13:50:45 | Freitag, 4. August 2006
Die Versuchung, aus pastoralen Gründen bei übermächtig scheinenden Zeitströmungen mitmischen zu wollen, stirbt im Klerus auch beim Kirchenlied nicht aus. Von Prof. Dr. h.c. Josef Friedrich Doppelbauer.
(kreuz.net/
Sisa) Die Romantik orientiert sich wieder religiös und wendet sich vom Fortschrittsoptimismus
der Aufklärung ab.
Musik gilt als die Sprache, „in der die Himmelsgeister reden“ (Ludwig Tieck).
Wir
ordnen heute Klassik, als die Musik der bürgerlichen Aufklärung, und Romantik, als deren Erbe und Überwindung,
hintereinander. In Wirklichkeit lag alles offen nebeneinander.
Die folgende Zeit ist die Zeit der Wiederentdeckung
des Volksliedes und der alten Musik.
1807 werden aus dem Nachlaß Johann Gottfried Herders (1744-1803)
Volkslieder unter dem Titel „Stimmen der Völker im Lied“ veröffentlicht.
Die ersten Ansätze zur Reform
der Kirchenmusik unter der Devise „zurück zu den alten Meistern“ werden gemacht.
Dementsprechend besinnt
man sich wieder auf das ältere Kirchenlied, das sozusagen mehr aus religiösen Tiefenschichten entsprungen
ist als das spätere.
In der kunstvollen Kirchenmusik besinnt man sich wieder auf Bach und Palestrina.
Andererseits setzt sich die Tradition der gefühlvollen Kirchenlieder fort.
Diese Entwicklung läuft
parallel zur Ausbildung einer bewußt auf Unterhaltung ausgerichteten Musik. Die Spaltung – im heutigen
Terminus gesprochen – von U- und E-Musik entsteht.
Dabei wird auch die Trivialität bewußt in der Unterhaltungsmusik
eingesetzt, um die Zustimmung breiter Massen zu erhalten.
Man wählte Formen und Inhalte, die, wie Goethe
sagt, „auf dem Element des Tages von selber schwimmen“. Der triviale Mensch möchte in einer „dumpfen
Euphorie“ (Adorno) leben und fingiert eine intakte Welt, um sich in ihr geborgen zu fühlen.
Die Tendenzen
dieser Zeit sind wie ein brodelnder Hexenkessel, in dem alles durcheinander schwimmt:
„das Empfindsame,
das Mitteilsame, das Heroische, das Sentimentale; die neue romantische Kunst, die alte klassische; das
Volkstümliche, die neue Geistigkeit einer Schicht der Begabten; die Gegensätze ziehen sich an. Man glaubt
schon an eine neue einheitliche Nationalkunst. Die Gegensätze stoßen sich ab. Eine Kluft zwischen der
Kunstmusik und der Musik des Volkes tut sich auf. Die Kunst wird verinnerlicht, sondert sich ab. Sie wird
aber auch industrialisiert, popularisiert.“(E. Preußner, Die bürgerliche Musikkultur).
Das Kirchenlied
des 19. Jahrhunderts
Der Jesuit Josef Kreitmaier († 1946)
verteidigte den Kitsch, weil er beglücke. Das
Volk habe in seiner großen Mehrheit die Halbkunst und den Kunstersatz lieber als die Meisterwerke.
spiegelt
diese Entwicklung.
Neben an alten Liedern orientierten Neuschöpfungen („O Jesu, all mein Leben bist
du“) entstehen gefühlsselige oder pathetisch auftrumpfende Kirchenlieder, die ein Gefühl religiöser
Geborgenheit vermitteln sollen.
Diese Scheinwelt zerbricht im Ersten Weltkrieg.
Die Situation nach demselben
ist chaotisch. Einerseits wagte man die Erneuerung durch die Orientierung am alten unsentimentalen Kirchen-
und Volkslied, andererseits will man „mit der Zeit gehen“ aus Angst, den Anschluß an die breiten Massen
zu verlieren.
Der Jesuit Josef Kreitmaier (1874-1946) verteidigte den Kitsch, weil er beglücke. Das
Volk habe in seiner großen Mehrheit die Halbkunst und den Kunstersatz lieber als die Meisterwerke („Stimmen
der Zeit“, 1940).
Pater Kreitmaiers Stellungnahme fällt nicht zufällig in die Zeit des Zweiten Weltkrieges.
Das Tausendjährige Reich von Adolf Hitler frönte propagandistisch dem Edelkitsch und natürlich gab
es kirchliche Kreise, die auch hier den Anschluß nicht verlieren wollten.
Die Versuchung, aus pastoralen
Gründen bei übermächtig scheinenden Zeitströmungen mitmischen zu wollen, stirbt nicht aus.
Anpassungsversuche
an
die bombastischen Gesänge der Nazizeit haben nichts gerettet, sondern nur geschadet, indem sie durch
den Gebrauch im kirchlichen Milieu taub machten hinsichtlich des falschen Zungenschlages dieser Produkte.
Die Kirche hat – so scheint es – in dieser Hinsicht kein kollektives Gedächtnis. Auf viele Novitäten
fällt ein Teil des Klerus wieder hinein, wenn die problematischen Zeiten lang genug waren, um die negativen
Auswirkungen vergessen zu lassen.
Der Priesternachwuchs weiß nicht mehr, wo seine Vorgänger irrten.
Die Anpassungsversuche an die bombastischen Gesänge der Nazizeit – Beispiele gibt es genug – haben nichts
gerettet, sondern nur geschadet, indem sie durch den Gebrauch im kirchlichen Milieu taub machten hinsichtlich
des falschen Zungenschlages dieser Produkte.
Wir sind die Erben dieser Zeit. Der Dichter Franz Werfel
(† 1945), einer der Wortführer des Expressionismus, schrieb 1921 im Drama „Der Spiegelmensch“ die satirischen
Verse:
Eucharistisch und thomistisch
und daneben auch marxistisch
theosophisch, kommunistisch
gotisch
Kleinstadt-dombaumystisch
aktivistisch, erzbuddhistisch
überöstlich taoistisch
Rettung aus der Zeitschlamastik
suchend in der Negerplastik
Wort und Barrikaden wälzend
Gott und Foxtrott fesch verschmelzend.Das klingt
auch heute noch aktuell, denn die Situation ist nicht viel anders.
Der Verfasser (*1918) war Kompositionsprofessor
sowie Prorector des Salzburger Konservatoriums ‘Mozarteum’. Er verstarb am 13. Januar 1989. Dieser Beitrag
entstammt dem bisher unveröffentlichten Nachlaß.Nächstes Mal: Spätmarxistisch orientierte Aufklärungswelle
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