17:51:05 | Sonntag, 30. Juli 2006
Wenn ein Federgewichts-Boxer gegen einen Schwergewichtler kämpft und in der 15. Runde immer noch steht, dann ist das ein Sieg – egal wie die Sache am Ende ausgeht. Interview mit dem israelischen Friedensaktivisten Uri Avnery.
(kreuz.net) Kürzlich äußerte sich der israelische Friedensaktivist Uri Avnery in einem Interview auf
seiner
Homepage. Dabei sprach er über den Kern des Libanon-Konfliktes, über internationale Friedenstruppen
und über die Zeit nach dem Krieg.
Wer gewinnt diesen Krieg?Am 15. Tag des Krieges funktioniert die
Hisbollah und kämpft weiter. Allein dies wird in die Geschichtsbücher der arabischen Völker als glänzender
Sieg eingehen.
Wenn ein Federgewichts-Boxer gegen einen Schwergewichtler kämpft und in der 15. Runde
immer noch steht, dann ist das ein Sieg – egal wie es am Ende ausgeht.
Kann die Hisbollah aus dem Grenzgebiet
vertrieben werden?Was ist die Hisbollah?
Die Hisbollah ist eine tief in der schiitischen Bevölkerung des
Südlibanons verwurzelte politische Organisation. De facto repräsentiert sie diese Gemeinschaft, die
40 Prozent der libanesischen Bevölkerung ausmacht.
Die Frage beruht auf einem Mißverständnis über
das Wesen der Hisbollah. Nicht zufällig wird die Organisation Hizb-Allah – „Partei Gottes“ – und nicht
Dscheisch-Allah – „Armee Gottes“ – genannt.
Es ist eine tief in der schiitischen Bevölkerung des Südlibanons
verwurzelte politische Organisation. De facto repräsentiert sie diese Gemeinschaft. Die Schiiten machen
40 Prozent der libanesischen Bevölkerung aus. Zusammen mit den anderen Muslimen stellen sie die Mehrheit.
Hisbollah kann nur vertrieben werden, wenn die ganze schiitische Bevölkerung vertrieben wird – eine
ethnische Säuberung, an die hoffentlich niemand denkt. Nach dem Krieg wird die Bevölkerung in ihre Städte
und Dörfer zurückkehren, und die Hisbollah wird weiter wachsen und gedeihen.
Was würde geschehen,
wenn die libanesische Armee an der Grenze entlang aufgestellt würde?Vom ersten Augenblick an war das
einer der Sprüche der israelischen Regierung. Sie würde das als einen entscheidenden Sieg verkaufen.
Für jeden, der keine Ahnung von den Verflechtungen des Libanons hat, klingt eine solche Lösung sehr
überzeugend.
Wer 1982 im Libanon war und die libanesische Armee in Aktion gesehen hat, weiß, daß das
keine ernstzunehmende Truppe ist. Außerdem sind viele ihrer Offiziere und Soldaten Schiiten. Eine solche
Armee wird nicht gegen die Hisbollah kämpfen.
Ihr Einsatz im Süden hinge vollständig von der Zustimmung
der Hisbollah ab. Das würde für jeden Tag gelten, an dem sie dort wäre.
Würde eine internationale
Truppe hilfreich sein?Dito. Das ist ein Spruch der besonders für Diplomaten zugeschnitten wurde, die
nach einer Idee Ausschau halten, der sie leicht zustimmen können. Sie klingt gut, besonders wenn man
noch das Wort „robust“ hinzufügt.
Was genau soll eine „robuste internationale Truppe“ tun?Es wird
vorgeschlagen, daß sie die Hisbollah aus dem Grenzgebiet fernhalten sollte. Nicht durch Worte – wie die
glücklose UNIFIL [United Nations Interim Force in Lebanon], die jeder von Anfang an ignorierte, sondern
durch Gewalt.
Hisbollah ist unser Produkt
1982 fiel die israelische Armee im Libanon ein und beschloß,
zu bleiben. Damit begann ein Guerillakrieg aus dem die Hisbollah hervorging.
Wenn eine solche Truppe
in Absprache mit beiden Seiten – Israel und der Hisbollah – aufgestellt würde, wäre das in Ordnung.
Das könnte auch der israelischen Regierung als Leiter dienen, um von dem Baum herunterzusteigen, auf
den sie geklettert ist.
