15:58:11 | Donnerstag, 3. August 2006
Dank Scheich Nasrallah erfahren die israelischen Städte – wenn auch in homöopathischen Dosen – wie es sich in Gaza oder Beirut anfühlt. Von Israel Shamir.
(kreuz.net) Frankreich trägt eine schwere Verantwortung für die Zerstörung des Libanon.
Frankreich
drängte die Syrer aus dem Libanon. Die USA – dieser offensichtliche Feind der Araber – wäre ohne die
Unterstützung von Paris dazu nicht in der Lage gewesen.
Nachdem der syrische Beschützer beseitigt war,
stand Frankreich unter einer moralischen Verpflichtung, Beirut zu verteidigen. „Du bist auf ewig für
den verantwortlich, den du gezähmt hast“, sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen in der Geschichte von Saint-Exupéry –
und Frankreich hat den Libanon gezähmt.
Der traurige und rassistische Anblick der Evakuierung der Ausländer
aus dem Libanon müßte durch einen anderen Anblick ersetzt werden: durch das Landen französischer Eingreiftruppen:
nicht als UNO- oder NATO-Friedenstruppen, sondern als Verteidiger des Libanon.
Die Franzosen wissen,
wie das geht: Im Jahr 1860, als die Drusen Amok liefen, landeten französische Soldaten und stellten den
Frieden wieder her, indem sie den Angreifer zurückstießen. Sie könnten heute diese Leistung wiederholen.
Wenn die Franzosen mit den Libanesen Schulter an Schulter gegen den jüdischen Invasoren kämpfen würden,
würde das dem Nahen Osten und Frankreich Frieden bringen.
Einige arabische Länder haben ihre brüderlichen
Pflichten verraten.
Die Hisbollah sind die wahren Helden des Nahen Osten
Nicht wegen ihrer Macht, sondern
wegen ihres Mitgefühls. Sie waren die einzigen, die mit den Leiden der Palästinenser sympathisierten.
Ägypten, Saudi Arabien und Jordanien verurteilten nicht den jüdischen Angreifer, sondern jene, die
Widerstand leisteten, die Hisbollah. Die Golfstaaten taten nichts, um den Libanon zu retten. Sie sollten
sich für ihren Verrat schämen.
Sie könnten in der Tat das erfolgreiche Ölembargo von 1974 wiederholen
und Europa zwingen, den wildgewordenen zionistischen Pit Bull zu bremsen.
Der mutige und standhafte Widerstand
der Hisbollah ist ein Ehrenzeichen für die Krieger und ein Zeichen der Schande für die anderen arabischen
Anführer.
Sie sollten sich daran erinnern, daß jene, die Palästina verrieten, bestraft wurden. König
Faruk wurde gestürzt, und König Abdullah wurde ermordet. Je länger der Krieg dauert, desto größer
ist die Chance für diese Politiker, von ihren Leuten vertrieben zu werden.
Das wäre ein gutes Argument
gegen einen Waffenstillstand.
Die Hisbollah sind die wahren Helden des Nahen Osten. Nicht wegen ihrer
Macht, sondern wegen ihres Mitgefühls. Sie waren die einzigen, die mit den Leiden der Palästinenser
Mitgefühl zeigten.
Die Juden versuchten
die Palästinenser vollständig zu unterwerfen. Sie folterten
sie so ungehindert und gewissenlos, daß jemand erscheinen mußte, der Widerstand leistet.
Sie schauten
der Verwüstung Gazas nicht unbeteiligt zu. Sie versuchten mit ihren bescheidenen Mitteln, den Verwüster
zu stoppen, so wie England gegen den deutschen Einmarsch in Polen protestierte. Mitgefühl und Solidarität
sind wichtiger als Souveränität.
Aus diesem Grund können wir nicht die Kämpfer der Hisbollah oder
gar „beide Seiten“ verurteilen.
Ein russischer Philosoph, Iwan Iljin (1883-1954) machte in seinem Werk
„Gewalttätiger Widerstand gegen das Böse“ eine klare Unterscheidung zwischen dem Gewalttätigen und
dem, der Widerstand leistet.
„Der Gewalttätige sagt zu seinem Opfer: »Du bist meiner Macht unterworfen«,
während der Widerständische seinem Angreifer antwortet: »Du zerstörst und wirst zerstört werden.
