14:19:24 | Sonntag, 6. August 2006
Voltaire gilt als eine Lichtgestalt der Aufklärung – tatsächlich war er ein Luzifer, der den brutalen Gewalttaten und satanischen Grausamkeiten gegen die Kirche den Weg bereitete. Von Leo. G. Schüchter.
(kreuz.net) Sicherlich hat der französische Philosoph und Ideologe Voltaire († 1778) auch lichte Augenblicke
gehabt, als er sich anschickte, die Ideen des englischen Liberalismus auf den Kontinent zu bringen.
Doch
meistens betätigte er sich als der große Diabolus, der alle Werte und Wahrheiten verwirrte, verdrehte
und verwischte.
„Lügen ist ein Laster bei bösen Folgen, bei guter Wirkung aber eine große Tugend“ –
sagte Voltaire einmal.
Als praktisches Beispiel für diese Maxime kann Voltaires Begleitschreiben dienen,
das er zusammen mit seiner Tragödie „Machomet“ an den damaligen Papst – Benedikt XIV. – schickte.
Darin
stellte sich ein heuchlerischer Voltaire als „größter Bewunderer der Tugend“ hin, der dem „Oberhaupt
der wahren Religion eine Schrift gegen den Begründer einer falschen und barbarischen Sekte widmet“.
Schon kurze Zeit später entwickelt Voltaire sein politisches Spätprogramm: „écrasez l’infame“. Auf
Deutsch: „Zermalmt die Unverschämte“. Voltaire meinte die Katholische Kirche.
Ein Kenner der Aufklärungsliteratur –
der Historiker Paul Hazard († 1944) – kommentiert:
„Der Antiklerikalismus entwickelte sich besonders
im alten Voltaire zur fixen Idee. Voltaire ist im hohen Maße dafür verantwortlich, daß eine Fraktion
der Aufklärer als geistige Nahrung nur den Antiklerikalismus verfolgte und glaubte, daß der Kampf gegen
die Kirche als Programm genüge, um eine Gesellschaft vollkommen und glücklich zu machen.“
In seinem
persönlichen Leben folgte Voltaire allerdings nicht dieser Richtung, sondern verließ sich bei seinem
Glücksstreben auf materiellen Reichtum.
Friedrich II. über Voltaire:
„Wie kann soviel Geist mit soviel
Schlechtigkeit gepaart sein?“
Sein großes Vermögen klaubte er sich durch allerlei trübe Geschäfte
und auch betrügerische Finanzspekulationen zusammen. Sein Freund – der Preußenkönig Friedrich II. –
sagte einmal über Voltaire:
„Wie kann soviel Geist mit soviel Schlechtigkeit gepaart sein?“
Voltaire
war und blieb ein alter Zopf: ökonomisch ein bourgeoiser Großgrundbesitzer, gesellschaftlich ein Adliger,
politisch ein Monarchist und moralisch ein Diabolus.
Doch der Zyniker und Hetzer der Aufklärung diente
mit seinem „écrasez l’infame“ als Vordenker des ersten systematischen Massenmordes der Neuzeit.
Am 2.
November 1789 beschloß die verfassungsgebende Nationalversammlung auf Einflüsterung des abgefallenen
Bischofs Charles Maurice Talleyrand († 1838) hin, das Kircheneigentum zu kassieren.
Der staatliche Verkauf
der Immobilien von Pfarreien und Bistümern begann schon im nächsten Monat. Von nun an sollten die Pfarrer
und Bischöfe vom Staat bezahlt werden.
Gleichzeitig wurden die „besitzenden Orden“ enteignet, später
auch die „nützlichen“ Schul- und Krankenpflegeorden. Neue Ordenseintritte und Gelübde wurden schon im
Februar 1790 gänzlich verboten.
Vom Raub des Vermögens der Kirchen und Klöster profitierten vor allem
die bürgerlichen Großgrundbesitzer.
Doch schon bald sollte sich rächen, daß das Bürgertum, das –
im Sinne des englischen Philosophen John Locke – „Recht und Schutz des Eigentums“ zum Zentrum seiner Philosophie
gemacht hatte, das kirchliche Eigentumsrecht so schändlich überging.
In diesem Fall ging man davon
aus, daß das Eigentum sofort nach dem Verkauf der enteigneten Kirchengüter wieder sakrosankt sein sollte.
Doch das war eine Täuschung: „Qui mange du pape en meurt“ – „Wer Kirchengut frißt, erstrickt daran.“
Verdrängte Geschichte:
Bei der Septembrisade 1792 drang der von den Jakobinern aufgehetzte Pöbel in die
Pariser Gefängnisse und massakrierte mehr als 300 eidverweigernde Priester, darunter drei Bischöfe.
Karl Marx bog das bürgerliche Programm der entschädigungslosen Enteignung von Kirchengütern auf das
Produktiveigentum und die Villen der Bürger zurück. Die Marxisten schritten zur Enteignung der Kapitalisten
zugunsten des Staats- und Volkseigentums.
Es blieb während der Französischen Revolution nicht bei der
ökonomischen Zerschlagung der Kirche.
Auch die rechtliche Gestalt der Kirche, ihre Autonomie und Katholizität
sollten zerstört werden.
Die sogenannte Zivilkonstitution des Klerus vom Juli 1790 zwang der Kirche
die politischen und rechtlichen Prinzipien des Staates auf. Sie machte Pfarrer und Bischöfe zu Staatsbütteln
und verwandelte die Kirche Frankreichs in eine Nationalkirche.
Pfarrer und Bischöfe sollten den gleichen
Amtseid auf Staat und Verfassung leisten wie die Beamten. Der Eid wurde zugleich als Absage an die katholische
Bindung an den Papst verstanden.
Die Mehrheit der Priester leistete den Eid nicht. In vielen Regionen
hielten die Gläubigen zu ihren romtreuen Priestern.
Die sogenannte Zweite Revolution der fanatischen
Jakobiner ging zur physischen Vernichtung der Kirche über. Sie interpretierten Voltaires „écrasez l’infame“
wörtlich.
Im September 1792 stürmte der von den Jakobinern aufgehetzte Pöbel die Pariser Gefängnisse
und massakrierte mehr als 300 Priester, die den Eid auf den Staat verweigert hatten, unter ihnen drei
Bischöfe.
Kurz vorher erging der Generalerlaß, alle romtreuen Priester zu deportieren – unter anderem
nach Guayana, in den Nordosten von Südamerika.
30.000 Geistliche flohen ins Ausland. Tausende versteckten
sich, um bei ihren Pfarreien zu bleiben.
1793 verschärfte der Nationalkonvent noch einmal die Strafen:
Todesstrafe für eidverweigernde Pfarrer, Deportation nach Guayana für nichtamtierende romtreue Priester.
In den Provinzen Vendée und Bretagne wurden mehr als 130.000 Katholiken von der Revolutionsarmee umgebracht,
weil sie für ihre romtreuen Pfarrer und gegen die Königsmörder von Paris Partei ergriffen hatten.
Willkommen im Zeitalter der Aufklärung.
Nächstes Mal: Hier sind sie – die minderwertigen Menschenarten
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