10:19:14 | Dienstag, 1. August 2006
Inzwischen hat sich der Krieg im Nahen Osten bequem eingerichtet – wie eine alte Tante während einer ihrer regelmäßigen Besuche bei den Neffen. Von Israel Schamir.
(kreuz.net) Der Krieg kam, um ein bißchen zu bleiben.
Nachdem der erste Schock des Krieges um den Libanon
vorbei ist, lichtet sich die Staubwolke des Krieges langsam
Zuerst die Neuigkeiten.
Trotz der gewaltigen
und zerstörerischen Macht des israelischen Angriffs, trotz einer nie dagewesenen Boshaftigkeit und Brutalität
verteidigten die standhaften Krieger von Scheich Hassan Nasrallah die Bastion.
Der Blitzkrieg, der von
den Strategen in Tel Aviv geplant wurde, kam in den niederen Hügeln von Maroun Ras zu einem Stillstand
und scheiterte in den Straßen der Ortschaft Bint Dschbail.
Bei der israelischen Invasion im Jahr 1982
überquerten die jüdischen Tanks den Litani-Fluß in 48 Stunden. Jetzt wird das Vorrücken in einzelnen
Metern angegeben.
Eine alte aber gefürchtete Waffe, die von den Russen in den Tagen ihrer schicksalhaften
Schlacht gegen die Deutschen eingesetzt wurde und einen Mädchennamen – Katjuscha – trägt, verbreitet
über das ansonsten immer so sichere israelische Hinterland bis hinunter nach Haifa Schrecken.
Die Hisbollah
ist
die allererste arabische Truppe, welche die israelische Aufklärung nicht infiltrieren konnte.
Israelische
Apache Kampfhelikopter, die Kriegsschiffe der Marine und die besten Merkawa Panzerwagen wurden mit präzise
abgeschossenen Raketen empfangen.
Der frustrierte Eindringling füllte die Straßen und Dörfer des Libanon
mit Hunderten verkohlten Leichen libanesischer Kinder. Aber merkwürdigerweise wurden nur wenige Hisbollah
Kämpfer getötet oder gefangengenommen.
Die Hisbollah kämpft mit unbekannten Waffen. Das ist die erste
arabische Truppe, welche die Juden nicht infiltrieren konnten. Die israelische Aufklärung wußte nicht,
welche Waffen die Hisbollah besitzt und welche Pläne sie vorbereitet.
Hisbollah-Krieger tun den Juden
nicht den Gefallen, mit dem Schrei „Allah ist groß“ Selbstmord zu begehen. Sie kämpfen und besiegen
den Feind. Auf diese Weise zerstören sie den Zwillingsmythos von der Unverletzlichkeit Israels und der
arabischen Machtlosigkeit.
Die Bedeutung ihrer Gegenwehr kann nicht hoch genug bewertet werden. Wenn
der Libanon mit wenig Widerstand überrannt worden wäre, dann wären die israelischen Tanks nach Damaskus
weitergerollt und israelische Kampfflugzeuge wären nach Teheran geflogen
Das ist der Wunsch der amerikanischen
Neocons (oder sollte das Wort neo-Cohns geschrieben werden?)
William Kristol sprach es deutlich aus:
„Syrien und der Iran sind Feinde Israels und auch Feinde der Vereinigten Staaten. Wir könnten darüber
nachdenken, diesen Akt der iranischen Aggression mit einem Militärschlag gegen iranische Kernkraft-Einrichtungen
zu beantworten. Warum zuwarten? Glaubt irgend jemand, daß der Iran als Nuklearmacht unter Kontrolle gehalten
werden könnte?“
Eine Niederlage im Libanon
hätte keine weitreichenden Folgen. Sie würde den Sieger nicht
nach Haifa führen. Aber sie würde die Israelis etwas Bescheidenheit lehren.
Michael Ledeen unterstützt
ihn: „Man kann den Mullahs nicht entkommen. Man muß sie entweder besiegen oder unterliegt ihrer schrecklichen
Weltsicht.“
Larry Kudlow gibt sich siegessicher: „Die USA und Israel brauchen ungefähr 35 Minuten, um
die gesamte iranische Marine und Luftwaffe außer Gefecht zu setzen… Jetzt ist die Zeit, um Druck auf
den syrischen Diktator Baby Assad auszuüben.“
Die Neocons haben einen guten Grund, jetzt einen Krieg
zu fordern: Ihr Einfluß in der US-Regierung ist in letzter Zeit schwächer geworden. Der erste Hinweis
auf eine Rebellion der Goim [Nichtjuden] war ein jüngstes Dokument über die jüdische Lobby.
Ein guter
Krieg würde die Neokonservativen in Washington wieder an die Macht bringen.
Ein israelischer Angriff
auf Damaskus und Teheran ist immer noch möglich. Aber jeder Tag, an dem die Libanesen aushalten, verringert
die Wahrscheinlichkeit eines regionalen Krieges.
Jetzt hört man im israelischen Fernsehen das besorgniserregende
Wort „Niederlage“: „Festgefahren im Libanon“ ist der alte Albtraum der Israelis. Israel machte diese Erfahrung
bereits einmal und hat keine Lust, sie zu wiederholen.
Eine Niederlage im Libanon hätte keine weitreichenden
Folgen. Sie würde den Sieger nicht nach Haifa führen. Aber sie könnte die Israelis etwas Bescheidenheit
lehren.
Darum wünscht ein wahrer Freund Israels seiner Armee in diesem Krieg eine heilsame Niederlage.
Sie würde unsere Soldaten nach hause bringen und die Generäle für eine gute Weile davon abhalten, sich
auf Abenteuer einzulassen.
Ein falscher Freund Israels wünscht sich einen israelischen Sieg, der nach
Teheran führt und mit einem Atomkrieg und mit Massenvernichtung und Tod endet.
Während die falschen
Freunde Israels – die Juden der USA – marschieren, um das Libanon-Abenteuer zu unterstützen, demonstrieren
die wahren Freunde – Israelis – auf den Straßen Tel Avivs und klagen die Kriegsverbrechen ihrer Politiker
und Generäle an.
Israel Schamir wurde 1950 in Nowosibirsk (Sibirien) geboren. Er ist ein israelischer
Schriftsteller und Journalist.
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