17:15:44 | Samstag, 29. Juli 2006
Kirche und kirchliche Einrichtungen sollten sich stärker in die Bewegung für Rauchfreiheit und gegen die Machenschaften der Tabakindustrie einschalten. Von Hubert Hecker.
(kreuz.net) Kürzlich haben die Salesianer Don Boscos beschlossen, daß in Konvent sowie im Hochschul-
und Öffentlichkeitsbereich des Klosters Benediktbeuren nicht mehr geraucht werden darf.
Benediktbeuren
befindet sich 50 Kilometer südlich von München.
Es ist richtig, daß Kirche und kirchliche Einrichtungen
auf diese Seite der Anti-Nikotin-Front gehören und nicht auf das Podium des ‘Verbandes der Cigarettenindustrie’.
Am vergangenen 8. März hatte sich Prälat Karl Jüsten – Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe –
zu einem Podiumsgespräch des ‘Verbandes der Cigarettenindustrie’ in Berlin über „gesellschaftliche Freiräume“
lotsen oder kaufen lassen.
Daß auch der protestantische Bischof Wolfgang Huber dort war und ‘Brot für
die Welt’ Anzeigen für den ‘Verband der Cigarettenindustrie’ schaltet, ist dafür keine Entschuldigung.
Nikotin ist eine der am schnellsten süchtig machenden Drogen.
Nikotin ist
eine der am schnellsten süchtig
machenden Drogen.
Jede Sucht ist eine Form der Selbstversklavung, eine Einschränkung der Willensfreiheit
und insofern auch eine Beschränkung der Menschenwürde.
Gleichwohl kann die Nikotinsucht mit einer ernsthaften
Entscheidung, endgültig mit dem Rauchen aufzuhören, gestoppt werden.
Die persönlichen und sozialen
Folgen der Nikotinsucht sind zwar nicht so dramatisch wie etwa bei Alkohol- oder Heroinsucht, aber nicht
weniger schlimm:
Jährlich sterben ungefähr 140.000 Menschen an den Folgen ihres Tabakrauchens. 3.300
Passivraucher werden pro Jahr vom Rauch männlicher und weiblicher Raucher umgebracht.
Die volkswirtschaftlichen
Kosten belaufen sich pro Raucher auf ungefähr 1.100 Euro pro Jahr. Diese Kosten setzten sich aus zusätzlichen
medizinischen Kosten, Arbeitsausfall, Reinigungskosten etc. zusammen.
Dazu kommen die vielfachen sozialen
Belästigungen durch Rauch und Raucher in öffentlichen Räumen.
„Deutschland ist das Raucherparadies
für die einen“ – schrieb ‘Der Spiegel’ im Monat Juni diesen Jahres, „für die anderen die ewig miefende
Dunstglocke von etwa 22 Millionen Rauchern und bis zu 60 Millionen Passivrauchern.“
Am meisten leiden
Kinder unter dem Rauch der Erwachsenen.
In ungefähr 50% der Haushalte mit Kindern raucht mindestens
ein Elternteil. Die Folgen für kleinere Kinder sind katastrophal, Kinder im Schulalter leiden nicht weniger.
Nach einer Untersuchung des Autors wird bei mehr als 80% der Fastnachtsveranstaltungen für Kinder von
erwachsenen Begleitern geraucht.
Ein von ungefähr hundert Kindern besuchter Festsaal war von zwanzig
vorwiegend weiblichen Rauchern völlig verqualmt.
Allein schon aus Gründen des Lebensschutzes, der körperlichen
Unversehrtheit und des Kinderschutzes sollten Kirche und Katholiken gegen das Tabakrauchen sein oder darauf
verzichten.
Auf der anderen Seite steht die Tabakindustrie, die ihren Profit aus dem Verkauf von Genußmitteln
zieht, die beim bestimmungsgemäßen Verbrauch zu Sucht, Krankheit und Tod führen.
Nikotin-Produkte
sind eben nicht Waren wie jede andere, „über deren Kauf der mündige Bürger allein entscheiden sollte“ –
wie es die Tabakindustrie propagiert.
Deshalb ist eine staatliche Beschränkung von Werbung, Verkauf
und Verbrauch der Nikotin-Produkte politisch und gesellschaftlich sinnvoll und notwendig.
Die Nikotin-Bosse
machen eine äußerst durchtrieben Marketing-Politik, indem sie Wissenschaftler kaufen, Politiker umgarnen
und die Öffentlichkeit täuschen.
Die Tabakwerbung versucht, alle gesellschaftlich positiven Werte mit
Tabakrauchen zu verbinden.
Höhepunkt der Unverschämtheit ist es, wenn die krankmachende, sucht- und
todbringende Nikotindroge mit „liberté, toujours“ (Gauloise) im Zusammenhang gebracht wird.
Ein gewollter
Nebeneffekt
dieser Produktstrategie ist es, daß Kinder unter 10 oder 8 Jahren relativ problemlos diese
sogenannt milden Zigaretten rauchen können, während die alten Rachenputzer der 50er und 60er Jahre ihnen
Schlund und Magen umgedreht hätten.
Mit verschiedenen chemischen Innovationen und Zusatzstoffen ist
es der Tabakindustrie in den letzten Jahrzehnten gelungen, die Bioverfügbarkeit von Nikotin im Prozeß
des Rauchens signifikant zu steigern.
Das bedeutet, daß ein Raucher aus einer objektiv „leichten“ Zigarette
genauso viel Nikotin herauszieht wie aus dem klassischen Glimmstengel.
Ein gewollter Nebeneffekt dieser
Produktstrategie ist es, daß Kinder unter 10 oder 8 Jahren relativ problemlos diese sogenannt milden
Zigaretten rauchen können, während die alten Rachenputzer der 50er und 60er Jahre ihnen Schlund und
Magen umgedreht hätten.
„Der Tabakmarkt ist ein Kindermarkt“, sagt Frau Pötschke-Langer, die Leiterin
des Kollaborationszentrum der Weltgesundheitsorganisation für Tabakkontrolle am Deutschen Krebsforschungszentrum
in Heidelberg.
Kirche und kirchliche Einrichtungen sollten sich stärker in die Bewegung für Rauchfreiheit
und gegen die Machenschaften der Tabakindustrie einschalten.
Der Autor organisiert seit fünf Jahren
einen hessenweiten Nichtraucher-Schülerwettbewerb.
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