Aber wenn diese Truppe gegen den Willen der Hisbollah aufgestellt würde, wird
sich ein Guerillakrieg entwickeln. Wird eine internationale Armee an einem Ort standhalten und kämpfen,
von dem die mächtige israelische Armee vor sechs Jahren mit eingezogenem Schwanz geflohen ist?
Für
Israel wird dies ein spezielles Dilemma sein: Was wird geschehen, wenn die Hisbollah Israel trotz der
Pufferkräfte angreifen wird? Wird Israel wieder in das Gebiet einmarschieren und einen Zusammenstoß
mit der internationalen Truppe riskieren – zum Beispiel mit deutschen Soldaten?
Der israelische Ministerpräsident
Ehud Olmert sagte, daß Israel nicht mit Syrien verhandeln solle. Ist das durchführbar?So sagte er.
Er sagte überhaupt eine Menge und seine Zunge ist immer noch aktiv.
Syrien ist eine zentrale Größe
auf diesem Feld. Keine Abmachung mit dem Libanon wird ohne direkte oder indirekte Beteiligung Syriens
Erfolg haben.
Eigentlich wurde die Hisbollah von uns geschaffen. Als die israelische Armee 1982 in den
Libanon einfiel, wurde sie von den Schiiten mit Reis und Süßigkeiten empfangen. Die Schiiten hofften,
daß wir die PLO-Kräfte vertreiben würden, die damals das Gebiet kontrollierten.
Doch als ihnen klar
geworden war, daß unsere Armee dort war, um zu bleiben, begannen die Schiiten einen Guerillakrieg, der
18 Jahre lang dauerte. In diesem Krieg entstand die Hisbollah und breitete sich aus, bis sie die stärkste
Organisation des ganzen Libanon wurde.
Das wäre natürlich nicht ohne massive syrische Unterstützung
geschehen. Syrien verlangt die Rückgabe der Golanhöhen, die Israel annektiert hat. Deshalb ist es für
die Syrer wichtig, Israel keine Ruhe zu gönnen. Da sie an ihrer eigenen Grenze mit Israel keine Unruhe
haben wollen, benützen sie die Hisbollah, damit diese die israelische Grenze zum Libanon unruhig hält.
Die libanesische Grenze wird nicht ruhig sein, bis wir nicht ein Abkommen mit Syrien abgeschlossen haben –
das heißt – bis wir die Golanhöhen zurückgegeben haben.
Syrien und die USA
Die Syrer schieben die Hisbollah
vor, um an ihrer eigenen Grenze zu Israel Ruhe zu haben. Indes drängen die USA Israel zum Angriff auf
Syrien, um von ihren Fiaskos im Irak und in Afghanistan abzulenken.
Die Alternative ist ein Krieg mit
Syrien, das ballistische Raketen, chemische und biologische Waffen sowie einer Armee besitzt, die sich
bewährt hat.
Präsident Bush drängt Israel dazu, um vielleicht die Aufmerksamkeit von seinen Fiaskos
im Irak und in Afghanistan abzulenken.
Wie ist die israelische Kampagne im Libanon militärisch zu bewerten?
Der Oberbefehlshaber der israelischen Armee, Dan Haluz, will nicht als der größte Feldherr aller Zeiten
in die israelischen Geschichtsbücher eingehen.
Er hat die Regierung in diesen Krieg gestoßen, um zwei
beschämende militärische Fehlschläge zu vertuschen: die palästinensische Kommando-Aktion in Kerem
Schalom und die Hisbollah-Aktion an der libanesischen Grenze.
Kein Offizier wurde deshalb zur Rechenschaft
gezogen. Die Hauptverantwortung ruht natürlich auf dem Generalstabschef.
Haluz – der erste israelische
Generalstabschef, der aus den Reihen der Luftwaffe kommt – war davon überzeugt, daß er die Hisbollah
mit einem Bombardement aus der Luft und der Hilfe der Artillerie und der Kriegsschiffe erledigen könne.
Er hat sich gewaltig geirrt.
Sogar nach der mannigfachen Zerstörung der libanesischen Infrastruktur
gelang es ihm nicht, den Gegner zu besiegen.
Jetzt ist er gezwungen, das zu tun, wovor alle Angst hatten:
Bodentruppen in den libanesischen Sumpf zu schicken. Am 15. Tag des Krieges war kein einziges Ziel erreicht.
Was Haluz als Stratege und Kommandeur betrifft, so ist seine Benotung nahe Null.
