09:50:46 | Mittwoch, 9. August 2006
Der Hexenwahn war dort am ausgeprägtesten, wo die politische Zentralmacht und die Katholische Kirche am schwächsten waren. Von Jenny Gibbons.

(kreuz.net) Bevor die von
Lamothe-Langon berichteten Hexenprozesse als Fälschungen entlarvt wurden, schienen
die frühesten großen Hexenjagden aus Südfrankreich zu kommen – aus einer Gegend also, wo einmal die
Häresie der Katharer beheimatet war.
Darum vermuteten einige Historiker einen Zusammenhang zwischen
dem Katharertum und der Hexerei. Sie glaubten, daß die Hexen letzte Überbleibsel eines dualistischen
Glaubens waren.
Doch wenn die von Lamothe-Langon gefälschten Hexenprozesse einmal wegfallen, verschiebt
sich das Zentrum der frühesten Hexenjagden in das Gebiet der heutigen Schweiz und nach Norditalien –
weit weg vom Land der Katharer.
Wenn man alle Prozesse auf einer Landkarte auflistet, zeigen sich andere
überraschende Gesetzmäßigkeiten.
1. Zunächst fällt auf, daß die Hexenprozesse sehr sporadisch auftraten.
Die Verteilung der Hexenjagden war in Europa sehr unterschiedlich. Sie ging von 26.000 Toten in Deutschland
zu einem Tiefstand von vier Toten in Irland.
Das Buch von Robin Briggs „Witches and Neighbors“ – Hexen
und Nachbarn – gibt eine gute Vorstellung vom Ausmaß der Willkür der Prozesse. Das Buch enthält drei
Landkarten, welche die Verteilung der Hexenprozesse über Europa, Deutschland und die französische Provinz
Lothringen zeigt, die Briggs eingehend studiert hat.
Die Karten zeigen, daß einige der schwersten Verfolgungen –
wie zum Beispiel die Panikausbrüche in Würzburg, Deutschland – in der Nähe von Gebieten stattfanden,
in denen es praktisch überhaupt keine Hexenprozesse gab.
2. Die Prozesse waren auf Zentraleuropa konzentriert:
Deutschland, Schweiz und Ostfrankreich. Je weiter man sich von diesem Gebiet entfernt, desto tiefer wird
im allgemeinen die Anzahl der Verfolgungen.
In Ländern wie Italien und Spanien
wo die Katholische Kirche
und die Inquisition praktisch unangefochten regierten, waren Hexenjagden ungewöhnlich.
3. Der Höhepunkt
der Verfolgungen fand während der Reformation statt, als die bisher geeinte Kirche in katholische und
protestantische Gruppen zerfiel.
In Ländern wie Italien und Spanien, wo die Katholische Kirche und die
Inquisition praktisch unangefochten regierten, waren Hexenjagden ungewöhnlich. Die schlimmsten Panikausbrüche
fanden in Gebieten wie der Schweiz oder Deutschland statt, wo rivalisierende christliche Gruppen darum
kämpften, einander ihre religiösen Ansichten aufzuzwingen.
4. Panikausbrüche konzentrierten sich auf
Grenzgebiete. In Frankreich ereigneten sich zum Beispiel die schlimmsten Fälle von Hexenwahn in den Randgebieten
auf der spanischen und östlichen Seite.
In Italien fanden die schlimmsten Verfolgungen in den nördlichen
Regionen statt.
Der einzige Fall von Hexenwahn in Spanien wird aus dem Baskenland in der Nähe der französisch-spanischen
Grenze berichtet.
5. Obwohl es üblich geworden ist, sich die Ausbrüche von Hexenjagden als üble Pogrome
vorzustellen, die von bösartigen Eliten befohlen wurden, ereigneten sich die schlimmsten Vorfälle dort,
wo die Zentralmacht zusammengebrochen war.
Eine starke, geeinte Nationalkirche
– wie in Spanien und Italien –
besaß ebenfalls die Tendenz, die Todesfälle auf ein Minimum zu reduzieren.
Deutschland und die Schweiz
waren zusammengeflickte Landgebiete, lockere Föderationen, die aus Dutzenden von unabhängigen politischen
Einheiten zusammengeflickt waren.
England, das eine starke Regierung besaß, erlebte wenige Hexenjagden.
Der einzige Vorfall im Land fand während des englischen Bürgerkrieges statt, als die Macht der Regierung
zusammenbrach.
Eine starke, geeinte Nationalkirche – wie in Spanien und Italien – besaß ebenfalls die
Tendenz, die Todesfälle auf ein Minimum zu reduzieren.
Nicht immer verlangsamten starke Regierung die
Hexenjagd, wie das Beispiel von König James von Schottland beweist. Aber die schlimmsten Paniken brachen
eindeutig dort aus, wo Kirche und Staat schwach waren.
Jenny Gibbons, die Autorin des Beitrages studierte
Mittelalterliche Geschichte und ist Anhängerin eines modernen Hexenkultes.Nächstes Mal: Wer verurteilte
die Hexen?
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#16
Aloah 15:46:07 | Donnerstag, 10. August 2006