, 19. Juli 2006
#2
Gunsenum 21:03:00 | Mittwoch, 19. Juli 2006
#1
Artois † 19:21:19 | Mittwoch, 19. Juli 2006