Hör auf!« Hier werde ich deiner Tyrannei ein Ende setzen.“
Tatsächlich versuchten die Juden die Palästinenser
vollständig zu unterwerfen. Sie folterten sie so ungehindert und gewissenslos, daß jemand erscheinen
mußte, der Widerstand leistet.
Angesicht der schändlichen Unterwürfigkeit des Restes der Araber, verdienen
die Kämpfer von Scheich Hassan Nasrallah Lob. Sie sind der erste Widerstand, der die israelischen Spielregeln
herausforderte und den Krieg auf das israelische Territorium trug, während die Feinde Israels bisher
die Heiligkeit seines Landes respektierte.
Sogar im Jahr 1948 überquerten die Armeen von Ägypten, Transjordanien,
Syrien, Libanon und Irak nicht die Grenzen des jüdischen Staates. Sie begnügten sich damit, das Territorium
zu sichern, das die UNO dem palästinensisch-arabischen Staat gegeben hatte.
1967 bis 1971 wagte der
ägyptische Präsident Nasser nicht einmal einen einzigen Bomber nach Tel Aviv zu schicken, obwohl die
israelische Luftwaffe die ägyptischen Städte bombardierte.
Dank Scheich Nasrallah erfahren die israelischen
Städte – wenn auch in homöopathischen Dosen – wie es sich in Gaza oder Beirut anfühlt.
Wir wollen
hoffen, daß diese Erfahrung den jüdischen Überlegenheitskomplex zerstört, so daß das Volk von Israel
aus dieser Erfahrung bescheidener, kompromißbereiter und seinen Nachbarn gegenüber rücksichtsvoller
wird.
Der gegenwärtige Erfolg der Juden erinnert auf eine bedrohliche Weise an das Gedicht Friedrich
Schillers „Der Ring des Polykrates“ – der auf Herodots Geschichte über den außerordentlich erfolgreichen
Polykrates basiert.
Orthodoxe Würdenträger
„Provoziert nicht unsere Gewissen. Gebt eurer Verurteilung
durch die Welt keine Nahrung. Fürchtet den Zorn Gottes.“
Ein Gast des Polykrates sorgt sich, denn solche
Glückssträhnen enden häufig in einer Katastrophe. Er bittet Polykrates, seinen wertvollsten Ring zu
nehmen und ihn in den See zu werfen. Polykrates befolgt den Rat.
Doch am andern Morgen kommt ein Fischer
in den Königshof und bringt ihm einen großen Fisch, den er gefangen hat. Beim Aufschneiden des Fisches
findet man den wertvollen Ring im Magen. „Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
»So kann ich hier nicht
ferner hausen,
Mein Freund kannst du nicht weiter sein.
Die Götter wollen dein Verderben;
Fort eil ich,
nicht mit dir zu sterben.«“
Polykrates erleidet tatsächlich einen furchtbaren Umschwung seines Schicksals
und wird von den Persern gekreuzigt.
Israel hat bei weitem zuviel Erfolg. Seine Generäle sind des schlimmsten
Kriegsverbrechens – jenes der Aggression – schuldiggeworden. Sie töten ungestraft und werden von ihren
amerikanischen Vasallen gelobt.
Jetzt haben sie die UNO angegriffen und Mitglieder von Friedenstruppen
getötet. Es gibt aber keinen Grund zur Sorge. Niemand wird sie dafür tadeln.
Der israelische UNO-Botschafter
verlangte vom rückgratlosen Kofi Annan sogar eine Entschuldigung, und ich bin mir sicher, daß er sie
bekommen wird.
Die Juden brauchen nichts zu fürchten – aber führende orthodoxe Würdenträger – der
griechische Erzbischof Christodoulos von Athen und der palästinensische Erzbischof Theodosios Atallah
Hanna von Sebaste – erinnerten sie daran:
„Provoziert nicht unsere Gewissen. Gebt eurer Verurteilung
durch die Welt keine Nahrung. Fürchtet den Zorn Gottes.“
Israel Schamir wurde 1950 in Nowosibirsk (Sibirien)
geboren. Er ist ein israelischer Schriftsteller und Journalist.
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