Kirchenmusik
Der triviale Mensch möchte in einer dumpfen Euphorie leben
Die Versuchung, aus pastoralen Gründen bei übermächtig scheinenden Zeitströmungen mitmischen zu wollen, stirbt im Klerus auch beim Kirchenlied nicht aus. Von Prof. Dr. h.c. Josef Friedrich Doppelbauer.
(kreuz.net/Sisa) Die Romantik orientiert sich wieder religiös und wendet sich vom Fortschrittsoptimismus der Aufklärung ab.

Musik gilt als die Sprache, „in der die Himmelsgeister reden“ (Ludwig Tieck).

Wir ordnen heute Klassik, als die Musik der bürgerlichen Aufklärung, und Romantik, als deren Erbe und Überwindung, hintereinander. In Wirklichkeit lag alles offen nebeneinander.

Die folgende Zeit ist die Zeit der Wiederentdeckung des Volksliedes und der alten Musik.

1807 werden aus dem Nachlaß Johann Gottfried Herders (1744-1803) Volkslieder unter dem Titel „Stimmen der Völker im Lied“ veröffentlicht.

Die ersten Ansätze zur Reform der Kirchenmusik unter der Devise „zurück zu den alten Meistern“ werden gemacht.

Dementsprechend besinnt man sich wieder auf das ältere Kirchenlied, das sozusagen mehr aus religiösen Tiefenschichten entsprungen ist als das spätere.

In der kunstvollen Kirchenmusik besinnt man sich wieder auf Bach und Palestrina.

Andererseits setzt sich die Tradition der gefühlvollen Kirchenlieder fort.

Diese Entwicklung läuft parallel zur Ausbildung einer bewußt auf Unterhaltung ausgerichteten Musik. Die Spaltung – im heutigen Terminus gesprochen – von U- und E-Musik entsteht.

Dabei wird auch die Trivialität bewußt in der Unterhaltungsmusik eingesetzt, um die Zustimmung breiter Massen zu erhalten.

Man wählte Formen und Inhalte, die, wie Goethe sagt, „auf dem Element des Tages von selber schwimmen“. Der triviale Mensch möchte in einer „dumpfen Euphorie“ (Adorno) leben und fingiert eine intakte Welt, um sich in ihr geborgen zu fühlen.

Die Tendenzen dieser Zeit sind wie ein brodelnder Hexenkessel, in dem alles durcheinander schwimmt:

„das Empfindsame, das Mitteilsame, das Heroische, das Sentimentale; die neue romantische Kunst, die alte klassische; das Volkstümliche, die neue Geistigkeit einer Schicht der Begabten; die Gegensätze ziehen sich an. Man glaubt schon an eine neue einheitliche Nationalkunst. Die Gegensätze stoßen sich ab. Eine Kluft zwischen der Kunstmusik und der Musik des Volkes tut sich auf. Die Kunst wird verinnerlicht, sondert sich ab. Sie wird aber auch industrialisiert, popularisiert.“(E. Preußner, Die bürgerliche Musikkultur).

Das Kirchenlied des 19. Jahrhunderts
Der Jesuit Josef Kreitmaier († 1946)
verteidigte den Kitsch, weil er beglücke. Das Volk habe in seiner großen Mehrheit die Halbkunst und den Kunstersatz lieber als die Meisterwerke.
spiegelt diese Entwicklung.

Neben an alten Liedern orientierten Neuschöpfungen („O Jesu, all mein Leben bist du“) entstehen gefühlsselige oder pathetisch auftrumpfende Kirchenlieder, die ein Gefühl religiöser Geborgenheit vermitteln sollen.

Diese Scheinwelt zerbricht im Ersten Weltkrieg.

Die Situation nach demselben ist chaotisch. Einerseits wagte man die Erneuerung durch die Orientierung am alten unsentimentalen Kirchen- und Volkslied, andererseits will man „mit der Zeit gehen“ aus Angst, den Anschluß an die breiten Massen zu verlieren.

Der Jesuit Josef Kreitmaier (1874-1946) verteidigte den Kitsch, weil er beglücke. Das Volk habe in seiner großen Mehrheit die Halbkunst und den Kunstersatz lieber als die Meisterwerke („Stimmen der Zeit“, 1940).

Pater Kreitmaiers Stellungnahme fällt nicht zufällig in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Das Tausendjährige Reich von Adolf Hitler frönte propagandistisch dem Edelkitsch und natürlich gab es kirchliche Kreise, die auch hier den Anschluß nicht verlieren wollten.

