Vom kleinen Schiff und vom großen Tanker
Karl Kardinal Lehmann in einem Interview mit dem „Wiesbadener Kurier“ über Weihnachten, den EU-Beitritt und die Familie, über Arbeitslosigkeit, Kirchenaustritte und Schiffe.
(kreuz.net, Berlin) Gestern hat die deutsche Tageszeitung „Wiesbadener Kurier“ ein Interview mit Karl
Kardinal Lehmann veröffentlicht.Auf die Eröffnungsfrage, an welchen Gedanken aus der Weihnachtsbotschaft wir uns zum Fest besonders erinnern sollten, meint der Kardinal: „Gott ist Mensch geworden! In Jesus Christus erfahren wir die liebende Zuwendung Gottes. Er hat unsere Sorgen und Nöte geteilt und fordert auch uns auf, in jedem wirklich ‘den Nächsten’ zu sehen. Diese Botschaft gibt uns eine einzigartige Zuversicht, die sich auch inmitten des Schlimmsten bewähren kann.“
Zur Frage nach Rekordarbeitslosigkeit und Krise in Deutschland bemängelt der Bischof von Mainz die „gesellschaftspolitische Zielperspektive“. Viel zu selten würde gesagt, was die Reformen bringen und welche Chancen sich auftun. Am Horizont sieht der Kardinal auch Entsolidarisierung und soziale Kälte.
In diesem Zusammenhang kommt Kardinal Lehmann auch auf die Familie zu sprechen. Ehe und Familie seien in den letzten Jahrzehnten einer Erosion zum Opfer gefallen. Es bedürfe einer geistigen und emotionalen Erneuerung von Grundwerten wie Ehe und Familie, Solidarität, Subsidiarität, aber auch ethischer Grundhaltungen wie Zivilcourage und Durchhaltevermögen.
Zur Frage des beschlossenen EU-Beitritts der Türkei meint der Kardinal, daß es nicht um religiöse Gründe gehe. Die Türkei habe auch beachtliche gesellschaftlich-rechtliche Reformen auf den Weg gebracht. Dennoch gebe es immer noch Defizite vor allem bei den Menschenrechten und in der Frage der Religionsfreiheit.
Solange die Türkei hier nicht das europäische Freiheitsniveau erreiche, könne die Verbindung zwischen der im Kern abendländisch geprägten EU und einem muslimischen Land nicht gelingen. Der kulturelle Bruch sei vorprogrammiert.
„Wir müssen uns fragen: Wie sieht Europa in zehn Jahren aus? Wollen wir wirklich eine kulturelle Identität des neuen Europa?“, meint der Kardinal im Interview.
Bischof Lehmann spricht auch über die Situation der Kirchen in Deutschland: „Die Zahl der Austritte beunruhigt mich und jeder einzelne schmerzt.“ Aber darum allein gehe es nicht. Es gebe auch viel Gleichgültigkeit, Rücksichtslosigkeit und Entsolidarisierung, die das Mitwirken in der Kirche aushöhlen.
„Manches Mal kann ein kleineres Schiff sogar wendiger und lebendiger sein als ein großer Tanker. Übrigens: Noch immer sind an jedem Sonntag mehr Menschen in den Kirchen als in allen Sportstätten und Museen zusammen. Wir müssen mehr Mut fassen.“
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