Haben sich die Zivilisten
in der Regierung unter Beweis gestellt?Nach den Wahlen dachten viele Leute in Israel, daß eine bürgerliche
Ära begonnen habe, da beide, der Ministerpräsident und der Verteidigungsminister, komplette Zivilisten
ohne militärischen Hintergrund sind. Es hat sich herausgestellt, daß das Gegenteil der Fall ist.
Die
Geschichte zeigt, daß politische Funktionäre, die starken Führern nachfolgten, in der Lage sind, schreckliche
Dinge zu tun. Sie wollen beweisen, daß auch sie starke Führer sind und daß sie den Schneid haben, einen
Krieg zu führen.
Harry Truman († 1971), der als US-Präsident auf Franklin Roosevelt († 1945) folgte,
ist für das vielleicht größte Kriegsverbrechen der Geschichte verantwortlich. Er ließ die Atombomben
auf Hiroschima und Nagasaki fallen.
Der britische Premierminister Antony Eden († 1977), der auf Winston
Churchill folgte, begann in den 50er Jahren den dummen Suez-Krieg in Verschwörung mit Frankreich und
Israel.
Die Olmert-Regierung hat diesen Krieg – schockierend verantwortungslos – ohne ernsthafte Debatten
und Beratung begonnen. Sie scheute sich, sich gegen die Forderungen des Generalstabschefs zu stellen.
Regierungschef Olmert hat versprochen, daß die Situation nach dem Krieg anders sein werde als vorher.
Gibt es dafür Chancen?Absolut, nur wird die Situation für uns viel schlimmer sein als vorher.
Was kann
also getan werden?
Antwort: Den israelisch-palästinensischen Konflikt beenden, der den ganzen Nahen Osten
am Brodeln hält.
Ein Ziel von Hisbollah-Führer Hassan Nasrallahs (45) ist, die Schiiten und die Sunniten
in einem gemeinsamen Kampf gegen Israel zu vereinigen.
Man sollte wissen, daß Sunniten und Schiiten
Jahrhunderte lang Todfeinde waren. Viele orthodoxe Sunniten betrachten die Schiiten als Ketzer.
Indem
er den sunnitischen Palästinensern zu Hilfe kam, hofft Nasrallah, unter anderem eine neue Allianz zu
schmieden. Im Nahen Osten könnte eine Achse entstehen, welche die Hisbollah, die Palästinenser, Syrien,
den Irak und den Iran einschließt.
Syrien ist ein sunnitisches Land. Der Irak wird jetzt von den Schiiten
kontrolliert, welche die Hisbollah voll unterstützen. Auch die irakischen Sunniten, die einen harten
Guerillakrieg gegen die Amerikaner führen, unterstützen die Hisbollah.
Dieser Block erfreut sich in
der Bevölkerung der arabischen Staaten großer Beliebtheit, weil er gegen die USA und Israel kämpft.
Der andere Block – der Saudi Arabien, Ägypten und Jordanien umfaßt – verliert täglich an Popularität.
Diese Regime werden von der Bevölkerung als Söldner der Amerikaner und als Agenten Israels betrachtet.
Der Vorsitzende der PLO Mahmoud Abbas tut alles, um nicht mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden.
Was kann also getan werden?Den israelisch-palästinensischen Konflikt beenden, der den ganzen Nahen
Osten am Brodeln hält.
Die Hamas aus dieser feindlichen Front herausholen, indem man mit ihr als der
gewählten palästinensischen Regierung verhandelt.
Ein Abkommen mit dem Libanon erreichen. Damit ein
solches Abkommen hält, müssen die Hisbollah und Syrien darin miteingeschlossen sein. Das verpflichtet
Israel, den Golan zurückzugeben.
Man sollte sich daran erinnern, daß der ehemalige israelische Ministerpräsident
Ehud Barak schon damit einverstanden war und mit Syrien fast einen ähnlichen Friedensvertrag wie mit
Ägypten unterzeichnet hätte. Doch dann hat er leider im letzten Augenblick aus Furcht vor der öffentlichen
Meinung gekniffen.
Uri Avnery (83) wurde im nordrhein-westfälischen Beckum als Helmut Ostermann geboren.
Er ist ein israelischer Publizist und Friedensaktivist und veröffentlicht auf seiner Webseite regelmäßig
Stellungnahmen zum Konflikt im Nahen Osten.
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