Die Versuchung, aus pastoralen Gründen bei übermächtig scheinenden Zeitströmungen mitmischen zu wollen, stirbt nicht aus.
Anpassungsversuche
an die bombastischen Gesänge der Nazizeit haben nichts gerettet, sondern nur geschadet, indem sie durch den Gebrauch im kirchlichen Milieu taub machten hinsichtlich des falschen Zungenschlages dieser Produkte.


Die Kirche hat – so scheint es – in dieser Hinsicht kein kollektives Gedächtnis. Auf viele Novitäten fällt ein Teil des Klerus wieder hinein, wenn die problematischen Zeiten lang genug waren, um die negativen Auswirkungen vergessen zu lassen.

Der Priesternachwuchs weiß nicht mehr, wo seine Vorgänger irrten.

Die Anpassungsversuche an die bombastischen Gesänge der Nazizeit – Beispiele gibt es genug – haben nichts gerettet, sondern nur geschadet, indem sie durch den Gebrauch im kirchlichen Milieu taub machten hinsichtlich des falschen Zungenschlages dieser Produkte.

Wir sind die Erben dieser Zeit. Der Dichter Franz Werfel († 1945), einer der Wortführer des Expressionismus, schrieb 1921 im Drama „Der Spiegelmensch“ die satirischen Verse:

Eucharistisch und thomistisch
und daneben auch marxistisch
theosophisch, kommunistisch
gotisch Kleinstadt-dombaumystisch
aktivistisch, erzbuddhistisch
überöstlich taoistisch
Rettung aus der Zeitschlamastik
suchend in der Negerplastik
Wort und Barrikaden wälzend
Gott und Foxtrott fesch verschmelzend.


Das klingt auch heute noch aktuell, denn die Situation ist nicht viel anders.

Der Verfasser (*1918) war Kompositionsprofessor sowie Prorector des Salzburger Konservatoriums ‘Mozarteum’. Er verstarb am 13. Januar 1989. Dieser Beitrag entstammt dem bisher unveröffentlichten Nachlaß.

Nächstes Mal: Spätmarxistisch orientierte Aufklärungswelle
Der Artikel ist Teil der folgenden Reihe:
1. Das Produkt einer Revolution 2. Das jämmerliche Produkt einer kirchlichen Talentflucht
3. Der triviale Mensch möchte in einer dumpfen Euphorie leben
4. Spätmarxistisch orientierte Aufklärungswelle 5. Die wunde Stelle der Liturgiereform 6. Die Kirche hat auf vielen Gebieten der Kultur Kompetenzen eingebüßt 7. Mehr Rock-Musik in der Liturgie
      
3 Lesermeinungen
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#3   Brigitte Bussmann   09:22:24 | Samstag, 5. August 2006
dumpfe Euphorie
jeder kann sich selbst hierzu seine Gedanken machen,
was ist wohl gottwohlgefälliger, die z.B. beiden „alten“ Kirchenlieder: „Hier liegt vor deiner Majestät im Staub die Christenschar“ und „wir sind im wahren Christentum“ oder die moderneren Lieder:
„Liebe ist nicht nur ein Wort, Liebe das sind Worte und Taten“ und „Der du LIEBE bist.“
Der biblische Jesus sprach von Gottes-, Nächsten- und Feindesliebe“ und LIebe schließt jede Art von Unterwürfigkeit, Kadavergehorsam und Ausgrenzung Andersdenkender, Andersglaubender und Andersseiender aus.
Welche der beiden LIedformen trägt wohl eine tiefere Glaubensüberzeugung, das klassische Alte oder das popige Neue?
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#2   FritzG   07:41:56 | Samstag, 5. August 2006
Liebe Redakteure:
Bitte verfassen sie einen Tag lang nur Artikel, in denen nicht die Worte „Nazi“, „ Hitler“, „Holocaust“ oder ähnliche auf die NS-Zeit Bezug nehmende Buchstabenklumpen vorkommen.
Mir ist bewusst, dass dies ihre argumentative Handlungsfreiheit beträchtlich einschränkt, es würde jedoch gleichzeitig auch die Objektivität fördern.
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#1   möchtegern-kathole   18:22:54 | Freitag, 4. August 2006
Vollkommen…
… unverständlich, warum die Gregorianik kaum verwendet wird. Eine selten tiefgehende, ruhige, erhabene Musik, die jeder Priester und Laie pflegen sollte, zur erhebung der Seele und der Ehre Gottes
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